Na dann gute Nacht!

Gut geschlafen? Die Antwort auf die flüchtig dahin gesprochene Frage ist für immer mehr Menschen gleichbedeutend mit Lebensqualität. Schlaflosigkeit ist ein Massenphänomen unserer modernen reizüberfluteten Gesellschaft. In Deutschland soll es etwa jeden Zehnten betreffen.

Erst wenn er fehlt, weiß man den erholsamen Nachtschlaf richtig zu schätzen. Dann suchen immer mehr Menschen Rat. Ganz wichtig dabei ist: Das Bett ist zum Schlafen da, nicht zum Fernsehen, Nachrichten schreiben, auch nicht unbedingt zum Lesen. Dabei gehört das Buch auf dem Nachttisch für viele Leute einfach dazu. Zu aufwühlend darf die Lektüre dann allerdings nicht sein. Wer nachts nicht schlafen kann, sollte für eine Weile aufstehen.
Auch wenn der Schlaf immer wertvoller zu werden scheint und der Matratzenkauf oft einer Wissenschaft gleicht, rühmen sich viele Leistungsorientierte, nicht viel von dieser besonderen Auszeit zu brauchen. Legendär sind die Nachtsitzungen in der Politik, erzeugen sie doch den Druck auf die Beteiligten, bis zum Tagesanbruch zu einem Ergebnis zu kommen. Der Optimierungsgedanke hat mittlerweile auch die Welt des Schlafs erreicht. Früher war Mittagsschlaf verbreitet, heute muss das sogenannte Powernapping genügen.

Im Altertum wurde der Schlaf dagegen sehr geschätzt. In manchem Schöpfungsmythos alter Kulturen spielen schlafende Urwesen eine bedeutende Rolle. Auch in den verschiedensten Religionen kommt dem Schlaf und speziell dem Traum eine besondere Bedeutung zu. Für die Buddhisten etwa ähnelt der Schlaf durch die Abwesenheit allen Wollens ein wenig dem Nirwana. Doch gleichzusetzen ist das keinesfalls. So soll es beispielsweise dem Zen-Schüler gelingen, sein Schlafbedürfnis wie andere Bedürfnisse des Körpers auch zu kontrollieren. Wie auch immer, in Asien gehören das Schlafen und Dösen in der Öffentlichkeit, zum Beispiel auf Parkbänken und in der Bahn, weit mehr zur Normalität als bei uns.

Während im Alten Testament die Propheten träumten, scheint Jesus Christus einen direkten Draht zu Gott zu haben und des Mediums Traum nicht zu bedürfen. Traumdeuter war im Altertum jedenfalls ein anerkannter und ehrenwerter Beruf. Bis er hierzulande durch die Romantik und später durch die Psychoanalyse rehabilitiert wurde, war der Traum lange Zeit als unsicherer Kantonist in Verruf geraten. Die Aufklärung hatte teilweise regelrechte Verachtung für den Schlaf übrig. Die Dunkelheit der Nacht bedeutete nicht allein die Abwesenheit von Licht. Man glaubte, dass der Mensch in der Nacht von einer Art finsterer Wolke eingehüllt sei, die ihm letztlich nicht guttue. Hoch im Kurs stand demzufolge der Sonnenaufgang. So schrieb der englische Philosoph John Locke über das frühe Aufstehen: „Für die Gesundheit kann nichts zuträglicher sein, und wer von Kindheit an dazu angehalten worden ist, wird gewiss nicht den besten und nützlichsten Teil seines Lebens im Schlummer und in den Federn hinbringen." Von der auch genetisch bedingten Disposition, Eule oder Lerche zu sein, hat man damals natürlich noch nicht gewusst. Chronobiologie ist die dazugehörige Wissenschaft. Im Trend liegt derzeit auch die Möglichkeit, Schlaf und Traum das überraschende Element zu nehmen. Es geht um eine spezielle Technik des luziden Träumens, also des Klarträumens. Jedem Zweiten ist im Traum schon geschehen, dass er sich bewusst war, dass er träumt. Träume lassen sich mittlerweile so aber auch gezielt beeinflussen.

Mit oder ohne Traum, Schlaf ist der letzte wahre Rückzugsort vor den Anforderungen der Arbeits- und Freizeitgesellschaft. Hier lässt es sich noch aussteigen, obwohl manche Gesundheits-App auch dem Schlaf immer mehr zu Leibe rückt. Der Schlaf wird teilweise geradezu vermessen. Es soll in den USA sogar Arbeitgeber geben, die ausreichenden Nachtschlaf mit Prämien belohnen. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Karen Schröder

 

Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht
geb., 216 S., sw.-w. Abb.,
Verlag: Hirzel, Stuttgart 2019
ISBN: 9783777625225 | Preis: 22,90 €

 

81 - Winter 2020
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