Es fehlt vielerorts der Mut zur Moderne und zum Besonderen

Sven Blumers [Foto: Josef Fischnaller]

Sven Blumers ist leidenschaftlicher Architekt in vierter Generation. Er und sein Team von über vierzig Mitarbeitern entwerfen Gebäude in unterschiedlichster Dimension. Eines der ersten Projekte war der Wiederaufbau und die Sanierung der Spanischen Botschaft. Jetzt feiern „Blumers Architekten“ ihr zwanzigjähriges Bestehen. Wir sprachen mit Sven Blumers, einem der Geschäftsführenden Gesellschafter.

Sie sind Anfang der 90er Jahre von Stuttgart nach Berlin gegangen. Was haben Sie sich von der Stadt versprochen?
Berlin war im Aufbruch, und wir, meine Mitstreiter und ich, waren jung und hungrig nach architektonischen Herausforderungen. Berlin war damals „the place to be“ für Architekten in Deutschland. Hier, an der Nahtstelle der Wiedervereinigung, erwarteten wir das aufregendste Umfeld in künstlerischer und architektonischer Hinsicht.

Was waren Ihre ersten Projekte?
Wir bekamen ziemlich schnell interessante Aufträge und gute Partner. Angefangen haben wir mit einem Wohnhaus in Falkensee. Das erste richtig große Projekt war die Spanische Botschaft im Botschaftsviertel des Berliner Ortsteiles Tiergarten, ein Neubau unter Erhalt der denkmalgeschützten Fassade – ein Sprung ins kalte Wasser. Die Ausführungsplanung hat uns als junges Büro vor eine große Herausforderung gestellt und die eine oder andere schlaflose Nacht bereitet.

Dann ging es aber stetig weiter.
Wir haben uns engagiert und wollten uns weiterentwickeln, es kamen größere und spannendere Aufgaben auf uns zu. Heute realisieren wir Wohnquartiere mit über 500 Einheiten, dabei gestaltet man nicht einfach nur Räume und Gebäude, sondern ist als Architekt und Stadtplaner mitverantwortlich für die Entwicklung ganzer Stadtteile.


Sie sanieren, entwickeln und bauen. Wie haben Sie die städtebauliche Entwicklung Berlins nach der Wende mit beeinflusst?
Beeinflusst, das wäre zu viel gesagt. Wenn man sich selbstständig macht, wie wir vor zwanzig Jahren, fängt man nicht groß an, sondern agiert vorsichtig und entwickelt sich eher langsam. Ich denke, wir konnten einige Akzente setzen. Zum Beispiel die Eisenbahnersiedlung Elstal in Wustermark, für die wir 2015 mit dem Deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet wurden. Den Charme des historischen Viertels zurückzubringen und attraktiven, zeitgemäßen Wohnraum vor den Toren Berlins zu schaffen, das ist schon ein großer Erfolg sowohl für den Bauherren als auch für uns.

Einer britischen Studie zufolge sind die Immobilienpreise in Berlin von 2016 bis 2017, also innerhalb eines Jahres, um zwanzig Prozent gestiegen. Welche Auswirkung hat das?
Das ist nicht überraschend. Der Anstieg ist nachvollziehbar und außerdem relativ. Berlin hat ein ganz anderes, ein sehr viel niedrigeres Ausgangsniveau der Quadratmeterpreise für den Kauf oder für die Vermietung als vergleichbare Großstädte in Europa. Das Preisniveau steigt zur Zeit in allen Bereichen des Bauens, ob bei den Materialkosten oder den Löhnen. Das schlägt sich natürlich nieder. Man will attraktiv bauen und eine gute Architektur schaffen, das hat seinen Preis. Zusätzlich ist die Marktlage aufgrund der wenigen verfügbaren Grundstücke in Innenstadtlagen sehr angespannt. Eine positive Auswirkung daraus wird vielleicht sein, dass das Bauen in größere Höhen wieder interessant wird.

Was macht die Stadt so attraktiv für ausländische Investoren?
Berlin genießt weltweit Anerkennung, Deutschland gilt als ein Land mit stabiler Wirtschaft, dies zieht Investoren und Menschen aus aller Welt nach Berlin.

Wie beurteilen Sie die Qualität der Architektur in Berlin?
Es gibt viele Kontraste, die die Vielfalt der Stadt widerspiegeln. Es existiert für mich auch herausragende Architektur in Berlin, die Neue Nationalgalerie, das Neue Museum sowie das Jüdische Museum, jedoch bei den Wohnungs- und Bürobauten hätte ich mir in den letzten 25 Jahren mehr architektonische Bandbreite gewünscht.

Was ärgert Sie in Ihrem Beruf?
Mich ärgert, dass der Gesetzes- wie auch der Behördendschungel das engagierte und kreative Arbeiten so erschweren. Das Korsett, in dem wir uns bewegen dürfen, wird immer enger und die Furcht vor Klagen und Bürgerprotesten hemmt die entscheidenden Gremien, mehr Mut aufzubringen und Neues zu wagen.

Würden Sie den Beruf des Architekten wieder wählen?
Es ist und bleibt mein Traumberuf. Ich habe mit so unterschiedlichen Facetten des täglichen Lebens in Bezug auf das Bauen und die Architektur zu tun. Täglich trifft man auf neue Menschen, die man begeistern und mitnehmen muss und darf. Das ist zwar teilweise unglaublich anstrengend, aber genauso unglaublich schön.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Mietwohnungsbau. Gewonnene Realisierungswettbewerbe für Neubauten mit barrierefreien Wohnungen am Waidmannsluster Damm und in Lichtenberg sind dabei, aber auch andere Projekte quer durch die Stadt, wobei der Schwerpunkt für uns gerade im Umfeld des BER liegt. Für die Kempinski-Gruppe haben wir seit einigen Jahren die Projektsteuerung für Modernisierungen und Neumöblierung des Hotel Adlons übernommen.

Finden Sie Berlin immer noch spannend?
Unbedingt. Berlin ist spannender als je zuvor. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los.

Was wünschen Sie sich für die Stadt?
Ich wünsche mir mehr Mut zu Brüchen, zur Höhe und zu stärkeren Formen. Die Stadt muss toleranter gegenüber modernen Architekturströmungen werden und einen anderen Umgang z. B. mit Fassaden, Materialien und Außenräumen bekommen.

Danke für das Gespräch.

Barbara Sommerer

 

74 – Frühjahr 2018
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