Clooney mal links liegen lassen

64. Internationale Filmfestspiele vom 6. bis 16. Februar 

Wenn es draußen so richtig matscht, es dunkel und ungemütlich ist und das Taschentuch zur Standardausrüstung in jede Hosentasche gehört, dann ist „Berlinale“.

Zu verdanken hat die Stadt den unwirtlichen Termin des Festivals der internationalen Filmwirtschaft und dem einstigen Direktor Wolf Donner, der verlegte 1976 das Festival, das seit 1951 stets im Sommer stattfand, in den Winter. Der Grund war eine teilweise Neuausrichtung der Veranstaltung, die sich seinerzeit mehr als „Arbeitsfestival“ ohne großen Promiauflauf verstand und vielmehr hinter den Kulissen mit der Filmmesse (dem heutigen European Film Market) agierte. Die anderen großen Festivals, wie Cannes, Venedig und Locarno, hatten ältere Rechte auf den Sommer, weil viel früher gegründet – und die Filmindustrie entschied sich für die reizvolleren Gegenden, um Geschäfte anzubahnen. Und kühn eroberte sich Berlin daraufhin das Festival-Alleinstellungsmerkmal: Winter. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, und die Berlinale ist das Winterhighlight der Stadt, insbesondere seit sie sich dem breiten Publikum öffnet und es zahlreiche Kinos gibt, in denen dann auch nahezu rund um die Uhr Filme laufen. Mit über 230 000 verkauften Eintrittskarten für die etwa 400 gezeigten Filme in allen Sektionen, rühmen sich die Filmfestspiele, das größte Publikumsfestival der Welt zu sein. Überdies bringen noch einige Stars eine ordentliche Portion Glamour mit. Als Berlinale-Gast hat man die wunderbare Qual der Wahl – schließlich laufen pro Tag 40 verschiedene Filme. Im Mittelpunkt steht freilich der internationale Wettbewerb – da ist der Hochglanz, dafür gibt es die Goldenen und Silbernen Bären, und eine Weltpremiere jagt die nächste. Eröffnungsfilm  dieses Jahr ist „Grand Hotel Budapest“ von Wes Anderson. Eine Hotelgeschichte aus der Perspektive des Concierges und eines Hotelpagen zwischen den beiden Weltkriegen erzählt. Ralph Fiennes spielt die Hauptrolle und der Rest der Besetzung ist mit Tilda Swinton, Harvey Keitel, Jude Law und vielen anderen auch nicht schlecht. Aber es ist zu vermuten, dass Festivalchef Dieter Kosslick, der das letzte Wort bei der Auswahl hat, auch noch aus einem anderen Grund mit diesem Film sympathisiert, denn der Streifen ist eine britisch-deutsche Koproduktion zwischen Grand Budapest Limited (GB) und dem Studio Babelsberg. Kosslick ist auch jemand, der darauf achtet, dass das nationale Filmschaffen sich hier international präsentieren kann, so führte er unter anderem die Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ ein. Das Potsdamer Studio ist übrigens noch an einer zweiten Wettbewerbskoproduktion beteiligt: „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ von und mit George Clooney. Und spätestens hier stellt sich die Frage: Lohnt es wirklich, sich um eine Eintrittskarte für den Wettbewerb zu bemühen, denn mir nichts, dir nichts ist doch so ein Clooney-Blockbuster im Kino. Also doch mal rechts und links des Mainstreams geschaut – auf die schon erwähnte Perspektive Deutsches Kino, die Reihen Forum, Panorama und Generation. In der Perspektive Deutsches Kino stellen sich Filme vor, deren Macher der Hochschule meist noch gar nicht so lange entwachsen sind. Panorama ist ebenso wie Forum eine filmische Wundertüte – Experimentelles, Avantgarde und engagierte Filme aus der ganzen Welt. Manche überholen die arrivierten Beiträge mit links. Der verstörende und bitterböse Film „Dumplings“ aus Hongkong, 2005 im Panorama uraufgeführt, wurde Kult. Denn hier wurde mit dem Schönheitswahn äußert elegant und mit viel schwarzem Humor abgerechnet. Besonders reizvoll sind die Rückblicke auf der Berlinale. So gab es lange Schlangen und viele Enttäuschte, weil absolut keine Plätze mehr zu bekommen waren, als die schon fast verstaubten 70-mm-Filme wieder aus der Filmkiste geholt wurden. Diese monumentalen Streifen mit enormem Schauwert waren von Mitte der 1950er bis in die 1970er Jahre hinein die Straßenfeger. Denkt man nur an „Lawrence von Arabien“, „Ben Hur“, Sergej Bondartschuks „Krieg und Frieden“ und Konrad Wolfs „Goya“. Solch eine Fülle von Einmaligkeit kann nur ein großes Fes-tival zusammenbringen. Von George Clooney gibt’s im Jahrestakt stets was Neues. Aber irgendwann bekommt auch er sicher seine Retrospektive. In dieser Rubrik geht es 2014 um das Licht im Film. Klingt zunächst profan, aber dahinter verbergen sich interessante Betrachtungen, deren Ausgangspunkte übrigens aus Japan kommen. In dieser Berlinale-Abteilung werden 40 Stumm- und Tonfilme gezeigt, darunter solche mit Stars wie Marlene Dietrich und Greta Garbo. Man weiß ja, die Damen waren lichtempfindlich. Höhepunkt für alle Cineasten wird sicher die Rekonstruktion von Gerhard Lamprechts Film „Unter der Laterne. Trink, trink Brüderlein, trink“ aus dem Jahre 1928 sein. Dann gibt es quasi noch den Ur-Zorro zu entdecken, im ebenfalls rekonstruierten „Das Zeichen des Zorro“ aus dem Jahr 1920. Alle Stummfilme werden natürlich live auf dem Klavier begleitet. Also ein interessanter Ausflug in die Kinderjahre der bewegten Bilder. Berlinale kann eben alles – Vergangenheit – Gegenwart und vielleicht auch Zukunft. Nur eben im Winter.

Martina Krüger

 
57 - Winter 2013/14
Kultur