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Stadt (74 – Frühjahr 2018)

Idyllisch lehrreich

Das Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e. V. am ­Teufelssee befindet sich in dem ältesten noch existierenden Wasserwerk Berlins. Im Infozentrum Wasserleben oder auf dem riesigen grünen Außengelände mit seiner Streuobstwiese, einem Teich und verschiedenen thematischen Gärten und Biotopen können Kinder und Jugendliche die Natur erleben und viel über sie lernen.

Ist das ein Wasserskorpion?, fragt einer der Schüler die Biologin und tippt auf die Abbildung in seinem Arbeitsheft. Dr. Karin Drong bejaht, jetzt muss der Millimeter-Winzling im Wasser gesucht werden. Die Schülergruppe steht virtuell mitten im See und betrachtet die Wasseroberfläche von unten. Für sie eine neue Perspektive, um das Innenleben eines Gewässers zu erforschen. Ein paar Meter weiter werden im Zeitraffertempo Berge versetzt und eine Seenlandschaft wird mittels kleiner Harken in ein Gebirge verwandelt. Im Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin im Grunewald können Flora und Fauna per Computer, anhand von Abbildungen und Modellen und vor allem vor der Tür in drei Hektar echter Natur erforscht werden.

Herzstück des Areals ist das älteste unter Denkmalschutz stehende Wasserwerk Berlins.
Rund 200 Schulklassen besuchen jährlich das Ökowerk im Rahmen des Unterrichts. Für jedes Alter gibt es ein spezielles Programm als ökologisch-praktischen Baustein im Lehrplan. Die Jüngsten entdecken und bestimmen Tiere und Pflanzen in ihrem angestammten Lebensraum, höhere Klassen beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Themen wie Gewässeranalyse. Dabei stehen Klima und Klimaveränderung im Fokus. „Denn alles hängt mit allem zusammen“, sagt Christine Kehl, Geschäftsführerin im Ökowerk. Die promovierte Biologin erarbeitet mit den jungen Besuchern die Fragen: Wie wirken sich Veränderungen in der Natur auf das Klima aus? Und was kann der Einzelne wirklich selbst tun? Ziel ist es, dass schon im Kindesalter das Bewusstsein für das Klima entwickelt wird. Dazu ist auch der Wettbewerb „Berliner Klima Schulen“ ins Leben gerufen worden, bei dem Schulen einmal im Jahr aufgerufen werden, sich mit Ideen zur Klimaverbesserung zu beteiligen. Für die besten Ideen gibt es bis zu 5 000 Euro und eine Einladung ins Ökowerk. Das Projekt wird seit zehn Jahren von der Berliner Gasag unterstützt. Sie hat sich in einer Klimaschutzvereinbarung mit dem Senat verpflichtet, bis 2020 zwei Millionen Tonnen CO2 einzusparen. Rund 1,4 Millionen wurden nach Angaben des Energiedienstleisters schon erreicht.

 Die Gasag, 170 Jahre alt, setzt auf die Jugend und fördert Projekte, bei denen sich Kinder und Jugendliche mit Umweltproblemen beschäftigen. Umweltbildung von Kindesbeinen an ist dem Berliner Unternehmen wichtig. Denn Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen, ist ein steter Prozess, der langfristiger Förderung bedarf.

Jährlich besuchen seit 1985 etwa 50 000 Menschen das Ökowerk, um die Natur besser kennenzulernen und zur Erholung. Das Gründungsjahr war ein grünes. Joschka Fischer wurde zum ersten grünen Minister (Hessen) ernannt.
 
Das Ökowerk Berlin – idyllisch und lehrreich ist ein Ort, an dem man Natur bewusst erleben kann, dass heißt nicht nur schauen und genießen, sondern auch in ihre Tiefen eindringen, Neues erfahren. Das Pendant zum eingangs beschriebenen See im Trockenen ist die Teichlandschaft im Freien. Sie ist ­Lebensraum von Fröschen, Kröten, Ringelnattern, Wasserflöhen, kleinen Schnecken. Das Biotop ist von Menschenhand angelegt, aber unberührbar für diese. „Das wissen wohl die Teichbewohner instinktiv“, erklärt Biologin Drong, „deshalb fühlen sie sich sicher, und es siedeln sich immer mehr neue Tiere an. So können wir hier vieles zeigen und erklären, was in der freien Natur nur Experten sehen würden.“ Streuobstwiesen, Gärten, wie sie einst bei den Großeltern existierten, mit Kräutern, Gemüsesorten, die es eigentlich schon nicht mehr gibt, locken nicht nur passionierte Kleingärtner. Im Blütengarten faszinieren Farben und Düfte und die dazugehörigen Insekten. 120 Wildbienenarten wurden hier gesichtet. Man erfährt, dass die Wildbiene ein besonders schweres Dasein hat. Die Natternkopfmauerbiene, nur zehn Millimeter groß, dunkel und pelzig, braucht die blau leuchtenden Blüten des Natternkopfs zum Überleben, und von dem gibt es immer weniger. Das Ökowerk bietet auch Seminare für Erwachsene zu vielfältigen Natur-Themen an. Dabei sind die Bienen besonders gefragt, was sicherlich mit dem neueren Stadthobby Imkerei begründet ist. Die Angebote an Kursen, Seminaren und Führungen füllen ein 50-seitiges Programmheft.

Das Wasserwerk wurde 1872 in Dienst gestellt, um die Villensiedlung im Charlottenburger Westend zu versorgen. Nach gut 90 Jahren wurde es stillgelegt. Abriss und Verschrottung der Anlagen standen im Raum. Angedacht war ein Park mit Erlebnisgastronomie, einer Reitsportanlage, ein Tenniscenter oder ein Pendant zum Spreepark in Treptow. Im Gespräch waren auch stündlich auftauchende Seeungeheuer im nebendran liegenden Teufelssee. Es hagelte Kritik aus der Umweltszene, und der Alternativvorschlag, stattdessen ebenjenes Ökowerk zu gründen, wurde in die Tat umgesetzt. Das Wasserwerk mit Förder- und Filteranlagen, die Dampfmaschinen mit den großen Schwungrädern und Schöpfpumpen wurden rekonstruiert und locken Technikbegeisterte an. Eine Symbiose von Natur und Technik, wie man sie selten hat. Und ganz stilecht ist das Infozentrum „Wasserleben“ im Haus untergebracht, in dem man aus dem Innenleben eines Teiches in den Himmel blicken kann.

Martina Krüger

 

74 – Frühjahr 2018

Betontour durch Berlin

Ungeliebte Klötze, trendige Stadtarchitektur, bedeutende Zeitzeugen: Beton ist nicht gleich Beton. Die Spreestadt hat einiges an Betonbauten aufzubieten. Vom Kanzleramt bis zu Sakralgebäuden wie die Kirche Maria Frieden, vom Jüdischen Museum bis zum betonpreisgekrönten Bürohochhaus am Hamburger Bahnhof mit seiner selbsttragenden Sichtbetongitterfassade. Auch der einstige „Reichsbahnbunker Friedrichstraße“, der seit 2003 als Kunsthaus des Sammlers Chris­tian Boros dient, erzählt Betongeschichte. Ein Pionier des Béton brut (roher Beton) ist Architekt Le Corbusier, von dem in Berlin exemplarisch die Wohnmaschine von 1958 im Stadtteil Westend steht.

Weithin grüßt der zehn Jahre jüngere Fernsehturm mit seinem Betonschaft, und Plattenbauten verweisen auf den industriellen Wohnungsbau der DDR. Betonbauten erzählen Geschichte. Nicht zuletzt die denkmalgeschützten Reste der Berliner Mauer und schließlich, als ein historischer Salto mortale, der Nachbau des Berliner Schlosses.

Man könnte glauben, Beton wurde in Berlin erfunden, dabei kannten den Werkstoff schon die Römer. Sie verrührten im zweiten Jahrhundert vor Christi Kalkstein mit Sand, Ziegelstaub und Wasser und bauten damit etwa die Kuppel des Pantheons. Der sogenannte Römerbeton hielt sich lange in der Geschichte. Das zwanzigste Jahrhundert aber avancierte zum Stahlbetonzeitalter.

Er ist der am meisten genutzte und modernste Baustoff, erklärt der Verkaufschef der Firma Berding Beton aus Rüdersdorf. Weltweit werden jährlich rund vier Milliarden Tonnen Zement hergestellt und verwendet. Bis zum Jahr 2050 wird eine weitere Steigerung des globalen jährlichen Verbrauchs auf bis zu fünf Milliarden Tonnen prognostiziert, heißt es im Beton-Kalender 2017. Beton sei ein „Grundnahrungsmittel“. Infrastrukturbauten, Bürogebäude, öffentliche Gebäude schlagen zu Buche, vor allem aber der Wohnungsbau als rasantes Wachstumssegment.

Beton, diese einst schlichte, inzwischen durch Beimengungen verschiedenster Materialien immer raffiniertere Mischung aus Zement, Sand, Kies und Wasser, existiert in mannigfacher Spezifik. Wer nicht vom Fach ist, benötigt ein Lexikon, wenn er über die Sorten- und Artenvielfalt des Betons, zum Beispiel Stahl- und Spannbeton für je verschiedene Lastenabtragung, Ort- oder Transportbeton, Wasch- und Sichtbeton und seine Eigenschaften bis hin zu Leichtbetonen, Faserbeton und sogar lichtdurchlässigen Beton, den Überblick behalten will. Beton ist eben nicht einfach Beton. Der Begriff Waschbeton zielt auf Verfahrenstechnik und optischen Gewinn. Hier werden eingebundene Kieselbestandteile durch Wässerung wieder freigelegt, um einen sinnlichen Effekt zu erhalten. Vorgefertigte Waschbetonplatten wurden häufig im Wohnungsbau wie in Hellersdorf und Marzahn eingesetzt. Waschbetonplatten mit weißen Flusskieseln bestimmen auch die Frontansicht der Akademie der Künste. Sie wurde 1957–60 von Werner Düttmann und Sabine Schumann als eleganter Schlusspunkt ins Hansaviertel komponiert.

Sichtbeton ist das Trendthema für elegantes, zugleich robustes Bauen. Die Betonwand ist idealerweise zugleich Stütze und Fassadenereignis. Damit kommen diverse Schalungstechniken, also das, was traditionell die Holzbretter waren, ins Spiel. Ein Beispiel für schalungsrauen Beton ist das kubische Atelierhaus der Malerin Katharina Grosse in Moabit, entworfen von Augustin und Frank. Der Bogen reicht heute von sägerau bis zu melaninbeschichteten Platten mit Hightech-Eigenschaften, um eine porenlose Betonfläche herzustellen.

Beton ist auch nicht immer grau. Durch die Veränderung der Mischungsverhältnisse und mittels raffinierter Beigaben können feine Nuancen bis fast weiß hergestellt werden. Etwa Hochofenzement plus Kalksteinmehl für die von Büttner, Neumann & Braun in Charlottenburg-Wilmersdorf gebaute St.-Canisius-Kirche. Die Faszination des Dunklen wiederum lässt sich am Wohn- und Bürohaus „L 40“ erleben. Der Name der skulpturalen schwarzen Sichtbetonarchitektur von Roger Bundschuh und der Künstlerin Cosima von Bonin verweist auf den Mitte-Standort in der Linienstraße 40.
Farbmischungen ähneln alchimistischen Geheimrezepten. Obwohl die RAL-Palette eine einfache Wahl ermöglicht, geht es um Nuancen und den besonderen, einmaligen Ton.

Gebogen oder gerade? Zaha Hadid und Daniel Libeskind haben Beton in dynamische Formen gezwungen und das Spielfeld der Bauwerke um fließende Gebilde und extreme Winkel erweitert, derweil andere klassische Formen ausgereizt haben wie Stefan Braunfels beim Paul-Löbe-Haus oder die Architekten der Schweizer Botschaft Diener&Diener. Beton erweist sich als ein flexibler Baustoff, geeignet für individuelle Handschriften von zweckrational bis expressiv, organisch oder kubisch, von wuchtig bis minimalistisch. Minimalistisch ist auch das Stelenfeld aus dunkel getöntem Sichtbeton, das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman. Der prominente Gedächtnisort wurde dabei von einer ganz bestimmt nicht gewollten Betondebatte begleitet. Schneller als gedacht entstanden Risse. Silikoninjektionen halfen den Prozess zu stoppen.

Die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“, die monatelang bis Ende April dieses Jahres im Architekturmuseum Frankfurt lief, hat Beton-Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick gezeigt. Ihre Macher haben sich stark gemacht für ein neues Sehen und den Erhalt des ambivalenten Erbes. Denn etlichen der expressiven Kolosse droht der Abriss. Eine Rettungskampagne der Wüstenrot-Stiftung gemeinsam mit dem Architekturmuseum erweitert die Ausstellung ins Internet: #SOSBrutalism enthält eine Datenbank zu über 1000 Bauten, Kooperationspartner sind das BauNetz und das Magazin uncube.

Die besonders großen Schiffe in Berlin sind die Deutsche Oper in der Bismarckstraße und als jüngeres Beispiel aus den Achtzigern das Kunstgewerbemuseum von Rolf Gutbrod im Kulturforum. Und es gibt die Kirche St. Agnes (ursprünglich Werner Düttmann, Umbau 2015 durch Brandlhuber und Riegler Riewe). Sie gehört heute der Galerie König. Der Galerist Johann König hat mit spektakulären Inszenierungen ihre spröde Schönheit sichtbar gemacht.

Anita Wünschmann

 

74 – Frühjahr 2018
Stadt

Der Savignyplatz in Charlottenburg

Was wäre eine Stadt ohne ihre Plätze. Manche sind groß, manche klein. Manche berühmt, manche unbekannt. Sie sind quirlige Touristenattraktionen oder lauschige Rückzugsorte für die Stadtbewohner. Plätze in der Stadt haben ihre Geschichte und kleinen Geheimnisse, die es zu ergründen lohnt. Diesmal: Der Savignyplatz in Charlottenburg

Unter dem S-Bahnbogen am Savignyplatz wird noch einmal die Schlacht aller Schlachten geschlagen. Waterloo. Es regnet, wie damals, im Frühjahr 1813 in Belgien, und auch diesmal ist Hunger im Spiel. Aber es ist friedlich an diesem Märztag in Charlottenburg, die Schlacht spielt sich im Literarischen ab. Ein Obdachloser mit Bart und Brille sitzt in eine Decke gehüllt still auf einer Tasche mit seinen Habseligkeiten und liest versunken in Bernhard Cornwalls Bestseller über Napoleons Untergang. Ab und zu werfen Passanten ein paar Münzen in den Plastikbecher, den der Mann vor sich aufgestellt hat, er nimmt das kaum wahr. Und wird eigentlich auch kaum wahrgenommen.

Ein paar Schritte weiter, im Einstein Kaffee, trinken gut gekleidete Damen und Herren Cappuccino und gönnen sich dazu ein spätes Vormittags-Sahnetörtchen, Belgische Waffel oder New York Cheesecake. Ein junger Mann kommuniziert mit seinem Laptop, aber vor allem wird  traditionell Zeitung gelesen, Tagesspiegel, Süddeutsche oder Neue Zürcher. Gutbürgerlich geht es hier zu. In den Straßen rund um den Savignyplatz lebt wohlhabendes Bürgertum, solide, etwas bieder, in die Jahre gekommen.

„Der Kudamm ist nur einen Steinwurf weit weg“, schrieb ein Beobachter, der die Zeit erlebte, als der Platz ein pulsierendes Zentrum im zugemauerten Westberlin war. „Theater, Nobel-Restaurants, die umtriebige Bleibtreustraße, die Kantstraße mit Kinos und Musik-Clubs wie dem ‚Quasimodo‘, die Universität der Künste und die TU befinden sich praktisch um die Ecke. Künstler und Anwälte, Studenten und Profs, Touristen und spätere Terroristen, Journalisten und Politiker, aber auch Finanzbeamte und Staatssekretäre – tout Berlin-West versammelte sich in den Kneipen rund um den Platz.“

Nach dem Mauerfall verlief sich das alles in der offenen Stadt mehr Richtung Mitte und Prenzlauer Berg. Aber einer der schönsten Orte in Berlin ist der Savignyplatz immer noch und gewinnt wie die ganze Gegend langsam wieder an Attraktivität. Links und rechts der Kantstraße erstreckt sich kreisrund die Gartenanlage mit gepflegten Rasenflächen, Platanen und Holzbänken in laubenähnlichen Sitzecken.

Ursprünglich war geplant, hier ein Wendebassin für Ausflugsdampfer statt eines Stadtplatzes anzulegen. Er sollte Teil des Süd-West-Kanals werden, der dann aber zugunsten des Teltowkanals doch nicht gebaut wurde. 1895 wurde der Platz dann als typischer Schmuckplatz erstmals gestaltet, um die städtische Bebauung aufzulockern, zu durchlüften. Die entstand in der Epoche von Jugendstil und Art déco, gutbürgerliche Gebäude, mit Marmor und Messing in den eleganten Treppenaufgängen.

Die Stadtbahn eröffnete ein Jahr später hier einen Bahnhof. 30 Jahre später gab Berlins Gartenbaudirektor Erwin Barth dem Platz seine heutige Form. Sieben Straßen münden in das Rondell, und doch spürt man beim Ausruhen auf den lauschigen Bänken noch heute kaum die lärmige Stadt. Ach ja, Savigny. Das klingt sehr französisch und gibt dem Platz zusätzlichen Charme. Dabei war der Namenspatron, Friedrich Carl von Savigny, ein ziemlich trockener, wenn auch berühmter Jurist und Finanzbeamter, aber mit französischen Wurzeln. Der Berliner betont den Namen übrigens auf der zweiten statt der dritten Silbe.

In der gut sortierten Buchhandlung in den S-Bahnbögen findet man manches über die Künstler und Literaten, die einst hier lebten: Gerhart Hauptmann, Hedwig Courths-Maler, Erich Mühsam und, nicht lange, George Grosz. Der berühmte Maler wurde nur sechs Wochen nach seiner Rückkehr aus der Emigration morgens von der Zeitungsfrau im Eingang des Hauses seines Schwagers am Savignyplatz gefunden. Der große Porträtist der Weimarer Republik war nach einer Zechtour die Treppe heruntergestürzt und seinen Verletzungen erlegen. Eine Porzellantafel am Haus Savignyplatz 5 erinnert an ihn. Die Lyrikerin Mascha Kaléko, die vor ihrer Emigration 1938 in der Bleibtreustraße 10/11 wohnte, verewigte den Platz in einem Gedicht, das sie in Amerika  veröffentlichte: „Ich bin, vor jenen ,tausend Jahren’/Viel in der Welt herumgefahren./Schön war die Fremde, doch Ersatz./Mein Heimweh hieß Savignyplatz.“

Manches hat sich verändert, aber der kleine ovale Kiosk mit dem kupfernen Kegeldach steht seit über hundert Jahren am Savignyplatz. Alfred Grenander hat das Häuschen 1904 entworfen, einst diente es als Trinkhalle. Im Krieg wurde der Kiosk stark zerstört, zur 750-Jahr-Feier Berlins nach Originalplänen wieder aufgebaut und unter Denkmalschutz gestellt. Heute gibt’s dort Currywurst und dazu, das passt zum Savignyplatz, Champagner. Der Pächter sucht per Aushang für seine Bude gerade eine patente „Curry Mamsell mit berlinischem Verkaufstalent“.

Thomas Leinkauf

 

74 – Frühjahr 2018

Es fehlt vielerorts der Mut zur Moderne und zum Besonderen

Sven Blumers ist leidenschaftlicher Architekt in vierter Generation. Er und sein Team von über vierzig Mitarbeitern entwerfen Gebäude in unterschiedlichster Dimension. Eines der ersten Projekte war der Wiederaufbau und die Sanierung der Spanischen Botschaft. Jetzt feiern „Blumers Architekten“ ihr zwanzigjähriges Bestehen. Wir sprachen mit Sven Blumers, einem der Geschäftsführenden Gesellschafter.

Sie sind Anfang der 90er Jahre von Stuttgart nach Berlin gegangen. Was haben Sie sich von der Stadt versprochen?
Berlin war im Aufbruch, und wir, meine Mitstreiter und ich, waren jung und hungrig nach architektonischen Herausforderungen. Berlin war damals „the place to be“ für Architekten in Deutschland. Hier, an der Nahtstelle der Wiedervereinigung, erwarteten wir das aufregendste Umfeld in künstlerischer und architektonischer Hinsicht.

Was waren Ihre ersten Projekte?
Wir bekamen ziemlich schnell interessante Aufträge und gute Partner. Angefangen haben wir mit einem Wohnhaus in Falkensee. Das erste richtig große Projekt war die Spanische Botschaft im Botschaftsviertel des Berliner Ortsteiles Tiergarten, ein Neubau unter Erhalt der denkmalgeschützten Fassade – ein Sprung ins kalte Wasser. Die Ausführungsplanung hat uns als junges Büro vor eine große Herausforderung gestellt und die eine oder andere schlaflose Nacht bereitet.

Dann ging es aber stetig weiter.
Wir haben uns engagiert und wollten uns weiterentwickeln, es kamen größere und spannendere Aufgaben auf uns zu. Heute realisieren wir Wohnquartiere mit über 500 Einheiten, dabei gestaltet man nicht einfach nur Räume und Gebäude, sondern ist als Architekt und Stadtplaner mitverantwortlich für die Entwicklung ganzer Stadtteile.


Sie sanieren, entwickeln und bauen. Wie haben Sie die städtebauliche Entwicklung Berlins nach der Wende mit beeinflusst?
Beeinflusst, das wäre zu viel gesagt. Wenn man sich selbstständig macht, wie wir vor zwanzig Jahren, fängt man nicht groß an, sondern agiert vorsichtig und entwickelt sich eher langsam. Ich denke, wir konnten einige Akzente setzen. Zum Beispiel die Eisenbahnersiedlung Elstal in Wustermark, für die wir 2015 mit dem Deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet wurden. Den Charme des historischen Viertels zurückzubringen und attraktiven, zeitgemäßen Wohnraum vor den Toren Berlins zu schaffen, das ist schon ein großer Erfolg sowohl für den Bauherren als auch für uns.

Einer britischen Studie zufolge sind die Immobilienpreise in Berlin von 2016 bis 2017, also innerhalb eines Jahres, um zwanzig Prozent gestiegen. Welche Auswirkung hat das?
Das ist nicht überraschend. Der Anstieg ist nachvollziehbar und außerdem relativ. Berlin hat ein ganz anderes, ein sehr viel niedrigeres Ausgangsniveau der Quadratmeterpreise für den Kauf oder für die Vermietung als vergleichbare Großstädte in Europa. Das Preisniveau steigt zur Zeit in allen Bereichen des Bauens, ob bei den Materialkosten oder den Löhnen. Das schlägt sich natürlich nieder. Man will attraktiv bauen und eine gute Architektur schaffen, das hat seinen Preis. Zusätzlich ist die Marktlage aufgrund der wenigen verfügbaren Grundstücke in Innenstadtlagen sehr angespannt. Eine positive Auswirkung daraus wird vielleicht sein, dass das Bauen in größere Höhen wieder interessant wird.

Was macht die Stadt so attraktiv für ausländische Investoren?
Berlin genießt weltweit Anerkennung, Deutschland gilt als ein Land mit stabiler Wirtschaft, dies zieht Investoren und Menschen aus aller Welt nach Berlin.

Wie beurteilen Sie die Qualität der Architektur in Berlin?
Es gibt viele Kontraste, die die Vielfalt der Stadt widerspiegeln. Es existiert für mich auch herausragende Architektur in Berlin, die Neue Nationalgalerie, das Neue Museum sowie das Jüdische Museum, jedoch bei den Wohnungs- und Bürobauten hätte ich mir in den letzten 25 Jahren mehr architektonische Bandbreite gewünscht.

Was ärgert Sie in Ihrem Beruf?
Mich ärgert, dass der Gesetzes- wie auch der Behördendschungel das engagierte und kreative Arbeiten so erschweren. Das Korsett, in dem wir uns bewegen dürfen, wird immer enger und die Furcht vor Klagen und Bürgerprotesten hemmt die entscheidenden Gremien, mehr Mut aufzubringen und Neues zu wagen.

Würden Sie den Beruf des Architekten wieder wählen?
Es ist und bleibt mein Traumberuf. Ich habe mit so unterschiedlichen Facetten des täglichen Lebens in Bezug auf das Bauen und die Architektur zu tun. Täglich trifft man auf neue Menschen, die man begeistern und mitnehmen muss und darf. Das ist zwar teilweise unglaublich anstrengend, aber genauso unglaublich schön.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Mietwohnungsbau. Gewonnene Realisierungswettbewerbe für Neubauten mit barrierefreien Wohnungen am Waidmannsluster Damm und in Lichtenberg sind dabei, aber auch andere Projekte quer durch die Stadt, wobei der Schwerpunkt für uns gerade im Umfeld des BER liegt. Für die Kempinski-Gruppe haben wir seit einigen Jahren die Projektsteuerung für Modernisierungen und Neumöblierung des Hotel Adlons übernommen.

Finden Sie Berlin immer noch spannend?
Unbedingt. Berlin ist spannender als je zuvor. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los.

Was wünschen Sie sich für die Stadt?
Ich wünsche mir mehr Mut zu Brüchen, zur Höhe und zu stärkeren Formen. Die Stadt muss toleranter gegenüber modernen Architekturströmungen werden und einen anderen Umgang z. B. mit Fassaden, Materialien und Außenräumen bekommen.

Danke für das Gespräch.

Barbara Sommerer

 

74 – Frühjahr 2018

Gläserne Kuppeln über alten Sitzreihen

Die Avus-Tribüne wird auch als „Tor zu Berlin“ bezeichnet. Sie ist Relikt aus vergangener Zeit und Mythos zugleich. Die gut acht Kilometer lange Avus („Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße“) ist 1921 als erste Autobahn der Welt gebaut worden. Allerdings diente sie nur Test- und Rennzwecken, nicht dem öffentlichen Verkehr. Für damals stolze zehn Mark konnte die Avus später auch privat genutzt werden. Heute ist sie Teilstück der A115. Vor seinem inneren Auge sieht man aber immer noch die historischen Rennautos der 1930er Jahre vorbeiflitzen. Glanzzeit der Avus. Die 240 Meter lange Tribüne bot 4 000 Besuchern Platz. Bis 1998 wurde die Avus für Autorennen genutzt. Zu Recht steht sie unter Denkmalschutz.

In den letzten Jahren war die Avus-Tribüne starkem Verfall ausgesetzt. Das Dach drohte einzustürzen, die hölzernen Sitzbänke zerbröselten, der Beton erodierte. Sogar ein Abriss wurde zeitweise diskutiert. Seit 2007 gehörte die historische Tribüne einem privaten Eigentümer, aber nichts passierte. Seine hochfliegenden Pläne einer straßenseitigen Vollverglasung waren schlicht eine Nummer zu groß. Zwischenzeitlich wollte die Messe Berlin das Bauwerk übernehmen, aber dazu kam es nicht. Statt dessen kaufte der umtriebige Berliner Geschäftsmann Hamid Djadda vor drei Jahren die Avus-Tribüne. Er will den Ort zu einem Büro- und Eventstandort umbauen, allerdings in bescheidenerem Umfang. Knapp sechs Millionen Euro will er in das Projekt investieren.

„Immer wenn ich nach Berlin hineinfuhr, konnte ich gar nicht glauben, dass die Tribüne an solch prominenter Stelle einfach verfällt“, erklärt er heute seine Motivation. Mittlerweile hat er die maroden Sitzbänke entfernen lassen und ist dabei, das Dach denkmalgerecht zu erneuern. Alles in enger Abstimmung mit der Berliner Denkmalschutzbehörde, die die Pläne Hamid Djaddas ausdrücklich begrüßt. „Es war gar nicht so leicht einen geeigneten Architekten zu finden, erst im vierten Anlauf ist es mir gelungen“, so der Unternehmer mit iranischen Wurzeln. Er ist drangeblieben an dem Projekt, auch wenn sein Umfeld ihn für komplett verrückt erklärte, viel zu riskant sei das Ganze.

Der Hamburger Architekt Christoph Janiesch hat bereits ein innovatives Konzept für die Umnutzung erarbeitet. Die historische Struktur der Tribüne soll dabei ausdrücklich erhalten werden, „wobei sich die neuen Elemente vom Bestand deutlich absetzen“. Geplant sind behutsame Eingriffe, um eine zukünftige Nutzung zu ermöglichen. Ihr „Gesicht“ soll die historische Tribüne jedoch nicht verlieren. In großem Umfang soll deshalb mit Glasflächen gearbeitet werden. Die große Kanzel im mittleren Teil der Tribüne wird nach den Plänen dreiseitig verglast werden. Auf 400 Quadratmetern entstünde so Platz für diverse Veranstaltungen. Gerade Firmenevents aus dem Bereich der Automobilindustrie wären denkbar. Darüber hinaus sollen auf der Anlage 16 gläserne Boxen eingebaut werden, die Präsentationszwecken dienen könnten. Gleichzeitig würden sie „natürliches Licht in das Erdgeschoss leiten, um die darunter liegenden Flächen nutzbar zu machen“, so sieht es das Konzept des Architekten vor.

Im Erdgeschoss wiederum ist ein Nutzungsmix denkbar. Büros, Cafés, Läden sowie nach Möglichkeit auch ein Museum zur Geschichte der Avus könnten einziehen. Der ADAC hat bereits sein Mietinteresse signalisiert. Große Fensteröffnungen zum Messedamm erhöhen die Transparenz hin zu den Gebäuden der Messe. Sollen doch Messe und Avus-Tribüne, was die Nutzung angeht, später möglichst Synergien entwickeln. Erste Gespräche gibt es schon.

„Der Bauantrag für die neue Avus-Tribüne ist bereits von den zuständigen Behörden bewilligt“, so Hamid Djadda. Nur mit dem Bundesfernstraßenamt muss er sich regelmäßig abstimmen, denn Bauarbeiten dürfen nur in Ferienzeiten stattfinden. Beginnen könnte man nicht zuletzt deshalb mit dem Ausbau der Büroflächen auf der Rückseite. Bis zum 100-jährigen Jubiläum der Avus im Jahr 2021 soll alles fertig sein, so der ehrgeizige Plan. Vielleicht könnte es dann ja auch wieder ein Autorennen geben, dem Zeitgeist entsprechend natürlich gefahren mit E-Autos.
 
Karen Schröder

 

74 – Frühjahr 2018
Stadt