Berlin braucht einen Masterplan

Georg Gewers und Henry Pudewill [Foto: Udo Hesse]

Georg Gewers und Henry Pudewill gründeten 2008 in Berlin ihr Architekturbüro. Beide Partner waren zuvor in renommierten Büros mit internationalen Aufträgen beschäftigt und haben an richtungsweisenden Projekten mitgewirkt wie Gläserne Manufaktur Dresden, VW Autostadt Wolfsburg oder Marstallplatz München. In Berlin haben sie Büro- und Wohnbauten errichtet sowie für den Großflughafen BER vier Gebäude für die Sicherheits- und Bodenverkehrsdienste. Wir sprachen mit den Architekten über die Schwächen und Chancen der deutschen Hauptstadt.

In Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan. Besonders im Osten der Stadt ist viel neuer Wohnraum entstanden. Und es wird weiterhin gebaut, weil es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Denken Sie, dass Berlin auf den Wachstumskurs richtig vorbereitet ist?

Gewers: Berlin ist eine atypische Großstadt ohne richtiges Zentrum, es gibt die City West, die City Ost und mittendrin den Potsdamer Platz sowie viele kleine ehemalige Dorfanger, die jetzt die Mittelpunkte der Bezirke mit eigener autarker Struktur bilden. Entsprechend heterogen passiert auch das Wachstum, es gibt keinen Masterplan, wie und wo Wachstum passieren soll und nachhaltig zur Stadtentwicklung beiträgt. Es gibt ein Konglomerat aus Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen, die teilweise noch die autofreundliche Stadt der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Stadtautobahnen zur Grundlage haben. Solche Planungsgrundlagen müsste man proaktiv in die Gegenwart mit den neuen Anforderungen und Rahmenbedingungen überführen, um sich auf Veränderungen vorzubereiten. Berlin ist auf dieses Wachstum nicht vorbereitet, weder inhaltlich noch strukturell.

Alle finden Berlin toll. Woher kommt das gute Image?

Pudewill: Die Heterogenität erzeugt auch Freiräume und eine Vielfalt, die es ermöglicht, für jedes Lebensmodell den richtigen Ort zu finden. Sie können mondän in Dahlem leben und abends im Szenebezirk Kreuzberg durch die Klubs ziehen. Das alltägliche Berlin ist von der Grundeinstellung her tolerant und das empfinden viele Menschen auch als Lebensqualität. Nicht zuletzt ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, die in die Nähe dessen kommt, was man international unter dem Begriff Metropole versteht.

Als Architekten kritisieren Sie, dass kein klares und ganzheitliches Leitbild für Berlin existiert. Warum ist es so und was wäre der Ansatz für ein solches?

Gewers: Es gibt unzählige interessengesteuerte Verteilungsdiskussionen, sei es Wohnen, Verkehr, alles tritt gegeneinander an: Eigentum gegen Miete, Fahrrad gegen Auto, Gewerbe gegen Wohnen. Dabei müssten all diese notwendigen Bestandteile einer „Metropole“ mit einem Masterplan zueinander in Beziehung gebracht werden und mit Leitbildern verständlich kommuniziert werden. Das genau passiert aber nicht, man wurstelt sich so von Problem zu Problem und vergisst das große Ganze. Wir Menschen denken in Bildern, da ist es besonders wichtig, dass große Themen wie die mittel- und langfristige Entwicklung der Hauptstadt auch in einem den Menschen vermittelbaren Leitbild formuliert werden kann.

Sie sagen, Berlin ist immer ganz vorn, wenn es um große Ankündigungen geht und wird dann ganz schnell von anderen Großstädten in den Schatten gestellt. Also, große Klappe, nichts dahinter?

Pudewill: So hart würden wir das nicht formulieren, auch wenn das ja der sagenumwobenen „Berliner Schnauze“ entsprechen würde. Um aber ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Was ist aus den Themen Elektropolis und Nachhaltigkeit geworden – Oslo hat uns hier um Lichtjahre abgehängt und plant ganze Stadtteile unter den Gesichtspunkten – in Berlin gibt es nach wie vor keine belastbare Infrastruktur oder Regeln für den Umgang mit Elektromobilität. Berlin war vor 100 Jahren bereits einmal „Elektropolis“ – Taxis und Lieferwagen von Berliner Herstellern wie Bergmann fuhren elektrisch. Derzeit aber gibt es noch nicht einmal ein Konzept, wie z. B. Leihfahrräder im öffentlichen Stadtraum stattfinden. Wo ist der große Masterplan, der alles integrativ kombiniert und nicht immer alles gegeneinander ausspielt? Dazu gehören Themen wie Fahrrad gegen Auto, Lösung der rasant zunehmenden Lieferdienste gegen Busspuren, die in Oslo beispielsweise auch durch Elek­trofahrzeuge genutzt werden dürfen, Anbindung des Umlands für die Pendler durch leistungsfähige Regionalanbindungen, ICE-Anbindung des Berliner Flughafens, Berliner Stadtentwicklung durch den lange angekündigten Hochhausentwicklungsplan …

Was sind die Schwachpunkte?

Gewers: Es gibt keine Vision und kein Leitbild, Berlin verhält sich extrem passiv, nimmt Entwicklungen als selbstverständlich hin und reagiert immer nur – auf Druck. Die immer wieder als Herausforderung artikulierte Zuwanderung entspricht eigentlich einem Bevölkerungswachstum von lediglich ca. 1 Prozent pro Jahr. Das sollte eine Metropole verkraften und leisten können. Man hat aber in der öffentlichen und politischen Diskussion den Eindruck, Berlin befinde sich permanent am Rande der Handlungsfähigkeit. Berlin hatte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts schon viel mehr Einwohner (am 31.12.1929 waren es 4,33 Mio. Einwohner, am 31.12.2016 lediglich 3,6 Mio. Einwohner) und das auf nahezu gleicher Fläche. Dazu war Berlin auch noch die größte Industriestadt des Kontinents – auch das ist Vergangenheit. Geblieben sind die Industriebrachen. Das könnte man auch als Chance begreifen und eine Stadt mit einem ganzheitlichen Masterplan in die Zukunft führen. Man fragt sich, warum aus diesem extremen Wandel nicht auch ein Leitbild entwickelt wurde, das für viele Städte eine Vorbildwirkung haben könnte.

Berlin wird ja immer gern in einer Riege mit London, Paris und New York genannt. Passt Berlin da rein, kann man von Augenhöhe sprechen?

Pudewill: Berlin kokettiert immer gern damit und war auch tatsächlich 1920 nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt. Um tatsächlich aber auf Augenhöhe mit diesen Metropolen wahrgenommen zu werden, bedarf es noch mehr Substanz und Mut zur Zukunft. Mehr Offenheit zu den Themen Verdichtung, Hochhäuser, vielschichtige Urbanität, nicht nur Klientelpolitik und Abgrenzung. Auch das sensible Thema Eigentum gegen Miete, das in Berlin regelmäßig zu ideologischen Grabenkämpfen führt, haben Städte wie beispielsweise Singapur souverän gelöst, indem der Staat die Rolle eines Projektentwicklers übernommen hat und den Menschen preiswerten Wohnraum als Eigentum zur Verfügung stellt. Eigentum per se ist nichts Schlechtes sondern schafft Verantwortung und Identifikation – alles Werte, die eine Metropole gut gebrauchen kann.

Wo steht Berlin in zehn oder 20 Jahren?

Gewers: Momentan beschreitet Berlin keinen eigenen Weg, sondern entwickelt sich den Marktgegebenheiten hinterher. Wenn die Stadt in einigen Jahren für die Startup-Szene unattraktiv werden sollte, hat Berlin kein Konzept. Berlin hat keine DAX-Unternehmen, keine Automobil- oder Pharmaindustrie, kein Bankenviertel. Positive Entwicklungen sind nicht selbstverständlich. Umso mehr sollte sich die Stadt gemeinsam auf ihre Stärken und ihre Wahrnehmung besinnen. Wenn all dies in einem Masterplan mit Leitbildern für die Stadt formuliert werden könnte, dann gäbe es darin auch Konzepte für Elektromobilität, für Nachhaltigkeit, ein Museum der Moderne, eine Zentralbibliothek, einen Flughafen, Technologieparks, sozialen Eigentumswohnungsbau, Bildung und vieles andere mehr. Dann müssten wir uns um die Zukunft Berlins in zehn, 20 oder 30 Jahren keine Sorgen machen. Wie der Delphi-Bericht schon richtig anmerkt: „Zukunft fällt nicht vom Himmel, sondern muss aktiv gestaltet werden.“ Vielleicht braucht Berlin auch einen Delphi-Bericht oder einen Club of Rome, um zu wissen, wohin die Reise gehen soll, wir würden solch eine „road map“ sehr begrüßen.

Danke für das Interview.

Ina Hegenberger

 

76 – Herbst 2018
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