In Berlin wird durchgeblüht!

Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten machen die Städte grüner [Foto: Marco Clausen / Prinzessinnengarten]

Buchsbaumgefasste Rosen- oder Staudenbeete, Kieswege, alter Baumbestand, Wasserspiele und Menschen im Park findet der Berlin-Besucher am Schloss Charlottenburg, Wandelwege, Spielflächen, Blütenfelder im Britzer Garten, einen Landschaftsgarten, der als Erweiterung des Buga-Geländes 1989 eröffnet wurde, oder die „Gärten der Welt“ im Osten der Stadt, wo in diesem Sommer  ganz neu der „Jüdische Garten“ seine Pracht entfalten kann.

„Es wird durchgeblüht!“ Der Satz Karl Foersters lässt sich in Gärten und Anlagen Berlins ganz unmittelbar erleben.  Sogar auf der Grüninsel am Olivaer Platz, einem Minipark, der vom Verkehr geradezu umtost wird.  Mitten in der  City gedeihen auf Baumscheiben  Zinnien und Petunien. Es blühen sogar Malven. Die  Stockrosen in zarten Farben schieben sich zu Kathedralen empor. Engagierte Stadtbewohner lassen Glyzinien an Häuserwänden emporblühen – das erinnert an Chelsea, wo uralter Blauregen britische Klinker-Fassaden überwuchert. 

Berlin blüht prächtig. Allerdings nicht überall. Gezauste Vorgartensträucher auf ausgelaugten Böden und voller Papierreste und anderem Abfall gehören auch zum Stadtbild. Andere aber glänzen mit ihren Farben und Blättern, wie die bunten Gärten an der Akademie der Künste am Hansaplatz, deren Konzept vom Landschaftsgärtner  Walter Rossow (1910–1992) entworfen worden war und das aus großen Wogen von weißen Strauchrosen, Katzenminze  und Ziersalbei besteht, dazu Terrassen mit Schilf, Gras und Bambus. 

Berlin glänzt mit weltkulturerbegeschützten Gartenstadtsiedlungen. Und das  Gärtnern in der Stadt nimmt zu. Wer durch Friedrichshain auf der Frankfurter Allee hinein ins Zentrum fährt, kann Felsenbirne in Kübeln und Narzissen auf dem Mittelstreifen sehen. Im Sommer Iris. Die vielen Mittelstreifenkilometer, die mit rissigem Beton aufwarten, gehören in die Hand der Stadtgärtner, denn Berlin ist vor allem auch eine  Stadt der Experimente und Utopien.  Der Künstler und Guerilla-Gärtner Petrus Akkordeon zum Beispiel pflanzt Blumen auf eine Verkehrsinsel. 

 

Urban Gardening

In Berlin gibt es eine Vielzahl an Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten. Der größte liegt mit 13 000 Quadratmetern in Alt-Hohenschönhausen. Im Stralauer Kiez gedeihen auf einer ehemaligen Brachfläche Blumen und Gemüse. „Ich mische Holzkohle unter die Erde gegen Pilze und Bakterien“, erklärt Anna Mieskowitz, die ihr ovales Hochbeet beackert, derweil Germanistikstudentin Rose Tremlett aus Großbritannien seltene Kohlarten wie etwa den Palmenkohl erklärt. Urban Gardening steht für Einfallsreichtum, Artenreichtum, Widerständigkeit, für temporäre Kübelgärten und Permakultur. Das Ziel ist „Die essbare Stadt“, die  bürgernahe und von den Bürgern selbst gemeisterte Versorgung mit Obst und Gemüse. Das Hochbeet, das ein Pflanzen oberhalb von Brachen, versiegelten oder belasteten Böden ermöglicht, ist zum Sinnbild städtischer  Agrikultur geworden. Gern schief, selbst gebaut, improvisiert. Ideal für ein Gärtnern gleich um die Ecke. Im Interessenwettlauf mit der Bauwirtschaft, aber auch im Rahmen grüner Umgestaltungsmaßnahmen sind manche dieser Gärten gefährdet oder ziehen um. Im Wedding gilt der 2013 auf einer 1700-Quadratmeter-Brache gegründete Nachbarschaftsgarten „Himmelbeet“ als ein (gefährdetes) Kleinod. Vielsprachig werden Besucher willkommen geheißen. Rosen und Ziersalbei verströmen ihren Duft. Tomaten, Dill und Mangold leuchten aus den in Reih und Glied aufgestellten quadratischen Beetboxen. Ein Café gibt es auch. Im Gemeinschaftsgarten in Moabit wetteifern Taglilien als farbige Kontrastpartner mit dem blauen Berliner Sommerhimmel. Abrissklinker bilden, senkrecht in die Erde vergraben, eine Herzform und begrenzen mit ihren warmen Ockertönen Rosmarin und silberblättrigen Salbei. Auf verschlungenen Wegen mit Clematisranken lässt sich dieser schöne Garten durchstreifen. 

„Es geht nicht allein ums Blühen und Ernten“, sagt der Gärtner der Kreuzberger Prinzessinnengärten. Er erklärt, was „Agrobiodiversität“ konkret bedeutet: 500 Arten und Sorten von Nutzpflanzen wachsen in Hochbeeten aus Bäckerkisten. Ein selbst organisierter Kreislauf samt Kompost, Sämerei und eigener Stadtimkerei ohne Pestizide und was sonst noch so verboten ist. Der ursprünglich temporär angelegte Prinzessinnengarten mit Bühne und Restaurant am U-Bahnhof Moritzplatz ist sowohl krautiger Kieztreffpunkt als auch Touristenmagnet. Ein Statement für Gemeinschaftlichkeit. Inzwischen hat auch der Berliner Senat dazu aufgerufen, dass Schulen, Firmen, Einrichtungen sich am großen Gärtnern beteiligen sollten. 

Ein echtes Unikum seiner Art ist das „Allmende Kontor“ auf dem Tempelhofer Feld. Es ist eine temporäre Anlage, die mit ihren Nutzern vom Bleiben träumt. Der Sommer war noch weit hin, da wurde hier schon Holz gesägt, um die windschiefen Hochbeete, die Sitzbänkchen und  trapezförmigen Spielplattformen zu reparieren. „Die neue Erde ist da“, stand auf einem handgeschriebenen Schild im März. Es konnte also losgehen! Die Beete bereiten für Lavendel und Sonnenblumen, Kapuzinerkresse und Kohlrabi. 

Anita Wünschmann

78 - Frühjahr 2019
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