Weltmännisch bauen

Mit zwei spektakulären Mehrfamilienhäusern in Berlin-Mitte wurden die Architekten Jean-Marc Abcarius und Christopher Burns bekannt. Hartnäckig kämpfen sie für hohe Qualität und die Verwirklichung ihrer Ideen, zu denen auch schon mal hundert Vogelkäfige in einem Restaurant gehören können.

Da hat Berlin gerade noch mal Glück gehabt. Ende der neunziger Jahre war es, als die beiden Architekten Jean-Marc Abcarius und Christopher Burns die Schnauze gestrichen voll hatten. Mehrere Wettbewerbe hatten sie zuvor gewonnen – doch kein einziger ihrer Entwürfe wurde umgesetzt. Dann hatten sie nacheinander vier Grundstücke ausfindig gemacht, um darauf als ihre eigenen Bauherren ein Mehrfamilienhaus zu errichten – doch bei keinem einzigen kamen sie zum Zuge. Einen fünften Versuch mit einem Areal in der Joachimstraße in Mitte wollten sie noch wagen. Sollte auch der scheitern, war für sie klar: „Wir gehen nach Brasilien zu Niemeyer!“
Beim legendären Architekten Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro waren sie dann tatsächlich. Wenn auch nur für ein Gespräch, das Abcarius und Burns tief beeindruckt hat. Einfach so riefen sie in Niemeyers Büro an: Sie seien zwei Architekten aus Europa, die gerne für ihn arbeiten würden. „Kommen Sie doch vorbei“, sagte die Sekretärin. So saßen sie denn der damals schon über 90 Jahre alten Architektur-Ikone gegenüber und empfingen eine Botschaft, deren Kern ihnen so in Erinnerung geblieben ist: „Geht lieber an den Strand, als dass ihr ein Projekt macht, hinter dem ihr nicht voll und ganz stehen könnt.“

Auch für die beiden Berliner ist Konsequenz wichtig. „Wir sind hartnäckig und kämpfen für unsere Überzeugungen“, sagt jedenfalls Jean-Marc Abcarius. Trotzdem heuerten sie letztlich nicht bei Niemeyer an. Denn das Schicksal hatte ein Einsehen: Der für die Vergabe zuständige Bezirk Mitte verkaufte ihnen das Grundstück Joachimstraße 5. Darauf errichteten Abcarius und Burns das Wohnhaus Urbane Living I, das alsbald die Aufmerksamkeit der Architekturkritiker auf sich zog. Mitten in der Spandauer Vorstadt konzipierten sie ein Gebäude, das auf subtile Weise die Struktur der Umgebung aufnimmt und gleichzeitig im Inneren der Wohnungen größtmögliche Flexibilität zulässt.
Nicht nur deswegen ist das Projekt bemerkenswert. Auch das Vorgehen war ungewöhnlich. Weil Abcarius und Burns endlich bauen wollten, fungierten sie, gemeinsam mit den anderen künftigen Bewohnern des Hauses, selbst als Bauherren. Heute ist dieses Baugruppen-Modell auch in Berlin etabliert; damals aber betraten sie Neuland, was Finanzierung und Umsetzung zu einem langwierigen Unterfangen machte.

Bald darauf folgte in der Mulackstraße 12, ebenfalls in Mitte, ein zweites Projekt der Reihe Urbane Living. Urbane heißt auf Deutsch weltmännisch; und tatsächlich ist das Wohnen in der Mulackstraße etwas für Menschen, die keinen Wert auf kleinbürgerliche Konventionen legen. Statt einer üblichen Zimmeraufteilung gibt es einen völlig offenen Raum, der mit Schiebeelementen gegliedert wird und in dem selbst die Badewanne hin- und hergeschoben werden kann. „Wir wollen“, erläutert Jean-Marc Abcarius, „dem Bewohner nicht vorgeben, wie er den Raum zu nutzen hat.“

Ein zweites Prinzip ihrer Arbeit benennt Christopher Burns: „Was uns immer interessiert, ist das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem.“ Das verdeutlicht das Beispiel eines Dreifamilienhauses in Potsdam. Es entsteht in der Seestraße in der Berliner Vorstadt, der allerfeinsten Potsdamer Wohnlage. Abcarius und Burns entwickelten ein System, bei dem die drei Wohneinheiten nicht horizontal, sondern vertikal gegliedert sind. Dabei sind sie jedoch, anders als beim normalen Reihenhaus, verschachtelt angeordnet; das Erdgeschoss der einen Einheit schiebt sich also zum Beispiel unter das Obergeschoss der benachbarten Wohnung. Die Folge: Von jeder Wohnung aus kann man in alle vier Himmelsrichtungen blicken – und eine 25 Quadratmeter große Dachterrasse mit Blick zum Heiligen See gibt es obendrein auch noch.
Eine andere Lösung fanden die beiden bei einem Townhouse auf dem Friedrichswerder, das derzeit fertig- gestellt wird. In der ersten und zweiten Etage des fünfstöckigen Gebäudes planten sie zwei Studios, die für die beiden in den USA studierenden Söhne der Bauherren gedacht und unabhängig von der Hauptwohnung zugänglich sind. Sollten die Söhne einmal ganz ausgezogen sein, lässt sich die Einheit auch als Maisonette-Wohnung vermieten.
„Interessante und komplexe räumliche Zusammenhänge“ sind es, die nach den Worten von Burns die beiden Architekten reizen. „Wir verstehen unsere Rolle so“, ergänzt Abcarius, „dass wir überraschende Lösungen anbieten und etwas Neues inszenieren.“ Dieses Prinzip verfolgen sie auch bei der Gestaltung von Museen wie dem Kennedy-Museum am Pariser Platz und von Restaurants wie dem Good Time in der Chausseestraße und dem Transit in der Sonntagstraße. Bei letzterem ist die Inneneinrichtung von zahlreichen Vogelkäfigen geprägt, die sie auf den Vogelmärkten von Bali fanden und deren Atmosphäre sie auf das indonesische Restaurant in Friedrichshain übertrugen.

Auch im Ausland sind Abcarius und Burns tätig: So entwarfen sie auf der schwedischen Insel Gotland ein Museum, und in Beirut beteiligen sie sich am Wettbewerb für ein Kulturzentrum. Aus Beirut stammt Jean-Marc Abcarius, während Christopher Burns in Los Angeles aufwuchs. 1990, mit knapp 30 Jahren, kamen die beiden aus New York nach Berlin, damals „der ideale Ort für junge Architekten“, wie sich Abcarius erinnert. „Wir hatten den Wunsch, etwas auszuprobieren, von dem man nicht wusste, was daraus werden würde“, sagt Burns. Sich selbst attestieren sie aufgrund ihrer Herkunft eine gewisse Distanz zu Berlin, die jedoch offensichtlich mit einer großen Faszination einhergeht. Die liberale Haltung, die Internationalität, die Freiräume im physischen und geistigen Sinn – das prägt für sie die Atmosphäre. „Berlin“, sagt Abcarius, „ist eine besondere Stadt, die sehr imperfekt ist und bei der alles im Prozess ist.“
So arbeiten Jean-Marc Abcarius und Christopher Burns, hartnäckig, konzentriert und um Qualität im Detail bemüht, weiter an der Metamorphose ihrer Wahlheimat. Brasilien kann warten. 

Paul Munzinger

37 - Winter 2008
Stadt