Grüße aus Berlinchen

Das reizvolle alte Strandbad in Barlinek wurde 1990 restauriert [Foto: P. Cieniuch]

Eine waldreiche Seenlandschaft und interessante Geschichte erwartet den Besucher 80 Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze. Berlinchen, auf einen Ort dieses Namens muss man als Berlinerin einfach neugierig sein. Die Entscheidung für eine Reise fällt beim Blick auf die Karte dann auch nicht schwer, scheint die Gegend doch auch landschaftlich einige Vorzüge zu besitzen. Einen großen See mit vier Inseln etwa, kleine Waldseen und einen Fluss, der hier entspringt, die Plöne. Ausgedehnte Wälder befinden sich südlich der Stadt. Schon der Weg nach Barlinek, wie Berlinchen heute polnisch heißt, führt immer wieder durch weite hügelige Landschaft und an klaren buchtenreichen Seen vorbei. Die nächste größere Stadt Landsberg an der Warthe, heute Gorzów, liegt etwa 30 Kilometer von Berlinchen entfernt. Dort befindet sich auch der Sitz der örtlichen Naturparkverwaltung.

Der Legende nach sollen sich Berliner Fischer im 13. Jahrhundert an diesem Ort niedergelassen haben, woraufhin der Name Berlinchen entstand. Aber belegt ist nur, dass an der engsten Stelle des Plönetals um 1270 der Müller Heinrich Toyte eine Mühle betrieb. Diese befand sich im Besitz der beiden brandenburgischen Markgrafen Otto und Albrecht. Ihnen ging es darum, das gerade in Besitz genommene Gebiet, die Neumark, gegen die pommerschen Herzöge zu verteidigen. Ansiedlung erschien ihnen in dem Zusammenhang das geeignete Mittel. Eine Urkunde vom 25. Januar 1278 beglaubigt die Gründung der Stadt „Neu Berlyn“ nach Magdeburger Recht. Noch heute sind Teile der mittelalterlichen Stadtmauer erhalten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Ort aus einer unbedeutenden Ackerbürgerstadt zu einem regionalen Gewerbezentrum, insbesondere der Tuchmacherei. Straßen und Eisenbahnstrecken wurden erbaut. Bis 1939 erhöhte sich die Einwohnerzahl auf 7 595, soweit die Statistik.

Wegen seiner landschaftlich reizvollen Lage wurde die Gegend als „Perle der Neumark“ bald auch vom Fremdenverkehr entdeckt. Gerade Berliner waren in dem Städtchen gern gesehene Urlauber. Historische Postkarten zeugen davon. In den 1920er Jahren wurde ein weitläufiges Freibad errichtet, das noch heute erfolgreich in Betrieb ist. Es gibt einen Segelclub und zahlreiche Möglichkeiten, Wassersport zu betreiben. Die Ufer zum See hin fallen teils steil ab. Ausgedehnte Buchenwälder schließen sich an.

Von der Schönheit des Ortes war schon um die Jahrhundertwende der Architekt Martin Dülfer eingenommen. Er erbaute sich 1908 am Ufer des Berlinchen-Sees eine opulente Villa mit zwei Zwiebeltürmen. Dülfer war zur Bauzeit Professor in Dresden und hatte sich zuvor in München als Reformarchitekt einen Namen gemacht. Später trat er als Mitbegründer des Werkbunds und Theaterarchitekt hervor. Auch für Berlin hatte er einst ein Opernhaus entworfen, das allerdings nie realisiert wurde. Nach öffentlicher Nutzung unter anderem als Schule ist das „Zwiebelschloss“ heute wieder in Privatbesitz. Frisch restauriert ist das Gebäude der architektonische Stolz des Ortes.

 


Am Marktplatz [Foto: P. Cieniuch], St. Bonifatius-Kirche [Foto: Marcin Kuna / CC BY-SA 3.0 pl]

 

Doch nicht Martin Dülfer ist die eigentliche Berühmtheit der Stadt, sondern Emanuel Lasker, der einzige deutsche Schachweltmeister und noch dazu der bis heute dienstälteste. An seinem Geburtshaus befindet sich heute eine Gedenktafel. Ihm ist ein Stadtpark, ein eigener Raum im Heimatmuseum und ein persönlicher Stadtrundgang gewidmet ist. Emanuel Lasker wurde 1868 in Berlinchen als Sohn eines jüdischen Kantors und Enkel eines Rabbiners geboren. Sein Bruder Bertold Lasker, auch er spielte erfolgreich Schach, war Arzt in Berlin und für einige Jahre Ehemann der Dichterin Else Lasker-Schüler. In Erinnerung an Emanuel Lasker, den großen Sohn der Stadt, finden noch heute in Berlinchen regelmäßig Schachturniere statt.

Neben dem großen See gibt es auf dem Stadtgebiet noch einen weiteren See, der den Besuch unbedingt lohnt, den „Hopfensee“. Er ist viel kleiner, aber auch um einiges tiefer. An seinem Ufer ist die katholische St.-Bonifatius-Kirche einen Abstecher wert. Gebaut hat sie 1923 Wilhelm Fahlbusch im expressionistischen Stil. Von Fahlbusch stammt auch eine Reihe wichtiger moderner Kirchenbauten in Berlin, darunter in Wannsee, Schmargendorf und Dahlem. An vielen Stellen zeigen sich in Berlinchen die Beziehungen zum großen Namensvetter, und das macht nicht zuletzt den Charme des Besuchs aus. 

Zur 650-Jahrfeier Berlinchens 1928 sollen übrigens 600 Berliner angereist sein. In knapp zehn Jahren feiert Berlinchen sein 750-jähriges Gründungsjubiläum. Vielleicht ein Anlass, dass die Berliner sich wieder vermehrt auf den Weg machen.

Karen Schröder

 

77 - Winter 2019
_allesfinden_