Funktionell und schön

Der klassizistische Bau ist eine Erweiterung des dahinter gelegenen Pergamonmuseums. Er erhebt sich auf einem hohen Betonsockel direkt an der Uferkante des Spreekanals. Zum Wasser hin erstreckt sich eine Kolonnade, die in moderner Form die Architektur der Insel aufgreift. [Foto: © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects]

Mit der James-Simon-Galerie erhält die Museumsinsel ein zentrales, multifunktionelles Empfangsgebäude für alle fünf Museen.

Den Schöpfer des Alten Mueums, Karl Friedrich Schinkel, hätte es sicher gefreut, in nächster Nähe seines Bauwerks den Eingang zu einer ganzen Museumswelt zu finden, die seine Nachfolger mit der Museumsinsel geschaffen haben. Museen und Galerien zum Schauen und Entdecken für alle, das war seine Vision.

Die neue James-Simon-Galerie nur als „Eingang“ zu bezeichnen, wäre allerdings mehr als geringschätzig. Wie ein weiterer Solitär fügt sie sich in das Gesamtbild der anderen Museen, aber freilich ist das ihre eigentliche Funktion. Die James-Simon-Galerie, entworfen vom britischen Stararchitekten David Chipperfield, wird als zentrales Empfangsgebäude das Museumsensemble erschließen, heißt es im Masterplan Museumsinsel. Von hier aus werde man auch direkt die Archäologische Promenade betreten können. Sie verbindet vier der fünf Museen miteinander und reicht vom Alten Museum über das Neue Museum und das Pergamonmuseum bis zum Bodemuseum.

Nach fast zehnjähriger Bauzeit wurde die James-Simon-Galerie, benannt nach dem Mäzen und Kunstförderer der Berliner Museen, James Simon (1851–1932), Ende letzten Jahres offiziell übergeben. Demnächst wird sie teilweise für das Publikum zugänglich sein. Die ursprünglich geplanten Kosten in Höhe von 71 Millionen Euro wurden am Ende mit 134 Millionen Euro bei Weitem überschritten. Dauer und Mehrkosten für den Bau waren allerdings hauptsächlich dem hohen Grundwasserspiegel auf der Spreeinsel geschuldet. Um eine tragfähige Baugrube setzen zu können, mussten Stahlpfähle unter Wasser bis tief ins Erdreich getrieben werden. Probleme mit dem tragfähigen Baugrund an dieser Stelle waren bereits Karl Friedrich Schinkel nicht fremd. Dort, zwischen Neuem Museum und Kupfergraben, stand bis 1938 sein Neuer Packhof, einst Wirtschaftsgebäude. Auch dafür mussten zu jener Zeit Holzpfähle ins schlammige Erdreich getrieben werden. Ein Holzpfahl, als historische Reminiszenz verstanden, ist gar zum Ausstellungsstück avanciert, zu besichtigen auf dem Weg zum Neuen Museum.

So wie das in unmittelbarer Nachbarschaft stehende Neue Museum ist auch die James-Simon-Galerie ein architektonisches Meisterwerk. Wie bei derartigen Bauaufgaben fast immer, hatten Kritiken von verschiedenen Seiten den Baubeginn verzögert. Das führte zu einer Überarbeitung des ursprünglichen Entwurfs. So hat Chipperfield den Bau selbst nicht aus der Funktion heraus, sondern zunächst von außen nach innen gestaltet. Das heißt, mit dem Anspruch, den Museen einen weiteren Solitär hinzuzufügen, der aber auch eine verbindende Funktion erfüllen sollte. Deshalb führen die schlanken Pfeiler der James-Simon-Galerie die Inselkolonnaden fort, und der schmale Baukörper, als klassizistisch anmutender, offener Laufgang, fügt sich harmonisch in das historische Gesamtbild der Museumsinsel. Dass die James-Simon-Galerie aber hauptsächlich als zentrales Eingangsgebäude fungiert, verwundert fast angesichts ihrer Einzigartigkeit und architektonischen Schönheit. Ihrer Faszination wird der Besucher bereits an der breiten Freitreppe gewahr. Sie führt hinauf zum Obergeschoss, ins Foyer und lädt nicht nur zum Museumsbesuch ein, auch zum Verweilen und Flanieren. Denn nichts wäre für Besucher abstoßender, als wenn im Kassen- und Eingangsbereich Besucherschlangen zur Regel würden. Das soll einerseits durch umfangreiche Serviceangebote, wie Garderobe, Café, Museumsshop, großen Ausstellungsraum und Auditorium für Veranstaltungen, vermieden werden, andererseits behält jedes Museum auch seine historischen Zugänge für Einzelbesucher. Etwa 8 000 Besucher pro Tag zählt die Museumsinsel; vor allem für Touristengruppen war deshalb ein zentraler Eingang notwendig. So ist die James-Simon-Galerie ab Sommer nicht nur ein neuer Eingang auf dem Weg zur Nofretete im Neuen Museum oder zum Altarfries im Pergamonmuseum, wenn denn der Pergamonaltar nach dem Ende der Bauarbeiten wieder besichtigt werden kann, sie bietet selbst einen eigenständigen Erlebnisraum und für jeden Besucher der Museumsinsel die ideale Einstimmung.

Reinhard Wahren

78 - Frühjahr 2019
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