Neues vom Bücherberg

Man müsste so viel lesen. Aber was?
Susann Sitzler hat sich schon mal durch die aktuellen Neuerscheinungen gewühlt. Hier ihre Empfehlungen.

 

Stadtbeschimpfung mit Fahrrad

Über Berlin meckern kann ja jeder. Das fleckige, nervige Berlin aber wirklich anzuschauen, seine Fransen und Ränder gezielt zu erkunden, den Unmut in vor Witz kullernder Galligkeit auszumalen und dabei präzise zuzuspitzen, das erfordert schon wirkliche Hingabe. Mit sehr viel Hingabe schildert Günter Steinmeyer in „Wo Hakenkäuzchen plärren“ die Ergebnisse seiner Erkundungen, die er regelmäßig mit dem Fahrrad unternimmt. Untertitel: „Poetische Polemiken“.

Sie verbinden Fahrten entlang der Randbezirke mit Entdeckungen von Oasen im Innern, etwa am Brixplatz oder entlang der Wuhle. Zwischendurch wird sogar einem Ausflugsdampfer zugewinkt: „Fast verzweifelt wird zurückgewunken. Von den Menschen, die sich auf eine ungewisse Fahrt in die unerforschten Gebiete jenseits von Berlin-Mitte begeben.“ Steinmeyer, Gründer und viele Jahre Betreiber der legendär schrundigen Z-Bar in Mitte, benennt genüsslich die vielen stadtplanerischen, baulichen und menschlichen Ärgernisse Berlins und verweist auf die dahinterliegenden Schönheiten. Damit spricht er nicht nur allen, die sich täglich darin bewegen, aus dem Herzen. Sondern erinnert auch an das, was die Bewohner verbindet: die Ergebenheit dieser verwachsenen Stadt gegenüber und gleichzeitig der Frust, dass da leider noch all diese anderen nervigen Leute und mit ihrer absurden Kleidung und den bizarren Lebensstilen sind, ohne die es ja noch viel schöner wäre.

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Information

EGünter Steinmeyer: „Wo Hakenkäuzchen plärren. Poetische Polemiken“.
Edition paradogs, 80 Seiten, 11,90 Euro.


 

Talent und Zerstörung

Zerstörung durch Umstände und der Drang, sich selbst zu zerstören – davon schrieb die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen in vielen Büchern. Ebenso wie von unserem Verhältnis zu Idolen. In „Die Sünde der Frau“ fasst sie beides zusammen. Pointiert zeichnet sie die Leben von vier Frauen nach, die durch ihr Schaffen berühmt und durch ihr Äußeres zu Idolen wurden. Gleichzeitig waren die Schauspielerin Marilyn Monroe und die Schriftstellerinnen Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith Meisterinnen der Selbstzerstörung. Palmen macht weitere Gemeinsamkeiten fest: Alle sind ohne Vater aufgewachsen und haben sich früh durch großes Talent und instabile Persönlichkeit bemerkbar gemacht. Alle haben sich früh mit Alkohol und Drogen betäubt – und ihre eigene innere, künstlerische Stimme trotzdem nicht zum Verstummen bringen können. Oder, wie Palmen interpretiert: Sie sind die Verpflichtung ihrem eigenen Talent gegenüber nicht los-, sondern von ihm letztlich besiegt worden. In diesem Talent selbst, das Frauen dieser Generationen nicht selbstverständlich zugebilligt wurde, liegt nach Palmens bitterem Fazit „Die Sünde der Frau“.

Information

Connie Palmen: „Die Sünde der Frau.
Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith“.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
Diogenes Verlag, 96 Seiten, 20,– Euro.


 

Literatur als Lebensmittel

Über Literatur hat Irmtraud Gutschke als Redakteurin für die Tageszeitung „Neues Deutschland“ oft geschrieben. Doch kein Schriftsteller hat ihr eigenes Leben so beeinflusst wie der kirgisische Großmeister Tschingis Aitmatow. „Die Benommenheit nach der Lektüre, das Gefühl, eine Handbreit über dem Boden zu schweben.“ Es folgte eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller, der die untergehende Lebenswelt seiner nomadischen Vorfahren thematisiert und die größten Erfolge dort hatte, wo sich der Alltag der Menschen radikal von Natur und Traditionen zu entfernen begann: in der Diktatur des Ostblocks und im immer satter werdenden Westen. In „Das Versprechen der Kraniche“ zeichnet Gutschke ihre Suche nach Aitmatows Magie nach. Mehrfach begegnet sie ihm persönlich, badet mit ihm die Füße in einem kirgisischen Gebirgsbach und muss als Journalistin doch vor allem druckbare Sätze für ihre Zeitung mitbringen. Ein persönliches, spannendes Buch, das auf eigenwillige Weise erzählt, wie Literatur ein Mittel des geistigen Überlebens werden kann – und dass es doch gefährlich ist, von Schriftstellern Antworten zu erwarten, die diese, wie Aitmatow selbst, auch nicht immer finden können.

Information

Irmtraud Gutschke:
„Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“.
Mitteldeutscher Verlag,
200 Seiten, 16,– Euro.


 

Ein Leben lang warten

Die Filmemacherin Charlotte Henke ist eine harte Frau. Auch ihre Mutter Anna hat nie klein beigegeben: Nach dem Krieg von einem britischen Besatzungsoffizier schwanger geworden und dann sitzen gelassen, zog sie ihre Tochter alleine groß. Und hat nie aufgehört, an Jeremy zu denken, in Gedanken lebte sie all die Jahre mit ihm zusammen – bis das Schicksal, als Charlotte längst erwachsen ist, noch einmal eingreift. Als die Mutter stirbt, findet Charlotte im Nachlass die Tagebücher der einsamen Jahre. Erst jetzt beginnt sie zu verstehen, wo ihre harte Schale herkommt. Sie ist Ergebnis der dramatischen Liebesgeschichte ihrer Eltern, die sich nicht nur über die zeitlichen, sondern auch über die politischen Abgründe eines halben Jahrhunderts spannte und in der von Hunger über Spionage bis Verrat nichts ausgelassen blieb.

Vor allem ihre Jugendbücher haben die Schweizer Autorin Federica de Cesco bei Generationen von jungen Leserinnen und Lesern bekannt gemacht. Spät hat die heute achtzigjährige Autorin angefangen, auch für Erwachsene zu schreiben. „Der englische Liebhaber“ – dem eine wahre Geschichte zugrunde liegt – enthält alles, was de Cescos Bücher faszinierend machte: dramatische Wendungen, süffige Sprache und immer ein enger Bezug zum Alltag einer Epoche.

Information

Federica de Cesco:
„Der englische Liebhaber“, Europa Verlag,
360 Seiten, 19,90 Euro.

 

75 – Sommer 2018
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Kultur