Neugestaltung mit Höhenlimit

Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde eine städtebauliche Lösung gesucht, die, ähnlich wie beim Potsdamer Platz, den Alexanderplatz als östliches Zentrum der Stadt aufwerten sollte. Die Pläne sollen nun bald Gestalt annehmen. [Foto: Berlin vis-à-vis]

Das Jahr 2018 scheint nun die Wende in der lange umstrittenen Hochhausplanung einzuleiten, denn alle Beteiligten, Senatsverwaltung und Investoren, melden sich mit konstruktiven Absichtserklärungen zu Wort und die ursprünglichen Hochhauspläne nehmen erste Gestalt an.

Es war Peter Behrens, der mit seinen Bauten dem Berliner Alexanderplatz um 1930 ein neues Gesicht gab und maßgeblich die Platzstruktur prägte. Bald sollen nun Hochhäuser den legendären, aber inzwischen architektonisch vernachlässigten Alex zu einem neuen innerstädtischen Zentrum machen.

Der Alexanderplatz gehört derzeit zu den gefährlichsten Orten der Stadt. Nahezu 20 Straftaten pro Tag registriert noch immer die Polizei, obwohl neben der Weltzeituhr eine Wache eingerichtet wurde und dreißig Polizisten rund um die Uhr auf dem Areal präsent sind. Das erinnert ein wenig an die 1920er Jahre, als der Krimi­nalkommissar Ernst Gennat vom Polizeipräsidium aus, der sogenannten Zwingburg am Alex, auf Verbrecherjagd ging. Und es erinnert an „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte von Franz Biberkopf“, den legendären Großstadtroman von Alfred Döblin, der dem Platz ein literarisches Denkmal setzte. Was ist aber vom Mythos Alexanderplatz nach seiner Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Neubebauung mit DDR-Architektur geblieben? Es sind vor allem zwei Gebäude, das Berolina- und das Alexanderhaus, die aus jener Zeit stammen, als Areal und Bahnhof zum größten innerstädtischen Verkehrsknoten Berlins ausgebaut wurden und der Platz eine Bedeutung für die Stadt erhielt, die auch seinen sprichwörtlichen Mythos begründete.

Die beiden achtgeschossigen Geschäfts- und Verwaltungsgebäude gehen auf einen Architekturwettbewerb aus dem Jahr 1928 zurück, den am Ende Peter Behrens für sich entschied. Der vor 150 Jahren geborene, nach der Jahrhundertwende bedeutendste deutsche Architekt und Industriedesigner überzeugte mit seinem Entwurf auch deshalb, weil die Fertigstellung mit weit geringeren finanziellen Mitteln möglich erschien, als all die anderen eingereichten Projekte. Nach Wirtschaftskrise und bereits begonnenem Abriss alter Gebäude war das entscheidend für die Investoren und die Stadt Berlin. So ordnete Behrens die Gebäude entlang des S-Bahnhofs so an, dass sie als eine Art Stadttor oder Zugang zum Alexanderplatz wahrgenommen werden können, der mit diesen beiden Gebäuden bis heute seine prägende Platzstruktur erhielt. Zwar brannten bei der Zerstörung des ursprünglichen Platzes im Zweiten Weltkrieg auch Berolina- und Alexanderhaus völlig aus, doch dank ihrer stabilen Eisenbeton-Skelettkonstruktion kon­nten sie in den 1950er Jahren wieder in nahezu ursprünglicher Form rekonstruiert werden. Die beiden markanten Gebäude prägten das Bild des Alexanderplatzes auch nach der Neubebauung im Stil des sozialistischen Städtebaus weiterhin wesentlich mit. Einer wirklichen Platzstruktur zu folgen lag damals wohl nicht im Interesse jener Stadtplaner, denn bis heute wirkt er zu weitläufig, zerrissen, unurban, von monotoner Architektur dominiert und schlechterdings gar als „sozialistische Wüste“ diffamiert.
 
Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde eine städtebauliche Lösung gesucht, die, ähnlich wie beim Potsdamer Platz, den Alexanderplatz als östliches Zentrum der Stadt aufwerten sollte. So war es vor allem der mit dem ersten Preis ausgezeichnete Entwurf von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993, der diesem Anspruch zu entsprechen schien. Er geht von klassischen Baublocks aus, die gemeinsam mit dem Alexander- und Berolinahaus den Platz „räumlich fassen“ sollen, umstellt von zehn Hochhäusern: „eine Gebäudetypologie, die Block und Hochhaus kombiniert und so dem auseinanderdriftenden Stadtraum Halt verleiht.“ Dass nach diesem Entwurf bereits 25 Jahre ohne entscheidende Bauaktivität vergangen sind – abgesehen vom Saturn-Block –, ist nicht untypisch für Berlin, kann aber auch bei einem solchen Großprojekt nicht allzu sehr verwundern: Es ist nicht nur abhängig vom Engagement der verantwortlichen Stadtplaner, sondern vor allem von den Vorstellungen und Forderungen potenzieller Investoren. Zudem blies ein heftiger Gegenwind aus der gesamten Kritikergemeinde: „Brauchen wir Hochhäuser, um unsere städtischen Probleme zu lösen?“ Von „kollektiver Hochhausneurose“ war die Rede und man gehe von einer „kritischen Rekonstruktion des Platzes“ in eine Art Blockbebauung ohne richtige Platzstruktur über.

Das Jahr 2018 scheint nun die Wende in der lange umstrittenen Hochhausplanung einzuleiten, denn alle Beteiligten, Senatsverwaltung und Investoren, melden sich mit konstruktiven Absichtserklärungen zu Wort und die ursprünglichen Hochhauspläne nehmen erste Gestalt an. Inzwischen gehen die Planungen nach einem neuen Masterplan für das Umfeld des Park Inn von zwei Hochhäusern aus, die sich am Hotel orientieren, das heißt, eine Höhe von 130 Metern nicht überschreiten sollen. Dies entspricht zwar nicht dem zuletzt gültigen Masterplan, der für alle Wolkenkratzer eine Höhe von 150 Metern vorsieht, folgt aber der aktuellen Zielsetzung der Senatsverwaltung, die grundsätzlich eine „am Bestand orientierte bauliche Entwicklung“ präferiert. Eine Überschreitung der Hotelhöhe würde dem widersprechen. Auch das Hochhaus auf dem Kaufhof-Grundstück soll sich an dieser Höhe orientieren. Natürlich kann der Senat einem Investor nicht verbieten, dort, wo es rechtlich möglich ist, höher zu bauen, wie etwa am ehemaligen Haus der Elektroindustrie. Dort plant die TLG-Immobilien zwei Turmhäuser mit 150 Metern Höhe. Ebenso hoch hinaus wollen auch das amerikanische Unternehmen Hines mit einem Wohnturm nach dem Entwurf der Architekturlegende Frank O. Gehry nahe dem Saturn-Elektronikmarkt sowie der russische Investor Monarch mit einem Hochhaus gegenüber dem Alexa. Baurecht haben sich bislang nur die TLG-Immobilien und Monarch gesichert. Das bedeutet aber keinesfalls, dass tatsächlich dort mit einem baldigen Baubeginn zu rechnen ist. Wohl eher am Park Inn, denn Investor Immeo folgt dort dem Wunsch der Senatsverwaltung nach „einer stärkeren urbanen Mischung von Arbeiten, Wohnen und kerngebietstypischen Nutzungen“, was immer darunter zu verstehen ist. Mitte nächsten Jahres könnte nach Angaben von Immeo Baubeginn sein. Entschließt sich allerdings Monarch, die Baukräne für seinen spektakulären Turm mit 475 Eigentumswohnungen noch in diesem Jahr am Alexa aufzustellen, würde das sicher die anderen Hochhausprojekte beschleunigen, wie auch die Planung des Hines-Wohnturms, die wegen der befürchteten Beeinflussung des U-Bahn-Verkehrs lange stagnierte und erst jetzt wieder Bewegung erfährt.

Zum neuen Masterplan gehört auch der Abriss bestehende Bauten. Dazu gehören das ehemalige Haus der Elektroindustrie sowie das dahinterliegende Hofbräu und die Flachbauten im Bereich des Park Inn.

Wie viele der ursprünglich von Hans Kollhoff geplanten Wolkenkratzer tatsächlich das Bild des Alexanderplatzes zukünftig prägen werden, ist noch nicht endgültig abzusehen. Zu hoffen ist aber, dass sie am Ende den Platz zu einem attraktiven Zentrum machen werden.

Unter den Entwürfen von Peter Behrens zum Architekturwettbewerb von 1928 befand sich übrigens auch eine Hochhaus-Variante. Entwurfsdokumente dazu wurden erst vor einigen Jahren im Luftschutzbunker am Berliner Gesundbrunnen gefunden.

Reinhard Wahren

 

75 – Sommer 2018
_allesfinden_
Stadt