Welt in Bewegung

Das rekonstruierte Bauhausgebäude in Dessau nach Plänen von Walter Gropius [Foto: Ross Sokolovski]

Vor 100 Jahren wurde in Weimar eine Kunstschule eröffnet, die nicht nur die Architektur revolutionierte – das Bauhaus verkörpert Schmelzpunkt und Blüte der künstlerischen Avantgarde und inspiriert bis heute Künstler und Architekten.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der in Deutschland eine zerrissene Gesellschaft hinterlassen hatte, eine Kunstschule ins Leben zu rufen, war riskant und kühn zugleich. Die einen wollten am liebsten Revanche für den verlorenen Krieg oder sehnten sich nach der Kaiserzeit zurück, die anderen nach Erneuerung der Gesellschaft, der Republik. Zwanzig Jahre zuvor hatten die jungen Nietzscheaner noch vom Chaos geträumt, um einen tanzenden Stern zu gebären. Nun schienen Chaos und Aufbruch die neue Zeit heraufzubeschwören und auch idealer Nährboden für künstlerische Umwälzungen zu sein. 

In diese Umbruchszeit fällt die Berufung von Walter Gropius zum Direktor des Bauhauses, das am 1. April 1919 in Weimar mit dem Lehrbetrieb begann, in der Stadt, mit der Deutschlands erste demokratische Verfassung verbunden ist. So war das Bauhaus von Beginn an eingebettet in die Erneuerung der Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg und verstand sich selbst als eine Art Geburtshelfer: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens“, heißt es im Gründungsmanifest.

Entsprechend war die Ausbildung daran ausgerichtet. Sie sollte nicht nur alle Künste umfassen, sondern auch handwerkliche Fähigkeiten ausbilden, um die Gesellschaft aktiv mitgestalten zu können. Letztlich mit dem Ziel, Bauwerke zunächst in perfekter Verbindung von Kunst und Handwerk zu schaffen, ab 1922 dann als Einheit von „Kunst und Technik“ propagiert, den „Bau der Zukunft“ als Gesamtkunstwerk. Damit griff Walter Gropius nicht nur die Ideen des früheren Werkbundes auf, er mobilisierte Protagonisten der künstlerischen Avantgarde, die nur darauf gewartet haben, ihre künstlerischen Ideen vermitteln und umsetzen zu können. Ihre Namen sind so legendär und berühmt wie das Bauhaus selbst: Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Paul Klee, Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy, Josef Albers, Marcel Breuer, Georg Muche. Die Konzentration dieser Ausnahmekünstler war einmalig in Europa und wohl ausschlaggebend für die Geburt des Bauhausmythos. Denn die Ideen, Methoden und die Experimentierfreude im Bauhaus hatten eine Strahlkraft, die die gesamte europäische Avantgardekunst jener Zeit beeinflusst hat und bis heute nachwirkt.

Gropius ernannte beispielsweise die Mitarbeiter seines Lehrkörpers nicht zu „Professoren“, wie gewöhnlich an einer staatlichen Hochschule, sondern sie lehrten als „Meister“ in den unterschiedlichen Bauhauswerkstätten. Dort, im Zusammenwirken von Lehre und Praxis, entstanden Bildideen, Materialstudien, Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, Arbeits- und Wohnkonzepte sowie Entwürfe für die Musterbauten und späteren Wohnsiedlungen, die zu Ikonen wurden und bis heute mit dem sogenannten Bauhausstil assoziiert werden. Eine reine Architekturklasse gab es seltsamerweise erst ab 1928, nachdem sich das Bauhaus bereits in Dessau etabliert hatte. Doch von einem besonderen Stil oder einer Kunstrichtung zu sprechen, war man damals weit entfernt. Von Paul Klee gibt es den Satz: „Das Bauhaus als Tradition ist nicht die Fortführung von Mustern, Stilen oder Verfahren, sondern das Öffnen für die Welt, die in Bewegung ist.“ So war das Bauhaus zu Beginn eher ein „Labor der Zukunft“ und für seine Zeit sicher zu weit gedacht, später aber, mit der Übernahme der Direktorenstelle durch den Architekten Hannes Meyer 1928, verstärkt auf die damals konkreten sozialen Erfordernisse, das „Neue Bauen“ gerichtet. Meyers Credo: „Alle Dinge dieser Welt sind ein Produkt der Formel: Funktion mal Ökonomie.“ macht allerdings auch die fundamentalistischen Tendenzen und Normierungsbestrebungen am Bauhaus deutlich, die sich unter Meyer endgültig Bahn brachen. Dass die bildenden Künstler unter den Bauhaus-Meistern daran Kritik übten, konnte nicht verwundern. Paul Klee beispielsweise sprach von „Schablonengeistigkeit“. Insofern schlossen sich während der gesamten 14 Jahre, die das Bauhaus bestand – nach Hannes Meyer übernahm nach dessen Entlassung ab 1930 bis zur Auflösung 1933 in Berlin Mies van der Rohe die Leitung – Kunst als Ausdruck von Schlichtkeit und Schönheit und rigider Funktionalismus nicht gegenseitig aus. 

Wenn in diesem Jahr das 100-jährige Bestehen des Bauhauses nicht nur an den drei Bauhausorten Weimar, Dessau und Berlin gefeiert wird, ist das nichts weniger, als die enorme Bedeutung dieser Architekturschule zu würdigen, deren Einfluss weltweit spürbar ist und heutige Architekten bewusst oder unbewusst beeinflusst hat. Und zu fragen wäre, was Architekten heute noch am Bauhaus fasziniert.

Der Band „Mein Bauhaus“, in deutscher und englischer Sprache, vereint die Statements von 100 weltweit tätigen Architektinnen und Architekten mit einem sehr persönlichen Blick auf das Bauhaus und seinen Mythos. Manche Stimmen stehen dem Bauhaus kritisch gegenüber, für die meisten aber gehört es zum eigenen Selbstverständnis: „Das Bauhaus lieferte uns das provokante und absolut rebellische Modell einer kollektiven Praxis, das für unseren eigenen Werdegang von grundlegender Bedeutung war“, so beispielsweise Thom Mayne von Morphosis in Los Angeles. Arno Lederer vom Büro LRO vermisst es in der heutigen Baupraxis: „Ach, hätten wir nur den Mut, die Begeisterung, den Optimismus und die Streitkultur, die das Bauhaus ausmachten!“, und für Yvonne Farrell und Shelley McNamara vom Büro Grafton Architects besteht es noch immer und ist eine nie versiegende Quelle: „Bauhaus ist unübersetzbar. Es bleibt stets es selbst.“

Reinhard Wahren

 

Bauhaus in Berlin 

Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung Berlin (1976–79), Architekten: Walter Gropius, Alex Cvijanovic, Hans Bandel [Foto: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com © VG Bild-Kunst, Bonn 2018]

Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums des Bauhauses im Jahr 2019 wird das Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in Tiergarten denkmalgerecht saniert und um einen Neubau erweitert. Während das Bestandsgebäude für das Archiv vorgesehen ist, wird der Erweiterungsbau dem Museum dienen. Die Berliner Bauhaus-Institution besitzt die weltweit umfangreichste Sammlung zur Geschichte des Bauhauses. Das 1979 eröffnete Haus ist aufgrund des Wachstums der Sammlung und der steigenden Besucherzahlen jedoch seit Langem zu klein und wird den gestiegenen Anforderungen an ein Museum mit Archivfunktion nicht mehr gerecht. Die Fertigstellung des Erweiterungsbaus ist für 2022 geplant. Neben der ständigen Ausstellung „Die Sammlung Bauhaus“ werden jährlich mehrere Sonderausstellungen gezeigt. Hinzu kommen Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen. Zunehmend beschäftigt sich das Bauhaus-Archiv auch mit aktuellen Fragestellungen zu Design und zeitgenössischer Architektur.

 

Die „Weiße Stadt“

Weiße Stadt Berlin (1929–31), Architekten: Martin Wagner, Otto Rudolf Salvisberg Bruno Ahrends, Wilhelm Büning [Foto: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com]

Zu ihrer Entstehungszeit war die Weiße Stadt der Inbegriff für modernes und bezahlbares Wohnen, denn jede der über 1200 Wohnungen verfügte über ein eigenes Bad, Küche und Loggia. Die Pläne zur Siedlung in Berlin-Reinickendorf (Emmentaler Straße, Aroser Allee) waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, realisiert wurde diese aber erst zwischen 1928 und 1931 als Gemeinschaftswerk der Architekten Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends und Wilhelm Büning. Heute leben in der Weißen Stadt noch immer über 2 000 Menschen. Sie ist zusammen mit der Siemensstadt und vier weiteren Siedlungen der Berliner Moderne Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

 

Hufeisensiedlung

Hufeisensiedlung (1925–30), Architekten: Bruno Taut, Martin Wagner [Foto: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com]

Die Hufeisensiedlung stammt aus der Feder von Bruno Taut als wegweisendes Großprojekt im sozialen Wohnungsbau zwischen 1925 und 1930 auf der Fläche des ehemaligen Rittergutes Britz in Berlin-Neukölln. Ihren Namen verdankt die Siedlung mit knapp 2000 Wohnungen ihrer ungewöhnlichen Form des zentralen Gebäudes. Die Hufeisensiedlung ist eines der sechs herausragenden Ensembles, die in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen wurden. Im Hufeisenbau, in einer originalgetreu sanierten Ladenwohnung mit Garten, ist heute eine Infostation mit Café untergebracht. Darin können sich die Besucher über die Hufeisensiedlung sowie die fünf weiteren Siedlungen informieren. 

 

77 - Winter 2019
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