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Lifestyle (77 - Winter 2019)

Sky Suiten mit Panoramablick

Der Blick aus 110 Meter Höhe über die Berliner City ist schon spektakulär. Von der 37. Etage des Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz aus lässt sich eine unvergleichliche Aussicht weit über die Grenzen der Hauptstadt genießen. In die ehemalige Eventetage, die früher als Casino diente, sind 16 exklusive Sky Suiten eingezogen. Die neuen eleganten Wohnbereiche des höchsten Hotels Deutschlands sind 45 bis 120 Quadratmeter groß und bestechen durch ihre geradlinig stilvolle Innenarchitektur, in der edle Materialien und gediegene Farben dominieren. 


Frühstückslounge mit Wandmosaiken aus dem früheren Casino

Mit der Gestaltung wurden die Hamburger Innenarchitekten von JOI-Design betraut, die mit viel Liebe zum Detail in den neuen Suiten ein modern-großstädtisches Ambiente geschaffen haben. Luftige, lichtdurchflutete Räume mit 3,20 Meter bodentiefen Fenstern, Betten in Übergröße, ein eigener Frühstücksbereich und eine Executive Lounge zählen zu den luxuriösen Besonderheiten der höchstgelegenen Suiten der Spreemetropole. Eine weitere Besonderheit: Bei den umfangreichen Umbauarbeiten wurde ein bedeutendes Kunstwerk entdeckt – eine Keramikwand in aufwändiger Relieffliesen-Technik. Jetzt hängt das Werk aus dem Jahr 1971 dekorativ in der Frühstückslounge.

„Die Sky Suiten sind ein besonderer Ort des Park Inn Berlin, in dem unsere Gäste ganz privat wohnen. Unsere neuen Suiten erfreuen sich großer Nachfrage, natürlich auch wegen der großartigen Aussicht“, so Jürgen Gangl, General Manager des Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz. Die 37. Etage des mit 1 028 Zimmern zweitgrößten Hotels Deutschlands ist zu einem außergewöhnlichen Rückzugsort geworden, der Gästen neben der einmaligen Aussicht einen exzellenten Service bietet. Check-in und Check-out sind über eine App möglich, für den Zugang zu den Suiten kann das Smartphone eingesetzt werden. Eine eigene Homepage (www.skysuiten-berlin.de) steht für Buchungen zur Verfügung.

 

77 - Winter 2019

In Zukunft Fliegende Taxis

Mobilität und Infrastruktur für die Zukunft zu gestalten, sind große Herausforderungen. In manchen Großstädten sitzen Autofahrer jährlich hundert Stunden im Stau, in Deutschland etwa die Hälfte. Bis 2050 werden siebzig Prozent der Menschen in urbanen Räumen leben. Unser „Jahrhundert der Städte“ zwingt uns, vor allem Mobilität neu zu denken.

Über fliegenden Nahverkehr gab es immer schon Visionen, doch erst 2017 wurde in Dubai tatsächlich erstmals ein Flugtaxi getestet. Kürzlich hat nun ein Verbund von Audi, Airbus und Italdesign erstmals das Konzept für einen völlig neuartigen und effizienten Flugtaxi-Service für die Stadt vorgestellt. Er kombiniert ein Flugtaxi mit einem selbstfahrenden Elektroauto. Beim ersten öffentlichen Testflug hat die Drohne eine Passagierkapsel zielsicher auf dem Fahrzeug abgesetzt, das dann selbstständig vom Testgelände fuhr. Noch ist der Prototyp „Pop.Up Next“ ein Modell, doch ist man bei Audi überzeugt, dass derartige „Robotertaxis“ im nächsten Jahrzehnt zum Einsatz kommen werden.

Eine mobile Zukunftsvision mit innovativer Lösung und Services für die Mobilität der Zukunft präsentierte auch Bosch Anfang des Jahres auf der CES in Las Vegas: Das Konzeptfahrzeug eines fahrerlosen, elektrisch angetriebenen Shuttles, das mit seiner Umwelt vernetzt ist. Denn für die Zukunft des automatisierten Fahrens müssen Fahrzeuge sowohl untereinander als auch mit ihrem Umfeld reibungslos kommunizieren können. Bosch hat dafür eine universelle Vernetzungseinheit entwickelt. Das Technologieunternehmen will Hardware, Software und neue digitale Services bereitstellen, mit denen die zukünftigen Nutzer die Shuttles buchen können.

Mit den autonomen Fahrzeugflotten, Lufttaxen und einer wachsenden Zahl von Elektroautos wird sich schließlich auch das Tankstellengeschäft ändern. Zu diesem Schluss kommt die neue Aral-Studie „Tankstelle der Zukunft“. Sie zeigt das Modell einer Tankstelle mit vielfältigem Strom- und Kraftstoffangebot, Tankrobotern, die das Laden und die Betankung übernehmen,
Batteriewechselautomaten für E-Bikes und E-Scooter und einem Landeplatz für Lufttaxis. Außerdem können sich die Aral-Visionäre Meetingräume und mobile Büros für Geschäftsleute, Paketstationen und Lieferservices in den Tankstellen vorstellen. Die nahe Zukunft ist bescheidener: zunächst die Vision Realität werden zu lassen, überall Schnellladesäulen aufzustellen, mit denen E-Autos in fünf Minuten für eine Reichweite von 145 Kilometer aufgeladen werden können.

 

Die Tesla-Konkurrenten

1. Erster vollelektrischer Mercedes [Foto: © Daimler AG]
2. Der Audi e-tron quattro ist das erste Elektro-SUV des Ingolstädter Autobauers [Foto: AUDI AG]
3. BMW i4 soll 2021 auf den Markt kommen [Foto: BMW AG]

Im Rennsport wird die Pole-Position fast wie „die halbe Miete“ zum Sieg angesehen. Die Elektromarke Tesla hatte das frühzeitig erkannt und brachte sich dank des charismatischen Elon Musk und einem enormen Investitionsaufwand mit den Modellen Model S, X und 3 rechtzeitig in diese erfolgversprechende Ausgangsposition. Schließlich geht es, um im Bild zu bleiben, um den Sieg, d.h., die Dominanz in Sachen Elektromobilität. Mittlerweile wollen aber auch Mitstreiter und Konkurrenten in die erste Startreihe. Im Branchenjargon als „Tesla-Jäger“ gehandelt, sind es vor allem Mercedes mit dem ersten Modell seiner EQ-Serie, BMW mit dem i4 und Audi mit dem e-tron. Immerhin ist Tesla bereits seit Langem mit dem Model S auf dem Markt, weiteres Abwarten vonseiten der deutschen Hersteller offensichtlich keine Option mehr. Denn trotz Produktionsverzögerungen und einer teilweise schlechten Verarbeitungsqualität kommen an Teslas Model 3 im Augenblick die deutschen Premiumhersteller nicht vorbei. Was Wunder, wenn jetzt zum großen Angriff geblasen wird.

Das erste EQ-Modell von Mercedes, wie kann es anders sein, ist ein SUV mit dem Kürzel EQC. Bereits 2016 hatte Mercedes eine entsprechende Studie präsentiert. Es soll dem Tesla Model X Konkurrenz machen und Mitte 2019 in den Handel kommen. Der Strom des EQC kommt aus einem Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von 80 Kilowattstunden und soll mit einer Akkuladung eine Reichweite bis zu 400 Kilometer garantieren. Die Beschleunigung von Null auf Tempo 100 wird mit 5,1 Sekunden angegeben, bei 180 Kilometer pro Stunde abgeregelter Höchstgeschwindigkeit. Als Schwachpunkt erscheint die Ladezeit: In ca. 40 Minuten ist der Akku zu 80 Prozent aufgeladen. Allerdings markiert der EQC erst den Beginn von Daimlers Elektrooffensive. Große Summen steckt der Konzern in den kommenden Jahren in neue Elektromodelle und entsprechende Batteriefertigung.

Auch in München wird sehr viel Geld in die Hand genommen, um einen echten Tesla-Jäger auf die Straße zu bringen. BMW investiert etwa 200 Millionen Euro in sein Stammwerk für den Bau des vollelektrischen Tesla-Konkurrenten BMW i4. 2021 soll dort die Serienproduktion dieses viertürigen Elektro-Coupés beginnen, ein echter Gegner für das Tesla Model 3 im Preis-Segment zwischen 40 000 und 60 000 Euro. Bereits 2019 will Tesla allerdings das Model 3 in Deutschland verkaufen. Das macht zusätzlichen Druck für die bayerische Konkurrenz. 

Bei Audi ist man offensichtlich etwas schneller. Bereits in diesem Jahr wird der E-Tron, ebenso ein SUV, ausgeliefert. Die Kapazität seines Akkus beträgt 95 Kilowattstunden, womit man mit einer Akkuladung wie mit dem EQC bis zu 400 Kilometer weit kommen soll. Den Spurt von Null auf Tempo 100 schafft er in 6,6 Sekunden bei abgeregelten 200 Kilometer pro Stunde. Während der Einstiegspreis des E-Trons nahe 80 000 Euro liegt, beginnen die Preise für den EQC bereits ab 70  000 Euro. Damit befinden sich diese beiden E-Modelle zwar mit in der ersten Startreihe der neuen E-Autos, aber echte Tesla-Konkurrenten sind sie noch nicht, betrachtet man die höheren Reichweiten beispielsweise von Model X oder die günstigeren Preise für Model 3.

Ähnliches gilt sicher auch für andere Marken, die sich als Tesla-Jäger verstehen. So will sich Jaguar mit dem iPace auch Marktanteile auf dem mobilen Elektromarkt sichern. Und nicht zu vergessen, die chinesischen Tesla-Jäger.

1. Der Nio ES8 ist ein SUV mit umfangreicher Ausstattung und E-Motor aus China [Foto: © NIO]
2. Mit dem Lucid Motors Air wurde 2017 ein weiteres Elektroauto vorgestellt, das Tesla gerne ein paar Kunden abjagen möchte [Foto: © Lucid Motors, Inc.]
3. Byton will 2020 ein Elektro-SUV für ca. 43 000 Euro nach Deutschland bringen [Foto: © BYTON]

Nio startete bereits die Serienproduktion des ES8, ein siebensitziges Elektro-SUV in China, angeblich nur halb so teuer wie Teslas Model X, aber ähnlich leistungsstark. Ab 2020 soll der ES8 auch in Europa verkauft werden. Lucid Motors will eine Limousine der oberen Mittelklasse 2020 in den USA auf den Markt bringen und Byton visiert lautstark den Massenmarkt an. Das erste Byton E-SUV wird Ende 2019 auf den chinesischen Straßen zu sehen sein, in Europa ein Jahr später. Technisch auf hohem Niveau sowie mit der Option, auch autonom fahren zu können, preislich unter 50 000 Dollar angesiedelt, könnte ein Byton der aussichtsreichste chinesische Tesla-Jäger sein.

 

Transformation bei Porsche 

Hybridtauglicher Porsche [Foto: Porsche AG]

Als der neue 911er angekündigt wurde, jubelten in der Porsche-Gemeinde die eingefleischten Puristen, denn die achte Generation seit 1963, die im Frühjahr mit dem Carrera S als Einstiegsmodell verkauft wird, pflegt weiter die Tradition des legendären Sportwagens: wiederum um 30 PS ein wenig stärker und mit 3,7 Sekunden von Null auf Tempo 100 ein wenig schneller als das jeweilige Vorgängermodell. Und auch der Sechszylinder-Boxermotor im Heck klingt genauso, wie von der speziellen Porsche-Klientel erwartet wird. Bewusst wolle man keine grundsätzlichen Veränderungen am Elfer, heißt es bei Porsche. Es gehe um das alte, faszinierende Fahrgefühl, den Fahrspaß. Deshalb könne der Fahrer auch jederzeit die technischen Helfer – es sind einige dazugekommen und auch zwei Gänge mehr als Spritsparstufen – ausschalten. 

Transformation in Richtung alternativer Antrieb also für den 911er ein No-Go? Nicht ganz. Zumindest der Platz für einen Elektromotor existiert schon, die Elfer-Plattform ist also hybridtauglich, ein mögliches Modell aber sicher so schnell nicht zu erwarten. 

Noch in diesem Jahr will dagegen Porsche sein erstes reines Batteriefahrzeug seinem PS-verwöhnten Kundenkreis anbieten. Die Neuentwicklung heißt Taycan und verspricht mit 600 PS deutlich gewohnte Antriebsstärke. In weniger als 12 Sekunden erreicht der Taycan Tempo 200. Ob allerdings ohne den porschetypischen Sound bei den potenziellen Käufern Begeisterung aufkommen wird, bleibt abzuwarten. Abzuwarten bleibt auch, inwieweit die Reichweite, die mit ca. 500 Kilometern angegeben wird, bei hohen Geschwindigkeiten schmilzt. Dem viertürigen Taycan-Coupé sollen weitere E-Modelle folgen. Daimler will sechs Milliarden Euro in den nächsten vier Jahren in deren Entwicklung und den Aufbau entsprechender Ladeinfrastruktur investieren.

 

 

 

77 - Winter 2019

Grüße aus Berlinchen

Eine waldreiche Seenlandschaft und interessante Geschichte erwartet den Besucher 80 Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze. Berlinchen, auf einen Ort dieses Namens muss man als Berlinerin einfach neugierig sein. Die Entscheidung für eine Reise fällt beim Blick auf die Karte dann auch nicht schwer, scheint die Gegend doch auch landschaftlich einige Vorzüge zu besitzen. Einen großen See mit vier Inseln etwa, kleine Waldseen und einen Fluss, der hier entspringt, die Plöne. Ausgedehnte Wälder befinden sich südlich der Stadt. Schon der Weg nach Barlinek, wie Berlinchen heute polnisch heißt, führt immer wieder durch weite hügelige Landschaft und an klaren buchtenreichen Seen vorbei. Die nächste größere Stadt Landsberg an der Warthe, heute Gorzów, liegt etwa 30 Kilometer von Berlinchen entfernt. Dort befindet sich auch der Sitz der örtlichen Naturparkverwaltung.

Der Legende nach sollen sich Berliner Fischer im 13. Jahrhundert an diesem Ort niedergelassen haben, woraufhin der Name Berlinchen entstand. Aber belegt ist nur, dass an der engsten Stelle des Plönetals um 1270 der Müller Heinrich Toyte eine Mühle betrieb. Diese befand sich im Besitz der beiden brandenburgischen Markgrafen Otto und Albrecht. Ihnen ging es darum, das gerade in Besitz genommene Gebiet, die Neumark, gegen die pommerschen Herzöge zu verteidigen. Ansiedlung erschien ihnen in dem Zusammenhang das geeignete Mittel. Eine Urkunde vom 25. Januar 1278 beglaubigt die Gründung der Stadt „Neu Berlyn“ nach Magdeburger Recht. Noch heute sind Teile der mittelalterlichen Stadtmauer erhalten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Ort aus einer unbedeutenden Ackerbürgerstadt zu einem regionalen Gewerbezentrum, insbesondere der Tuchmacherei. Straßen und Eisenbahnstrecken wurden erbaut. Bis 1939 erhöhte sich die Einwohnerzahl auf 7 595, soweit die Statistik.

Wegen seiner landschaftlich reizvollen Lage wurde die Gegend als „Perle der Neumark“ bald auch vom Fremdenverkehr entdeckt. Gerade Berliner waren in dem Städtchen gern gesehene Urlauber. Historische Postkarten zeugen davon. In den 1920er Jahren wurde ein weitläufiges Freibad errichtet, das noch heute erfolgreich in Betrieb ist. Es gibt einen Segelclub und zahlreiche Möglichkeiten, Wassersport zu betreiben. Die Ufer zum See hin fallen teils steil ab. Ausgedehnte Buchenwälder schließen sich an.

Von der Schönheit des Ortes war schon um die Jahrhundertwende der Architekt Martin Dülfer eingenommen. Er erbaute sich 1908 am Ufer des Berlinchen-Sees eine opulente Villa mit zwei Zwiebeltürmen. Dülfer war zur Bauzeit Professor in Dresden und hatte sich zuvor in München als Reformarchitekt einen Namen gemacht. Später trat er als Mitbegründer des Werkbunds und Theaterarchitekt hervor. Auch für Berlin hatte er einst ein Opernhaus entworfen, das allerdings nie realisiert wurde. Nach öffentlicher Nutzung unter anderem als Schule ist das „Zwiebelschloss“ heute wieder in Privatbesitz. Frisch restauriert ist das Gebäude der architektonische Stolz des Ortes.

 


Am Marktplatz [Foto: P. Cieniuch], St. Bonifatius-Kirche [Foto: Marcin Kuna / CC BY-SA 3.0 pl]

 

Doch nicht Martin Dülfer ist die eigentliche Berühmtheit der Stadt, sondern Emanuel Lasker, der einzige deutsche Schachweltmeister und noch dazu der bis heute dienstälteste. An seinem Geburtshaus befindet sich heute eine Gedenktafel. Ihm ist ein Stadtpark, ein eigener Raum im Heimatmuseum und ein persönlicher Stadtrundgang gewidmet ist. Emanuel Lasker wurde 1868 in Berlinchen als Sohn eines jüdischen Kantors und Enkel eines Rabbiners geboren. Sein Bruder Bertold Lasker, auch er spielte erfolgreich Schach, war Arzt in Berlin und für einige Jahre Ehemann der Dichterin Else Lasker-Schüler. In Erinnerung an Emanuel Lasker, den großen Sohn der Stadt, finden noch heute in Berlinchen regelmäßig Schachturniere statt.

Neben dem großen See gibt es auf dem Stadtgebiet noch einen weiteren See, der den Besuch unbedingt lohnt, den „Hopfensee“. Er ist viel kleiner, aber auch um einiges tiefer. An seinem Ufer ist die katholische St.-Bonifatius-Kirche einen Abstecher wert. Gebaut hat sie 1923 Wilhelm Fahlbusch im expressionistischen Stil. Von Fahlbusch stammt auch eine Reihe wichtiger moderner Kirchenbauten in Berlin, darunter in Wannsee, Schmargendorf und Dahlem. An vielen Stellen zeigen sich in Berlinchen die Beziehungen zum großen Namensvetter, und das macht nicht zuletzt den Charme des Besuchs aus. 

Zur 650-Jahrfeier Berlinchens 1928 sollen übrigens 600 Berliner angereist sein. In knapp zehn Jahren feiert Berlinchen sein 750-jähriges Gründungsjubiläum. Vielleicht ein Anlass, dass die Berliner sich wieder vermehrt auf den Weg machen.

Karen Schröder

 

77 - Winter 2019

Living in a box

In der Kulisse von Hafen und Werft, unweit vom Warnemünder Ortskern, entstand das erste Upcycling-Hostel Deutschlands. Die Idee, aus frei stehenden Überseecontainern, die auf ein erfülltes Leben auf See zurückblicken, ein Hostel zu bauen, ist bisher einmalig. Das Interior Design greift den rauhen Charme der Umgebung auf.

Spielerisch nonchalant wird der roughe Hafenlook mit urbaner Lässigkeit und maritimem Flair gepaart. Das ungewöhnliche Format der Container (12 x 2,5 Meter) wird durch die Tischlereieinbauten wohnlich proportioniert – selbst ein Bad hat so noch Platz. Gemütliche Polstermöbel aus natürlichen Materialien in gedeckten Farben runden die Atmosphäre ab. Das Hostel verfügt über 64 Zimmer mit insgesamt 188 Betten in vier verschiedenen Container-Typen. Ein offenes Restaurant, eine Kombüse und ein Spa bringen noch mehr Leben in das außergewöhnliche Haus. Dass das Container-Hostel bereits mit dem Deutschen Tourismuspreis und dem Marketing Award ausgezeichnet wurde, wundert da nicht.

Architektur von Holzer Kobler Architekturen.

 

77 - Winter 2019

Samtig aber nicht plüschig

Aller Anfang ist klein. Und wer sich dem Samt-Trend verschreiben möchte, könnte mit einem Kissen in der Farbe nachtblau beginnen. Was heißt schon Anfang? Eher ist es ein Déjà-vu. Eine Wiederbegegnung mit vielfältigen Assoziationen. In das elegante kurzflorige Textil mit seinen sinnlichen Oberflächenreizen scheint die Magie der Geschichte eingewebt zu sein.

Die Noblesse und sprichwörtliche Dekadenz der französischen Aristokratie. Samt und Seide aus den Zeiten des Barock mit verschwenderischer Üppigkeit. Das Fließen des Stoffes oder die schweren Tischdecken samt Fransen in der kurzen Ära des Jugendstils. Das grüne Sofa gehört ebenso dazu wie goldfarbene Texturen. Bald darauf wurden Fabrikate aus Seidensamt auch moderner inszeniert. Die prominenteste Kreation ist das Café „Samt und Seide“ von Mies van der Rohe und seiner Partnerin Lilly Reich im Juni 1927. Im Auftrag des Krefelder Vereins deutscher Seidenwebereien bauten beide zusammen einen Repräsentationsstand für die Messe „Die Mode der Dame“. Auf der Dreihundert-Quadratmeter-Ausstellungsfläche konnten sich die Krefelder Seidenproduzenten in der neuen Messehalle am Funkturm in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentie-ren. Die Raffinesse bestand in der effektvollen Gliederung des Raumes allein durch von einer Stahlrohrkonstruktion herabhängende Stoffbahnen.- Samt und Seide als fließende Wände. 

Das Hamburger Studio Besau-Marguerre, vor einigen Jahren mit einem aus Schnur gewickelten roten Hocker berühmt geworden, hat in diesem Jahr für den Stuhlhersteller Thonet auf der „Imm Cologne“ ebenfalls einen Messestand geschaffen, das „Café Thonet“. Eine „Bühne für Bug- und Stahlrohr“. Der Titel erinnert an die prominenten Vorgänger. Moderne offene Räume und das plüschige Material müssen sich also keinesfalls ausschließen. Ganz im Gegenteil. 

Im Wohnalltag können Kissen also ein Anfang sein. Es gibt sie in den Farben von Rosé bis zu tiefem Ozeanblau, Meeresblau und Senffarben oder Dschungelgrün bis Flamingo. Die Objekte für das Sofa zu Hause sind mal aus Seidensamt, dem Klassiker, mal aus Baumwolle oder gar Kunstfasern. Zählte man alle Kissen der Stadt zusammen, könnte eine samtene Kissenschlacht die fantasievolle Ausdrucksvariante für Bürgerunmut sein. Das Zuhause aber ist ein Kokon, der Behaglichkeit verspricht, erst recht in schwierigen Zeiten. 

 


Inspiriert vom Halloween-Kürbis leuchtet Lucie Koldovas Leuchten-Konzept Jack O’Lantern auf symbolische Weise den Weg im Haus [Foto : © Lucie Koldova and Brokis]
Grün ist das neue Rot. Klassische Sofas mit Samtbezug sind derzeit en vogue [Foto: © Maisons du Monde]

 

Und nicht nur das! Das Zuhause – klein oder groß – gilt als Kreativraum schlechthin für die eigenen Träume. Samt und sonders! Es gibt kaum Grenzen des Kombinierbaren, der ineinandergreifenden Geschichten und sich überlagernden Erinnerungen. Mit Samthussen überzogene Panton Chairs suggerieren z. B. mehr ein obskures Ballett, als dass sie auf die einstige technologische Innovation des Plastikgusses verweisen. Weiß man ja. Ein bisschen Kostümball aber schafft neue Erlebnisse. 

Die zwanziger Jahre grüßen herüber in die kommenden Zwanziger. Mit dabei in relaunchter Gestalt tiefgrüne Sofas, magische Lichtquellen, sinnliche, aber etwas kühlere Oberflächen. New Art déco zelebriert neuen Luxus mit Samt und Seidenfransen, mit schimmerndem Metall und malerischem Glas. Ganz geometrisch etwa die Leuchten „Jack O’Lantern“ von Lucie Koldová. Hier liegen Glaskugeln in zarten Metallstrukturen. Ein Schweben im Raum. Dazu Sessel aus Wiener Geflecht. Mitunter genügt auch ein kleiner Stilverweis, etwa mit einem Samthocker wie „Grandma“ von Bloomingville. Oder statt Art-déco-Zitaten lieber skandinavisch inspirierter urbaner Stilmix mit silbergrauem Samtsofa, Häkelpouf, Fellhocker samt Monstera und Flechtkörben in verschiedenen Größen. Überhaupt neigen die schönen Dinge zur Familienbildung. Lampen in Gruppen, Spiegel und Tische von groß bis klein, Läufer und Teppiche neben- und übereinander. Pflanzen in diversen Töpfen oder in einer Ampel aus – ja Makramee. Makramee bezeichnet eine orientalische Knüpftechnik zur Herstellung von Ornamenten. Makramee und Samt – es könnte kaum ein größerer Gegensatz gedacht werden. Makramee an der Wand. Sehr wahrscheinlich muss der eine oder andere zweimal hinschauen um seinen Augen zu trauen. Das trendige Design, das mit dem Boho-Stil assoziiert wird, mit einer lässigen Unbekümmertheit, die Süden und Norden, Ethnoelemente, Erbstücke, Reisemitbringsel und alles Mögliche zu überraschenden Collagen vereint, hieß vor knapp vierzig Jahren Kunsthandwerk. Es wurde ebenso von den einen geliebt wie von anderen leidenschaftlich abgelehnt: spießig, Staubfänger, Schwiegermutters Schönheitssinn, der auch Häkeldeckchen und Tortenuntersetzer umfasste. Von Lässigkeit keine Spur! Von Toleranz auch nicht viel mehr. Herkunftswissen wohl kaum. Und nun gibt es diesen verknoteten, ja, Wandschmuck. Es gibt Regale, Babyschaukeln usw. Dörte Bundt betreibt in Neukölln den Laden „California Dreaming“. Das Wandmakramee „Crescent Bay“ gehört zu den Hinguckern, und Jimena Real de Azúa de Kuhn offeriert ihre Kreationen im eigenen Onlineshop in München. Im Studio Werner Aisslinger wurde die alte Knüpftechnik für den Sessel „Cirql“ outdoortauglich adaptiert. 

Anita Wünschmann

 

77 - Winter 2019