König des Ackerbaus

Möglin liegt in einer landschaftlich reizvollen und von der letzten Eiszeit geprägten Umgebung auf der Barnimer Höhe, begrenzt vom Oderbruch und der Märkischen Schweiz [Foto: Geschäftsführer Fördergesellschaft A.D.Thaer Möglin e.V.]

In Möglin in Märkisch-Oderland wirkte im 19. Jahrhundert Albrecht Thaer, der Begründer der Agrarwissenschaft. Doch der Ort ist nicht nur für Landwirte interessant. Einen Abstecher auf einer Radtour ist er allemal wert.

Auf halber Strecke zwischen Berlin und der Oder liegt der kleine Ort Möglin. Landschaftlich reizvoll auf der Barnimer Höhe, die von der letzten Eiszeit geprägt wurde. Deshalb die Hügel, die Steine und Wasserlöcher. In der Gegend gibt es zahlreiche Schlösser und Parks, Neuhardenberg ist nicht weit. Das neogotische Schloss Reichenow, heute Hotel und Restaurant, gehört zum Gemeindeverbund.

Doch nicht allein das macht Möglin interessant. An diesem Ort wurde auch Landwirtschaftsgeschichte geschrieben. Theodor Fon-
tane hat dem Ort in seinem Band „Das Oderland“ ein umfangreiches Kapitel gewidmet, weil der Landwirtschaftsreformer Albrecht Daniel Thaer (1752–1828) in der Gegend wirkte.

Er war es, schreibt Fontane, „der dem Namen Möglin zu einem weit über die Grenzen unseres Landes hinausgehenden Ruhm verholfen hat“. Heute erinnert ein Museum an den Begründer der landwirtschaftlichen Lehre. Neben Text-Bildtafeln und Bildern sind auch Werke anderer Autoren ausgestellt, z. B. das Faksimile eines Gedichts, das Goethe Thaer zu Ehren verfasst hat. 

„Besucher sind keinesfalls nur Landwirte, sondern kulturell und his-torisch Interessierte, Schüler- und Studentengruppen aus der ganzen Bundesrepublik“, sagt Wilfried Hübner, Geschäftsführer der Thaer-Fördergesellschaft. Dem Museumsneubau gegenüber finden sich das 400 Jahre alte Herrenhaus, der Wirtschaftshof, das Inspektorenhaus und der Park mit der Grabstätte.

Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Seit 2010 ist die unter anderem mit Landwirtschaft befasste Lindhorst Gruppe aus Winsen (Aller) neue Eigentümerin des historischen Anwesens.

Vor Albrecht Daniel Thaer war die Dreifelderwirtschaft* die einzige Methode gewesen, die Erträge zu erhöhen. In Möglin entwickelte der studierte Mediziner, der ursprünglich aus Celle stammte, seine Theorien zur Fruchtfolge und zur Verbindung von Pflanzenbau und Tierhaltung weiter. „Als die schönste, segenreichste Heilkunst erschien ihm der Ackerbau“, schrieb Fontane zu dessen Motivation. Eine Landwirtschaftslehre, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Schon in Celle hatte der erfolgreiche junge Arzt auf einem Stück Land hinter seinem Haus erste landwirtschaftliche Versuche unternommen. Die Pflanzenzucht wurde zu seiner Leidenschaft. Nach und nach, unter anderem auf einer England-Reise, vertiefte er sein Wissen. So war es nur folgerichtig, dass er nach einem größeren Landgut Ausschau hielt, aber warum in Brandenburg, so weit von seiner niedersächsischen Heimat entfernt? Auch darauf hat Fontane eine Antwort. In den Jahren 1799 und 1801 besuchte Thaer das Oderland und machte in Kunersdorf die Bekanntschaft mit Charlotte Helene von Friedland und deren Tochter, zwei erfolgreichen Landwirtinnen. Thaer war begeistert. „Dies ist ein Himmel und Seligkeit hier, wovon ich mir beim Erdenleben noch keine Vorstellung habe machen können. Beschreiben lässt sich das gar nicht“, so heißt es in einem seiner Briefe. Frau von Friedland war nicht nur innovative Landwirtin, sondern auch geistreiche Gastgeberin. Neben Albrecht Daniel Thaer kamen unter anderen die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, der Verleger Friedrich Nicolai, die Bildhauer Johann Gottfried Schadow und Christian Daniel Rauch, der Rechtswissenschaftler Friedrich Carl von Savigny und der Schriftsteller Adelbert von Chamisso. Es war die Zeit der Salons.

„Dies ist ein Himmel und Seligkeit hier, wovon ich mir beim Erdenleben noch keine Vorstellung habe machen können.“

Der Schwiegersohn der Frau von Friedland, Graf Peter Alexander von Itzenplitz war es schließlich, der dem Arzt und Landwirt 1804 den Weg nach Möglin ebnete. Albrecht Daniel Thaer erwarb in der Gegend ein 250 Hektar großes Landgut, samt Gutshaus. Den Arztberuf gab er jetzt endgültig auf. Er gründete eine Landwirtschaftsakademie und war als Staatsrat an den preußischen Agrarreformen beteiligt. Nicht zuletzt deshalb steht auf dem Berliner Schinkelplatz ein Denkmal zu Ehren des Begründers der modernen Landwirtschaft, geschaffen von Christian Daniel Rauch.

In Reichenow-Möglin holt längst die landwirtschaftliche Wirklichkeit die Thaer-Verehrung ein. Die Lindhorst Gruppe aus Winsen (Aller), der der Thaerhof gehört, betreibt im Ort eine riesige Schweinemastanlage. Eine Gruppe von Anwohnern, darunter eine Künstler-Kommune aus Reichenow, macht gegen die Massentierhaltung Front. Ihr Motto „Uns stinkt‘s“ ist ganz wörtlich gemeint. Schwer zu sagen, auf welcher Seite der alte Thaer heute stehen würde, aber klar ist, für ihn waren Ausgewogenheit und Gleichgewicht innerhalb der Landwirtschaft wichtige Prinzipien. 

*Die gesamte Anbaufläche wurden in drei Teile geteilt. Jeder dieser Teile lag ein Jahr brach und natürlicher Bewuchs wurde als Weide genutzt. 

Karen Schröder

 

 

Das Museum
Die Hauptausstellung im neuen Ausstellungsgebäude bietet insgesamt 44 Text-Bildtafeln, ergänzt durch Bilder, Vitrinen mit Originalausgaben Thaerscher Werke sowie Arbeiten anderer Autoren. Es stehen Audioguides in deutscher, englischer und polnischer Sprache zur Verfügung.

 


[Foto: Geschäftsführer Fördergesellschaft A.D.Thaer Möglin e.V.]

 

Nachbauten historischer Ackerbaugeräte bieten hautnahe Einblicke in die landwirtschaftliche Arbeit zu Thaers Zeiten. Besucher können auf dem Lehrstuhl von Albrecht Daniel Thaer Platz nehmen, denn dabei handelt es sich tatsächlich um ein universitäres Möbelstück aus dem 19. Jahrhundert. Der Lehrstuhl ist ein Nachbau des Originals.

77 - Winter 2019
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