ich habe an diesen Standort von Anfang an geglaubt

ich habe an diesen Standort von Anfang an geglaubt

Ekkehard Streletzki [Foto: Ina Hegenberger]

Auf Reisen in den USA kam Ekkehard Streletzki die Idee, ein riesiges Hotel in Berlin zu errichten. In diesem Jahr wurde Deutschlands größtes Hotel: das Estrel – ein Akronym seines Namens – 25 Jahre alt. Zur Zeit baut das Familienunternehmen einen großen Bürokomplex an der Spree und entwickelt einen Hotel-Turm. Berlin vis-à-vis sprach mit dem Unternehmer.

Sie haben vor 25 Jahren im Berliner Problemkiez Neukölln Deutschlands größtes Hotel gebaut und es nach sich selbst benannt. Wie hat Ihr Umfeld damals auf Ihre Pläne reagiert?

1991 habe ich das Grundstück an der Sonnenallee gekauft, um darauf meine Vision eines Großhotels zu verwirklichen. Damals gab es viele Kritiker, die das Projekt für verrückt hielten. Von 100 Leuten, die ich um ihre Meinung bat, war nur einer dabei, der mir zuriet und meinte, dass er sich das Projekt gut vorstellen könne. Aber ich habe an diesen Standort von Anfang an geglaubt. Von den USA habe ich gelernt, dass große Hotels nicht unbedingt direkt im Zentrum liegen müssen, sondern vor allem über eine gute Verkehrsanbindung verfügen sollten. Somit haben wir dann 1994 das Estrel eröffnet, 2000 war es schon das umsatzstärkste Hotel Deutschlands.

Durch die spätere Erweiterung um das Kongresszentrum für 6 000 Personen haben Sie große Konzerne zu Tagungen und Sport- und Fernsehveranstaltungen nach Berlin geholt, was sich als Erfolgsmodell erwies. Wie konnten Sie sich so sicher sein?

Die Nachfrage nach Kongressflächen ist generell groß – auch bedingt durch die Schließung des ICC. Berlin baut jedes Jahr seine Position als einer der international führenden Standorte für Tagungen und Kongresse weiter aus. Wir möchten mit dem Estrel aktiv dabei helfen, dass Berlin als Kongress-standort an der Weltspitze mitspielt. Bei uns finden Kongressplaner alles unter einem Dach: Eventflächen, Hotelzimmer, Gastronomie und Rahmenprogramme für den Abend im hauseigenen Showtheater.

Neukölln hat in den letzten Jahren eine Wandlung durchgemacht. Trotzdem gibt es Problemkieze und soziale Brennpunkte. Wie schätzen Sie die Entwicklung des Bezirks ein? Was sind die größten Schwachpunkte?

Der Neuköllner Kiez hat es 2018 unter die Top 10 der angesagtesten Viertel der Welt geschafft! Das sagt ja schon ziemlich viel über die Entwicklung des Bezirks. In den Seitenstraßen eröffnen jede Woche neue Läden, extravagante Geschäfte, hippe Cafés, Szene-Restaurants und Bars. Der Bezirk hat sich in den letzten Jahren zum „Place to be“ für viele junge Menschen sowie Gäste aus der ganzen Welt entwickelt. Aber wie in jeder anderen Metropole gibt es auch Ecken, die weniger schön sind. Zudem treffen hier unterschiedliche soziale und kulturelle Milieus aufeinander, was nicht immer konfliktfrei verläuft.

Sie bauen derzeit einen riesigen Bürokomplex an der Rummelsburger Bucht mit direkter Wasserlage. Wer werden die künftigen Nutzer sein?

Wir bauen hier einen der größten Bürostandorte Berlins. Das über 47 000 Quadratmeter große Gebäude bietet Platz für 3 000 Arbeitsplätze – vom Start-up bis hin zu großen Firmenrepräsentanzen. Mit einem internationalen Logistikkonzern wurde ein großer Ankermieter gefunden. Auf über 12 000 Quadratmetern Fläche wird die Digitalsparte des Unternehmens einziehen. Auch wird ein renommierter Co-Working-Space-Anbieter einziehen. ­Ab November 2020 wird ein Edeka-Markt auf über 1 400 Quadratmetern Verkaufsfläche den Kiez mit Lebensmitteln versorgen. Ein Food-Court, ein Café und ein Fitnessstudio runden das Angebot ab.

Was planen Sie als Nächstes?

Derzeit laufen alle Planungen und Vorbereitungen, um im Frühjahr den Baubeginn des Estrel Towers einzuleiten. Mit 175 Metern Höhe und 814 Zimmern wird dies zukünftig Deutschlands höchstes Hotel. Parallel dazu erweitern wir das ECC (Estrel Congress Center) um 3 500 Quadratmeter Veranstaltungsfläche. In dem Neubau entlang der Ziegrastraße entstehen zwölf neue Eventräume mit modernster Technik ausgestattet. Aber das Kernstück wird ein Auditorium für 900 Personen, das sowohl für Tagungen und Kongresse als auch als privates Kino oder für kleine Konzerte gebucht werden kann.

In Berlin boomt die Wirtschaft. Und die Immobilienpreise steigen weiter. Wie beurteilen Sie die Entwicklung für das Leben in der Stadt?

Berlin wird sich weiterhin großartig entwickeln. Ich glaube jedoch, dass sich der Immobilienpreisanstieg – auch ohne staatliche Sondermaßnahmen – beruhigen wird. Es gilt aber zu bedenken, dass Berlin nach der Wende von einem – für eine Weltstadt – besonders niedrigen Niveau gestartet ist. Selbst mittlere Großstädte in Europa, wie Mailand oder Barcelona, haben ein viel höheres Mietniveau. Da muss man nicht nur London oder Paris als Vorbilder nehmen.

Welche Plätze in Berlin schätzen Sie besonders?

Ich liebe im Grunewald die Gegend um den Hagenplatz. Aber es gibt auch so viel Interessantes in den einzelnen Bezirken zu entdecken. Am Wochenende bin ich mit meiner Frau oft auf Entdeckungsreise.

Sie kommen viel in der Welt herum. Wie ist Ihre Sicht auf Berlin als Unternehmer und Hotelier, verglichen mit anderen großen Städten?

Berlin hat viel zu bieten, der Tourismus boomt – das ist toll – aber auf einem erschreckend niedrigen Hotelpreisniveau. Mich wundert, dass nach wie vor Hotels gebaut werden; hoffentlich kommt da keine Krise.

Mit 78 sind Sie noch unternehmerisch aktiv. Wie lang ist Ihr Arbeitstag?

Ich reise sehr viel; diese Freizeit nehme ich mir heute. Es geht uns gesundheitlich sehr gut, hoffentlich bleibt dies noch ein paar Jährchen.

Wie halten Sie sich so fit?

Zweimal wöchentlich gehe ich drei bis fünf Kilometer joggen. Danach mache ich Stretchübungen sowie Liegestützen – und dies seit 40 Jahren.

Denken Sie schon übers Kürzertreten nach?

Nein, ich hoffe, noch länger so weiterzumachen; es macht mir ja nach wie vor Spaß.

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger

 

80 - Herbst 2019
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