Daimler kann auch Kunst

Seit 35 Jahren sammelt Daimler Kunst. Sehr früh setzten die Autobauer die Schwerpunkte Konzeptkunst, abstrakt geometrische Moderne und Minimalismus. Andy Warhol, Max Bill, Willi Baumeister, Josef Albers sind einige der bekanntesten Protagonisten der Sammlung. Mittlerweile haben die Stuttgarter fast 2000 Werke von etwa 600 Künstlerinnen und Künstlern aus dem In- und Ausland zusammengetragen. Anfangs konzentrierte man sich als regionalen Sammelschwerpunkt auf den südwestdeutschen Raum. Seit 2001 hat die verantwortliche Kuratorin, Renate Wiehager, die Kunst weltweit im Blick. In dem Maße, wie sich das Unternehmen international ausrichtete, sollte auch die Kunstsammlung nicht zurückstehen. Seit 1999 ist die Kollektion in Berlin präsent. Im Weinhaus Huth, das zum Daimler-Areal gehört, bezog die Daimler Contemporary im oberen Stockwerk ihre Räume. Doch bald war sich die Daimler Kunst Sammlung, so vielfältig sie auch sein mag, selbst nicht mehr genug. Seit zehn Jahren hat man sich einer besonderen Form der Kooperation verschrieben. Es geht um die Idee, sich zu anderen Kunstsammlungen in Beziehung zu setzen und dadurch den eigenen Horizont zu weiten. In der Reihe ›Private/Corporate‹ sucht die Daimler Kunst Sammlung in regelmäßigen Abständen den Kontakt zu Privatsammlern und deren individueller Handschrift. Partner waren unter anderen schon Paul Maenz, Ileana Sonnabend und Heliod Spiekermann. Teils wird also bewusst der Kontrast zu anderen Kunstauffassungen gesucht, teils die Nähe zur eigenen Sammlung. Das aktuelle Projekt mit der Doron Sebbag Art Collection aus Israel ist eher ein Beispiel für letztere Variante. „In der Begegnung mit der Sammlung Sebbag haben sich, jenseits stilistischer oder medialer Zuordnungen, wenige grundlegende Begrifflichkeiten als Schnittpunkte der Werkauswahl aus beiden Sammlungen herauskristallisiert: Narration und Temporalität, expressive Körperlichkeit und Fetischismus, existenzielle Chiffren und mythisch aufgeladene Bildlichkeit“, so die Kuratorin Renate Wiehager. 28 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus beiden Sammlungen sind aktuell in Berlin vereint. Sie kommen aus Israel, den USA, Großbritannien und Deutschland. Von den insgesamt 60 Werken, darunter Fotografien, Installationen und Videoarbeiten, hat den größten Teil die Doron Sebbag Art Collection beigetragen. Unter dem Titel Accelerating Toward Apocalypse (dt. Beschleunigend der Apokalypse entgegen) sind diese im Frühjahr 2012 bereits in Tel Aviv gezeigt worden.

Exemplarisch soll von zwei israelischen Künstlerinnen der mittleren Generation die Rede sein, die in beiden Sammlungen mit Schlüsselwerken vertreten sind: Sigalit Landau (43) und Ilit Azoulay (40). Die eine Bildhauerin, Video- und Installationskünstlerin, die andere Fotokünstlerin. Beide stehen für die existenziellen Fragestellungen, denen sich ihre Heimat permanent gegenübersieht. Während Landaus Arbeiten direkt aus dem weiten Themenkreis jüdische Identität, Schmerz und Fremdheit schöpfen, sind die Arbeiten Azoulays kühler inszeniert, rätselhafter. Von Landau ist neben verstörender Videokunst eine von der Decke hängende, auf ihre Körperlichkeit reduzierte Figur aus Fiberglas zu sehen. llit Azoulays Fotoarbeiten zeigen immer wieder Erinnerungsräume. Die Künstlerin reiht Fundstücke und Bilder in einer Art Spurensuche scheinbar zusammenhangslos zu einem großen Ganzen. Schafft ihre ganz eigene Ordnung, die nur aus der Autonomie der Kunst begreifbar wird. Von Sigalit Landau stammt der Satz: „Kunst ist die Möglichkeit, die Tragödie meines Landes zu überleben.“ Den könnten gerade in diesen Monaten wahrscheinlich viele der Künstlerinnen und Künstler Israels unterschreiben.

Karen Schröder

 

Information
Daimler Contemporary, Haus Huth
Alte Potsdamer Straße 5
10785 Berlin

Öffnungzeiten: täglich 11 bis 18 Uhr
Eintritt frei

53 - Winter 2012/13