Pilgern in die Prignitz

Die Wunderblutkirche machte Wilsnack im Mittelalter zu einem berühmten Pilgerort. Die insgesamt 130 Kilometer lange Route ab Berlin führt zu einem großen Teil durch einsame Brandenburger Landschaft. Heute kaum zu glauben: Wilsnack spielte als Pilgerort fast in einer Liga mit Santiago de Compostella. Das ist lange her. Ein Wunder war geschehen. Es hatte seinen Ursprung im Jahre 1383. Heinrich von Bülow steckte aus Machtkalkül die alte Wilsnacker Dorfkirche in Brand. Hier setzt die Legende ein. Wilsnacks damaliger Pfarrer fand in den Überresten, geleitet von einem Engel, drei Hostien mit Blutstropfen – Wunderblut. Der Grundstein für die Pilgerbewegung war gelegt. Tausende Menschen aus aller Herren Länder machten sich jährlich auf den Weg. Wilsnack erlebte einen ungeahnten Aufschwung, Gasthöfe wurden gebaut. Das ist zwar lange vorbei, aber gepilgert wird auch heute wieder.

Etwa 1 000 Besucher jährlich nähern sich dem Ort etappenweise zu Fuß. „Die größte Gruppe sind Berliner und Brandenburger. Aber es kommen auch Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus“, sagt Christian Ritter, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats. Die Pilger können bei ihrer Ankunft jeweils die Pilgerglocke läuten lassen, die den Wilsnackern ankündigt, hier ist wieder jemand angekommen. Pilgerführer empfehlen Berlin als Start und hier die Marienkirche am Alexanderplatz, wahlweise das brandenburgische Hennigsdorf. Wie auch immer, Bad Wilsnack lässt sich gut erreichen. Von Berlin aus fährt die Regionalbahn in Richtung Schwerin. Um wenigstens ein wenig pilgern zu können, kann man eine Station vor Bad Wilsnack aussteigen und sich auf einen mittleren Fußweg einlassen.

Auf dem Weg nach Wilsnack passiert man Plattenburg, eine mittelalterliche Burganlage mit angrenzenden Fischteichen und überraschender Geschichte. Die wiederum hat ihren Ursprung in Wilsnack, denn die Reformation hatte auch vor der Prignitz nicht halt gemacht. Joachim Ellefeld, einem Hilfspfarrer aus Wilsnack, waren die Wunderhostien ein Dorn im Auge. Nachdem er sich mit anderen protestantischen Geistlichen abgesprochen hatte, zerschlug er 1552 die Monstranz und verbrannte die heiligen Hostien kurzerhand. Das Domkapitel von Havelberg, das seinerzeit noch auf päpstlicher Seite stand, war empört und forderte seinen Tod. Ellefeld wurde verhaftet und auf besagter Plattenburg festgesetzt. Hier sprach Landeshauptmann Curd von Rohr schließlich ein relativ gnädiges Urteil. Der Theologe wurde vom Dienst suspendiert und musste das Land verlassen, was damals lediglich bedeutete, sich einige Kilometer nördlich im Lauenburger Land anzusiedeln. Mit den Wunderblut-Hostien verschwanden auch die Pilger und mit ihnen vorerst der wirtschaftliche Erfolg.

Angekommen in Bad Wilsnack, seit 1929 Kurort, sollte der erste Weg tatsächlich in die St. Nikolaikirche führen. Eine imposante gotische Backsteinkirche und das Zentrum der märkischen Kleinstadt. Über 30 000 Besucher zieht es jährlich hierher. Es gibt zwar nicht mehr die legendären Hostien, aber immer noch die Wunderblutkapelle zu bestaunen. Die Türen des hölzernen Schreins aus dem 15. Jahrhundert sind auf beiden Seiten reich bemalt. Im oberen Giebelfeld halten zwei Engel eine Monstranz mit dem Heiligen Blut. Die Kirche beherbergt aber auch noch zahlreiche andere bemerkenswerte Kunstwerke, wie mittelalterliche Glasfenster und eine schmuckvolle Kanzel, gestiftet 1695 von Jakob Friedrich von Saldern. Letzterer besaß ein Schloss gleich neben der Wunderblutkirche und eben auch besagte Plattenburg unweit von Wilsnack. Das Schloss ist 1976 abgebrannt und an gleicher Stelle soll längerfristig ein neues Pilger- und Kulturzentrum entstehen, denn so etwas fehlt in Bad Wilsnack. Mit dem Geld, das vor allem Bund und Land zugesagt haben, werden aber erst einmal die wichtigsten Sanierungsarbeiten finanziert. „Wir kommen gut mit den Arbeiten voran, der dritte Bauabschnitt wird noch in diesem Jahr in Angriff genommen“, so Christian Richter nicht ohne Stolz. Der Dachstuhl ist bereits verstärkt worden, denn bei Sturm konnte der schon mal ins Wanken geraten. Ein Teil des Dachs wurde neu gedeckt. Darüber hinaus gibt es auch einiges am Mauerwerk und an den Fundamenten zu tun, der Feuchtigkeit wegen. Am 18. August wird in Bad Wilsnack das alljährliche Pilgerfest gefeiert mit Kulturprogramm und Mittelaltermarkt.

Bad Wilsnack ist auch gut mit dem Fahrrad zu erreichen, ein Abstecher vom Elberadweg ist es allemal wert. Wer auf welchem Weg auch immer den Kurort erreicht und die Kirche gesehen hat, dem sei ein Besuch in der Therme empfohlen, um die müden Knochen zu versöhnen. Auf dem dortigen Salzsee lässt es sich gut schweben. Auch das Wilsnacker Vitalhotel Ambiente bietet entsprechende Wellnessanwendungen, inklusive Moorpackungen, für die Bad Wilsnack bekannt ist.

Karen Schröder

 

75 – Sommer 2018