Keine Berührungsängste mit der Wirtschaft

Birgit Jammes ist bei der Gasag für das Sponsoring zuständig [Foto: Andreas Krone]

Das Berliner Energieunternehmen Gasag unterstützt Sport-, Kultur- und Umweltprojekte in der Stadt: Eisbären, Berliner Opernpreis, eat! Berlin, Kindertheaterpreis, Frau Luna im Tipi, Klimaschulen oder Ökowerk. Berlin vis-à-vis sprach mit Birgit Jammes über Sponsoring und soziales Engagement.

Warum engagiert sich die Gasag in so breiter Front in Berlin?

Breites Engagement passt zu einem Versorger und Energiedienstleister wie uns. Wir fühlen uns mit Berlin und der Vielfalt der Stadt verbunden. Relevante Bereiche, die aus unserer Sicht eine Stadt mit prägen, sind Sport, Kultur und Bildung. Es geht einerseits darum, Leuchttürme zu unterstützen, also beispielsweise erfolgreiche Sportvereine oder Formate mit europaweiter Ausstrahlung wie die Berlin Art Week. Andererseits ist die Gasag aber auch für kleinere, lokal engagierte Akteure ein wichtiger Partner, zum Beispiel die Academy-Bühnenkunstschule oder die Neuköllner Oper. Damit zeigen wir, dass wir uns mit Berlin identifizieren. 

 

Sponsoring heißt – auf eine einfache Formel gebracht: Tue Gutes und rede darüber! Oder Geld gegen Schriftzug? 

Sicher auch Geld gegen Schriftzug, das ist ein Part, der in solchen Kooperationen üblich ist und zur Sichtbarkeit beiträgt. Darüber hinaus suchen wir mit unseren Partnern Themen, bei denen wir etwas ermöglichen können, das es ohne uns nicht geben würde. An der Partnerschaft mit dem Grips-Theater wird deutlich, dass Sponsoring ein kreativer Prozess für beide Partner ist. Mit dem renommierten Haus am Hansaplatz loben wir seit 2005 den Berliner Kindertheaterpreis aus. Das Theater deckte seit jeher ein breites Angebot für junge Berliner ab. Aber es fehlte an Autoren für Kinderstücke. Da kamen wir ins Spiel: ein Unternehmen, das ein bisschen wie eine alte Lady daherkommt – mit mehr als 170 Jahren ist man nicht mehr ganz jung. Wir suchten nach einem Ansatz, ein wenig jünger, aufgeschlossener erscheinen zu können. 

 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Das Grips-Theater stellt für die Entdeckung junger Autoren sein ganzes Know-how zur Verfügung. Ausgewählte Autoren werden zu Workshops mit Regisseuren, Dramaturgen und Schauspielern eingeladen. In Schulklassen können sie ihre Stückideen hinterfragen lassen. Dieser Input führt dazu, dass die Autoren in die Lage versetzt werden, Stücke für Kinder zu schreiben. Durch die kontinuierliche Arbeit gibt es inzwischen eine Handvoll Autoren, die an vielen deutschen Kindertheatern gefragt sind. Ich will auch nicht verhehlen, dass Volker Ludwig, der Gründer des Grips-Theaters, zu Beginn der Zusammenarbeit die Sache skeptisch sah. Kooperation mit der Wirtschaft könne auch bedeuten, dass sie sich überall einmischen will. Heute ist er überzeugt, dass man mit der Wirtschaft keine Berührungsängste haben muss und einen großen Spielraum hat. Dank dieses gemeinsamen Konzepts tragen wir dazu bei, junge Autoren zu fördern und den Spielplan für Kinder und Jugendliche attraktiv und zeitgemäß zu gestalten. Ein gewachsenes Renommee für das Haus ist dabei ein guter Nebeneffekt. Das sind die Geschichten, auf die wir viel Wert legen. In dem Zusammenhang ist es uns wichtig, dass wir mit unserem Logo auf Einladungen, Flyern und Plakaten sichtbar sind. Aber viel wichtiger ist es, der Ermöglicher zu sein, gemeinsam eine Idee zu verfolgen und in gewisser Weise für das Sahnehäubchen auf der Torte zu sorgen. 

 

Die Kultur zu fördern ist vorrangig Aufgabe des Staates. Doch oft hören Kulturschaffende, wenn sie zusätzliche Mittel benötigen: Such dir einen Sponsor. Leisten Sie nicht Vorschub, damit sich der Staat ein Stück aus der Verantwortung stehlen kann? 

Für uns ist es wichtig, den Staat eben nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Er muss die Grundversorgung in diesem Bereich leisten. Wir gleichen keine finanziellen Defizite aus, wir geben Geld für etwas Zusätzliches. Das, was die Gasag ermöglicht, ist sozusagen das schon oben erwähnte Sahnehäubchen oder die Kirsche auf der Torte. Der Berliner Opernpreis, den wir mit der Oper Neukölln ausloben, ist eine ebenso zusätzliche Förderung für junge Künstler. Die Oper existiert auch ohne uns. Auch das Tipi am Kanzleramt steht auf festen finanziellen Füßen, dennoch haben wir die Produktion „Frau Luna“ von Paul Lincke sehr gerne unterstützt, da „Frau Luna“ nun mal zu Berlin gehört und in der zeitgemäßen Inszenierung durch die Bar jeder Vernunft und deren Künstlerinnen und Künstler einfach passt. 

 

Neuköllner Oper, Berlinische Galerie, Grips-Theater und andere sind nicht die ganz großen Kulturadressen in Berlin. Man könnte fast sagen, das sind größere Nischenprodukte. Bringt das der Gasag genug Renommee?

Wir sehen uns eher als Mittelständler und nicht als Global Player; insofern passen die Genannten gut zu uns. Die Staatlichen Museen beispielsweise spielen in einer anderen Liga. Unser Bestreben ist es, nicht die ganz Großen zu unterstützen, sondern den „Mittleren“ zu einer größeren Strahlkraft zu verhelfen. Außerdem haben diese vermeintlich kleineren Projekte sehr schöne Inhalte, die uns gut zu Gesicht stehen.

 

Die Gasag unterstützt andererseits auch Projekte mit großer medialer Wirkung, wie die „Berlin Art Week“, „eat! Berlin“ oder die „Eisbären Berlin“. Solche Highlights wiederum verhelfen der Gasag zu großer Sichtbarkeit weit über Berlin hinaus. In ihrem Sponsoring-Portfolio ist auffällig, dass viele Projekte sich mit der Förderung von Kindern und Jugendlichen befassen. Wollen Sie Ihre Kunden von morgen schon akquirieren?

Wir machen das Sponsoring nicht, um in erster Linie Strom- und Gasverträge zu verkaufen, verstehen unser Engagement als Beitrag unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Da sind wir gewissermaßen ein „Guter Bürger“, der gesellschaftliche Belange ernst nimmt. 

Kinder sind unsere Zukunft – sie sind es, die die Gesellschaft weitertragen werden. Wir wollen dazu beitragen, ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Es gilt, ihnen frühzeitig Dinge an die Hand zu geben, die sie in die Lage versetzen, Zusammenhänge zu erkennen. Das Übernehmen von Mitverantwortung für den gesellschaftlichen Kontext ist zudem etwas, das auch regionale Stakeholder, Kunden und Öffentlichkeit erwarten und honorieren.

 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Vor 15 Jahren haben wir die Academy-Bühnenkunstschule ins Leben gerufen. Ausgangspunkt für diese Gründung waren folgende Gedanken. In dieser schnellen, pulsierenden und vielfältigen Stadt leben junge Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Traditionen. Gibt es eine Möglichkeit, dass sie trotz aller Unterschiedlichkeit freundschaftlich und respektvoll miteinander umgehen und vielleicht sogar voneinander profitieren? Die Academy ist so ein Ort geworden. Hier arbeiten Jugendliche verschiedener Nationalitäten gemeinsam an ihrem Traum. Sie lernen Schauspiel, Tanz und Gesang bei verschiedenen professionellen Dozenten. Handwerk und Technik der einzelnen Disziplinen stehen natürlich im Vordergrund, aber sie lernen auch Menschen kennen, die sie sonst nie kennengelernt hätten. Und vor allem: sie arbeiten gemeinsam für ihr Ziel. 

Das, was hier im Kleinen geschieht, ist ein Beitrag, um die Gesellschaft mitzugestalten. 

 

Auf Ihrem Schreibtisch landen sicher täglich Anfragen hinsichtlich Sponsoring. Welche hat eine Chance?

Ehrlich? Kaum eine. Auf der „imaginären Sponsorenfahne“ der Gasag steht: Langfristigkeit und Nachhaltigkeit. Das heißt, dass wir unseren Partnern Planungssicherheit geben wollen, Projekte weiterzuentwickeln oder verändern zu können. Dafür braucht es vertrauensvolle Zusammenarbeit. 90 Prozent unseres Sponsoren-Budgets sind auf diese Weise gebunden. Also bleibt nur ein geringer Teil für spontane Aktionen. Und die Mittel für Sponsoring steigen auf absehbare Zeit nicht. Andererseits muss es nicht immer eine monetäre Hilfe sein. Das Gorki-Theater suchte für den Schluss seines ungewöhnlichen Projekts „Kollektiver Audiowalk von Rimini Protokoll“ eine Dachterrasse, von der aus man über die Stadt blicken kann. Seit drei Jahren nun ist die Dachterrasse des Gasag-Gebäudes Teil einer Theaterproduktion. 

 

Danke für das Gespräch.

Martina Krüger 

78 - Frühjahr 2019
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