Wahre Hundeliebe

[Fotos: Donna Luettjen Photography]

Das Leben ist manchmal ganz schön langweilig. Früh am Morgen steht man nur auf, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dort erledigt man Dinge, die eben getan werden müssen. Und verbringt viel zu viel Zeit in geschlossenen Räumen, nur um abends erschöpft aufs Sofa zu fallen. Mit etwas Glück hat man noch Energie, um sich im TV oder zwischen zwei Buchdeckeln die Abenteuer von anderen erzählen zu lassen. Ein eigener Hund ist ein prima Rezept gegen den Trott. Doch noch lange kein Selbstläufer. Hat sich Hund nach einigen Monaten an den tristen Alltag angepasst, ist die Spannung schnell wieder raus. Bis … ja, bis man von diesen aufregenden Läufen für Zwei- und Vierbeiner hört, die gerade überall aus dem Boden sprießen. Das Konzept: gemeinsam Abenteuer erleben. Rennend, kriechend, hüpfend durch die Natur. Und jede Menge Spaß dabei.

Sportliche Canicross-Wettkämpfe, bei denen der Mensch möglichst schnell rennt und dabei von seinem Hund zu immer neuen Bestzeiten gezogen wird, gibt es schon länger. Das Besondere an den neuen Fun-Läufen: Die Zeit zählt nur an zweiter Stelle oder gar nicht. Stattdessen warten auf dem Trail unterschiedlichste Hindernisse und Aufgaben, die im Team bewältigt werden müssen. Dafür sind Zusammenarbeit, Mut, Geschicklichkeit und für manche Stationen sogar wochenlanges Training erforderlich.

Scheitern ist trotzdem ausdrücklich erlaubt. Herrchen und Frauchen sollen zwar motiviert werden, ihre eigenen Grenzen gemeinsam mit ihrem Vierbeiner auszutesten. Aber was nicht geht, geht eben nicht. Einfach weiterlaufen und am nächsten Hindernis neues Selbstvertrauen tanken. Wer auf der Strecke außer Atem gerät, kann ebenfalls unbesorgt sein: gehen darf man immer. Aber natürlich nur vorwärts. Denn aufgeben ist keine Option.

Neuester Zuwachs im Event-Kalender für Menschen, die sich mit ihren Hunden ins Abenteuer stürzen möchten: Camp Canis. Getreu dem Motto „Wenn bei Fuß scheißegal ist“, lädt der Traillauf zu einer wahren Schlammschlacht ein. Denn nichts macht mehr Spaß, als sich gemeinsam mit seinem Vierbeiner einfach mal richtig in den Dreck zu werfen. Spätestens, wenn man sich zum ersten Mal auf alle Viere sinken lässt, hinter seinem Vierbeiner durch ein Matsch-Loch kriecht und dabei den langweiligen Alltag, die anderen Leute und die eigene Selbstdisziplin einfach mal vergisst – spätestens dann ist man vom Camp-Canis-Virus infiziert. Und zwar massiv.

Natürlich sind tiefe Dreckslöcher auch beim Camp Canis nicht die einzige Herausforderung. Auf den verschiedenen Trails – 5, 10 oder 15 Kilometer lang – warten zum Beispiel eine Bootsfahrt, Seilbahnen, Eiswasserbad, steile Abhänge, ein Spinnennetz, ein Grusel-Parcours und vieles mehr. Zwischendurch durchstreift man mit seinem Hund und in Teams von zwei bis sechs Personen wunderschöne Landschaften, in denen man auch einfach mal Urlaub machen könnte. Aber das wäre natürlich ganz schön langweilig.

Stattdessen rennt man neugierig um die nächste Kurve und lässt sich davon überraschen, welches Herausforderung die Veranstalter sich als Nächstes haben einfallen lassen. Und am Ende, wenn man – bis auf die Unterhose dreckig, nass, stolz und mit einem echt glücklichen Vierbeiner an seiner Seite – durchs Ziel rennt, sind zwei Sachen gewiss: Der Glückshormon-Spiegel im Blut ist noch mindestens zwei Tage lang sehr hoch und das nächste Rennen wird gleich am nächsten Tag gebucht. Denn alles dazwischen ist öde.

Eve-Catherine Trieba

 

75 – Sommer 2018
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