Alles dreht sich – Archäologie in Deutschland

Die Himmelsscheibe von Nebra, ihr Alter wird auf 3 700 bis 4 100 Jahre geschätzt [© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / David von Becker]

Im Gropius Bau zeigen 70 Leihgeber aus ganz Deutschland ihre besten Exponate aus dem Bereich Archäologie. Der geschichtsträchtige Kölner Untergrund ist derzeit im Lichthof des Gropius Baus zu bestaunen. Darunter die Eichenbohlen einer 2 000 Jahre alten Spundwand des antiken Hafens. Während des U-Bahn-Baus waren all die römischen Scherben, Speisereste und Nägel zum Vorschein gekommen. „Ein großes archäologisches Archiv“ nennt das Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte und federführend bei der Vorbereitung der Ausstellung.

Besonders aufschlussreich seien die Amphorenfragmente mit Pinselaufschriften, weil sie den Import von Wein, Öl, Fischsauce und anderen mediterranen Lebensmitteln nach Köln belegen. Die Rheinmetropole gilt als bedeutender Handelsplatz der Zeit. Man ließ es sich gut gehen in der römischen Provinz Niedergermanien. Über der antiken Szenerie schwebt im Lichthof der silberfarbene Zeppelin der zeitgenössischen koreanischen Künstlerin Lee Bul, deren Werke in einer anderen Ausstellung des Gropius Baus zu sehen sind. Die Grenzen verschwimmen. Bewegte Zeiten.
 
Die Ausstellung ist eine beeindruckende Leistungsschau der deutschen Archäologie in den letzten Jahrzehnten. Über 1 000 Artefakte aus Hunderten Fundzusammenhängen sind zu sehen. Darunter Schmuck, Kriegsgerät, Werkzeuge und religiöse Stücke. Ausdrückliches Anliegen der Ausstellungsmacher war es zu zeigen, dass Austausch und Mobilität keine Erfindungen der Neuzeit sind, sondern orginärer Teil der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Der Wissens- und Gütertransfer wird an vielen Stellen der Ausstellung vor Augen geführt. Oft bleiben die eigentlichen Schöpfer im Dunkeln. Wer das Rad erfunden hat, wissen wir zum Beispiel bis heute nicht, auch nicht, ob es in Asien oder Europa zuerst genutzt wurde. Einer der ältesten Funde stammt jedenfalls aus der Bodenseeregion und datiert ins vierte Jahrtausend vor Christus. Während es sich anfangs noch um Scheibenräder handelte, sind die ersten Speichenräder in der Bronzezeit nachweisbar. Im Barnstorfer Moor in Niedersachsen sind Reste eines Speichenrades aus Eichenholz gefunden worden.

Die einzelnen Landesmuseen der Bundesrepublik haben ihre besten Exponate nach Berlin geschickt. Das Highlight jedoch ist sicher die Himmelsscheibe von Nebra, die im Original allerdings nur sechs Wochen zu sehen ist, nicht unüblich bei Stücken dieser Bedeutung. Die Bronzescheibe gilt als älteste kalendarische Darstellung der Menschheit und als Schlüssel zu einem vergessenen Reich, das mutmaßlich vor 3 600 Jahren unterging. Zusammen mit den drei bronzezeitlichen Goldhüten, darunter der Berliner, verbreitet die Himmelsscheibe in dem eigens gesicherten und abgedunkelten Raum eine beinahe mystische Stimmung. Angenommen wird, dass die Hüte ähnlich wie die Himmelsscheibe kalendarisches Wissen der Zeit spiegeln und bei rituellen Anlässen zum Einsatz kamen.
Stolz der Ausstellung ist auch die erst 2008 am Fuß der Schwäbischen Alb gefundene Venus vom Hohle Fels, eine etwa sechs Zentimeter große, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Figur. Man geht von einem Alter von 35 000 bis 40 000 Jahren aus. Somit gehört sie zu den weltweit ältesten plastischen Darstellungen des menschlichen Körpers. Gleich daneben der nächste spektakuläre Fund aus der Gegend: eine kleine Flöte, gefertigt aus Gänsegeierknochen. Sie gilt als das älteste Musikinstrument der Welt und zeugt davon, dass das Musizieren von der Steinzeit an zu den Urbedürfnissen des Menschen zählt. Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb wurden nicht umsonst 2017 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen.

Bei Weitem nicht so alt, aber nicht minder interessant sind die Grabungsfunde aus Lübeck, denen ein ganzer Raum gewidmet ist. Hier gelang es Archäologen, zahlreiche mittelalterliche Holzkeller auszugraben, die alle nach gleichem Muster in einer Art Fertigteilbauweise gezimmert waren. Schließlich sollte die im 12. Jahrhundert zerstörte Stadt in kürzester Zeit neu und größer Gestalt annehmen. Ein standardisiertes Stecksystem ermöglichte den Bewohnern verschiedene Variationen des Grundrisses, ganz ohne Dübel und Nägel. Die Grundflächen maßen teilweise 50 Quadratmeter und mehr. Ein Teil dieser historischen Balkenkonstruktion ist in der Ausstellung aufgebaut. Sie wurde zum Vorbild für den gesamten Ostseeraum. Damit man sich besser vorstellen kann, wie das damals funktionierte, zimmern Jugendliche aus der Lübecker Jugendbauhütte während der Ausstellung die mittelalterliche Holzkonstruktion nach. Dass es klopft und hämmert im Gropius Bau, ist Teil des Konzepts. Experimentelle Archäologie als Teil der aktiven Aneignung.

Karen Schröder


Information
Die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ ist bis zum 6. Januar im Gropius Bau, Niederkirchner Str. 7, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Montag, 10 bis 19 Uhr

 

76 – Herbst 2018
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