Gemischtes Viertel – Ein Boulevard feiert Geburtstag

„Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“, sang einst Hildegard Knef. Der weltberühmte Boulevard feiert seinen 125. Geburtstag

Als Kurfürst Joachim II. Mitte des 16. Jahrhunderts einen Reitpfad vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald anlegen ließ, konnte er nicht ahnen, dass dies einmal der berühmteste Boulevard Berlins werden würde. Tatsächlich begann der Aufstieg des dreieinhalb Kilometer langen Kurfürstendamms auch erst dreihundert Jahre später: 1875 legte Reichskanzler Otto von Bismarck höchstpersönlich die Bebauungsweise fest – beachtliche 53 Meter breit sollte der Kurfürstendamm sein. In den Jahren danach begann zunächst allmählich und dann immer intensiver die Bebauung des Boulevards. Am 5. Mai 1886 verkehrte erstmals eine Dampfstraßenbahn, ein guter Grund, in diesem Jahr 125. Geburtstag zu feiern.

Am Breitscheidplatz wird derzeit das „Zoofenster“ errichtet. Der Entwurf des 118 Meter hohen Baus stammt vom Frankfurter Architekten Christoph Mäckler [Foto: Berlin vis-à-vis]

„Der Ku'damm ist mehr als nur irgendeine Straße“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. „Er ist einer der bekanntesten Boulevards der Welt und eine der ersten Adressen der Stadt.“ Allerdings ist er eine bisweilen etwas ramponierte Adresse. Denn fast so alt wie der Kurfürstendamm ist die Klage über seinen Niedergang. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts charakterisierte ihn eine überregionale Zeitung als „Pizza-, Pop- und Porno-Promenade“, und nach der Wende schien er angesichts der neuen Konkurrenz durch die Friedrichstraße und den Gendarmenmarkt vollends ins Abseits zu geraten. Dabei beruht der Mythos des Kurfürstendamms eigentlich auf einem kurzen Zeitraum, nämlich den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Damals wurde er zum Inbegriff des „Neuen Westens“, in dem der kulturelle Aufbruch geprobt wurde. Lokale wie das berühmte Romanische Café am Breitscheidplatz wurden zu Treffpunkten der künstlerischen Bohème. Im Café des Westens (Kurfürstendamm/Ecke Joachimstaler Straße) gründete Ernst von Wolzogen mit dem „Überbrettl“ das erste deutsche Kabarett, in „Mampes Guter Stube“ (Kurfürstendamm 14/15) schrieb Joseph Roth Teile seines Romans „Radetzkymarsch“, und in der Konditorei Leon (Kurfürstendamm 155a) war Erich Kästner Stammgast. Von diesem kulturellen Glanz ist heute wenig übrig geblieben. Immerhin gibt es noch bedeutende Theater: die Schaubühne am Lehniner Platz sowie die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm, wobei die Zukunft dieser beiden Privatbühnen wegen der Umbaupläne des Ku'damm-Karrees unsicher ist. Als Kinostandort dagegen hat der Kurfürstendamm an Bedeutung verloren: Das Marmorhaus, die Filmbühne Wien, der Gloria-Palast – sie alle wurden in den letzten Jahren geschlossen und in Einzelhandelsflächen umgewandelt.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als markantes Markenzeichen der westlichen City. [Foto: Sergej Horovitz]

Auch die Kaffeehauskultur ist verschwunden: Das Café Kranzler ist seit dem Bau des Neuen Kranzler-Ecks nur noch ein Schatten seiner selbst, und das Café Möhring existiert überhaupt nicht mehr. Kein Mangel herrscht dafür an Coffeeshops der neuen Generation, in denen Kaffee im Pappbecher zum stolzen Preis über die Theke gereicht wird. Diese Umstrukturierung ist allerdings kein Zeichen der Krise, sondern, so paradox es klingen mag, ein Ausdruck des Erfolgs des Kurfürstendamms. „Niedergangsszenarien sind fehl am Platz“, sagt jedenfalls Andreas Kogge, Einzelhandelsexperte beim Maklerunternehmen Jones Lang LaSalle. Bei Einzelhändlern ist der Ku'damm nämlich äußerst begehrt – und große Ladenketten können nun einmal eine höhere Miete zahlen als Kinos und Cafés, was renditeorientierte Gebäudeeigentümer gern auszunutzen bereit sind. Bis zu 220 Euro pro Quadratmeter und Monat werden für Ladenlokale bezahlt, womit der Kurfürstendamm zu den teuersten Handelsstandorten in ganz Deutschland zählt. Besonders deutlich ist diese Entwicklung im Abschnitt zwischen Knesebeckstraße und Olivaer Platz, der sich in den vergangenen Jahren zum Luxusbereich entwickelt hat. Hermès und Gucci, Prada und Bulgari, Louis Vuitton und Cartier – kaum ein großer Name, der hier nicht vertreten wäre. Genau diese Luxusangebote sind manchen Kritikern ein Dorn im Auge, während andere umgekehrt das mangelnde Niveau des Angebots monieren. Tatsächlich finden sich (vor allem am oberen, westlichen Kurfürstendamm) auch Drogeriemärkte, Discounter und sogar ein Baumarkt. Neue Immobilienprojekte zeigen indes, dass Investoren den Kurfürstendamm für einen spannenden Standort halten. So schreiten die Bauarbeiten am Hochhaus neben dem Bahnhof Zoo voran, das neben einem Luxushotel der Marke Waldorf Astoria auch weitere Einzelhandelsflächen umfassen wird. Am Kurfürstendamm 195 saniert ein Inves- tor ein Nachkriegs-Bürohaus und ergänzt es durch einen Neubau. Und direkt daneben, in der Nummer 193/194, haben die Sanierungsarbeiten am Haus Cumberland begonnen. In dem fast hundert Jahre alten Gebäudekomplex, der einst als Boarding-Haus, also eine Art Hotel, errichtet wurde und zuletzt lange leer stand, entstehen neben Büros und einem Großrestaurant bis Mitte 2013 auch 200 Wohnungen. Diese Nutzung knüpft an die Ursprünge des Kurfürstendamms an: Konzipiert waren die Bauten aus der Frühzeit des Boulevards nämlich als reine Wohngebäude. Erst später wurde die Erdgeschosszone gewerblich genutzt. Vielleicht ist das auch die künftige Funktion des Kurfürstendamms: eine Wohnstraße mit Einkaufs-, Gastronomie- und hoffentlich auch weiterhin Kulturangeboten – also ein gemischtes innerstädtisches Viertel mit hoher Wohnqualität. Zunächst aber wird mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen der Geburtstag des Boulevards gefeiert. So präsentieren sich vom 6. bis zum 14. August bei „Summer in the City“ vor dem Europa-Center die Partnerboulevards des Ku'damms. Vom 12. bis zum 23. Oktober setzt das Festival of Lights den Boulevard mit Illuminationen in Szene. Und die ganzen Sommermonate hindurch ist in den für den Ku'damm charakteristischen Vitrinen eine Ausstellung mit 125 Stationen zu sehen, die an wichtige Episoden des Boulevards erinnern.

Emil Schweizer

Informationen zum Jubiläum unter www.kudamm2011.de
Buchtipp: Michael Zajonz/Sven Kuhrau (Hg.): Heimweh nach dem Kurfürstendamm. Geschichte, Gegenwart und Perspektiven des Berliner Boulevards. Michael Imhof Verlag. 9,99 Euro

47 - Sommer 2011
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