Zu diesen Gärten lässt sich aufschauen

Zu diesen Gärten lässt sich aufschauen

Tropisches Pflanzenkunstwerk geschaffen vom in Paris lebenden Botaniker Patrick Blanc: im Kaufhaus Dussmann [Foto: Konstantin Börner]

Vertikale Gärten verbessern Studien zufolge gleichermaßen die Klimabilanz wie die Luftqualität. Und dabei sehen sie noch spektakulär aus. Auch Gemüse lässt sich vertikal anbauen. Berlin hat hier noch viel Potenzial.

Gewöhnlich liegt ein Garten den Menschen zu Füßen, doch es geht auch anders. Die vertikalen Gärten, die mittlerweile auch in Berlin immer öfter zu sehen sind, machen es vor. Ein Beet kann auch senkrecht stehen, im Großen wie im Kleinen.

Ein Pionier auf dem Gebiet in Europa ist der Franzose Patrick Blanc. 1986 wurde eine grüne Wand, die er in Paris projektiert hatte, als Innovation gefeiert. Seither wird er von Architekten und Designern auf der ganzen Welt mit Fassadenbegrünungen beauftragt. In Berlin sind Beispiele seiner Arbeiten in der Friedrichstraße am Galeries Lafayette und im Dussmann-Kulturkaufhaus zu bestaunen. Gerade die Arbeit für Dussmann ist spektakulär. Die Wandbegrünung im Innenbereich erstreckt sich auf 270 Quadratmeter und über fünf Stockwerke. 6 672 tropischen Pflanzen aus 157 verschiedenen Arten wurden verwendet, darunter Philodendron, Clivie, Begonie und Rachenrebe. Am Fuß des vertikalen Gartens gibt es ein großes Wasserbassin mit tropischen Fischen. Direkt am senkrechten Garten kann man dort in besonderer Atmosphäre Kaffee trinken.
Diese spezielle Ausstrahlung der grünen Wände ist es, die immer wieder auch Architekten und Bauleute in ihren Bann zieht. So erging es auch Thomas Gessler. Es war vor zehn Jahren in Spanien, als der deutsche Bauunternehmer auf Patrick Blanc traf. Damals begrünte Blanc gerade das Caixa Forum in Madrid. Gessler war infiziert. Voller Begeisterung legte er später in Berlin in Sachen Wandbegrünung los. Eine Leidenschaft, die bis heute anhält. Gerade der ökologische Wert der vertikalen Begrünung überzeugt ihn. „Wir haben viel zu viele Wände und zu wenig Natur, schon seit Jahrhunderten geht dieser Raubbau an der Natur“, so das Credo von Thomas Gessler. „Wenn immer mehr Flächen bebaut werden, dann muss das Grün aufs Dach und eben an die Wand.“

In Berlin arbeitet er an verschiedenen Systemen, tüftelt und probiert. Denn zwei Dinge sind ihm wichtig, die Technik darf nicht zu kompliziert sein und das Ganze muss sich der Kunde auch leisten können. Nur wenn Gebäudebegrünung nicht zum Luxusgut wird, ergibt sie auch für das Klima und die Luftqualität einen Effekt. Letzteren haben erste wissenschaftliche Studien belegt. Untersuchungen des Instituts für Agrar- und Stadtökologische Projekte der Berliner Humboldt-Universität haben ergeben, dass Gräser und Moose pro Quadratmeter jährlich bis zu 8,8 Gramm Feinstaub und 300 Gramm Kohlendioxid binden.

2015 gründete Thomas Gessler zusammen mit einer Mitstreiterin die Verticalgreendesign GmbH, damals noch als Unternehmensgesellschaft. Seither wurde das Verfahren technisch immer weiterentwickelt. Vor drei Jahren kam dem einstigen Bauunternehmer dann der entscheidende Gedanke: „Warum soll nicht auch in der Senkrechten Erde als Substrat verwendet werden können? Sie ist als natürlicher Nährstoffspeicher seit jeher einfach unschlagbar.“ Die bei anderen Systemen komplizierte Nährstoffzufuhr entfällt. Gerade auch für essbare Pflanzen wie Kräuter, Salat und Erdbeeren ist Erde der perfekte Boden. Das eigene System der Wandbegrünung hat Thomas Gessler mittlerweile zum Patent angemeldet. Darüber hinaus arbeitet die Verticalgreendesign GmbH seit drei Jahren mit der spanischen Firma Terapia Urbana zusammen, die bepflanzbare Spezialvliese herstellt. „Sie werden vor Ort in Modulen verbaut. Die Pflanzen werden mit dem Wurzelballen in Vliestaschen eingesetzt und können auch leicht wieder ausgetauscht werden“, erklärt Thomas Gessler. Ein Manko vertikaler Gärten ist neben dem immer noch relativ hohen Preis der Pflegeaufwand. Man denke nur an die notwendige Bewässerungstechnik. Das alles sind Gründe, warum diese Gartenform noch nicht so verbreitet ist.

Dabei eignet sich eine solche Begrünung sowohl für den Außen- als auch für den Innenbereich. Gerade auch für Büros und Praxen ist die grüne Wand eine nachhaltige Gestaltungsvariante. Sie ist gut fürs Raumklima und wirkt beruhigend auf den Geist. Schon für vergleichsweise wenig Geld kann man sich einen kleinen vertikalen Garten wie ein Bild an die Wand hängen.

Ein neuer Traum von Thomas Gessler sind vertikale Gemüse-Gärten, die er auf dem Tempelhofer Feld aufstellen will. Auf etwa 100 Metern sollen an zwei Meter hohen Gestellen Salat, Erdbeeren und Tomaten wachsen. Man muss sich diesen Garten als eine Art Regal vorstellen, nur dass die Böden Pflanzkästen sind. Zusätzlich sollen auf den Gleisen mehrere Draisinen bepflanzt werden. Dafür gründete er eine eigene gemeinnützige Unternehmensgesellschaft, für die er derzeit Unterstützer sucht.

Karen Schröder

 

85 - Frühjahr 2021
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