„Als Baum würde ich auswandern“

Stadtbäume leben zum Teil unter recht unwirtlichen Bedingungen. Dabei sind sie entscheidende Faktoren für eine lebenswerte Metropole [Foto: iStock/MC Yeung]

Bäume im Winter wirken wie feine Zeichnungen in der graubunten Stadt. Aber bald schon wieder öffnen sich Knospen zu Blüten oder Blättern, wird zartes zu sattem Grün. Die Blüten und Blätter geben den filigranen Gestalten Opulenz. Grün im Überfluss. Schatten und Kühle. Das beredte Rascheln. Vorher noch tauchen die japanischen Zieräpfel und weißblühenden Pflaumen die wintermüden Straßen in ein duftiges Schaumbad. Christian Hönig, Referent für Baumschutz beim Umweltverband BUND sagt aber: „Mich faszinieren mehr die Ahorne. Das Neongrün. Wenn sie blühen, beginnt für mich der Frühling in der Stadt.“ 

Bäume erfreuen nicht nur im Frühjahr, vielmehr prägen sie generell die „Lebensqualität und das Wohlbefinden der Menschen. Sie werten Straßen und Plätze auf, verbessern spürbar das Klima und sind eine Voraussetzung für ein gesundes ökologisches Gleichgewicht. Kurz: Bäume sind ein entscheidender Faktor für eine lebenswerte Metropole Berlin“, sagt Stefan Tidow, Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz. 433 000 Straßenbäume wachsen in Berlin. Das sind etwa achtzig pro Kilometer. Allerdings sind sie ungleich verteilt. Die grüne Stadt hat ihre grauen Zonen: Derweil der Stadtbezirk Steglitz-Zehlendorf Baum-Spitzenreiter ist und mit sechzigtausend Exemplaren über die meisten und auch ältesten verfügt, sieht es in Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg deutlich magerer aus. Marzahn-Hellersdorf kann mit über dreiundvierzigtausend Bäumen als grüner Bezirk gelten. Laut Statistik der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin, gibt es dabei Überraschungen: In Neukölln wachsen mit knapp zweitausend Exemplaren mehr Eichen als in Steglitz, wo wiederum über zweiundzwanzigtausend Linden beheimatet sind und sich immerhin auch mehr als dreitausend Birken wohlfühlen. Kulturhistorisch interpretierbar ist auch die geringe Anzahl von Platanen in Neukölln, die sich auf neunhundertdreiundsechzig Bäume beschränkt. 

Um den Straßenbaumbestand zu erhalten, hat der Berliner Senat im Jahr 2012 in Zusammenarbeit mit den Bezirken die Kampagne „Stadtbäume für Berlin“ ins Leben gerufen. Im Rahmen der Initiative wurden bis zum Herbst 2018 bereits über eine Million Euro Spendengelder eingenommen und fast neuntausend zusätzliche Straßenbäume gepflanzt. In diesem Frühjahr geht es wieder ran an die Spaten: Etwa sechshundert Bäumen werden in Mitte, und eben dringlicherweise auch in Kreuzberg und Neukölln sowie in Schöneberg eingesetzt. Die Pflanzung eines Straßenbaumes kostet ca. zweitausend Euro. Die ersten drei Jahre Pflege inbegriffen. 

Wie geht es den Bäumen nach dem letzten Sommer? 

Bäum signalisieren ihren Unmut und werfen mal schnell die Blätter ab, das aber sind temporäre Zeichen einer Mangelversorgung. Bleibende Schäden wie eine mangelnde Resistenz gegen Pilzbefall zeigen sich erst in ein, zwei Jahren. Besorgniserregend reagieren Eichen, die über Dürrejahre hinweg keine wasserführenden Gefäße mehr ausbilden und langsam vertrocknen. Mit guter Pflege, Wässern und Düngen, könnten Bäume im Allgemeinen aber gut in den Klimawechsel gehen; allerdings gibt es auch massive Störfaktoren. Streusalz gilt nach wie vor als „Baumkiller Nr. 1“, so bestätigen es Senats- und BUND-Baumschützer. 

Die Linde ist ein Berliner Wahrzeichen. Nicht allein die prominente, aber dauerbaustellengeplagte Ost-West-Achse „Unter den Linden“ wird durch den robusten Laubbaum geschmückt, der auch deshalb so häufig angepflanzt wurde, weil er eine erstaunliche Selbsterneuerungsfähigkeit aufweist und auch Rückschnitt gut verträgt. „Als Baum würde ich auswandern“, sagt Derk Ehlert, ehemals Berlins Wildtierbeauftragter und nun Pressereferent beim Senat. „Der Betondruck, die Lichtkonkurrenz, Schürfungen durch Fahrräder und Autos, Dürre, Starkregen, Staub, Salz, alles zusammen sind doch recht unwirtliche Bedingungen“. Die vermutlich älteste Linde aus dem Jahr 1680 steht daher auch im Schlosspark Glienicke, einer Oase für Baum und Mensch. Die absolute Alterspräsidentin ist allerdings keine Linde sondern eine europäische Lärche. Die „Burgsdorff-Lärche“ am Mühlenweg im Tegeler Forst. Sie wurde 1795 gepflanzt und ragt etwas über zweiundvierzig Meter hoch. Etwa sechshundert solcher Naturdenkmale sind im Onlineregister des BUND Berlin aufgelistet. Die prachtvollen Exemplare sind mit Passfoto, Namen und Standort vermerkt. Manche verfügen neben ihrer botanischen Bezeichnung noch über Kosenamen, die auf Geschichte und eine besonders emotionale Baum-Mensch-Beziehung verweisen. Im Fall der „Dicken Marie“, einer vierhundertfünfzigjährigen Stieleiche aus dem Tegeler Forst, ehrten die Gebrüder Alexander und Wilhelm von Humboldt eine dralle Köchin aus dem nahen Tegeler Schloss. Ebenso imposant ist eine fünfundzwanzig Meter hohe Platane. Die Schöne mit der ahornblättrigen Krone befindet sich in Friedrichsfelde gegenüber dem Tierpark. Ihr Alter wird auf dreihundertfünfzig Jahre geschätzt. Sie war einst Bestandteil einer Platanenanpflanzung auf dem ehemaligen Rittergut von Johann Carl Sigismund von Treskow (1787–1846). Aber auch der verdichtete Stadtraum kann zu einem besonderen Standort werden, wenn ein Häuserblock vor Nordwinden schützt und die Fassade bis in die Nacht gespeicherte Sonnenwärme abstrahlt. Urbane Klimataschen gewähren an unvermuteten Orten selbst exotischen Bäumen gute Chancen. Man muss nur losgehen und sich überraschen lassen von der botanischen Vielfalt an der Spree.

Anita Wünschmann

 

77 - Winter 2019
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