Bettgeflüster

THE THREE SIXTY aus der neuen Kollektion verfügt über eine ausgefeilte Technologie, die eine Drehung um 360 Grad möglich macht [Fotos: Savoir Beds Limited]

„Savoir Beds“ in London ist eine Manufaktur für luxuriöse Nachtlager mit illustrer Geschichte zum Mindestpreis eines Kleinwagens

Von Inge Ahrens

Handwerk klingt wie Musik. Der Sound so einer Halle, in der Männer konzentriert über ihre Arbeit gebeugt sind, besteht aus rhythmischem Hämmern, hellem Knipsen, leisem Rascheln, munterem Klopfen und hin und wieder einem entspannten Seufzen. Maschinengeräusche sind nicht zu hören im Herzen der Werkstatt von Londons exquisitestem Bettenhersteller „Savoir Beds“. Ein jedes der luxuriösen Lager, die hier von der Basis bis zum Kopfteil gebaut werden, ist ein Meisterstück, ein Unikat sowieso. Hergestellt nach den Wünschen der Kunden und basierend auf einer schon historischen Erfahrung seit 1905. „Handwerk kann man hören“, sagt einer, der den Überblick hat im Getriebe, und lauscht verzückt dem Takt der fleißigen Hände. 

Der Polsterer steht konzentriert vor einem Holzrahmen, in den er wie in eine Kuchenform gekämmtes, langes blondlockiges Pferdehaar sorgfältig verteilt, um so den Grund für eine Matratze zu legen. Je nach Bettenmodell (1–4) stecken darin Kaschmir aus der Mongolei, Baumwolle aus Belgien, Halbleinen, reines südamerikanisches Pferdehaar, Jute, Buche oder Kiefernholz für den Rahmen, große und kleine Sprungfedern und jede Menge Handarbeit. Alles wird im Hause geschnitten, gesägt, geformt, genäht, getuftet, gemalt und signiert. Der Renner ist das Bett Nummer 2 in einem Rahmen aus Kiefernholz. 

Die Basis bilden große Sprungfedern, die mit Jutebändern sternförmig fixiert sind, damit später niemand ins Rutschen kommt. Die Matratze wird mit Pferdehaar, Baumwolle, Wolle und einer Lage unzähliger winziger Sprungfedern gefüllt und sorgfältig Ebene für Ebene, Stich für Stich vernäht. Eine sanfte schmeichelnde Auflage aus Pferdehaar und Lammwolle oder purem Kaschmir komplettiert die Luxusliege. Der Bau so eines Bettes kann bis zu 90 Stunden dauern. Das teuerste ist auch das dickste. Wer bestellt, muss gerade mal sechs Wochen darauf warten. Manche Kunden lassen sich auch ein Kopfteil fertigen oder widmen das feine Stück ihrem Liebsten. „Ja doch, der Tag bricht an … und wenn schon! Musst Du deshalb auf und davon? …“ , heißt es in einem Liebesgedicht von John Donne, das sich ein Romantiker als Plakette auf den Rahmen klopfen ließ. 

Betten aus dem Hause „Savoir Beds“ regen nicht nur die Poesie an. Sie haben eine goldene Vergangenheit, und die ist eng mit dem „Savoy“ verbunden. Das „Savoy“ war Londons erstes Luxushotel. Richard D’Oyly Carte, Impresario eines Operettentheaters, hatte es 1889 ins Leben gerufen. Eine Sensation in der Hotelgeschichte, denn sein Haus hatte elektrisches Licht, Fahrstühle, Badezimmer, eine Art Rohrpost von den Zimmern zum Service und vor allem himmlische Betten, die von 1905 an aus der eigenen Werkstatt kamen. Handgearbeitete Betten, in denen unzählige Königliche Hoheiten und Weltstars wie Giacomo Puccini, Elizabeth Taylor, John Wayne, Gina Lollobrigida oder Charly Chaplin träumten. 

Die Betten des „Savoy“ sind eine Legende, genauso wie das Haus am Themse-Ufer, das 2007 von seinem neuen Eigentümer, dem Prinzen Alwaleed Bin Talal Bin Abdulaziz Alsaud von Saudi-Arabien einer kompletten Renovierung unterzogen und seit 2010 wieder eröffnet ist. Die alte Bettenwerkstatt hatte die vorige Eigentümerin, die Erbengemeinschaft der Savoy-Gruppe, bereits 1997 abgestoßen. Zahlreiche Interessenten hatten um diesen letzten Rest gebuhlt, denn gerade mal drei Handwerker gab es noch, die bis dahin bloß noch Schäden an den vorhandenen handgemachten Betten ausbesserten. Auch Alistair Hughes hatte von der Manufaktur gehört.

Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern glaubte er an die Exklusivität des wunderbaren Handwerks und hatte große Lust, die Legende der „Savoy“-Betten fortzuschreiben. Für 30 000 Englische Pfund erwarb er mit einem Partner vor zehn Jahren die historischen und handwerklichen Kenntnisse, die von den noch ausharrenden Polsterern bewahrt wurden. Alistair, der Wirtschaft studierte und später weltweit als Manager arbeitete, investierte, bildete aus und versuchte, Verkäufer für seine Betten zu finden. „Was ich sah, gefiel mir gar nicht!“, erinnert er sich mit Grausen. „Die Verkäufer priesen ihre Betten an wie gebrauchte Autos. Sollte uns nicht mehr wert sein, worin wir mehr als ein Drittel Zeit unseres Lebens verbringen?“ 

Publicity musste her. Da kam ihm die britische Schauspielerin Emma Thompson gerade recht, die während der Filmfestspiele in Cannes schwärmte, die himmlischste Nacht ihres Lebens habe sie in einem Bett des „Savoy“ verbracht. Das hätte man nicht besser erfinden können. Die Geschichte erschien in einer Zeitung, und die Telefone bei „Savoir Beds“ standen nicht mehr still. Heute fertigt das Unternehmen nicht mehr als 1 000 Betten im Jahr in seinen Manufakturen in Nordwest-Londons einstigem Industrieviertel Park Royal, und in Wales vier Bettentypen, die in eigenen Läden in England und außerhalb verkauft werden. In Deutschland findet man „Savoir Beds“ im Stilwerk Düsseldorf und auch in Berlin.

78 - Frühjahr 2019
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