Zeitsprünge am Weißen See

„Verträumt“ ist nicht das erste Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man an den nordöstlichen Berliner Bezirk Weißensee denkt. Doch ein Spaziergang lohnt sich: Hier zeigt sich Berlin von seiner besten Seite – und verrät sogar ein paar Geheimnisse aus der Vergangenheit. [Foto: AdobeStock.de | 124351228]

Es gibt vieles, was man als Bewohner anderer Bezirke über Weißensee nicht weiß: Weißensee hat Charakter. Weißensee hat eine Vergangenheit als Filmstadt. Weißensee ist grün und großzügig. Mit seinen vielen verschiedenen Baustilen, die anderswo schon glattres­tauriert oder wegsaniert wurden, erzählt es nicht nur charmant vom einstigen Wachstum Berlins, sondern ermöglicht noch ein paar richtige Zeitsprünge in vergangene Epochen. Weißensee ist vielleicht ruhiger als andere Bezirke – doch es ist niemals langweilig.

Wir beginnen unseren Spaziergang am Caligariplatz, der früher „Weißenseer Spitze“ hieß und an den Pankow und Prenzlauer Berg angrenzen. Der heutige Name, den die dreieckige Fläche 2002 erhielt, spielt auf die großen Filmstudios an, die es in Weißensee bis Ende der Zwanzigerjahre gab. Unter anderem „Das Kabinett des Dr. Caligari“ wurde in Weißensee gedreht. Wenige Meter vom Kulturzentrum „Brotfabrik“ entfernt, steht hinter einer unauffälligen Fassade an der Gustav-Adolf-Straße noch ein Zeuge der großen Zeit: das Stummfilmkino „Delphi“ von 1929. Dreißig Jahre wurde es genutzt, dann zu DDR-Zeiten als Lager verwendet – und nicht mehr weiter beachtet. Darum sind Kinosaal und Foyer bis heute fast originalgetreu erhalten. Inzwischen wird es wieder häufiger als Veranstaltungsort für Konzerte und Filmvorführungen benutzt. Wer die Fernsehserie „Babylon Berlin“ gesehen hat, ist dem Delphi als „Moka Efti“-Bar begegnet.

Wir gehen weiter in der Zeit zurück und biegen in die Lehderstraße. Wie die Roelcke-, Gustav-Adolf und die Friesickestraße ist sie nach einem der Pioniere benannt, die als Erste auf Weißensee als Wirtschaftsstandort setzten und damit die Entwicklung zum Stadtteil ermöglichten. Friedrich Lehder war Pflastersteinfabrikant und pflasterte die ersten Straßen des einstigen Dorfes. Zur vorletzten Jahrhundertwende war Weißensee eine Art Überlaufbecken für die expandierende Stadt Berlin. Vom Alexanderplatz gab es seit 1873 eine Pferdebuslinie und zwei Jahre später wurde Weißensee an die neu gebaute Ringbahn angeschlossen. Auch der Friedrichshainer Goldleistenfabrikant Carl Ruthenberg wurde aus der damaligen Innenstadt verdrängt und begann hier 1898 ein engmaschiges System aus Gewerbehöfen zu bauen, die alle nach demselben Grundriss u-förmig angelegt waren und hinter ihren Backsteinmauern Werkstätten, Lager-, Büro- und Wohnraum auf damals sehr moderne Weise vereinten. Niedrige kleine Häuschen mit grünen Dächern – die einstigen Wohnhäuser der Hofwarte – begrenzen die Industriehöfe zur Straße hin und haben diesem Teil von Weißensee so etwas Dörfliches gelassen. Vor fünfzehn Jahren übernahm Ruthenbergs Urenkel und begann die inzwischen denkmalgeschützten Werkstätten zum Selbstausbau an Kleingewerbe und Kunsthandwerker zu vermieten. Und zwar zu so moderaten Mieten, dass inzwischen auch zahlreiche Künstlerateliers die Lehderstraße beleben. Üppige, alte Bäume überdachen fast die ganze Straße und lassen die historischen Klinkermauern heute geradezu idyllisch wirken.

Kurz bevor die Lehderstraße in die Verkehrsschneise der Berliner Allee mündet und dort der Trubel des Antonplatzes einsetzt, biegen wir in die Börne­straße und gehen ein Stück in die entgegengesetzte Richtung an der Tram entlang durch die Langhansstraße. Am Haus mit der auffälligen, der Trambahn gewidmeten, Bemalung biegen wir in die Goethestraße und lernen in der nächsten Querstraße ein ganz anderes Stück von Weißensee kennen. An der Charlottenburger Straße kann man ablesen, wie der Bezirk sich weiterentwickelt hat. Klassizistische Mietskasernen aus der Kaiserzeit reihen sich an Reste von Werkstattbauten und dazwischen steht das mit seiner expressionistischen Fassade zum Himmel strebende Gebäude, in dem die Allgemeine Ortskrankenkasse AOK ab 1929 eine öffentliche Badeanstalt unterhielt. Dann tut sich rechts plötzlich eine Zeitschleuse auf: Der stille, rot geklinkerte Ettersburger Weg führt direkt hinein in die Neue Sachlichkeit der Zwanzigerjahre. Schnörkellosigkeit und die Eleganz der reinen Funktion strahlen die zusammenhängenden Fassaden entlang des gesamten Sträßchens aus. 1929 wurde die Siedlung für die Rudolf Karstadt AG errichtet und ist bis heute äußerlich fast unverändert erhalten.

An der Behaimstraße biegen wir nach links in Richtung Mirbachplatz: ein weiteres verborgenes Schmuckstück mit Cafés und Restaurants an dem von sternförmig zulaufenden kleinen Straßen geformten Platz. In der Mitte steht auf einer zugewucherten Verkehrsinsel ein schroffer, eckiger Turm – das, was von der 1902 erbauten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bethanienkirche übrig geblieben ist. Über die Pistoriusstraße schlendern wir ein Stück nach Südosten zur Woelckpromenade. Hier wollten die frühen Väter des Bezirks ab 1905 eine gehobene Wohngegend erbauen – mit dem Ziel, durch die Ansiedlung wohlhabender Bürger für Weißensee das Stadtrecht zu erlangen. Stattliche Wohnhäuser in rotem Klinker ergänzen sich mit dem Grün imposanter Bäume und dem blauen Wasser der beiden Teiche Kreuzpfuhl und Goldfischteich. Imposant wie ein Schloss auf fast freier Fläche steht hier auch das heutige Primo-Levi-Gymnasium, zusammengelegt aus Schulgebäuden der ersten beiden Bauphasen des Bezirks. Hier wirkt Weißensee gleichzeitig märkisch weitläufig und städtisch elegant. Zum eigenen Stadtrecht hat es trotzdem nicht gereicht. 1920 wurde die Dorfgemeinde in die Stadt Berlin eingegliedert.

Wir gehen weiter an der Schönstraße und tun etwas, was man auch als zurückhaltende Flaneure nur ausnahmsweise darf: Wir lassen uns von der roten Backsteinfassade, deren strenge Glattheit den ganzen Straßenzug dominiert, nicht abschrecken, sondern schleichen uns durch eines der Tore in das Innere des geschlossenen Gevierts. Hier liegt eine wunderschöne, begrünte Hofanlage mit Vogelgezwitscher und einer kleinteiligen Harmonie aus weiß umrandeten Fenstern und rhythmisch angelegten Balkonen. Das Ensemble wurde Mitte der 1920er Jahre als „Holländer-Quartier“ im Reformstil gebaut und ist bis heute äußerlich unverändert. Zur Ecke Amalienstraße verlassen wir es wieder und entscheiden, ob wir über die Parkstraße weitergehen wollen, oder über die Schönstraße, die ihren Namen ganz von allein verdienen würde, ihn aber dem Hamburger Kaufmann und Parlamentarier Gustav Adolf Schön verdankt, der als eigentlicher Gründervater des Bezirks anzusehen ist, weil er 1872 das ehemalige Rittergut Weißensee erwarb und den nachfolgenden Investoren nach und nach verkaufte.

Über die Große Seestraße steuern wir in Richtung Parkanlage und auf den namensgebenden Weißen See zu. Vieles haben wir ausgelassen: die Überreste der Filmstudios, die sich im heute eher gesichtslosen Industrie- und Stadtrandgebiet nördlich der Rennbahnstraße verstecken. Das Toni-Kino am Antonplatz, das einst von sieben weiteren Kinos am Platz umgeben war. Das schon stark nach Prenzlauer Berg ausgerichtete, neobürgerliche „Komponistenviertel“ im Süden des Bezirks. Doch wenn wir jetzt schon mal im Grünen sind, spazieren wir um den See. Im alteingesessenen „Milchhäuschen“ an der Ostseite lebt noch ein wenig vom HO-Gaststättengeist der DDR, im „Strandbad“ an der gegenüberliegenden Seeseite herrscht eher die tätowierte Coolness der neueren Jahrzehnte. Über den Sandstrand gelangen wir bis ganz zum Wasser, und wenn wir die Zeit gut geplant haben, beginnt genau jetzt die Sonne rötlich über den bewaldeten Seeufern unterzugehen. Draußen rauscht die Stadt. Doch hier ist Weißensee und wir bleiben, bis es dunkel wird.

Susann Sitzler

 

75 – Sommer 2018
_allesfinden_
Stadt