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Kultur (76 – Herbst 2018)

DalÍ,  Da Vinci und die Weltzeituhr

Der Kultur-Unternehmer Carsten Kollmeier leitet seit zehn Jahren mit „Dalí- Die Ausstellung am Potsdamer Platz“ das erste privatwirtschaftliche Kunstmuseum Deutschlands. Maßgeblich war er an der Entstehung des Spionagemuseums in Berlin beteiligt, zur Zeit entwickelt er ein Museum über Leonardo da Vinci – und ist noch auf der Suche nach einer passenden Immobilie. Als privater Museumsmacher engagiert sich Kollmeier aber auch mit Leidenschaft für den Berliner Tourismus. Sein neuester Coup ist die Weltzeituhr am Alexanderplatz. Berlin vis-à-vis sprach mit Carsten Kollmeier.

Was fasziniert Sie so sehr an der Weltzeituhr?

Die Weltzeituhr ist ein zeitgeschichtliches Denkmal von Weltrang, eine einzigartige Design-Ikone und steht als bedeutendes Symbol Berlins für Freiheit. In der DDR war sie für viele Menschen eine Art Sehnsuchtsort, da die meisten der abgebildeten Städte für DDR-Bürger damals nicht zu bereisen waren. Aber sie steht für weit mehr als nur für ihre Geschichte. Sie ist bis heute Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Welt, seit dem Mauerfall Symbol für Weltoffenheit und in der Gegenwart Sinnbild für multikulturelles Zusammenleben. Sie zeigt für alle Zeitzonen und die 144 aufgeführten Städte und Regionen gleichzeitig die richtige Zeit an und veranschaulicht, dass es nur eine Zeit gibt, die aus dem Weltall bestimmt wird.

Sie haben die Vermarktungsrechte für die Weltzeituhr erworben. Was haben Sie vor?

Wir haben nicht nur die Vermarktungsrechte übertragen bekommen, sondern uns damit auch einer verantwortungsvollen Aufgabe angenommen. Denn bislang durfte sie nicht in Form von Reproduktionen bzw. Souvenirs vermarktet werden. Da die Weltzeituhr 2019 ihren 50. Geburtstag feiert, hat ihr Schöpfer, der Formgestalter Prof. Erich John, sie uns anvertraut. Er hat gesehen, wie sorgsam wir als Museumsmacher mit Kulturgut umgehen. Unser Konzept, die Weltzeituhr als hochwertige Sammlerstücke und Designobjekte weltweit zu vermarkten, hat ihm schließlich gefallen. Die auf dieser Grundlage entwickelten Produkte werden mit Lizenzpartnern aus Berlin und Deutschland realisiert. So dass wir, wie beim Original, stets von „Made in Germany“ und wenn möglich sogar „in Berlin“ sprechen können.

Vor zehn Jahren haben Sie Dalí nach Berlin geholt. Die Ausstellung ist immer gut besucht, vor allem von Touristen. Können Sie mit den großen Museen in der Stadt mithalten?

Wir zählen als von Senat, Deutschem Museumsbund und ICOM (Anm. d. Red.: Internationaler Museumsrat) anerkanntes Haus bei der Besucherfrequenz zu den führenden 10 Prozent aller Museen in Deutschland. Das haben wir insbesondere dem florierenden Tourismus in Berlin zu verdanken. Aber auch die Berliner sind gern gesehene Gäste. Allein bei der letzten „Langen Nacht der Museen“ waren es wieder ca. 3 000 Besucher. Als das erste und wohl immer noch einzige privatwirtschaftliche Kunstmuseum in Deutschland, das sich, ohne öffentliche Förderung in Anspruch zu nehmen, alleine trägt, liegt uns das Erlebnis der Besucher sehr am Herzen. So bieten wir zum Beispiel stündlich die Teilnahme an öffentlichen Führungen an. In der geförderten Kulturwelt ist es durchaus nichts Ungewöhnliches, dass gut besuchte Ausstellungen oder Vorstellungen gerne als Erfolg gefeiert werden, obwohl sie rein wirtschaftlich gesehen ein Verlust waren. Oder der Deckungsbeitrag durch eigene Einnahmen nicht selten bei gerade einmal 20 Prozent liegt. Das können sich private Museen nicht erlauben.

Was macht das Dalí-Museum so beliebt?

Dalí ist eine Ikone der Kunstwelt. Er polarisiert wie kaum ein anderer. Man kann ihn und seine Kunst nur hassen oder lieben. Aber in jedem Fall ruft er Emotionen hervor. Die Vielfalt und Vielschichtigkeit seines Werkes, die wir im Museum versuchen abzubilden, sprechen jeden an. Er war seiner Zeit voraus und wusste schon damals die Medien als wichtigen Faktor für sich zu gewinnen. Er hätte heute sicherlich eine Milliarde Follower in den Sozialen Medien, wie zum Beispiel auf Facebook. Das ist es, was die Menschen bis heute an diesem Ausnahmekünstler und Vorreiter für ganze Künstlergenerationen fasziniert.

Was haben Dalí und Berlin gemeinsam?

Er ist 1989 gestorben, in dem Jahr, als die Mauer fiel. Ich glaube, Berlin ist die Stadt, in der er heute leben würde. Eine weltoffene und multikulturelle Kunstmetropole, modern und exzentrisch.

Jetzt planen Sie die Eröffnung eines weiteren Privat-Museums, das Da Vinci Berlin. Was erwartet den Besucher?

Das Da Vinci Museum Berlin wird ein Museum 4.0. Dabei wird es von der Zeit der Renaissance, die von der Innovationskraft durchaus mit der Entwicklung von heute zu vergleichen ist, über die weltweit berühmte Kunst von da Vinci bis hin zu den bahnbrechenden Erfindungen und Innovationen des Ausnahmegenies gehen, die bis heute unsere Welt nachhaltig beeinflussen. Originale Zeichnungen, gepaart mit digitalen Erlebniswelten, werden den Besuchern zeigen, was uns bis heute bewegt. Denn vom Traum des Menschen vom Fliegen bis hin zur Mobilität durch das Kugellager, ohne das sich auch eine Weltzeituhr nicht bereits 49 Jahre drehen würde und die Industrialisierung nicht denkbar gewesen wäre, verdanken wir vieles bis heute Leonardo da Vinci. Auch in der Medizin, Botanik, Schifffahrt etc. Parallel planen wir weitere Museen und würden natürlich auch der Weltzeituhr am Alex gerne eine Dauerausstellung widmen. Um den Menschen aus aller Welt dieses Symbol nachhaltig näherzubringen.

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger

 

76 – Herbst 2018

Alles dreht sich – Archäologie in Deutschland

Im Gropius Bau zeigen 70 Leihgeber aus ganz Deutschland ihre besten Exponate aus dem Bereich Archäologie. Der geschichtsträchtige Kölner Untergrund ist derzeit im Lichthof des Gropius Baus zu bestaunen. Darunter die Eichenbohlen einer 2 000 Jahre alten Spundwand des antiken Hafens. Während des U-Bahn-Baus waren all die römischen Scherben, Speisereste und Nägel zum Vorschein gekommen. „Ein großes archäologisches Archiv“ nennt das Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte und federführend bei der Vorbereitung der Ausstellung.

Besonders aufschlussreich seien die Amphorenfragmente mit Pinselaufschriften, weil sie den Import von Wein, Öl, Fischsauce und anderen mediterranen Lebensmitteln nach Köln belegen. Die Rheinmetropole gilt als bedeutender Handelsplatz der Zeit. Man ließ es sich gut gehen in der römischen Provinz Niedergermanien. Über der antiken Szenerie schwebt im Lichthof der silberfarbene Zeppelin der zeitgenössischen koreanischen Künstlerin Lee Bul, deren Werke in einer anderen Ausstellung des Gropius Baus zu sehen sind. Die Grenzen verschwimmen. Bewegte Zeiten.
 
Die Ausstellung ist eine beeindruckende Leistungsschau der deutschen Archäologie in den letzten Jahrzehnten. Über 1 000 Artefakte aus Hunderten Fundzusammenhängen sind zu sehen. Darunter Schmuck, Kriegsgerät, Werkzeuge und religiöse Stücke. Ausdrückliches Anliegen der Ausstellungsmacher war es zu zeigen, dass Austausch und Mobilität keine Erfindungen der Neuzeit sind, sondern orginärer Teil der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Der Wissens- und Gütertransfer wird an vielen Stellen der Ausstellung vor Augen geführt. Oft bleiben die eigentlichen Schöpfer im Dunkeln. Wer das Rad erfunden hat, wissen wir zum Beispiel bis heute nicht, auch nicht, ob es in Asien oder Europa zuerst genutzt wurde. Einer der ältesten Funde stammt jedenfalls aus der Bodenseeregion und datiert ins vierte Jahrtausend vor Christus. Während es sich anfangs noch um Scheibenräder handelte, sind die ersten Speichenräder in der Bronzezeit nachweisbar. Im Barnstorfer Moor in Niedersachsen sind Reste eines Speichenrades aus Eichenholz gefunden worden.

Die einzelnen Landesmuseen der Bundesrepublik haben ihre besten Exponate nach Berlin geschickt. Das Highlight jedoch ist sicher die Himmelsscheibe von Nebra, die im Original allerdings nur sechs Wochen zu sehen ist, nicht unüblich bei Stücken dieser Bedeutung. Die Bronzescheibe gilt als älteste kalendarische Darstellung der Menschheit und als Schlüssel zu einem vergessenen Reich, das mutmaßlich vor 3 600 Jahren unterging. Zusammen mit den drei bronzezeitlichen Goldhüten, darunter der Berliner, verbreitet die Himmelsscheibe in dem eigens gesicherten und abgedunkelten Raum eine beinahe mystische Stimmung. Angenommen wird, dass die Hüte ähnlich wie die Himmelsscheibe kalendarisches Wissen der Zeit spiegeln und bei rituellen Anlässen zum Einsatz kamen.
Stolz der Ausstellung ist auch die erst 2008 am Fuß der Schwäbischen Alb gefundene Venus vom Hohle Fels, eine etwa sechs Zentimeter große, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Figur. Man geht von einem Alter von 35 000 bis 40 000 Jahren aus. Somit gehört sie zu den weltweit ältesten plastischen Darstellungen des menschlichen Körpers. Gleich daneben der nächste spektakuläre Fund aus der Gegend: eine kleine Flöte, gefertigt aus Gänsegeierknochen. Sie gilt als das älteste Musikinstrument der Welt und zeugt davon, dass das Musizieren von der Steinzeit an zu den Urbedürfnissen des Menschen zählt. Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb wurden nicht umsonst 2017 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen.

Bei Weitem nicht so alt, aber nicht minder interessant sind die Grabungsfunde aus Lübeck, denen ein ganzer Raum gewidmet ist. Hier gelang es Archäologen, zahlreiche mittelalterliche Holzkeller auszugraben, die alle nach gleichem Muster in einer Art Fertigteilbauweise gezimmert waren. Schließlich sollte die im 12. Jahrhundert zerstörte Stadt in kürzester Zeit neu und größer Gestalt annehmen. Ein standardisiertes Stecksystem ermöglichte den Bewohnern verschiedene Variationen des Grundrisses, ganz ohne Dübel und Nägel. Die Grundflächen maßen teilweise 50 Quadratmeter und mehr. Ein Teil dieser historischen Balkenkonstruktion ist in der Ausstellung aufgebaut. Sie wurde zum Vorbild für den gesamten Ostseeraum. Damit man sich besser vorstellen kann, wie das damals funktionierte, zimmern Jugendliche aus der Lübecker Jugendbauhütte während der Ausstellung die mittelalterliche Holzkonstruktion nach. Dass es klopft und hämmert im Gropius Bau, ist Teil des Konzepts. Experimentelle Archäologie als Teil der aktiven Aneignung.

Karen Schröder


Information
Die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ ist bis zum 6. Januar im Gropius Bau, Niederkirchner Str. 7, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Montag, 10 bis 19 Uhr

 

76 – Herbst 2018
Kultur

Die Humor-Reizschwelle ist in Berlin sehr hoch

Schlange stehen vorm Kabarett! Dass es so etwas noch gibt: Anstehen für Kultur. Aber Fehlanzeige. Ziel ist die Gemüsedönerbude direkt nebenan. Wie es scheint, ist sie in den Berlin-Reiseführern aufgeführt, was den Andrang erklären könnte. Vorbei an hungrigen Touristen rauf in den fünften Stock ins BKA, in den Comedyhimmel mit Aussicht auf die Dächer von Kreuzberg. Seit 30 Jahren hat die Berliner Kabarett Anstalt (BKA in Anlehnung an die Abkürzung für das Bundeskriminalamt) hier ihren Sitz.

Das Kabarett startete in den 1980er Jahren in einem Zelt am Mariannenplatz. Rainer Rubbert, einer der Chefs des Hauses, war von Beginn an dabei. Auf der Suche nach einem festen Wohnsitz zogen sie in die ehemalige Discothek „Dachluke“, in der früher Schlagerlegende Gunter Gabriel auflegte.

Eine Zelt-Variante blieb, das BKA-Luftschloss löste sich allerdings 2004 auf. Fortan spielte man nur noch unterm Dach am Mehringdamm. Hat man so weit oben einen Überblick über die Kabarett-Szene? Uwe Berger, Geschäftsführer und Programmgestalter ebenso wie Rainer Rubbert, sagt dazu, dass man sich diesen stets erarbeiten muss. „Da muss man immer schauen, neue Leute zu entdecken.“ Zumal sich gerade in dieser Szene vieles schnell verändert. Die Erfahrung schafft Gespür für Leute und für Trends. Ende der 70er Jahre gehörte Rubbert zu den Gründern des Kabaretts „CaDeWe“, aus dem „Die Enterbten“ hervorgingen, ein Musikkabarett, dann folgte die Gründung des BKA. Musikkabarett war neu. Und Rubbert war dafür der richtige Mann, denn er ist Komponist sowohl für Kleinkunstbühnen als auch für große Oper. Er wollte den etablierten Häusern „Die Stachelschweine“ und „Die Wühlmäuse“ etwas entgegensetzen. „Damals kam uns das bieder vor, was sie da auf der Bühne machten“, erzählt Rubbert.
Kostüme und viel Musik hielten Einzug. Die Kleinkunstbühne wurde frech, witzig und politisch. Es war nicht mehr die ganz hohe Dosis Politik und hatte für ein größeres Publikum mehr Schauwert. Die Chansonwelle überspülte Anfang der 1990er Jahre die Bühnen. College of Hearts, Georgette Dee und Tim Fischer, Popette Betancor waren die Trendsetter und gehören auch heute noch zu den Stammkünstlern des BKA. Ein wenig stolz sind die Macher auch darauf, dass sie die Travestie-Szene aus den dunklen Kneipen ins Rampenlicht geholt haben. Das Leben auf den Kleinkunstbühnen wurde damit vielfältiger, bunter. Und das politische Kabarett? „Das ist immer da“, sagt Berger. Christian Ehring, Arnulf Rating, um nur zwei Namen zu nennen, stehen hier regelmäßig auf der Bühne. „Nur“, schiebt Rubbert ein, „viele der jungen Kabarettisten nennen sich heutzutage lieber ‚Comedian‘, das klingt schicker, moderner.“ Und in den Programmen vermischen sich Alltagskritik und Witzeleien aus der Welt der Politik. Besonders auffällig gut gelingt diese Art des Kabaretts, wenn sich Künstler eine Bühnenfigur erschaffen, die aus dem Kiez kommt. So wie Edith Schröder,  die von Ades Zabel zum Leben erweckt wurde. Die Dame, 52, bezieht allerlei Leistungen vom Staat und stammt aus Neukölln, ehemals Problembezirk und heute extrem angesagt (siehe Dönerstand). Diese Bühnenfigur hat sich soweit verselbstständigt, dass sie sogar Stadtrundfahrten anbietet. La Signora ist die italienische Mama mit dem Akkordeon. Carmela de Feo stattet sie reichlich mit Musik und sogar Tanz aus. Das ist sozusagen verlässliche Comedy.

Experimente sind schwieriger. „Die Humor-Reizschwelle ist in Berlin sehr hoch. Es braucht manchmal ein bisschen“, sagt Berger. Er sieht das bei den Poetry-Slam-Leuten, die zuhauf auf die Bühnen strömen, und er erinnert sich an einen fast traurigen Fall. Ein Schweizer, der zweifellos gut war, funktionierte in Berlin nicht. Der Humor kam hier weniger an.
Und das Haus setzt in seinem Spielplan einen einzigartigen Kontrapunkt: die wöchentliche Reihe „Unerhörte Musik“ mit zeitgenössischer Tonkunst des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts.

Martina Krüger

 

76 – Herbst 2018
Kultur