Sah ein Vogel die Glasfassade nicht …

Fünf bis zehn Prozent aller im Laufe eines Jahres vorbeifliegenden Vögel sterben in Deutschland infolge von Kollisionen mit Glas [Fotos: Berlin vis-à-vis]

Großflächige Transparenz und spiegelnde Glasfassaden gehören zu den Hauptmerkmalen zeitgenössischen Bauens. Berlin ist davon besonders geprägt. Was für Flaneure faszinierend und urban wirkt, wird für Vögel zur Todesfalle. Dieser Aspekt ist bei Behörden, Bauherren und Architekten noch zu wenig bekannt.

Vieles haben wir vermisst in den letzten Monaten. Auch das sorglose Flanieren gehört für viele Berliner dazu. Entlang an historischen Häuserreihen, über Gewässer, hin zu modernen Quartieren, wo Gebäude bis in den Himmel zu reichen scheinen. Die Neubauten bieten starke architektonische Rhythmen, Spiegelungen und Durchblicke, in der Sonne glitzernde Scheiben und in der Nacht durch raffinierte Beleuchtung strahlende Glasfassaden. Letztere sind besonders faszinierend. Sie symbolisieren das, was unsere Sehnsucht nach Großstadt immer befeuert hat: an Häuserschluchten in Manhattan ebenso wie in den neu entwickelten Teilen von Städten wie Berlin.

Und doch haben gerade diese Glasfassaden auch eine dunkle Seite. Sie sind nämlich sehr gefährlich für die Vögel in der Stadt. Diese erkennen die transparenten oder spiegelnden Flächen nicht und fliegen dagegen. Der Aufprall verläuft fast immer tödlich. Fünf bis zehn Prozent aller im Laufe eines Jahres vorbeifliegenden Vögel sterben in Deutschland infolge von Kollisionen mit Glas. Das sind mindestens 100 Millionen Tiere. Diese Zahlen hat die Länderarbeitsgemeinschaft für Vogelschutzwarten für 2017 erhoben. Darunter sind auch viele bedrohte Arten. Es ist ein lösbares Problem, das in der Stadtplanung stärker als bisher berücksichtigt werden muss. Tatsächlich ist das Bewusstsein dafür bisher eher gering.

Dabei ist in Berlin die Artenvielfalt besonders groß. Mehr als die Hälfte aller 250 bekannten Brutvogelarten sind bei uns ansäßig, dazu kommen viele Zugvögel. Insgesamt kommen in Berlin, bedingt durch seine großen Grün-, Wald- und Wasserflächen, rund 220 Vogelarten vor. Besonders prominent vertreten sind Nachtigallen und Spatzen. Außerdem hat die Stadt eine der höchsten Dichten an Habichten weltweit. 33 der hier vorkommenden Arten gelten als „streng geschützt“. Ungefähr vier Millionen dieser Vögel zerschellen jährlich an Berliner Glasfassaden: weil sie dahinter Pflanzen erkennen, die sie ansteuern wollen. Oder weil sie sich von der Spiegelung etwa eines Baumes täuschen lassen und dann gegen die Glasfläche prallen. Besonders fatal sind dabei unter anderem übers Eck reichende, großflächige Verglasungen sowie Fensterflächen in der Nähe von Parks, Grünbereichen oder Wald. Im vergangenen Jahr hat die Naturschutzorganisation BUND die gegenwärtige Gefahr für Stadtvögel durch die Glasfassaden anhand der Situation in Berlin untersucht und in einer Broschüre umfassend dargestellt. „Obwohl dieses Problem durch architektonische Gestaltung und städtebauliche Entscheidungen verursacht wird, gibt es hierzu keine verbindlichen Regelungen in der aktuellen Baugesetzgebung“, heißt es darin. Das stellt sowohl Städteplaner als auch Bauherren vor Schwierigkeiten. Denn selbst wenn sie Rücksicht auf die Problematik nehmen, können sie nicht sicher sein, dass nach einer Bauabnahme Einwände von Naturschutzverbänden ausbleiben. Stattdessen können bei der gegenwärtig unklaren Rechtslage bei jedem Vorhaben aufwändige und womöglich kostenintensive Nachrüstungen eingefordert werden. Es wäre ein vermeidbares Problem. Doch dafür ist Rechtssicherheit notwendig, nicht nur in Berlin.

Bei bestehenden Gebäuden kann die Aufprallgefahr für Vögel mit konkreten Maßnahmen verringert werden. Hier ist es wichtig, geeignete Maßnahmen zu treffen. Aufkleber mit der Silouette von Raubvögeln, wie sie auch von Privathaushalten gerne genutzt werden, sind bei großen Glasgebäuden wirkungslos. Der Vogel weicht dann einfach dem vermeintlichen Hindernis aus und prallt ein paar Zentimeter dagegen an das Glas. Sinnvoll sind durchgängige Streifen- oder Punktemuster, die die transparente oder spiegelnde Fläche für die Tiere erkennbar machen. Neben aufklebbaren Vogelschutzmustern ist etwa der Verzicht auf nächtliche Beleuchtung der Glasfassaden sinnvoll, da diese die Vögel besonders in die Irre führt. In einzelnen Fällen haben Betreiber bereits gehandelt. So wurden etwa in den Marzahner „Gärten der Welt“ sowie am Bundesministerium für Bildung und Forschung in Mitte einzelne Glasfassaden mit speziellen Vogelschutzmustern nachgerüstet.

Gegenwärtig ist Vogelschutz ein fester Bestandteil des Bundesnaturschutzgesetzes. Im Baurecht ist er jedoch nicht geregelt. Vor allem auf Ebene der Stadtplanung fehlt – nicht nur in Berlin – auch ein tiefgreifendes Verständnis für dieses Problem. Auch Architekten sind für diese spezifische Facette des nachhaltigen Bauens oft wenig sensibilisiert. Häufig befürchten sie eher, durch Vorgaben etwa eines sichtbaren Vogelschutzes an einer Fassade im ästhetischen Wirken eingeschränkt zu werden. Eine gesetzliche Grundlage müsste von Stadtplanungs- und Naturschutzbehörden gemeinsam initiiert und von allen Beteiligten getragen werden, damit Vogelschutz gerade in einer expandierenden und durch so spektakuläres wie nachhaltiges Bauen geprägten Stadt wie Berlin zur Norm wird. Ziel wäre es, bereits in Ausschreibungen den Aspekt des Vogelschutzes mitzuberücksichtigen. Bis dahin sind nicht nur die Vogelschützer letztlich auf den guten Willen der Bauherren angewiesen, sondern jeden Tag auch zehntausende Zug- und Brutvögel in dieser Stadt.

Susann Sitzler

 

Information
Die Broschüre „Vogelschutz und Glasarchitektur im Stadtraum Berlin“ ist auf der Website des BUND kostenfrei als pdf erhältlich.

 

82 - Frühjahr 2020
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