Die alte Dame schwimmt immer noch im unruhigen Fahrwasser

Grafik: Hertha, Berliner SC e. V./Vectors Tank, istockphoto.com

Kaum zeigt sich ein kleiner sportlicher Silberstreif am Horizont, lädt der Investor öffentlich sein Frust über den Käpt’n und die Crew des Schiffes ab nach dem jüngst erfolgten Trainerwechsel mit anschließendem Sieg über die um die Champions League-Plätze mitspielenden Hoffenheimer.

Schon längst hätte der Umbau des alten Dampfers Hertha BSC zu einem Luxus-Liner vorangegangen sein sollen. Viel Geld hatte der Investor dem Käpt’n zur Verfügung gestellt, um mit besserer Besatzung den angeschlagenen Kahn wieder aufzupolieren. Doch das Geld ist ausgegeben und der Kahn mit seinen rostigen Flecken schlingert immer noch weit hinter den Luxus-Linern aus München und Dortmund hinterher.

Über 20 Jahre ist es her, dass die Hertha in der Champions League gegen Barcelona spielte. In der Elf von Trainer Jürgen Röber spielten damals unter anderem Andreas Thom, Dariusz Wosz, Marco Rehmer und das Jogging-Hosen Idol Gábor Király hütete das Tor. Im heimischen Olympiastadion rangen sie der Elf aus Barcelona ein achtbares 1:1 ab. Das ist beachtlich, wurde diese doch von Luis van Gaal, dem jetzigen Nationalmannschaftstrainer der Niederlande, gecoacht.

Nur zweimal gelang der Hertha seitdem noch eine Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Diesen beiden Teilnahmen standen aber auch zwei Abstiege in die 2. Bundesliga gegenüber: 2010 und dann 2012, wobei jeweils unmittelbar der Wiederaufstieg gelang. In der Gesamtheit betrachtet ergibt sich also ein Mittelmaß in den letzten 20 Jahren.

Mit Beginn der Zusammenarbeit 2019 zwischen dem Investor Lars Windhorst und Hertha BSC begann dann eine wilde Odyssee, welche den bis dato ruhig dahintuckernden Dampfer zwischen höchsten Ansprüchen und rauer Wirklichkeit, zwischen barfuss oder Lackschuh, durch rasende Stromschnellen führte. „Big City Club“ sollte die Hertha werden. Man schielte nach England und Spanien und hatte die Vision, dass es Zeit wäre für Berlin, einen wirklich großen Club zu haben. Es kam Trainer Jürgen Kliensmann, der Macher des Sommermärchens 2006 „als Teil des spannendsten Fußballprojektes in Europa“, wie es hieß,  durch die Drehtür und war nach vier Monaten wieder weg. Er hinterließ bei seinem fluchtartigen Abschied ein Donnergrollen im Verein mit seinen Äußerungen über die Unfähigkeit in der Vereinsführung. Was nun folgte, war ein stetiger Wechsel bei Trainern und Funktionären. So kam Fredi Bobic Anfang Juni 2021 als neuer Geschäftsführer Sport. Er wurde als Ersatz für den gerade bei Spielerneuverpflichtungen glücklos wirkenden Michael Preetz geholt. Bis jetzt ist es Bobic in seiner ersten Saison im Verein aber noch nicht gelungen, den Kurs der Hertha in ein ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Meist kurz vor den Abstiegsplätzen liegend, wurde zweimal in dieser Saison der Trainer gewechselt, um dem Abstiegsstrudel zu entgehen und nun nach einem unerwarteten Sieg der Hertha, meldet sich der Investor zur Wort. Sein Unmut ist nachvollziehbar. Er erwartet für seine Investitionen Ergebnisse. Stellen sich diese nicht ein, möchte er die Geschicke seines Vereins mitlenken, um zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen. Der Wunsch nach Mitbestimmung ist jedoch meist vergebens. Zumindest in Deutschland durch die rechtlich geltende 50 plus eins-Regelung, nach der Kapitalgeber nicht mehr als 49 Prozent Anteil an einem Verein haben dürfen. Investoren haben es sowieso nicht leicht im Fußball. Einerseits sind sie meistens bei den Fans unbeliebt, da sie mit ihrem Wirken nur zu sehr verdeutlichen, dass sich der Fußball zu einem Geschäft gewandelt hat. Andererseits, da nun mal Geld keine Tore schießt, ist der Erfolg ihrer Investition nicht planbar. Da ist Lars Windhorst nicht der einzige, der unzufrieden mit den Ergebnissen seines Investments ist. So rastete der Besitzer des französischen Fußballclubs Paris Saint Germain Anfang März dieses Jahres nach dem Ausscheiden seines Clubs aus der Champions League in den Kabinen des Stadions aus. Es gab diverse Handgemenge, Drohungen und Mobilar wurde zerschlagen. Seit über 10 Jahren wartet er vergebens darauf, dass sein Club die Champions League gewinnt …

Der Hertha bleibt zu wünschen, dass die Klippe des Abstiegs umschifft wird, damit in der nächsten Saison der Dampfer in sportlich ruhigeres Fahrwasser zurückfinden kann. Auch eine gewisse Professionalität der Verantwortlichen seitens des Vereins und des Investors im Umgang und in der Kommunikation wären sicherlich dafür hilfreich.

Ob nun die Investitionen vergeudet wurden oder nicht, Fakt ist: Hertha BSC steht (noch) da, wo Vereine wie Schalke 04, der Hamburger Sportverein oder Werder Bremen nur zu gern sein würden.

Der Vereinsname „Hertha“ geht auf eine Fahrt der Vereinsgründer 1892 mit einem gleichnamigen Dampfer zurück. Zum 130. Jubiläum der Vereinsgründung am 25. Juli 2022 ist geplant, das restaurierte Schiff wieder zu Wasser zu lassen.

Steffen Dobrusskin

 

88 - Frühjahr 2022
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