Sternenfrost und Perlensträhnen

Eisblumen sind vom Aussterben bedroht. Die letzten ihrer Art wachsen im Ländlichen. Die Stadt ist doppelt verglast.

Der Winter treibt die vergänglichsten Blüten. Kaum ist es draußen knackig frostkalt und drinnen nicht allzu warm, dann wächst nächtens an der Innenseite dünner alter Fensterscheiben zartkrustig ein fantastisches Dickicht märchenhafter Blumen und Blätter. Zarte Federnelken, exakte Kiefernzweige und zierliches Farnkraut, alles, was noch im Frühling und Sommer seinen feinen und würzigen Duft verströmte, schmückt jetzt buschig verästelt wie eisige Schösslinge schockgefroren die Fenster unserer Stuben. Im Sonnenlicht zaubern die elegantesten aller Eisblumen einzigartige Bilderlandschaften. Der kalte Hauch schlummernder Jahreszeiten weckt unsere romantischen Gefühle.

Die Eisblumen sind wieder da. Raritäten längst. In den Städten findet man bloß noch vereinzelt ihre Art. Je ländlicher und einfacher die Wohnung, desto hartnäckiger wachsen die kalten Schönheiten noch an den Fens­tern. Modernisierungswahn und vor allem auch steigende Heizkosten erforderten neue, doppelt dicke Fensterscheiben. Die alten, einfachen, die mit den herrlichen Luftblasen und Wellen, landeten als Scherbenhaufen auf dem Müll und mit ihnen das kleine Winterglück. Kaum noch ein morgendlicher Zaubermoment. Kein Aufwachen im heimischen Kristallpalast, als der Nachtfrost uns noch einen Vorhang aus Kristallen wob.

Eisblumen beginnen mit einem Kris­tall. Das bildet sich an einem Staubkorn auf der Scheibe. Es kann auch ein Kratzer sein oder irgendeine winzige Unebenheit, an der sich ein Wasserteilchen halten kann. Und noch eines. Viele. Immer mehr Wassermoleküle versammeln sich an der eiskalten Scheibe. Die Eisblume kann wachsen. Ist es draußen kalt und unter null Grad und drinnen nicht sehr warm, weil die Heizung streikt oder heruntergedreht wurde, steht die Luft drinnen wassersatt. Sie kann nicht verdunsten und setzt sich darum an den einfach verglasten Fenstern ab. Die sind nämlich fast so kalt wie draußen die Nacht. Gleich nach dem Aufstehen und noch im Nachthemd hauchen wir ein Loch in das temporäre Kunstwerk, um hinaus zu schauen in den Wintermorgen. Ob es wohl geschneit hat? Schnell schließt sich das Bild wieder, und was eben noch schmolz, verbindet sich flink zu einem neuen mattgläsernen Flechtwerk aus Fächern, Margeriten und Tannenzweigen. Jetzt bloß nicht die Heizung hochdrehen. Nur ein wenig noch schauen. Warum bloß wachsen immer neue Blumenbilder, und wer malt sie so zauberisch? Genau weiß das niemand. Der Zufall ist der einfallsreichste Gärtner. Denn wer weiß schon, an welchem Schmutzteilchen sich hier ein Kristall und dort ein anderes festmacht, um anschließend die ganze Scheibe wie mit Silberbrokat zu überziehen. Derart festlich bekleidete Fenster berühren Kinder und Erwachsene und zaubern Sterne nicht nur in Dichteraugen.

Von Inge Ahrens

 

53 - Winter 2012/13
Magazin