Dichtung und Malerei

Else Lasker-Schüler gilt als wichtigste Vertreterin der expressionistischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Dass sie auch als bedeutende Zeichnerin ein beachtliches Werk hinterließ, zeigt eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof.

Als Dichterin begann sie in Berlin, und mit einem bedeutenden dichterischen Werk ist sie auch in die Literaturgeschichte eingegangen. Dass sie darüber hinaus zu den Doppelbegabungen gehörte, ist weniger bekannt. Dabei waren für Else Lasker-Schüler ihre „beiden Begleiterinnen“ Dichtung und Malerei durchaus gleichrangig.
Um die Jahrhundertwende entstehen zunächst die ersten Gedichte, nachdem sie 1894, verheiratet mit dem Arzt Dr. Berthold Lasker, in die Stadt gekommen war. „Meine Lippen glüh'n, und meine Arme breiten sich aus wie Flammen!“ – mit solchen Versen aus der Sammlung Styx von 1902 prägt sie die frühe expressionistische Lyrik und avanciert neben Georg Trakl, Jakob van Hoddis und Gottfried Benn im sogenannten expressionistischen Jahrzehnt ab 1910 in Künstlerkreisen zur Kultfigur. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie um sich ein Netzwerk aufbaut und mit den wichtigsten Künstlern der damaligen Zeit korrespondiert. Zahlreiche Briefe belegen dies, sie dokumentieren aber auch, wie sich ab etwa 1909 darin das Zeichnerische Bahn bricht: Einzelne Buchstaben sind durch Zeichen, Symbole oder Hieroglyphen ersetzt. 1912 lernt sie Franz Marc kennen, der sie mit seinen bemalten Postkarten dazu inspiriert, einen eigenen unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck zu finden. Zur gleichen Zeit sieht sie die sensationellen, alt-ägyptischen Funde aus Amarna, die auf der Berliner Museumsinsel der Öffentlichkeit präsentiert werden: Ausgangspunkte für ihr künstlerisches Selbstverständnis, das sich fortan auch in der Transformation des Weiblichen zeigt, indem sie sich selbst in ihren Bildern als „Prinz Jussuf von Theben“ inszeniert – als Figur zwischen den Geschlechtern und den Kulturen. Wohl auch angeregt durch das damalige Interesse für außereuropäische Kulturen, wird die altägyptische Kunst zu ihrem zentralen Sujet. In ihren Bildern und Zeichnungen voller Exotik verschmelzen Reales und Fiktives. Herwarth Walden, ihr zweiter Ehemann, veröffentlicht im „Sturm“ neben ihren Texten ihre Zeichnungen. 1920 erhält die Nationalgalerie über hundert Zeichnungen von Else Lasker-Schüler als Geschenk von Freunden, zu denen sich u.a. Paul Cassirer, Karl Kraus, Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee und August Macke zählen.
Nach der Beschlagnahmung ihrer Bilder durch die Nationalsozialisten und ihrer Flucht aus Deutschland erlebt sie in Palästina den wirklichen Orient, der bis dahin hauptsächlich ihrer Phantasiewelt im Berliner Kaffeehaus entsprang, ihrem Lieblingsort. Dort, wo sie jahrzehntelang dichtete, zeichnete, unzählige Briefe schrieb und ihre Künstlerfreunde traf. In Jerusalem stirbt Else Lasker-Schüler 1945.
Eine Ausstellung ihres bildnerischen Werks konnte über lange Zeit nicht bewerkstelligt werden, denn die Zeichnungen waren in der ganzen Welt verstreut. Erst dem Jüdischen Museum Frankfurt gelang im vergangenen Jahr eine Gesamtschau und Würdigung Else Lasker-Schülers als bildende Künstlerin. Dass die Ausstellung jetzt auch im Hamburger Bahnhof gezeigt wird, ist hauptsächlich dem Verein der Freunde der Nationalgalerie zu danken.

Reinhard Wahren

Ausstellung

  • Else Lasker-Schüler – Die Bilder
  • Bis 1. Mai 2011
  • Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
  • Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin
46 - Frühjahr 2011