Noldes Entzauberung

Rechts: Emil Nolde, Gaut der Rote, o. D. (vor/um 1938), Aquarell und Tusche, 25,5/6 × 18,3/6 cm, Nolde Stiftung Seebüll [© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin] Links: Emil Nolde, Altes Bauernpaar, o. D. (vor 1942), Aquarell, 21,9 × 16,5 cm, Nolde Stiftung Seebüll [© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin]

Eine spektakuläre wie erhellende Schau im Museum Hamburger Bahnhof thematisiert Emil Nolde als „Entarteten Künstler“ und zugleich glühenden Anhänger der NS-Diktatur

Emil Nolde, eigentlich Emil Hansen, geboren 1867 im schleswigschen Dorf Nolde, ist einer der populärsten deutschen Maler. Seine Bilder hängen nicht nur in vielen Galerien und Wohnzimmern, zwei Gemälde von ihm schmückten sogar lange das Kanzleramt als Leihgabe der Staatlichen Museen zu Berlin. Als entarteter Künstler im Dritten Reich verfemt und vom NS-Regime mit Malverbot belegt, gehörte er nach 1945 per se zum Kreis der untadeligen Künstler, zumal im Kontext des Expressionismus, mit dem im Nachkriegsdeutschland die Bundesrepublik den Anschluss an die Moderne zu finden suchte. Befördert auch vom Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, in dem der Maler Max Ludwig Nansen, Noldes Alter Ego, zum NS-Widerständler verklärt wird, geriet Nolde schließlich als der deutsche Maler schlechthin ins öffentliche Bewusstsein.

Mit der Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ im Museum Hamburger Bahnhof wird nun diese Malerlegende entzaubert: Hinter dem Künstler zeigt sich der Mensch Emil Nolde als glühender Anhänger der Naziideologie, begeisterter Hitlerverehrer, radikaler Antisemit und als Manipulator seiner eigenen Werke. Noldes Nähe zur NS-Ideologie war zwar lange bekannt, doch erst in der Berliner Ausstellung wird das Ausmaß seiner Verstrickung, Selbstinszenierung und schließlich Verklärung nach 1945 deutlich. Möglich wurde diese umfassende Aufarbeitung des Nolde-Erbes erst ab 2013 mit der Öffnung des Nolde-Archivs in Seebüll und einer langjährigen unabhängigen Forschungsarbeit. So revidieren und korrigieren die Bestände und Dokumente aus dem Nachlass das bisherige Nolde-Bild und lassen die bislang populäre Künstlerpersönlichkeit in einem neuen Licht erscheinen: Allzu deutlich wird der Einfluss des Nationalsozialismus auf den Künstler und seine Werke. „Die Zeit ist reif, den ganzen Nolde zu zeigen“, so der Leiter der Nolde-Stiftung Christian Rind. 

Zum ganzen Nolde gehören freilich neben seiner künstlerischen Meisterschaft viele Einflüsse, persönliche Überzeugungen, Lebenserfahrungen und Zeitläufte, die den Maler und Mensch prägten. Die Retrospektive zu seinem 60. Geburtstag markierte 1927 den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Mit 455 Werken war es die umfangreichste Einzelausstellung in der Geschichte der Moderne und es schien, als verkörpere Nolde den deutschen Expressionismus wie kein anderer Maler. Doch Wertschätzung genoss er nicht von allen Seiten, geschuldet den heftigen Kunstdebatten über die sogenannte neue deutsche Kunst in der Weimarer Republik. Sich selbst als Kunstgenie wahrgenommen, fühlte er sich allerdings bereits in dieser Zeit missverstanden und speziell von der Berliner Kunstkritik abgelehnt. 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der Verbreitung ihrer Ideologie erhoffte sich Nolde nun jene Anerkennung, die er für sich lange reklamierte, befördert auch von Kunstkreisen, die ihn bereits als Staatskünstler sahen. Nolde selbst identifizierte sich sofort mit der Naziideologie, hisste auf seinem Haus in Seebüll die Hakenkreuzfahne, wurde Parteimitglied und sein latenter Antisemitismus trat jetzt frei zutage. Er propagierte eine rein deutsche Kunst, malte keine Bilder mit biblischen Motiven mehr, die seinen Ruhm einst mitbegründeten, und beschäftigte sich stattdessen mit nordischer Heldenverehrung. Sein Antisemitismus gipfelte in der Erarbeitung eines „Entjudungsplans“, mit dem er Hitler seine Gesinnungstreue demonstrieren wollte.

Dennoch wurden viele seiner Bilder aus deutschen Museen entfernt. Für viele Nazis galt er zwar als großer Künstler, doch keinesfalls standen alle NS-Funktionäre hinter seinen Bildern. Noldes Intention, mit seiner Kunst die nationalsozialistisch geprägte Gesellschaft mitformen zu können, erwies sich denn auch als Trugschluss. Allerdings malte er bis zu seinem Berufsverbot 1941 sehr erfolgreich weiter und gehörte zu den bestverdienenden Künstlern Deutschlands. Dass auch viele seiner Bilder 1937 für ein Jahr in der Ausstellung Entartete Kunst zu sehen waren, zeigt die Ambivalenz, die in Kunstkreisen der NS-Zeit bestand. Nolde selbst unterstellte Kritikern lediglich Unverständnis gegenüber der wahren Größe seiner Kunst. Auch nach seinem Malverbot fühlte er sich verkannt, ließ aber keinen Zweifel an seiner Regimetreue. In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof wird Noldes NS-geprägte Kunstauffassung besonders im sogenannten Bilderraum deutlich, der nur für wenige wichtige Besucher zugänglich war. Er zeigt die Hängung von ihm ausgewählter Bilder im Winter 1941 in seinem Atelierhaus in Seebüll. Dass darin seine für den Expressionismus wegweisenden Gemälde aus den Jahren 1903 bis 1918 zugunsten nordisch geprägter Bilder ganz und gar fehlen, zeigt, wie sehr der Künstler die Naziideologie zu jener Zeit verinnerlicht hatte.

Nach dem Krieg gelang es Nolde mühelos, sich als widerständiger Künstler, anfänglich von der NS-Propaganda verführt, später aber in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert und schließlich mit Malverbot belegt, zu inszenieren. Seine „ungemalten Bilder“, kleine Bildskizzen, die ihm lediglich als Bildvorlagen dienten, verklärte er kurzerhand zu heimlicher Widerstandsarbeit während seines Berufsverbots. So wurde er öffentlich und vielerorts geehrt und seine eigene Legende nach seinem Tod 1956 fortgeschrieben.

Sollte man nun Nolde-Gemälde abhängen, wie im Kanzleramt geschehen, oder zukünftig konsequent auf der Trennung von Mensch und Künstler beharren und die Autonomie des Kunstwerkes präferieren? Eine Antwort darauf, wie eine zeitgemäße Ausstellungspraxis gepflegt werden kann, gibt zumindest im Fall Emil Nolde die hervorragend kuratierte Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Sie zeigt den bedeutenden Maler im Kontext seiner Zeit und ermöglicht anhand von zahlreichen Dokumenten erschreckende Einblicke in dessen radikal anmutende Gedankenwelt, ohne dabei seine künstlerische Meisterschaft in Zweifel zu ziehen. 

Reinhard Wahren

 

Information
Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus
Bis 15. September 2019 im Museum Hamburger Bahnhof
Invalidenstraße 50–51, 10557 Berlin

78 - Frühjahr 2019
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