Berliner Plätze: Der Breitscheidplatz

Blick auf den Breitscheidpatz mit den neuen Hochhäusern Upper West und Zoofenster [Foto: YoPho/shutterstock.com]

Was wäre eine Stadt ohne ihre Plätze? Manche sind groß, manche klein. Manche berühmt, manche unbekannt. Sie sind quirlige Touristenattraktionen oder lauschige Rückzugsorte für die Stadtbewohner. Plätze in der Stadt haben ihre Geschichte und kleinen Geheimnisse, die es zu ergründen lohnt. Diesmal: der Breitscheidplatz

Berlin ist eine Stadt mit zwei Herzen. Das eine schlägt im Nordosten, auf dem Alexanderplatz. Das andere pulsiert im Westen, rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und das Europacenter, zwischen Tauentzien und Bikinihaus. Das östliche Herz ist nach einem russischen Zaren benannt und auch das westliche war lange dem Adel verpflichtet, hieß Auguste-Victoria-Platz. Auguste Victoria war die Gemahlin Kaiser Wilhelms II. Anders als der Kaiser war sie beliebt bei den Berlinern, eine Landesmutter mit viel sozialem Engagement. Aber ihren Platz verlor sie dennoch, der ist seit 1947 nach dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid benannt, der gegen Hitler kämpfte und im KZ Buchenwald starb.

Aber nach dem Krieg war es auch erstmal vorbei mit der Herrlichkeit des Platzes. Die imposante Kirche war bombardiert, die beiden Romanischen Häuser, die sie einst einrahmten, lagen in Schutt und Asche. Nur die Kirche, in Teilen wieder auf- und neu gebaut, erinnert noch daran, dass das westliche Herz der Stadt schwer getroffen war. Drumherum begannen bald schon erfolgreich Wiederbelebungsversuche und so geht das bis heute. Mitte der Sechzigerjahre entstand auf dem Platz das Europacenter, genau dort, wo sich in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts Schriftsteller, Theaterleute, Künstler und Journalisten im legendären Romanischen Café trafen. „Die nimmermüde Drehtüre an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche steht nie still und wirft immer wieder Gäste von der lärmenden Straße in das ruhige musiklose Café“, beschreibt ein Beobachter die Atmosphäre. „Hier hocken sie an den kleinen, runden Marmortischen, lesen unzählige Zeitungen und diskutieren von Laotse übers moderne Theater bis zur neuesten Verkehrsverordnung, treten den weichlichen Literatenklatsch breit und kommen sich trotz Sorgen doch als etwas Besonderes vor.“

Nach dem Krieg betrieben auf der von Trümmern befreiten Brache fast zwei Jahrzehnte lang Catcher, Zirkusleute und Missionare ihr Geschäft, Behelfsbauten, Imbissbuden und vorübergehend ein Kino mit erotischen Unterhaltungsfilmen buhlten um Kunden. Solche tristen Orte gab es einige in der Nachkriegsstadt. Aber während der Potsdamer Platz im Schatten der Mauer dahindämmerte, sollte das Europacenter auf dem Breitscheidplatz das neue Wahrzeichen West-Berlins werden und der Welt zeigen, dass die westliche Stadthälfte lebt. Als es 1965 eröffnet wurde, war es ein Gebäude der Superlative: ein Gebäudekomplex aus Glas und Stahl, 80 000 Quadratmeter Gesamtfläche mit zwei Innenhöfen, einem Kinogebäude, einem Hotel, einem Appartementhaus und dem schlanken kastenförmigen Büroturm mit 86 Meter Höhe. Ein paar Jahre war das Europacenter mit dem Mercedes-Stern auf dem Dach das höchste Haus in Berlin.

Inzwischen wirkt das einst so stolze Europacenter mit seinen Geschäften ein wenig angestaubt und an dem Tag, als wir es besuchen, auch nicht besonders stark frequentiert. Der Verkäufer im Waffenladen langweilt sich an der Eingangstür. In einem Miniaturengeschäft bemalt ein Junge einsam kleine Fantasy-Figuren. Die „Kartoffelkiste“ wirbt mit Schmankerl Schäufle und das „Bit Stop“ lädt zwischen Waxing und Friseur auf ein deutsches Bier ein. Ein Schuhputzer aus Osteuropa hat seinen Stand aufgebaut, findet aber kaum Kunden. Ein Schnellzeichner breitet seine Blätter auf dem Boden aus. Wenigstens im Café in dem lichten überdachten Innenhof wirkt das Europacenter nicht aus der Zeit gefallen.

Nach dem Mauerfall musste sich die City West mit ihrem zentralen Platz neu erfinden. Berlins Mitte, die bis dahin im Osten lag, wurde attraktiv. Die Gegend um den Hackeschen Markt war hipp, der Prenzlauer Berg das neue Mekka. Seitdem ist rund um den Breitscheidplatz ein Menge passiert. Der den Platz von der Budapester Straße trennende Straßentunnel wurde 2006 zugeschüttet. Der Platz erhielt neue Leuchten, wurde neu gepflastert und beleuchtet. Das den Platz von der Kantstraße abschottende Schimmelpfennighaus wurde 2013 komplett abgerissen. Dafür entstanden das 119 Meter hohe Zoofenster an der Westkante des Platzes und das benachbarte ebenso hohe Upper West – neue Wahrzeichen der City West.

An der Nordseite des Platzes wurde zwischen 2010 und 2014 das sogenannte Bikinihaus aufwendig erneuert. Der Name soll aus seiner Entstehungszeit stammen. In den 1950-Jahren wurde dort – eine Gedenktafel erinnert daran – an 700 Nähmaschinen Damen-Oberbekleidung produziert, vielleicht ja auch Bikinis. Wahrscheinlich aber leitet sich der Name vom ursprünlichen Luftgeschoss ab, das die Verkaufsetagen von den Produktionsstätten trennte und der Architektur eine zweiteilige bikiniähnliche Struktur gab. Heute kann man dort auf zwei Etagen in schicken Läden zeitgemäß shoppen, entspannt schlemmen oder einfach einen Drink nehmen. Den Blick durch große Panoramafenster oder von der Terrasse in die Gehege des dahinter liegenden Zoos gibt‘s gratis dazu.

Am 19. Dezember 2016 blieb das Herz des Breitscheidplatzes stehen. Ein Lkw steuerte aus Richtung Bahnhof Zoo auf den gut besuchten Weihnachtsmarkt, der traditionell rund um die Gedächtniskirche stattfand. Er pflügte durch die Menschenmassen und Buden. Elf Menschen starben bei dem Anschlag, 55 wurden verletzt. Seitdem gehört der Terror zur Geschichte des Platzes.

Thomas Leinkauf

80 - Herbst 2019
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