Ein Quartier fur die Berliner und die ganze Welt

Blick vom Peter-Behrens-Bau in Richtung Berlin-Mitte [Foto: Ina Hegenberger]

Einst weltbekannt als Industriestandort, steht Oberschöneweide heute wieder für die Entwicklung neuer leistungsstarker und innovativer Stadtquartiere. Eine herausragende Rolle spielt das Quartier „Behrens-Ufer“, ein  historischer Gewerbestandort, den die Unternehmensgruppe DIEAG derzeit entwickelt. Berlin vis-à-vis sprach mit den Unternehmens-Vorständen Thomas Mohr und Robert Sprajcar.

Ihr Unternehmen entwickelt seit 2015 erfolgreich große Bauprojekte bis hin zu ganzen Stadtquartieren. Welche Philosophie verfolgen Sie?

Thomas Mohr: Wir entwickeln Projekte und betreiben diese nachhaltig unter strikter Einhaltung der ESG-Norm. Die Einhaltung der ESG-Kriterien – E steht für Umwelt, S für Soziales und G für eine gute Unternehmensführung – ist ein wesentliches Merkmal unserer Unternehmensphilosophie sowohl nach außen, auf alle unsere Immobilien-Projekte bezogen, als auch in Bezug auf die Unternehmensführung. Das Miteinander motiviert unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark.

Robert Sprajcar: Dabei sind wir nicht ESG-konform, weil es gerade en vogue ist. Diesen Status kann man heute relativ schnell mit Greenwashing erreichen. Das lehnen wir ab. Wir gehen noch viel weiter und nehmen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung bei der Entwicklung des „Behrens-Ufer“ streng beim Wort, und zwar bis in die Details. Gerade weil es sich hierbei um eine so komplexe Quartiersentwicklung handelt, haben wir die Möglichkeit, ganz neue Maßstäbe zu setzen – mit einem strategischen ganzheitlichen Ansatz: Wir bauen, entwickeln und halten die Immobilie. Das heißt, wir behalten die Verantwortung.

Mit dem Behrens-Ufer in Oberschöneweide, einem der einst bedeutendsten Fabrikquartiere Deutschlands, realisieren Sie ein wichtiges Berliner Bauprojekt. Die ersten Elektro-Autos wurden an diesem Ort gebaut. Der große historische Wert des Areals ist für Sie sicher auch mit großer Verantwortung verbunden.

Robert Sprajcar: Die große Verantwortung besteht unter anderem darin, dass wir neben dem Peter-Behrens-Bau vier weitere Gebäude auf dem Gelände denkmalgerecht sanieren und einer neuen Nutzung zuführen. Darunter befindet sich auch ein Häuserkomplex aus der DDR-Zeit, in dem Fernsehelektronik hergestellt wurde. Mehr als 30 Prozent der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Unsere kulturhistorische Verpflichtung sehen wir darin, diese besonderen Bauten wieder in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Thomas Mohr: Es bestimmt den besonderen Charme des Areals: Neu trifft auf alt. Die industrielle Fertigung, die hier stattgefunden hat, soll weiter erlebbar gemacht und kann sogar weitergeführt werden. Zum Beispiel sind die Gebäude von ihrer Ursprungsnutzung her für hohe Traglasten ausgestattet, die solche Zwecke zulassen würden.

Was genau beinhaltet das Entwicklungskonzept?

Robert Sprajcar: Der Flächennutzungsplan sieht einen reinen Gewerbestandort vor und kein Wohnen. Wir standen am Anfang vor der großen Frage, wie bespiele ich ein Gelände, auf dem 230 000 Quadratmeter Mietfläche entstehen? Ein reiner Bürostandort kam nicht infrage, nicht zuletzt aufgrund der historischen Bedeutung des Geländes für das gesellschaftliche Umfeld. In Abstimmung mit dem Bezirk haben wir ein Konzept für ein einzigartiges urbanes Quartier entwickelt. Anfangs war das Bezirksamt skeptisch und sehr zurückhaltend. Verständlich, denn die Erfahrungen mit den Vorgänger-Investoren waren nicht die besten. Mittlerweile haben wir ein sehr gutes Verhältnis und arbeiten eng zusammen.

Wie können die Berliner sich diesen Ort künftig vorstellen?

Robert Sprajcar: Es wird ein Ort sein, zu dem die Leute gern hinkommen, die Anwohner, die Berliner aus anderen Bezirken, Besucher aus ganz Deutschland und bestenfalls aus der ganzen Welt. Das mag etwas hochgegriffen klingen, aber das Behrens-Ufer ist ein einzigartiges Entwicklungsareal, eines der größten in Berlin, in der einzigen Metropole Deutschlands. Wir wollen das nachhaltigste, innovativste Gelände der Welt schaffen, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, einen Ort, an dem Kunst und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zusammentreffen. Über allem steht Nachhaltigkeit: Auf dem Gelände, wo einmal 10 bis 12 Tausend Menschen arbeiten werden, soll künftig mehr grüne Energie erzeugt als verbraucht werden. Das Energiekonzept sieht eine Kombination aus Tiefengeothermie, Sonnenenergie und Wasserkraft vor. Die neuen Gebäude werden weitestgehend in Holzhybrid-Bauweise errichtet, mit wasserführenden Lehmdecken anstelle von traditioneller Heizung oder Kühlung sowie vollständig begehbaren Dachgärten.

Thomas Mohr: Es wird sogar eine eigene Biogasanlage geben, in der alle Abfälle, die auf dem Gelände und in der Gastronomie anfallen, verwertet werden. Das Energiekonzept ist der Pulsschlag für das Behrens-Ufer: komplett nachhaltig und CO2-neutral im besten Sinn.

Wer werden die künftigen Mieter sein?

Robert Sprajcar: Wir bieten Unternehmen eine Plattform, Zukunftsvisionen mit uns weiterzuentwickeln. Der Standort ist für Startups besonders interessant. Es könnten Unternehmen und Forschungslabore sein, die beispielsweise neue pflanzliche Lebensmittel entwickeln und eine vegane Ernährung vorantreiben – alles was der Umwelt zugutekommt. Wir denken an ein Kunsthaus und sind bereits mit einem der wichtigen Galeristen der Stadt im Gespräch, ebenso interessieren sich Filmproduktionsfirmen und Filmhochschulen für den Standort. Wir sind mit interessanten Gastronomen im Gespräch. Denn Systemgastronomie wird es hier nicht geben, sondern einen berlintypischen Style. Ein fester Bestandteil soll Urban Farming sein. Die DIEAG ist zehntgrößter Immobilienentwickler in Deutschland im Bürobereich. Wie gelingt es Ihrem Unternehmen angesichts momentaner allgemeiner Engpässe, Planungssicherheiten zu gewährleisten – oder trifft es nur die Kleineren?

Thomas Mohr: Es trifft nicht nur die Kleinen. Aber was Planungssicherheit angeht, verfolgen wir ein Team-Konzept, das heißt, wir gehen Kooperationen mit festen Partnern ein. So arbeiten wir konsequent mit dem großen Bauunternehmen Ed. Züblin AG zusammen. Der Generalunternehmer sitzt von Anfang an mit uns an einem Tisch. Wir haben Kapazitätszusagen und können uns auf eine Preissicherheit verlassen, um in unseren Budgets zu bleiben. Ich denke, das unterscheidet uns von anderen Entwicklern, dass wir bereits in der Planungsphase den Generalunternehmer mit dabeihaben.

Robert Sprajcar: Aus meiner Erfahrung als Anwalt für Baurecht habe ich gelernt, dass Bauverzögerungen meistens durch unkoordiniertes Planen entstehen. Züblin kann aufgrund seiner Marktstärke die Lieferengpässe besser überbrücken. Sicherlich trifft es an dieser Stelle eher die Kleineren als einen Weltkonzern, der breiten Marktzugang hat.

Oberschöneweide liegt am Stadtrand Berlins. Trotzdem wird dem Stadtteil eine blühende Zukunft bescheinigt nicht nur als Wissenschafts- und Technologiestandort, sondern auch als lebendiges urbanes Viertel.

Robert Sprajcar: Der Fokus hat sich durch den neuen Flughafen verändert. Oberschöneweide ist ein gewachsener Standort, einst einer der größten innerstädtischen Industriestandorte Europas. – Ein großer Vorteil gegenüber Adlershof, der vielmehr aus der Retorte entstanden ist. – Die angrenzenden Stadtteile Treptow und Köpenick bieten eine tolle Wohnqualität. Hier werden die meisten neuen Wohnungen gebaut.

Die Erreichbarkeit könnte aber besser sein …

Thomas Mohr: Die Anbindung über die Spree müsste verbessert werden. Da die Realisierung einer neuen Brücke sich noch lange hinziehen kann, kam uns die Idee einer Seilbahn über die Spree von unserem Gelände rüber bis zur S-Bahn. Ein enorm effizientes und energiesparendes Verkehrsmittel.

Geben Sie uns bitte eine kurze Prognose zur Entwicklung Berlins aus Immobilien-Expertensicht.

Robert Sprajcar: Berlin ist als Unternehmensstandort und als Bürostandort stark gefragt, auch international. Ein Beispiel ist die Ansiedlung von Tesla. Es wird weiter in diese Richtung gehen. Es gibt eine starke Startup-Szene. Und die Kreativen im Automobilbereich wollen nicht in Ingolstadt sitzen, die wollen in Berlin sein. Man muss die Wohnungsthematik besser angehen. Nicht über Enteignung und Mietpreisbremse, sondern im Dialog mit großen Entwicklern – wie wir einer sind. Wir haben Ideen und Ansätze und sind für einen besseren Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft immer zu erreichen.

Thomas Mohr: Für Immobilieninvestments ist Berlin immer noch der spannendste Markt in ganz Deutschland. Das Wohnen wird sich stark ins Umland verlagern. Berlin hat in der Hinsicht viel nachzuholen, das Umland einzubetten, wie es in Städten wie Frankfurt, München oder Paris und London längst normal ist, dass die Leute von außerhalb zur Arbeit anreisen.

Ihre Unternehmensgruppe ist wachstumsstark und erweitert Ihr Portfolio. Wo soll es langfristig hingehen?

Thomas Mohr: Wir wollen weitere Fonds mit dem Schwerpunkt Mietwohnungsbau auflegen, damit verfolgen wir natürlich den Markttrend. Dafür entwickeln und bauen wir weiter.

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger

88 - Frühjahr 2022
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