Flowerpower auf der U7

U-Bahnhof Zitadelle [Fotos: © Kerim Ertekin]

Nun steht auch die Moderne im Untergrund unter Denkmalschutz. U-Bahn fährt für gewöhnlich, wer es eilig hat, von A nach B zu kommen. Trotzdem kann das Fahren im Untergrund auch ein Lehrpfad für städtische Architekturgeschichte sein. Wer die U-Bahnhöfe von Berlin kennt, hat schon viel von der Geschichte der Stadt gesehen. Angefangen mit der Kaiserzeit über die Weimarer Republik, die Nazizeit und die  Nachkriegszeit der geteilten Stadt, haben alle Epochen ihre eindrücklichen Spuren hinterlassen. Deshalb steht ein Großteil der Bahnhöfe schon unter Denkmalschutz. Vor allem in den Stadtteilen Schöneberg und Wilmersdorf sind  beeindruckende Beispiele aus der frühen Bauzeit zu finden, zum Beispiel die Stationen Wittenbergplatz und Heidelberger Platz. 

In den letzten Jahren ist der Fokus der Denkmalschützer jedoch auf die Nachkriegsmoderne gelegt worden. Die Initiative Kerberos, die von den Architekturhistorikern Ralf Liptau und Frank Schmitz sowie der Stadtplanerin Verena Pfeiffer-Kloss gegründet wurde, setzt sich seit geraumer Zeit für den Erhalt der besonderen Bahnhofsarchitektur ein. Ihr Drängen hatte Erfolg. Innerhalb der letzten zwei Jahre sind 22 Bahnhöfe neu unter Denkmalschutz gestellt worden, zuletzt Ende 2018. Nicht der wohlhabende Westen, sondern gerade die Verbindungen in die Arbeiterwohngebiete des alten West-Berlin, nach Siemensstadt und Gropiusstadt, rückten ins denkmalpflegerische Interesse. Vor allem die Linie U7 hat, was die Nachkriegsmoderne angeht, einiges zu bieten. Sie ist die längste der Berliner U-Bahnstrecken und in mehreren Bauabschnitten verlängert worden. In den 1960er Jahren in Richtung Rudow, später bis zum Fehrbelliner Platz und Mitte der 1980er Jahre nach Spandau. Der Architekturhistoriker Frank Schmitz von Kerberos beschreibt den Liniencharakter so: „Die Streckenabschnitte können hier wie in einer Zeitreise durchfahren werden, von den 1920er bis in die 1980er Jahre. Die jeweils gleichzeitig eröffneten Bahnhöfe der einzelnen Bauphasen zeigen dabei Familienähnlichkeiten in Farbigkeit und Gestaltungsprinzipien, sind aber dennoch individuell erkennbar.“ Trotz aller Bemühungen der Denkmalschützer, für den Bahnhof Yorckstraße kam jeder Hilferuf zu spät. 

Die teils aufwendige Gestaltung der Bahnhöfe ist nur mit der Sonderstellung der subventionierten Teilstadt zu erklären, zumal die S-Bahn ja von DDR-Seite betrieben wurde. Der größte Hippie unter den Bahnhöfen ist zweifellos der U-Bahnhof der Linie 7 Paulsternstraße in Haselhorst. Er wurde 1984 im Zuge der Verlängerung nach Rathaus Spandau errichtet. Architekt ist auch für diesen Bauabschnitt wie schon meist zuvor Rainer Rümmler, damals leitender Baudirektor von West-Berlin. Jetzt wendet er sich von der klassischen Formensprache ab und zeigt sich der Postmoderne zugetan. Rümmler wurde seinerzeit von Kollegen der Vorwurf gemacht, der Bahnhof sei kitschig, zu theatralisch und bediene die typisch West-Berliner Großmannssucht. Seine Anhänger nennen es hingegen „selbstbewusste Farbigkeit“. Das normale Bahnpublikum hat die ästhetischen Bedenken sowieso nie geteilt. Tatsächlich haben die Entwürfe aus den 1980er Jahren etwas Kulissenhaftes. Die U-Bahnhöfe Altstadt Spandau und Rathaus Spandau muten wie moderne Kathedralen an. Letzterer wird immer wieder mit genannt, wenn es um den schönsten U-Bahnhof Berlins geht. Doch Rainer Rümmler konnte viel mehr als dick auftragen: „Neben den intensiv-farbigen Stationen der 1970er Jahre wie Nauener Platz oder Konstanzer Straße, die an zeitgenössische Tendenzen der Pop-Architektur anknüpfen, hatte er die frühen Bahnhöfe aus den 1960er Jahren oftmals als ganz schlicht gestaltete Räume aufgefasst, die durch ihre zurückhaltende Farbigkeit ganz selbstverständlich Bestandteile des öffentlichen Raums sind“, so Frank Schmitz von der Initiative Kerberos.

Nachdem nun die jüngere West-Berliner Bahnhofsarchitektur gewürdigt wurde, sei der Osten dran. Denn bisher nicht auf der Denkmalliste geführt werden die U-Bahnhöfe der heutigen Linie 5, darunter der U-Bahnhof Tierpark. Frank Schmitz fragt zu Recht: „Kann es sich Berlin 30 Jahre nach der staatlichen Vereinigung erlauben, nur West-Berliner U-Bahnhöfe unter Denkmalschutz zu stellen und die östlichen Stationen mit ihrer ganz eigenen historischen Bedeutung und gestalterischen Qualitäten zu übergehen?“ Sicher nicht. Auf Anfrage heißt es, das Landesdenkmalamt sei aktuell dabei, die Unterschutzstellung fachlich vorzubereiten. Gut so.

 


U-Bahnhof Zitadelle und Altstadt Spandau (U7) 

 

Ende 2018 wurden folgende U-Bahnhöfe neu in die Denkmalliste aufgenommen;

U7: Jungfernheide, Mierendorffplatz, Richard-Wagner-Platz, Konstanzer Straße, Eisenacher Straße, Kleistpark, Möckernbrücke, Parchimer Allee, Zwickauer Damm. U6: Alt-Tempelhof, Westphalweg, Alt-Mariendorf. U9: Nauener Platz.

Die Initiative Kerberos veranstaltet vom 20. bis 23. Februar 2019 in der Berlinischen Galerie gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt Berlin und Icomos Deutschland eine internationale Tagung unter dem Titel „Underground Architecture revisited“. Dabei sollen die Möglichkeiten der denkmalgerechten Sanierung von U-Bahnstationen in ganz Europa ausgelotet werden. Begleitet wird die Tagung von einer Ausstellung zum Berliner nachkriegsmodernen U-Bahnbau in der Berlinischen Galerie.

Karen Schröder

 

77 - Winter 2019
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