Alte Werte in neuem Glanz

Leonard R. Müller ist begeisterter Uhrenliebhaber [Foto: Askania]

Ein Buch kann ein ganzes Leben verändern. Bei Leonhard R. Müller war das so. Mit dem Militäruhrenbuch von Konrad Knierim wuchs in ihm der Wunsch, ein längst vergessenen Industrie-Unternehmen wieder ins Bewusstsein zu holen.

Müller hatte sich schon länger für die Askania Werke mit ihren weltberühmten Uhren und Bordinstrumenten interessiert. Dass sich die ersten Produktionsstätten von Askania in Berlin befanden, war ihm jedoch neu. Damit war die Idee geboren, die Marke Askania an ihren Ursprungsort zu neuem Leben zu erwecken und eine Uhrenproduktion zu entwickeln. Seit 2004 werden wieder in Berlins einziger Uhrenmanufaktur Modelle im traditionellen Askania-Look hergestellt und in den beiden hauseigenen Geschäften am Kurfürstendamm und in den Hackeschen Höfen sowie über Vertragshändler und über den Onlineshop verkauft. „Heute sind die meisten Uhren keine Uhren mehr, sondern Computer am Handgelenk“, beklagt Leonhard Müller, den das Uhrenhandwerk schon immer faszinierte. Für ihn es eine wahre Kunst, die großes Können voraussetzt. Die damaligen Uhrmacher und Feinmechaniker, die in den Askania-Werken arbeiteten, waren hochspezialisiert. Ihr Gründer Karl Bamberg hatte für Carl Zeiss in Jena gearbeitet. Sein Können und seine Fertigkeiten führten dazu, dass die Kaiserliche Marine ihm 1871 den Auftrag erteilt hatte, Schiffsuhren und Kompasse zu bauen. „Auf jedem Schiff standen damals dem Kapitän und seiner Crew drei Uhren zur Verfügung. Mindestens zwei davon mussten die gleiche Uhrzeit anzeigen, diese galt dann als gültige Zeit“, berichtet Müller über das Zeitmesswesen.

Von Beruf Industriekaufmann, machte Müller seine Ausbildung bei Christian Dior und arbeitete über 30 Jahre für Unternehmen in der Schweiz im Marketing und in der Produktentwicklung. Seine große Liebe gehörte schon immer der Uhrmacherkunst. Seine zweite große Leidenschaft ist der Fußball. Viele Jahre war er als Trainer mit DFB-Lizenz im Einsatz. Damals war sein Leitsatz: „An erster Stelle steht die Familie, an zweiter der Beruf und danach folgt das Hobby“.

Heute, selbst Firmeninhaber, ist er davon nicht abgerückt: „Als Unternehmer musst du darauf achten, dass die Mitarbeiter Familie und Arbeit in Einklang bringen können. Nur so kann die Freundlichkeit gewährleistet sein, die in unserer Firma oberstes Gebot ist“, sagt Müller.

Die entspannte Atmosphäre im Betrieb sollen Kunden und Besucher beim Betreten der Läden spüren können. Denn es gehe nicht in erste Linie um die Produkte in den Auslagen, sondern auch um die Geschichte, die die verschiedenen Modelle erzählen. So ist die Kollektion Elly Beinhorn eine Hommage an eine bedeutende Pilotin, Kunstfliegerin und Heldin der Luftfahrt, die im Alter von nur 24 Jahren im Alleingang die Welt umrundete – mithilfe der Bordinstrumente von Askania.

In diesem Jahr wird das 150-jährige Jubiläum des Traditionsunternehmens begangen. Aus diesem Anlass wird es erstmalig zwei Ausführungen der Jahrgangsuhr Quadriga geben, in 42 und 33 Millimeter in limitierter Auflage mit eingravierter Jahreszahl. „Die Quadriga gibt es immer in der Stückzahl, wie Askania alt ist“, so Müller. Außerdem soll zum Jubiläum die Modellreihe Avus wieder neu aufgelegt werden.

Ein besonderes Highlight der Jubiläumsmodelle sind Uhren mit Handaufzugswerk. Dabei handelt es sich um ein historisches Askania-Uhrwerk, das in der Manufaktur veredelt wird.

Eine besondere Kunden-Aktion im 150. Jahr: Interessenten können beim Erwerb einer Jubiläumsuhr ihre alte Uhr mit 300 Euro in Zahlung geben, Vorausgesetzt, das Stück funktioniert noch. Die Aktion gilt für 150 Uhren und startet im September. Die abgegebenen Uhren werden technisch überholt und gehen als Spende nach Afrika.

Und wie geht es nach dem Jubiläum weiter? Müller lächelt: „Positiv“, ist seine Antwort. Ihm fällt immer etwas ein, so ist auch die Idee zum jährlichen Askania Award entstanden. Dieser wurde 2008 zum ersten Mal an Filmproduzent „Atze“ Brauner vergeben. Erste Preisträgerin 2009 war die Schauspielerin Nadja Tiller. Die Nähe zur Prominenz hat ihren Ursprung in der Firma selbst, Askania hat früher auch Filmkameras produziert.

Barbara Sommerer

 

86 - Herbst 2021
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