Samtig aber nicht plüschig

Rattan, Korb und bunte Kissen, Möbel mit Samt und Fransen und sogar Objekte aus Makramee haben Einzug in neue Wohnwelten gehalten (o.l. [Foto: Moebelnet.de] u.l. [Foto: WestwingNow.de] o.r. [Foto: © Maisons du Monde])

Aller Anfang ist klein. Und wer sich dem Samt-Trend verschreiben möchte, könnte mit einem Kissen in der Farbe nachtblau beginnen. Was heißt schon Anfang? Eher ist es ein Déjà-vu. Eine Wiederbegegnung mit vielfältigen Assoziationen. In das elegante kurzflorige Textil mit seinen sinnlichen Oberflächenreizen scheint die Magie der Geschichte eingewebt zu sein.

Die Noblesse und sprichwörtliche Dekadenz der französischen Aristokratie. Samt und Seide aus den Zeiten des Barock mit verschwenderischer Üppigkeit. Das Fließen des Stoffes oder die schweren Tischdecken samt Fransen in der kurzen Ära des Jugendstils. Das grüne Sofa gehört ebenso dazu wie goldfarbene Texturen. Bald darauf wurden Fabrikate aus Seidensamt auch moderner inszeniert. Die prominenteste Kreation ist das Café „Samt und Seide“ von Mies van der Rohe und seiner Partnerin Lilly Reich im Juni 1927. Im Auftrag des Krefelder Vereins deutscher Seidenwebereien bauten beide zusammen einen Repräsentationsstand für die Messe „Die Mode der Dame“. Auf der Dreihundert-Quadratmeter-Ausstellungsfläche konnten sich die Krefelder Seidenproduzenten in der neuen Messehalle am Funkturm in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentie-ren. Die Raffinesse bestand in der effektvollen Gliederung des Raumes allein durch von einer Stahlrohrkonstruktion herabhängende Stoffbahnen.- Samt und Seide als fließende Wände. 

Das Hamburger Studio Besau-Marguerre, vor einigen Jahren mit einem aus Schnur gewickelten roten Hocker berühmt geworden, hat in diesem Jahr für den Stuhlhersteller Thonet auf der „Imm Cologne“ ebenfalls einen Messestand geschaffen, das „Café Thonet“. Eine „Bühne für Bug- und Stahlrohr“. Der Titel erinnert an die prominenten Vorgänger. Moderne offene Räume und das plüschige Material müssen sich also keinesfalls ausschließen. Ganz im Gegenteil. 

Im Wohnalltag können Kissen also ein Anfang sein. Es gibt sie in den Farben von Rosé bis zu tiefem Ozeanblau, Meeresblau und Senffarben oder Dschungelgrün bis Flamingo. Die Objekte für das Sofa zu Hause sind mal aus Seidensamt, dem Klassiker, mal aus Baumwolle oder gar Kunstfasern. Zählte man alle Kissen der Stadt zusammen, könnte eine samtene Kissenschlacht die fantasievolle Ausdrucksvariante für Bürgerunmut sein. Das Zuhause aber ist ein Kokon, der Behaglichkeit verspricht, erst recht in schwierigen Zeiten. 

 


Inspiriert vom Halloween-Kürbis leuchtet Lucie Koldovas Leuchten-Konzept Jack O’Lantern auf symbolische Weise den Weg im Haus [Foto : © Lucie Koldova and Brokis]
Grün ist das neue Rot. Klassische Sofas mit Samtbezug sind derzeit en vogue [Foto: © Maisons du Monde]

 

Und nicht nur das! Das Zuhause – klein oder groß – gilt als Kreativraum schlechthin für die eigenen Träume. Samt und sonders! Es gibt kaum Grenzen des Kombinierbaren, der ineinandergreifenden Geschichten und sich überlagernden Erinnerungen. Mit Samthussen überzogene Panton Chairs suggerieren z. B. mehr ein obskures Ballett, als dass sie auf die einstige technologische Innovation des Plastikgusses verweisen. Weiß man ja. Ein bisschen Kostümball aber schafft neue Erlebnisse. 

Die zwanziger Jahre grüßen herüber in die kommenden Zwanziger. Mit dabei in relaunchter Gestalt tiefgrüne Sofas, magische Lichtquellen, sinnliche, aber etwas kühlere Oberflächen. New Art déco zelebriert neuen Luxus mit Samt und Seidenfransen, mit schimmerndem Metall und malerischem Glas. Ganz geometrisch etwa die Leuchten „Jack O’Lantern“ von Lucie Koldová. Hier liegen Glaskugeln in zarten Metallstrukturen. Ein Schweben im Raum. Dazu Sessel aus Wiener Geflecht. Mitunter genügt auch ein kleiner Stilverweis, etwa mit einem Samthocker wie „Grandma“ von Bloomingville. Oder statt Art-déco-Zitaten lieber skandinavisch inspirierter urbaner Stilmix mit silbergrauem Samtsofa, Häkelpouf, Fellhocker samt Monstera und Flechtkörben in verschiedenen Größen. Überhaupt neigen die schönen Dinge zur Familienbildung. Lampen in Gruppen, Spiegel und Tische von groß bis klein, Läufer und Teppiche neben- und übereinander. Pflanzen in diversen Töpfen oder in einer Ampel aus – ja Makramee. Makramee bezeichnet eine orientalische Knüpftechnik zur Herstellung von Ornamenten. Makramee und Samt – es könnte kaum ein größerer Gegensatz gedacht werden. Makramee an der Wand. Sehr wahrscheinlich muss der eine oder andere zweimal hinschauen um seinen Augen zu trauen. Das trendige Design, das mit dem Boho-Stil assoziiert wird, mit einer lässigen Unbekümmertheit, die Süden und Norden, Ethnoelemente, Erbstücke, Reisemitbringsel und alles Mögliche zu überraschenden Collagen vereint, hieß vor knapp vierzig Jahren Kunsthandwerk. Es wurde ebenso von den einen geliebt wie von anderen leidenschaftlich abgelehnt: spießig, Staubfänger, Schwiegermutters Schönheitssinn, der auch Häkeldeckchen und Tortenuntersetzer umfasste. Von Lässigkeit keine Spur! Von Toleranz auch nicht viel mehr. Herkunftswissen wohl kaum. Und nun gibt es diesen verknoteten, ja, Wandschmuck. Es gibt Regale, Babyschaukeln usw. Dörte Bundt betreibt in Neukölln den Laden „California Dreaming“. Das Wandmakramee „Crescent Bay“ gehört zu den Hinguckern, und Jimena Real de Azúa de Kuhn offeriert ihre Kreationen im eigenen Onlineshop in München. Im Studio Werner Aisslinger wurde die alte Knüpftechnik für den Sessel „Cirql“ outdoortauglich adaptiert. 

Anita Wünschmann

 

77 - Winter 2019
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