Industriestandort mit Wohnflair

Viel Grün, Spazierwege am Wasser und ein imposantes Ehrenmal – all das und noch viel mehr gibt es in Berlin-Treptow zu entdecken. Doch auch als Wohnort wird dieser innenstadtnahe Ortsteil immer beliebter.

Am S-Bahnhof Treptower Park zeigt sich Berlin in seiner Vielfalt. Links erhebt sich das 125 Meter hohe Bürohochhaus der Treptowers; davor, in der Spree, symbolisiert die Skulptur des Molecule Man, die der US-amerikanische Bildhauer Jonathan Borofsky 1999 schuf, den Schnittpunkt der Stadtteile Kreuzberg, Friedrichshain und Treptow. Und im Westen ist die Stadtsilhouette mit dem Fernsehturm am Alexanderplatz zu erkennen.

Wir aber wollen Treptow erkunden, diesen Stadtteil, der früher eines der wichtigsten Ausflugsziele der Hauptstädter war, dann ein bedeutender Industriestandort wurde und heute als Wohnort neue Beliebtheit gewinnt. Ein Ausflugsziel ist er dabei immer geblieben: Parks und Wasser, traditionsreiche Gaststätten und neue Kulturorte – alles ist da und lockt zum Entdeckungsbummel. Unser Ausgangspunkt ist die Schiffsanlegestelle östlich des S-Bahnhofs. Jetzt, im Winter, geht es hier beschaulich zu; doch in der warmen Jahreszeit bevölkern Eis schleckende Familien und fröhliche Schiffspassagiere die breite Promenade. Wir gehen weiter, die Spree aufwärts, und genießen den reizvollen Blick auf die gegenüberliegende Halbinsel Stralau mit ihren modernen Wohnhäusern und der alten Dorfkirche. Eine markante Fuß­gängerbrücke fällt auf: 1916 errichtet, führt sie zur Insel der Jugend, die zu DDR-Zeiten einen guten Ruf als Austragungsort für Konzerte genoss. Openair-Veranstaltungen gibt es heute kaum mehr, weil der jetzige Betreiber mit Lärmschutzauflagen zu kämpfen hat.

Noch vor der Insel der Jugend lockt die Eierschale Zenner, eine traditionsreiche Ausflugsgaststätte, zur Einkehr. Im 19. Jahrhundert gab es in Treptow zahlreiche solcher Lokale, darunter auch das Eierhäuschen, das neben der Eierschale Zenner steht und leider dem Verfall anheimgegeben scheint. Dabei brachte es das Eierhäuschen zu beträchtlichen literarischen Ehren: Im 14. Kapitel seines Alterswerks „Der Stechlin“ lässt Theodor Fontane eine Ausflugsgesellschaft eine Dampferfahrt zum Eierhäuschen unternehmen. „Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes ,Lokal‘, und wenn uns die Lust anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten“, schildert ein Protagonist das Wesen dieser Gaststätte.

Romanähnliche Züge haften auch dem Spreepark an, der sich noch weiter östlich, bereits im Plänterwald gelegen, befindet. Dieser zu DDR-Zeiten beliebte Freizeitpark wurde nach der Wende vom Unternehmer Norbert Witte übernommen, ging aber 2001 in die Insolvenz und ist seither geschlossen. Witte setzte sich mit einem Teil des Fuhrparks nach Peru ab und wurde später beim Versuch erwischt, im Stahlmast des „Fliegenden Teppichs“ Kokain nach Europa zu schmuggeln. Der Dokumentarfilm „Achterbahn“ (2009) von Peter Dörfler erzählt dieses abenteuerliche Kapitel deutscher Nach­wendegeschichte auf eindrucksvolle Weise. Dass bisher alle Versuche gescheitert sind, den Vergnügungspark wiederzubeleben, ist hauptsächlich auf die höchst komplizierten Eigentumsverhältnisse zurückzuführen.

Einem anderen Aspekt der Geschichte begegnet man im Treptower Park: Dort erinnert ein monumentales Mahnmal an die Rote Armee bei der Befreiung vom Nationalsozialismus. Zwischen 1946 und 1949 wurde die Anlage errichtet, deren Höhepunkt die bronzene Riesenskulptur eines Rotgardisten mit einem geretteten Kind auf dem Arm bildet. Ganz in der Nähe des Sowjetischen Ehrenmals befindet sich die Archenhold-Sternwarte mit ihrem 21 Meter langen Linsenfernrohr. Im Treptower Park fand 1896 auch die Große Berliner Gewerbeausstellung statt. Entlang der Straße Am Treptower Park geht es jetzt zurück Richtung S-Bahnhof Treptower Park. Hier zeigt der Stadtteil ein ganz anderes Gesicht: Die repräsentativen Wohnhäuser und großzügigen Gewerbehöfe stammen aus dem späten 19. Jahrhundert, als sich Treptow von einer ländlichen Idylle zu einer industriell geprägten Vorstadt wandelte (in Berlin eingemeindet wurde Treptow erst 1920). Ein Beispiel für diesen geänderten Charakter sind die Schuckert-Höfe, die 1896 von der Schuckert & Co. Elektrizitäts-AG errichtet wurden. Heute befinden sich in den Schuckert-Höfen – sie gehören zum Imperium des Milliardärs Nicolas Berggruen – Büros und Lagerflächen. Beschaulicher wird es, wenn man links in die Bouchéstraße einbiegt. Sie führt ins Zentrum von Alt-Treptow, das das Gebiet rund um die Karl-Kunger-Straße umfasst. Wer zum ersten Mal die Karl-Kunger-Straße entlang flaniert, könnte fast glauben, sich in Prenzlauer Berg oder Pankow zu befinden: Jede Menge kleine Kinder sind zu sehen, und es gibt schicke Läden für ökologische Babymode aus Skandinavien und italienische Feinkost sowie schräge Gaststätten wie das Café Provinz. Kein Wunder, dass sich auch ein Biosupermarkt und eine Kleinkunstbühne (das Corbo in der Kiefholzstraße 1) hier angesiedelt haben.

Fast alle diese Lokale wurden erst in den vergangenen Jahren eröffnet. Denn Alt-Treptow hat sich als attraktive Alternative für Menschen profiliert, die in Kreuzberg und im schwer angesagten Norden Neuköllns keine Wohnung mehr finden. Dass Treptow gleichermaßen nah an der Innenstadt und am Grünen liegt, macht den Kiez gerade für Familien attraktiv. So erstaunt es denn auch nicht, dass mehrere Baugruppen Wohnhäuser (beispielsweise am Schmollerplatz und an der Lohmühlenstraße) errichteten. Doch auch kommerzielle Bauträger haben Alt-Treptow entdeckt: Kondor Wessels etwa baut in der Martin-Hoffmann-Straße 31 Eigentumswohnungen – und hat lange vor Fertigstellung alle verkauft. Neben den Treptowers will ein Investor in den nächsten Jahren sogar drei Hochhäuser von bis zu 110 Meter Höhe für Wohnungen und ein Hotel errichten.

Doch nicht alle freuen sich über diese Entwicklung: Eine Anwohnerinitiative namens Karla Pappel polemisiert gegen Investoren und Baugruppen, die nach Ansicht der Aktivisten die Mieten in die Höhe treiben und ärmere Bewohner vertreiben. Gewiss ein wichtiges Thema – doch beim Blick auf die Spree versteht man nur zu gut, dass auch besser verdienende Menschen hier zu Hause sein möchten.

Emil Schweizer

 

53 - Winter 2012/13
Stadt