Alte Liebe neu entdeckt

Die Ausstellung „Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800–1860“ im Berliner Martin-Gropius-Bau beleuchtet die einst intensiven Beziehungen zwischen Preußen und Russland.

Europa braucht Russland und umgekehrt. Deshalb beliefert der Energieriese Gasprom auch bevorzugt Deutschland mit dem dringend benötigten Erdgas. Aber genauso wichtig sind die Gasexporate für die russische Wirtschaftsbilanz. Abhängig und aufeinander angewiesen zu sein, kann so trotz politischer Spannungen Verbindlichkeiten schaffen.

Doch es gab eine Zeit, in der sogar freundschaftliche Bande zwischen den beiden Großmächten Russland und Preußen bestanden und der deutsch-russische Kulturaustausch so intensiv war wie danach kaum wieder.

Es begann mit dem legendären Händedruck zwischen König Friedrich Wilhelm III. und Zar Alexander I. Im Jahr 1802 schlossen beide Freundschaft, die bis an deren Lebensende hielt. Als der Zar am 25. Oktober 1805 zu Besuch in Berlin war, empfing ihn der preußische König auf dem Paradeplatz vor dem alten Königstor, der – dem Gast zu Ehren – noch im gleichen Jahr auf dessen Geheiß in Alexanderplatz umbenannt wurde.

Ihr gemeinsamer Kampf gegen das napoleonische Frankreich, der in der 1815 geschlossenen Heiligen Allianz zwischen Russland, Preußen und Österreich gipfelte, bildete zudem das politische Fundament ihrer engen Verbindung. Hinzu kam 1817 die Hochzeit von Charlotte von Preußen und Kronprinz Nikolai Pawlowitsch, dem späteren Zaren Nikolaus I., die das preußisch-russische Bündnis auch auf verwandtschaftlicher Ebene dauerhaft festigte.

So entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten vor allem ein umfangreicher kultureller Austausch zwischen den beiden Herrscherfamilien, der von bedeutenden Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt, den Architekten Karl Friedrich Schinkel und Wassily Stassow, den Malern Eduard Gaertner, Franz Krüger und Grigori Tschernetzow, den Bildhauern Christian Daniel Rauch, Carl Friedrich Wichmann und Baron Peter Clodt von Jürgensburg, dem Dichter Wassili Shukowski und dem Komponisten Michail Glinka getragen wurde. Die Kulturlandschaften und Sammlungen von Berlin und St. Petersburg, damals Hauptstadt des russischen Reiches und „Fenster nach Europa“, weisen bis heute viele Entsprechungen auf: In Potsdam entstand beispielsweise in den Jahren 1826 bis 1827 die russische Kolonie Alexandrowka, angelegt nach dem Vorbild des Parkdorfes Glasovo bei St. Petersburg. Sie diente als Heim für die russischen Sänger des ersten preußischen Garderegiments. Nördlich davon auf dem Kapellenberg ließ Friedrich Wilhelm III. die Alexander-Newski-Kirche errichten. In St. Petersburg dagegen entstand eine Kulturlandschaft nach Potsdamer Vorbild: Zar Nikolaus I. orientierte sich bei der Umgestaltung seiner berühmten Sommerresidenz Peterhof an Schloss Sanssouci. Gemeinsamkeiten lassen sich auch beim Vergleich des Alten und Neuen Museums in Berlin mit der Neuen Eremitage in St. Petersburg finden, und Andreas Rollers Bühnenbilder für Opern von Glinka erinnern sehr an Schinkels Bühnenbilder.

Die Ausstellungskonzeption im Martin-Gropius-Bau trägt vor allem dem von beiden Herrscherfamilien praktizierten künstlerisch-kulturellen Austausch Rechnung. Die meisten Kunstwerke stammen aus den Beständen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und russischen Museen, wie der Eremitage, dem Staatlichen Russischen Museum, dem Museum für Theater- und Musikkunst, dem Peterhof und dem Palast Zarkoje Selo. Im zentralen Lichthof erwarten den Besucher zwei beeindruckende Bronzegruppen, die beiden „Rossebändiger“ des deutsch-baltischen Bildhauers Baron Clodt von Jürgensburg. Mit ihnen verbindet sich das Thema der Ausstellung in geradezu symbiotischer Weise: Ross und Reiter als kraftvoll-dynamische Liaison. Die ersten Großplastiken wurden 1841 auf der Anitschkow-Brücke in St. Petersburg aufgestellt, wo sie noch heute stehen. Zwei Jahre später trafen zwei Abgüsse als Geschenk von Zar Nikolaus I. an seinen Schwager in Berlin ein. Friedrich Wilhelm IV. ließ sie an der Nordfassade des Berliner Stadtschlosses aufstellen. Seit 1945 stehen sie im Kleistpark. Dort allerdings lange nahezu unbeachtet, denn erst mit Einzug des Berliner Kammergerichts ist der Park für die Öffentlichkeit zugänglich. Für die Ausstellung sind die Bronzestandbilder aufwendig restauriert worden.

Die Ausstellungsexponate gestatten aber auch einen Blick in die sehr privaten deutsch-russischen Beziehungen jener Zeit, die natürlich vor allem durch die verwandtschaftlichen Verbindungen geprägt waren. Mit ihrer Eheschließung 1817 trat Charlotte von Preußen sogar zum russisch-orthodoxen Glauben über. Ein Jahr später reiste Friedrich Wilhelm III. zur Taufe seines ersten Enkels nach St. Petersburg. Gegenseitige Besuche, kostbare Geschenke und opulente Feierlichkeiten mit Festumzügen, Ritterspielen, Theater, Musik und Ballvergnügen gehörten fortan genauso zum Programm wie gemeinsame militärische Manöver.

So dokumentieren die gezeigten faszinierenden Kunstschätze und kulturgeschichtlichen Zeugnisse erstmals sehr umfassend die ganz besonderen Beziehungen und Verbindungen zwischen Preußen und Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und der Ausstellungsbesuch wird zur Wiederentdeckung einer fast vergessenen Epoche.

Reinhard Wahren

 

 

Ausstellung

Macht und Freundschaft.
Berlin – St. Petersburg 1800–1860

Vom 13. März bis 26. Mai 2008

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
Geöffnet täglich außer Di 10–20 Uhr

www.gropiusbau.de
 

34 - Frühjahr 2008