Die Schönheit der reinen Form

Mouth (for L‘Oréal), New York, 1986 [© The Irving Penn Foundation] – Audrey Hepburn, Paris, 1951 [© Condé Nast]

Irving Penn gilt als der einflussreichste Fotograf des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines 100. Geburtstages zeigt das C/O Berlin in einer alle fotografischen Genres umfassenden Retrospektive das großartige Werk dieses Ausnahmekünstlers.

Es ist vielleicht das berühmteste, nachhaltigste Bild, das Irving Penn in seinem gesamten Schaffen im Jahr 1957 gelang: Mit seinem linken Auge schaut Picasso in die Kamera, eindringlich, ein wenig skeptisch, fast unwillig. Das hatte seinen Grund. Zum Fototermin war er plötzlich nicht mehr gewillt, sich fotografieren zu lassen, ließ das Treffen absagen. Doch Penn, bereits angereist, erzwang schließlich die Sitzung und tastete sich langsam, einfallsreich und spielerisch mit seiner Kamera an das fesselnde Auge des berühmten Malers – ein Jahrhundertbild!

Seit 1943 bei der Vogue zunächst mit Stillleben unter Vertrag, waren es ab 1947 vor allem derartige Porträts von Berühmtheiten, wie unter anderen auch von Truman Capote, Marlene Dietrich, Igor Strawinski, Marcel Duchamp oder Alfred Hitchcock, die seinen Ruf als außergewöhnlicher Porträtfotograf früh begründeten. Mit seinen minimalistisch gestalteten Sitzungen, dem schonungslos nur auf die Person gerichteten Blick, traf Penn nicht nur den Zeitgeist unmittelbar nach 1945, sondern war stilprägend für nachfolgende Generationen von Fotografen und trug entscheidend dazu bei, dass sich die Fotografie als Kunstform durchsetzte. Wie schon bei seinen Stillleben, bei denen er die Collagen der Moderne vor Augen hatte und im Grunde mit ihnen Geschichten erzählen wollte, suchte er auch bei den Porträts den Augenblick, in dem etwas Wesentliches sichtbar wird. So war er erst zufrieden, wenn in seinen Bildern die entscheidende Ebene hinter der Oberfläche, ein Moment Wahrhaftigkeit, zum Vorschein kam, denn er wollte das Publikum, den zukünftigen Betrachter seiner Bilder, verändert zurücklassen, ganz im Sinne von „Make My Think Me“, indem der über das Werk, das Bild, nachdenkt.

Jetzt sind nicht nur die berühmten Porträts von Irving Penn in Berlin zu sehen, sondern aus Anlass seines 100. Geburtstages im vergangenem Jahr zeigt nun auch das C/O Berlin die Penn-Retrospektive aus dem Metropolitan Museum in New York, insgesamt 240 Fotografien seines großartigen, viele Genres umfassenden Werks.

Dabei lebten wohl immer zwei Seelen in seiner Brust. Die eine, die ihn zum berühmtesten Mode- und Werbefotografen machte – er arbeitete 60 Jahre lang für die Vogue – und die andere, die ihn für sozialpolitische Themen sensibilisierte. Bilder vom Naturvolk der Quechua in Peru, von Berberfrauen in Marokko oder Handwerkern und Gewerbetreibenden in Amerika entstanden immer dann, wenn er Abstand von der Modewelt New Yorks suchte. Zusammen mit experimentellen Arbeiten zur Aktfotografie, die an die Formensprache von Bildhauern erinnert, entstand ein einzigartiger Bilderkosmos.

Seinen ersten Fotoapparat, eine zweiäugige 6 x 6 Rolleiflex, kauft sich Penn 1938. Da ist er 21 und arbeitet als Assistent für den künstlerischen Direktor von Harper’s Bazaar Fashion Magazine. Nach drei Jahren kündigt er den Job, reist in die Südstaaten und Mexiko, um zu malen. Denn ursprünglich wollte er Maler werden. Doch seine Gemälde scheinen nicht seinen Vorstellungen zu entsprechen, denn 1942 kehrt er nach New York zurück und beginnt seine sieben Jahrzehnte anhaltende Karriere als Fotograf. Mit Modeaufnahmen für die Vogue und Werbekampagnen avanciert er zum berühmtesten Glamourfotografen seiner Zeit.  Er habe immer das Gefühl, Träume zu verkaufen, nicht Kleider, scheint sein Erfolgsrezept, und er inszeniert Körpersilhouetten, wie die seiner zweiten Frau Lisa Fonssagrives, so grazil, skulptural und artifiziell, als seien die Models selbst Künstlerfantasien entsprungen. Bei stets reduziertem Hintergrund und dem gezielten Einsatz von Licht geht es ihm in seinen strengen Inszenierungen immer darum, zur reinen Form zu gelangen. Das macht seine Genialität aus. Bis ins hohe Alter – mit 92 stirbt Irving Penn 2009 – bleibt er diesem Prinzip treu. Vielleicht ist das der Grund, warum seine Bilder zur bleibenden Inspirationsquelle wurden.

Die Retrospektive nach Berlin zu holen, kann dem C/O Berlin nicht hoch genug angerechnet werden.

Reinhard Wahren

 

Information
Irving Penn: Centennial –
Der Jahrhundertfotograf

Bis 1. Juni 2018 im C/O Berlin, Amerika Haus,
Hardenbergstraße 22–24,
10623 Berlin

 

74 – Frühjahr 2018
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