Berliner Plätze: Der Arnswalder Platz

Berliner Plätze: Der Arnswalder Platz

Gigantischer Brunnen mit Figuren aus rotem Gestein [Foto: Berlin vis-à-vis]

Was wäre eine Stadt ohne ihre Plätze? Manche sind groß, manche klein. Manche berühmt, manche unbekannt. Sie sind quirlige Touristenattraktionen oder lauschige Rückzugsorte für die Stadtbewohner. Plätze in der Stadt haben ihre Geschichte und kleinen Geheimnisse, die es zu ergründen lohnt. Diesmal: der Arnswalder Platz

Das Bötzow-Viertel in Prenzlauer Berg liegt – und das ist wohl einzigartig in Berlin – zwischen zwei Brunnen. Der ältere, an der Westspitze, ist der Märchenbrunnen – eine Anlage voller Märchenfiguren. Er wurde 1913 eröffnet. Der damalige Stadtbaurat inspizierte den Ort und sah die vielen Kinder, die dort spielten. Das gab den Ausschlag. Der andere, eigentlich Fruchtbarkeits-Brunnen, aber von den Berlinern immer schon Stierbrunnen genannt, steht an der Südwestseite auf dem Arnswalder Platz.

Dass Berlin sich heute mit den riesigen Fruchtbarkeits-Stieren schmücken kann, hat es einer Geschichte zu verdanken, die weit über die Stadtgrenzen in ein fernes Land führt. Sie beginnt, als ausgewanderte Deutsche in Argentinien Anfang des 20. Jahrhunderts zum Dank an die neue Heimat beschlossen, Buenos Aires ein Monument zu schenken. Künstler aus der alten deutschen Heimat sollten das Monument erschaffen. Die Emigranten wählten den Weg des Preisausschreibens, das mit 8 000 Reichsmark für den ersten und immerhin noch 2 000 für den vierten Platz für damalige Verhältnisse nicht schlecht dotiert war. 150 Arbeiten gingen ein, die 1910 im Haus der Berliner Sezession präsentiert wurden. „Den stärksten plastischen Eindruck“, schrieb damals ein Kritiker, „wahrt ohne Zweifel Hugo Lederer.“ Aber Lederer, einer dem Großbürgertum zugeneigter bedeutender Bildhauer der damaligen Zeit, belegte mit seinen Entwürfen nur den vierten Platz und erhielt keinen Zuschlag für Buenos Aires, was sich für Berlin und den Arnswalder Platz noch als Glücksfall herausstellen sollte.

Der Arnswalder Platz aber, benannt nach der Stadt Arnswalde, die einmal in der deutschen Provinz Pommern lag und seit 1945 Choszczno heißt, blieb zunächst weiter schmucklos. Der Landschaftsgärtner Hermann Mächtig hatte den Platz im Zuge der Bebauung des Bötzow-Viertels zwischen 1900 und 1904 entworfen, 1902 erhielt er seinen Namen, den er mit ein paar Unterbrechungen heute wieder trägt. Das ist bemerkenswert, denn viele der Straßen um ihn herum wurden zu DDR-Zeiten zu Ehren deutscher Antifaschisten umbenannt. Vielleicht profitierte der Platz aber auch nur von dem seltsamen Umstand, dass er von 1974 bis 1995 gar keinen Namen trug, weil auf ihm einfach niemand wohnte und er damit keine postalische Bedeutung besaß.

Hugo Lederer verstand sich gut mit dem Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß. Der veranlasste 1927 seinen Magistrat, Lederers Projekt zu kaufen. Er wollte den Brunnen auf dem Baltenplatz aufstellen lassen, dem heutigen Bersarinplatz in Friedrichshain. Der aber war zu klein für das Monument. Dann kam die Wirtschaftskrise und die Stadt war in chronischer Geldnot. Lederer ließ nicht locker. Die Steinmetzarbeiten im sächsischen Steinbruch bei Rochlitz, wo das Porphyr abgebaut wurde, das er für sein Monument ausgesucht hatte, wurden 1931 abgeschlossen. Der clevere Lederer ließ, um den Handlungsdruck zu erhöhen, die fertigen rötlichen Steine 1932 für die Ufa-Tonwoche filmen. Erfolgreich. Ein Jahr später bewilligte der Senat die Mittel für die Aufstellung des Stierbrunnens. 1934, ein Vierteljahrhundert nach Lederers Entwurf für Buenos Aires, kamen 300 Kubikmeter behauener Steine aus dem sächsischen Rochlitz nach Berlin und wurden auf dem Arnswalder Platz zusammengefügt.

Zu Füßen der fünf Meter hohen Tiere sitzt neben einer Schnitterin, einem Fischer und einem Schäfer auch eine Mutter mit Kind – eben rundum ein Fruchtbarkeitsbrunnen. Die meisten Kinder im Bötzowviertel werden vermutlich seither im Sternzeichen des Stieres geboren. Das war schon früher so, als Pärchen abends auf den Parkbänken bei einer Flasche Rotwein kuschelten, „Stierblut“, der kam aus Ungarn und war beliebt.

Zu DDR-Zeiten gab es am Platz ein Restaurant, das hieß – wie auch sonst? – „Zum Stierbrunnen“ und war mit seiner gutbürgerlichen Küche, Schnitzel, Gulasch, Schweinebraten, gut besucht. Nach der Wende ist es pleite gegangen. Heute führt um die Ecke Christof Krapf seit 23 Jahren ein Restaurant, das „Chez Maurice“ heißt. Bei ihm gibt’s Weinbergschnecken, Entenstopfleber oder Lammkarree. Einer der Stammgäste ist Angela Merkel, die immer mal wieder mit Gästen vorbeischaut. Die Kanzlerin liebt Französische Blutwurst mit Rotweinapfel und Kartoffelpüree. Ist ja auch irgendwie Hausmannskost. Das Rinderfilet im „Chez Maurice“ kommt übrigens aus Argentinien – wie einst die Idee, die uns die Stiere nach Berlin brachte.

Thomas Leinkauf

 

83 - Sommer 2020
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