Idyllisch lehrreich

Das historische Wasserwerk von 1872 liegt mitten im Grunewald [Foto: Andreas Schmidt]

Das Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e. V. am ­Teufelssee befindet sich in dem ältesten noch existierenden Wasserwerk Berlins. Im Infozentrum Wasserleben oder auf dem riesigen grünen Außengelände mit seiner Streuobstwiese, einem Teich und verschiedenen thematischen Gärten und Biotopen können Kinder und Jugendliche die Natur erleben und viel über sie lernen.

Ist das ein Wasserskorpion?, fragt einer der Schüler die Biologin und tippt auf die Abbildung in seinem Arbeitsheft. Dr. Karin Drong bejaht, jetzt muss der Millimeter-Winzling im Wasser gesucht werden. Die Schülergruppe steht virtuell mitten im See und betrachtet die Wasseroberfläche von unten. Für sie eine neue Perspektive, um das Innenleben eines Gewässers zu erforschen. Ein paar Meter weiter werden im Zeitraffertempo Berge versetzt und eine Seenlandschaft wird mittels kleiner Harken in ein Gebirge verwandelt. Im Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin im Grunewald können Flora und Fauna per Computer, anhand von Abbildungen und Modellen und vor allem vor der Tür in drei Hektar echter Natur erforscht werden.

Herzstück des Areals ist das älteste unter Denkmalschutz stehende Wasserwerk Berlins.
Rund 200 Schulklassen besuchen jährlich das Ökowerk im Rahmen des Unterrichts. Für jedes Alter gibt es ein spezielles Programm als ökologisch-praktischen Baustein im Lehrplan. Die Jüngsten entdecken und bestimmen Tiere und Pflanzen in ihrem angestammten Lebensraum, höhere Klassen beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Themen wie Gewässeranalyse. Dabei stehen Klima und Klimaveränderung im Fokus. „Denn alles hängt mit allem zusammen“, sagt Christine Kehl, Geschäftsführerin im Ökowerk. Die promovierte Biologin erarbeitet mit den jungen Besuchern die Fragen: Wie wirken sich Veränderungen in der Natur auf das Klima aus? Und was kann der Einzelne wirklich selbst tun? Ziel ist es, dass schon im Kindesalter das Bewusstsein für das Klima entwickelt wird. Dazu ist auch der Wettbewerb „Berliner Klima Schulen“ ins Leben gerufen worden, bei dem Schulen einmal im Jahr aufgerufen werden, sich mit Ideen zur Klimaverbesserung zu beteiligen. Für die besten Ideen gibt es bis zu 5 000 Euro und eine Einladung ins Ökowerk. Das Projekt wird seit zehn Jahren von der Berliner Gasag unterstützt. Sie hat sich in einer Klimaschutzvereinbarung mit dem Senat verpflichtet, bis 2020 zwei Millionen Tonnen CO2 einzusparen. Rund 1,4 Millionen wurden nach Angaben des Energiedienstleisters schon erreicht.

 Die Gasag, 170 Jahre alt, setzt auf die Jugend und fördert Projekte, bei denen sich Kinder und Jugendliche mit Umweltproblemen beschäftigen. Umweltbildung von Kindesbeinen an ist dem Berliner Unternehmen wichtig. Denn Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen, ist ein steter Prozess, der langfristiger Förderung bedarf.

Jährlich besuchen seit 1985 etwa 50 000 Menschen das Ökowerk, um die Natur besser kennenzulernen und zur Erholung. Das Gründungsjahr war ein grünes. Joschka Fischer wurde zum ersten grünen Minister (Hessen) ernannt.
 
Das Ökowerk Berlin – idyllisch und lehrreich ist ein Ort, an dem man Natur bewusst erleben kann, dass heißt nicht nur schauen und genießen, sondern auch in ihre Tiefen eindringen, Neues erfahren. Das Pendant zum eingangs beschriebenen See im Trockenen ist die Teichlandschaft im Freien. Sie ist ­Lebensraum von Fröschen, Kröten, Ringelnattern, Wasserflöhen, kleinen Schnecken. Das Biotop ist von Menschenhand angelegt, aber unberührbar für diese. „Das wissen wohl die Teichbewohner instinktiv“, erklärt Biologin Drong, „deshalb fühlen sie sich sicher, und es siedeln sich immer mehr neue Tiere an. So können wir hier vieles zeigen und erklären, was in der freien Natur nur Experten sehen würden.“ Streuobstwiesen, Gärten, wie sie einst bei den Großeltern existierten, mit Kräutern, Gemüsesorten, die es eigentlich schon nicht mehr gibt, locken nicht nur passionierte Kleingärtner. Im Blütengarten faszinieren Farben und Düfte und die dazugehörigen Insekten. 120 Wildbienenarten wurden hier gesichtet. Man erfährt, dass die Wildbiene ein besonders schweres Dasein hat. Die Natternkopfmauerbiene, nur zehn Millimeter groß, dunkel und pelzig, braucht die blau leuchtenden Blüten des Natternkopfs zum Überleben, und von dem gibt es immer weniger. Das Ökowerk bietet auch Seminare für Erwachsene zu vielfältigen Natur-Themen an. Dabei sind die Bienen besonders gefragt, was sicherlich mit dem neueren Stadthobby Imkerei begründet ist. Die Angebote an Kursen, Seminaren und Führungen füllen ein 50-seitiges Programmheft.

Das Wasserwerk wurde 1872 in Dienst gestellt, um die Villensiedlung im Charlottenburger Westend zu versorgen. Nach gut 90 Jahren wurde es stillgelegt. Abriss und Verschrottung der Anlagen standen im Raum. Angedacht war ein Park mit Erlebnisgastronomie, einer Reitsportanlage, ein Tenniscenter oder ein Pendant zum Spreepark in Treptow. Im Gespräch waren auch stündlich auftauchende Seeungeheuer im nebendran liegenden Teufelssee. Es hagelte Kritik aus der Umweltszene, und der Alternativvorschlag, stattdessen ebenjenes Ökowerk zu gründen, wurde in die Tat umgesetzt. Das Wasserwerk mit Förder- und Filteranlagen, die Dampfmaschinen mit den großen Schwungrädern und Schöpfpumpen wurden rekonstruiert und locken Technikbegeisterte an. Eine Symbiose von Natur und Technik, wie man sie selten hat. Und ganz stilecht ist das Infozentrum „Wasserleben“ im Haus untergebracht, in dem man aus dem Innenleben eines Teiches in den Himmel blicken kann.

Martina Krüger

 

74 – Frühjahr 2018
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