%3 abonnieren

Stadt (76 – Herbst 2018)

Lichtenberger Mischung

Das Sammlerpaar Axel und Barbara Haubrok ist ein Glücksfall für Lichtenberg. Eigentlich. Aber der Bezirk stellt sich gegen den Kunstort. Berlin-Mitte ist gefühlt Lichtjahre entfernt. Kaum jemand  läuft zum Vergnügen durch diesen Teil der Lichtenberger Herzbergstraße, alle haben ein Ziel, gehen ihren Geschäften nach.

Die wenigen Wohnhäuser sind in ruinösem Zustand. Die Fensterscheiben eingeschlagen. Schräg gegenüber das Don Xuan Center, eine Art riesiger vietnamesischer Großmarkt, benannt nach einer ähnlichen Einrichtung in Hanoi. Übersetzt heißt Don Xuan „blühende Wiese“. Welch Ironie in dieser Gegend. Neben unzähligen kleinen Läden gibt es in den weitläufigen Hallen Friseure, Restaurants und kleine Werkstätten. In Lichtenberg weht ein anderer Wind als in den schicken Asia-Restaurants der Innenstadt. Früher war die Gegend eines der schmutzigsten Gebiete Ost-Berlins. Der Industriebetrieb VEB Elektrokohle produzierte in der Herzbergstraße Graphitprodukte. Bevor neues Gewerbe einziehen konnte, musste der belastete Boden saniert werden. Mittlerweile haben  Kreative die Gegend entdeckt, es gibt in der Nachbarschaft zwei Künstlerhäuser und das Gelände der sogenannten Fahrbereitschaft, das dem Kunstsammler Axel Haubrok gehört. Auf Kunst deutet in der Lichtenberger Herzbergstraße äußerlich nichts hin. Handwerker und Kulturschaffende arbeiten auf dem Gelände Tür an Tür. Gerade wird ein Film gedreht, augenscheinlich etwas mit Soldaten und Islamisten. Zwei „Kämpfer“ checken in der Drehpause ihre Mails. Lebendige Berliner Mischung. Das 19 000 Quadratmeter große Gewerbegelände diente zu DDR-Zeiten als Großgarage des Ministerrats und diversen geheimen Geschäften. Seit April 2013 hat die private Kunstsammlung und Stiftung Haubrok ihr Domizil in der Fahrbereitschaft. Axel und Barbara Haubrok schätzen das Areal vor allem wegen dieser bestimmten rauen Ausstrahlung, die es noch hat und die anderen Teilen Berlins mittlerweile fehlt. Ihren ersten Standort am Strausberger Platz haben sie dafür aufgegeben. „Wir wollten die Gewerbetreibenden auf dem Gelände halten, denn die Mischung ist uns wichtig“, so Axel Haubrok. Neben Autowerkstätten gibt es  einen Rahmenbauer, den Arbeiter-Samariter-Bund, Künstlerateliers, einen Verlag, ein Modelabel, ein Architekturbüro. Die günstigen Preise sind ein Argument und die produktive Nachbarschaft. Am Eingang hängt der Lageplan mit der langen Liste der Mieter. 155 Leute arbeiten auf dem Gelände. Werktätige im Wortsinn sind sie alle.

Regelmäßig stellten die Haubroks in ihren Räumen Kunst der eigenen Sammlung aus, viel Konzeptkunst, Fotos und Minimalart. Auf Anmeldung standen die Räume immer samstags dem Publikum offen. Bei freiem Eintritt. Niemand störte sich daran, die Gewerbetreibenden waren zu dieser Zeit sowieso nicht auf dem Hof. Im Frühjahr dann stellte Axel Haubrok einen Bauantrag für eine Kunsthalle auf seinem Grundstück. „Wir hatten eine Vision, wollten auch andere Künste wie Musik und darstellende Künste mit einbeziehen“, so der Kunstsammler. Sein Begehr wurde umgehend abgelehnt, und wenig später kam der noch größere Schuss gegen den Bug der „Fahrbereitschaft“ nach. Die Baustadträtin Lichtenbergs, Birgit Monteiro, untersagte dem Sammler für die Zukunft jegliche Ausstellungstätigkeit und begründete das mit der Bauordnung, die für dieses Gelände nur Gewerbe vorsehe. „Mir hat es regelrecht die Sprache verschlagen“, dass mündliche Zusagen plötzlich nichts mehr wert sein sollten. Axel Haubrok ließ besagten Brief großformatig drucken und hängte ihn demonstrativ neben das Eingangstor, auf dass alle sehen können, wie man mit ihm umgeht.

Durch die Kulturszene ging daraufhin ein Aufschrei der Entrüstung. Einige Diskussionsveranstaltungen und ein Runder Tisch folgten. Der Berliner Kultursenator und der Bezirksbürgermeister Lichtenbergs sagten ihre Unterstützung zu.  Die „Fahrbereitschaft“ wurde immer wieder als Glücksfall für die Gegend beschrieben. Maike Cruse, Direktorin des jährlichen Gallery Weekend und der Kunstmesse Art Berlin im Herbst, hat einen offenen Brief verfasst. Zusammen mit zahlreichen Berliner Galeristen warnt sie darin vor dem „Verlust eines einzigartigen Ortes“. Monatelang ist trotzdem nichts passiert, kein Entgegenkommen vonseiten der zuständigen Stadträtin.

Mittlerweile ist die Haubrok Foundation selbst in die Offensive gegangen. Barbara und Axel Haubrok haben im September bekannt gegeben, in Zukunft keine Ausstellungen ihrer Sammlung auf dem Gelände der „Fahrbereitschaft“ mehr veranstalten zu wollen. In ihrer Mitteilung heißt es: „Nach einem Vieraugengespräch mit Frau Monteiro, der Bewertung aller Fakten und unter Berücksichtigung der Diskussion in den letzten Monaten wurde deutlich, dass wir die Fahrbereitschaft nicht so weiterentwickeln können, wie wir das geplant haben.“ Die dort ansässigen Künstler könnten dennoch Gelegenheit bekommen, hier auszustellen, das unterstützt Axel Haubrok ausdrücklich. Der Ball liegt derzeit bei der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg, die eine Sondergenehmigung erlassen könnte.

Karen Schröder

 

76 – Herbst 2018
Stadt

Zuckerfrei am Kollwitzplatz

Was wäre eine Stadt ohne ihre Plätze. Manche sind groß, manche klein. Manche berühmt, manche unbekannt. Sie sind quirlige Touristenattraktionen oder lauschige Rückzugsorte für die Stadtbewohner. Plätze in der Stadt haben ihre Geschichte und kleinen Geheimnisse, die es zu ergründen lohnt. Diesmal: Zuckerfrei am Kollwitzplatz

Auf dem Sockel des Käthe-Kollwitz-Denkmals in Prenzlauer Berg sitzen zwei Jungs und tauschen Pokemon-Bilder. Ein älterer Mann kommt dazu, er scheint sich für die Geschäfte der beiden zu interessieren und spricht sie an. Der eine der Jungs erschrickt heftig, sagt zitternd, er habe ständig Angst, entführt zu werden.

Der Zeichner OL hält seit 13 Jahren das Geschehen hier in seinem Cartoon „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ fest. Er ist so etwas wie der Chronist des Platzes, aber auf Kinderraub ist selbst er noch nicht gekommen. „Wenn dir ein fremder Mann Bonbons anbietet“, ließ er allerdings mal eine Mutter ihr Kind warnen, „fragst du, ob sie zuckerfrei sind.“ Ansonsten geht’s in den Sittengemälden von OL, der einige Jahre nicht weit weg vom Platz wohnte, um grauhaarige Mütter und Väter, die den Platz bevölkern, um Windeln, Kinderwagen, Biokost. „Mein Vater ist Lehrer“, lässt er einen Jungen sagen. Und der andere antwortet: „Meiner ist Bio-Lehrer.“ OL ist weggezogen vom Kollwitzplatz, es war nicht mehr seine Gegend.
 
Käthe Kollwitz thront seit 1961 wie eine Urmutter in der Mitte des Platzes, der seit 1949 ihren Namen trägt. Der Bildhauer Gustav Seitz hat die Plastik nach der Vorlage eines Selbstporträts der Malerin entworfen, die zwischen 1891 und 1943 mit ihrem Mann, einem Arzt, der sich für die Armen der Gegend engagierte, hier lebte. Ihr Wohnhaus wurde im Krieg als eines der wenigen am Platz zerstört.

Das Gelände rund um den Platz wurde in der Gründerzeit bis 1875 als Wohngebiet erschlossen. Kurz nach dem Deutsch-Französischen-Krieg erhielt er in Erinnerung an eine gewonnene Schlacht den Namen Wörther Platz. Biokost gab’s damals auch schon, auch wenn sie nicht so hieß, nur Spielen war auf dem Platz nicht erlaubt. 1949 wurde der Kollwitzplatz nach Entwürfen des Gartenarchitekten Reinhold Lingner umgestaltet.

Rundherum gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Bevölkerungsaustausch in mehreren Wellen. In den Achtzigerjahren zogen Familien aus den maroden Altbauhäusern mit Kohleöfen und Klos auf halber Treppe weg in moderne Neubauwohnungen, die in Marzahn und Hellersdorf entstanden. Künstler und Lebenskünstler blieben oder kamen, Literaten und Musiker, und bestimmten die Szene. Kurz vor der Wende wurden noch ein paar Straßenzüge saniert. Am 3. Oktober 1990 riefen Einheitskritiker um Mitternacht am Kollwitzplatz die „Autonome Republik Utopia“ aus. Sie überlebte den Morgen nicht.

Nach der Wende entdeckten Kreative die Gegend, darunter viele Süddeutsche und jede Menge Schwaben, angezogen vom Flair rund um den Platz und den damals noch niedrigen Mieten. Ein Jahrzehnt später wurden die von besser betuchten Landsleuten verdrängt, die Wohnungen und ganze Häuser kauften und luxussanierten. Das Restaurant „Gugelhupf“ machte auf, in dem Bill Clinton beim Berlin-Besuch speiste. Treffs der Ost-Boheme wie das „Lampion“ mussten schließen. Das Areal rund um den Koll­witzplatz wurde zu einem der teuersten Wohnquartiere der Stadt; zwei kleinere Zimmer kosten schon mal eine Viertelmillion oder tausend Euro Miete. Tendenz steigend. Im vorigen Jahr schloss das „1900“, zu DDR-Zeiten das beste Restaurant am Platz. Die Leute wohnen hier gerne, aber gehen lieber nach Kreuzberg oder Mitte ins Restaurant. Abends ist es ziemlich duster. Vor ein paar Monaten brannten eines Nachts 14 Autos.
 
Als der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Ureinwohner am Platz, vor ein paar Jahren ärgerlich monierte, hier hieße es beim Bäcker nicht Wecken, sondern Schrippen, man sei schließlich in Berlin und nicht in einer schwäbischen Kleinstadt mit Kehrwoche, flogen Spätzle und trafen Käthe Kollwitz, Kopf und Schoß waren mit der schwäbischen Leibspeise bedeckt. Eine Initiative „Freies Schwabylon“ klagte über Diskriminierung und bekannte sich zu dem Nudelschlag und forderte einen schwäbischen Bezirk in Prenzlauer Berg. Die Kollwitz hat auch das überlebt und zum Schwabenstädle ist es nicht gekommen.

Philipp Strube betreibt seit 2000 den Wochenmarkt am Kollwitzplatz und kann über die Bezeichnung „Schwabenmarkt“ nur lächeln. 60 Prozent der Marktbesucher, schätzt er, sind Anwohner, und von denen lebten schon 20 Prozent vor der Wende hier. Die etwa 80 Händler kommen alle aus Berlin und Brandenburg. Natürlich gibt es viel Bio und Öko, aber komischerweise nichts Schwäbisches. Auf dem Markt frisch gebackener Hefekuchen, zwei Markt fünfzig das große „Familienstück“, türkische Spezialitäten und Falafel, die ein palästinensischer Händler lautstark unter die Leute bringt, sind an diesem Sonntagvormittag die Renner. Man wandelt und schwatzt zwischen den Ständen deutsch, englisch, französisch, trinkt Prosecco oder Latte.

Auf dem Spielplatz lässt ein Vater vom Kollwitzplatz mit einem Coffee to go in der Hand seinen Nachwuchs schaukeln. Ein Mädchen hat sich auf Käthes Bronzeschoß gesetzt und liest. Am Rande des Marktes spielt ein Junge auf seiner Gitarre konzertant „Hit the Road Jack“. Er ist erst elf Jahre alt und kann noch eine Menge mehr. Das gefällt den Leuten, in seiner Gitarrentasche klimpern die Münzen.

Thomas Leinkauf

76 – Herbst 2018

Der Mercedes Platz ist eröffnet

Rocksänger Jack White gab das Eröffnungskonzert in der Verti Music Hall mit Platz für 4 350 Besucher. Berliner und Touristen strömten über den neuen Stadtplatz. Mitte Oktober feierte die Anschutz Entertainment Group (AEG) die Eröffnung ihres neuen Quartiers an der Mercedes-Benz Arena. Es kamen 18 000 Menschen, sagt Moritz Hillebrand von der AEG. Außer der Music Hall gibt es am Mercedes Platz ein Bowling-Center, zwei Hotels, ein Premierenkino, vier Restaurants und mehrere Bars. Damit bekommt schließlich auch die Arena, die vor genau zehn Jahren eingeweiht wurde, einen ihrer Monumentalität angemessenen Zugang.

Dieses „Herz“ (Hillebrand) bildet aber nur einen Teil des riesigen Areals zwischen Postbahnhof und Warschauer Brücke, in dem es stellenweise hoch hinaus geht. In der Nähe des Bahnhofs entstehen gerade zwei Wohnhochhäuser, ehemals namens Max und Moritz, beide bald um die 90 Meter hoch. Seit dem Eigentümerwechsel letztes Jahr werden die Bauten unter dem Namen „Upside Berlin“ vermarktet.
Eine ähnliche Höhe erreicht auf der anderen Seite des Platzes, an der East Side Mall, auch der geplante „Stream-Tower“. Internethändler Zalando hat schon Büros im Nachbarblock des Mercedes Platzes und soll im Tower Hauptmieter werden. Für den mit viel Glas entworfenen Bau hat im Oktober das Baukollegium von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher grünes Licht gegeben. Noch ein viertes Hochhaus ist im Bau: der East Side Tower. Er entsteht zwischen Mall und Warschauer Brücke, wächst 140 Meter hoch! Lüschers Qualitätsgremium hat das Projekt von OVG Real Estate, realisiert durch die dänischen Architekten von Bjarke Ingels Group, bereits zweimal abgekanzelt. Der East Side Tower solle sich mehr in den Kiez öffnen, heißt es. So soll nach neuestem Stand in den Sockel des 400-Millionen-Euro-Projektes schon mal eine Fahrradwerkstatt einziehen.

Hauptprofiteur des nun schlagenden Herzens, des Mercedes Platzes, ist die East Side Gallery. Sie steht nicht mehr alleine da.

Der neue Stadtplatz, der aus der Entfernung eher wie eine breite Straße wirkt, verbindet das Mauerdenkmal mit Berlins neuem Vergnügungsviertel nach amerikanischem Vorbild. Bald, wenn auch die restlichen Gebäude, inklusive der Towers, fertiggestellt sind, arbeiten an der Mühlenstraße 20 000 Menschen. Und vermutlich noch mehr werden den Ort besuchen. Das wird auch die East Side Gallery noch mehr Aufmerksamkeit bringen.

„Mit dem Mercedes Platz ist ein neuer Ort entstanden, an dem Menschen zusammenkommen, ihre Freizeit genießen und sich austauschen können“, sagte Carsten Oder (Mercedes-Benz Cars Vertrieb Deutschland) bei der Eröffnung. Und „Mercedes-Benz ist als einer der größten Arbeitgeber in Berlin seit 100 Jahren eng mit der Stadt verbunden.“

 

76 – Herbst 2018
Stadt

Berlin braucht einen Masterplan

Georg Gewers und Henry Pudewill gründeten 2008 in Berlin ihr Architekturbüro. Beide Partner waren zuvor in renommierten Büros mit internationalen Aufträgen beschäftigt und haben an richtungsweisenden Projekten mitgewirkt wie Gläserne Manufaktur Dresden, VW Autostadt Wolfsburg oder Marstallplatz München. In Berlin haben sie Büro- und Wohnbauten errichtet sowie für den Großflughafen BER vier Gebäude für die Sicherheits- und Bodenverkehrsdienste. Wir sprachen mit den Architekten über die Schwächen und Chancen der deutschen Hauptstadt.

In Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan. Besonders im Osten der Stadt ist viel neuer Wohnraum entstanden. Und es wird weiterhin gebaut, weil es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Denken Sie, dass Berlin auf den Wachstumskurs richtig vorbereitet ist?

Gewers: Berlin ist eine atypische Großstadt ohne richtiges Zentrum, es gibt die City West, die City Ost und mittendrin den Potsdamer Platz sowie viele kleine ehemalige Dorfanger, die jetzt die Mittelpunkte der Bezirke mit eigener autarker Struktur bilden. Entsprechend heterogen passiert auch das Wachstum, es gibt keinen Masterplan, wie und wo Wachstum passieren soll und nachhaltig zur Stadtentwicklung beiträgt. Es gibt ein Konglomerat aus Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen, die teilweise noch die autofreundliche Stadt der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Stadtautobahnen zur Grundlage haben. Solche Planungsgrundlagen müsste man proaktiv in die Gegenwart mit den neuen Anforderungen und Rahmenbedingungen überführen, um sich auf Veränderungen vorzubereiten. Berlin ist auf dieses Wachstum nicht vorbereitet, weder inhaltlich noch strukturell.

Alle finden Berlin toll. Woher kommt das gute Image?

Pudewill: Die Heterogenität erzeugt auch Freiräume und eine Vielfalt, die es ermöglicht, für jedes Lebensmodell den richtigen Ort zu finden. Sie können mondän in Dahlem leben und abends im Szenebezirk Kreuzberg durch die Klubs ziehen. Das alltägliche Berlin ist von der Grundeinstellung her tolerant und das empfinden viele Menschen auch als Lebensqualität. Nicht zuletzt ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, die in die Nähe dessen kommt, was man international unter dem Begriff Metropole versteht.

Als Architekten kritisieren Sie, dass kein klares und ganzheitliches Leitbild für Berlin existiert. Warum ist es so und was wäre der Ansatz für ein solches?

Gewers: Es gibt unzählige interessengesteuerte Verteilungsdiskussionen, sei es Wohnen, Verkehr, alles tritt gegeneinander an: Eigentum gegen Miete, Fahrrad gegen Auto, Gewerbe gegen Wohnen. Dabei müssten all diese notwendigen Bestandteile einer „Metropole“ mit einem Masterplan zueinander in Beziehung gebracht werden und mit Leitbildern verständlich kommuniziert werden. Das genau passiert aber nicht, man wurstelt sich so von Problem zu Problem und vergisst das große Ganze. Wir Menschen denken in Bildern, da ist es besonders wichtig, dass große Themen wie die mittel- und langfristige Entwicklung der Hauptstadt auch in einem den Menschen vermittelbaren Leitbild formuliert werden kann.

Sie sagen, Berlin ist immer ganz vorn, wenn es um große Ankündigungen geht und wird dann ganz schnell von anderen Großstädten in den Schatten gestellt. Also, große Klappe, nichts dahinter?

Pudewill: So hart würden wir das nicht formulieren, auch wenn das ja der sagenumwobenen „Berliner Schnauze“ entsprechen würde. Um aber ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Was ist aus den Themen Elektropolis und Nachhaltigkeit geworden – Oslo hat uns hier um Lichtjahre abgehängt und plant ganze Stadtteile unter den Gesichtspunkten – in Berlin gibt es nach wie vor keine belastbare Infrastruktur oder Regeln für den Umgang mit Elektromobilität. Berlin war vor 100 Jahren bereits einmal „Elektropolis“ – Taxis und Lieferwagen von Berliner Herstellern wie Bergmann fuhren elektrisch. Derzeit aber gibt es noch nicht einmal ein Konzept, wie z. B. Leihfahrräder im öffentlichen Stadtraum stattfinden. Wo ist der große Masterplan, der alles integrativ kombiniert und nicht immer alles gegeneinander ausspielt? Dazu gehören Themen wie Fahrrad gegen Auto, Lösung der rasant zunehmenden Lieferdienste gegen Busspuren, die in Oslo beispielsweise auch durch Elek­trofahrzeuge genutzt werden dürfen, Anbindung des Umlands für die Pendler durch leistungsfähige Regionalanbindungen, ICE-Anbindung des Berliner Flughafens, Berliner Stadtentwicklung durch den lange angekündigten Hochhausentwicklungsplan …

Was sind die Schwachpunkte?

Gewers: Es gibt keine Vision und kein Leitbild, Berlin verhält sich extrem passiv, nimmt Entwicklungen als selbstverständlich hin und reagiert immer nur – auf Druck. Die immer wieder als Herausforderung artikulierte Zuwanderung entspricht eigentlich einem Bevölkerungswachstum von lediglich ca. 1 Prozent pro Jahr. Das sollte eine Metropole verkraften und leisten können. Man hat aber in der öffentlichen und politischen Diskussion den Eindruck, Berlin befinde sich permanent am Rande der Handlungsfähigkeit. Berlin hatte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts schon viel mehr Einwohner (am 31.12.1929 waren es 4,33 Mio. Einwohner, am 31.12.2016 lediglich 3,6 Mio. Einwohner) und das auf nahezu gleicher Fläche. Dazu war Berlin auch noch die größte Industriestadt des Kontinents – auch das ist Vergangenheit. Geblieben sind die Industriebrachen. Das könnte man auch als Chance begreifen und eine Stadt mit einem ganzheitlichen Masterplan in die Zukunft führen. Man fragt sich, warum aus diesem extremen Wandel nicht auch ein Leitbild entwickelt wurde, das für viele Städte eine Vorbildwirkung haben könnte.

Berlin wird ja immer gern in einer Riege mit London, Paris und New York genannt. Passt Berlin da rein, kann man von Augenhöhe sprechen?

Pudewill: Berlin kokettiert immer gern damit und war auch tatsächlich 1920 nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt. Um tatsächlich aber auf Augenhöhe mit diesen Metropolen wahrgenommen zu werden, bedarf es noch mehr Substanz und Mut zur Zukunft. Mehr Offenheit zu den Themen Verdichtung, Hochhäuser, vielschichtige Urbanität, nicht nur Klientelpolitik und Abgrenzung. Auch das sensible Thema Eigentum gegen Miete, das in Berlin regelmäßig zu ideologischen Grabenkämpfen führt, haben Städte wie beispielsweise Singapur souverän gelöst, indem der Staat die Rolle eines Projektentwicklers übernommen hat und den Menschen preiswerten Wohnraum als Eigentum zur Verfügung stellt. Eigentum per se ist nichts Schlechtes sondern schafft Verantwortung und Identifikation – alles Werte, die eine Metropole gut gebrauchen kann.

Wo steht Berlin in zehn oder 20 Jahren?

Gewers: Momentan beschreitet Berlin keinen eigenen Weg, sondern entwickelt sich den Marktgegebenheiten hinterher. Wenn die Stadt in einigen Jahren für die Startup-Szene unattraktiv werden sollte, hat Berlin kein Konzept. Berlin hat keine DAX-Unternehmen, keine Automobil- oder Pharmaindustrie, kein Bankenviertel. Positive Entwicklungen sind nicht selbstverständlich. Umso mehr sollte sich die Stadt gemeinsam auf ihre Stärken und ihre Wahrnehmung besinnen. Wenn all dies in einem Masterplan mit Leitbildern für die Stadt formuliert werden könnte, dann gäbe es darin auch Konzepte für Elektromobilität, für Nachhaltigkeit, ein Museum der Moderne, eine Zentralbibliothek, einen Flughafen, Technologieparks, sozialen Eigentumswohnungsbau, Bildung und vieles andere mehr. Dann müssten wir uns um die Zukunft Berlins in zehn, 20 oder 30 Jahren keine Sorgen machen. Wie der Delphi-Bericht schon richtig anmerkt: „Zukunft fällt nicht vom Himmel, sondern muss aktiv gestaltet werden.“ Vielleicht braucht Berlin auch einen Delphi-Bericht oder einen Club of Rome, um zu wissen, wohin die Reise gehen soll, wir würden solch eine „road map“ sehr begrüßen.

Danke für das Interview.

Ina Hegenberger

 

76 – Herbst 2018

Der Wert der Freiheit

Die Zimmerstraße ist eine ruhige Straße. In ihr kann man die Stille unweit des Tourismusrummels genießen, draußen in kleinen Cafés einen Cappuccino trinken und dabei in die Sonne blinzeln. An einem Ende der Straße steht das Axel-Springer-Haus und gegenüber befindet sich die riesige Baustelle für das neue Medienhaus. Am anderen Ende schwebt der Fesselballon „Die Welt“ in die Luft.  Seit September erinnern vierzehn Kilo schwere Gedenktafeln auf den Gehwegen an den Originalorten an zwei der wohl spektakulärsten Fluchten aus Ost- nach Westberlin.

Es war die Hoffnung auf ein freies Leben, die alle jene miteinander verbindet, die eine so riskante Flucht gewagt haben. Als es Rudolf Müller 1962 gelang, seine Frau, die Schwägerin und seine zwei Kinder endlich in den Westteil Berlins zu holen und er aus dem Fluchttunnel in der Zimmerstraße stieg, verspürte er keine Freude, nur Leere. Noch heute weint er, sagt er auf der Pressekonferenz anlässlich der Einweihung der Gedenktafel. Durch unglückliche Umstände war im Gewirr der Flucht der junge NVA-Grenzsoldat Reinhold Huhn durch ihn ums Leben gekommen. Rudolf Müller wurde dafür sehr viel später, 1999, wegen Totschlags mit einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der Bundesgerichtshof korrigierte das Urteil ein Jahr später auf Mord, ohne das Strafmaß zu verändern. Der Fall hinterlässt bis heute viele Fragen.

Die Fluchtgeschichte der Familie Müller und die der Familie Höer haben die Autoren Dietmar Arnold und Rudolf Müller sowie Bodo Müller und Siegrun Scheiter in zwei dokumentarischen Büchern aufgearbeitet. Sie beschreiben die Schicksale von Menschen, die ihre Heimat zurücklassen, um ihn Freiheit zu leben.

Der Titel „Kein Licht am Ende des Tunnels“ könnte passender nicht sein Bis heute hat Rudolf Müller Angst. Bis heute hat er Angst vor der Stasi, die ihn nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 für zwei Jahre ins Gefängnis steckte. Er fürchtet sich, wenn er allein auf der Autobahn unterwegs ist, vor großen, verdächtig wirkenden Fahrzeugen.  

Das Buch handelt vom Freiheitsstreben und den bitteren Folgen für einen Menschen. „Die Politik muss aufpassen“, antwortet Rudolf Müller auf die Frage, wie er das derzeitige politische Geschehen sieht. „Es passieren viele Fehler. Viel zu viele. Man muss Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnen und ihnen helfen. Und auch dort, wo sie herkommen. Das System macht, das so etwas passiert.“

Die Flucht der Familie Höer, die ebenfalls in der Zimmerstraße endete, war eine freche Flucht. Ausgerechnet am Checkpoint Charlie, wo der Kalte Krieg sichtbar ausgefochten wurde und niemand mehr mit solch einem Unterfangen rechnete, gelang es den Brüdern Manfred und Peter Höer mit ihrem Freund Peter Schöpf, 1972 in den Westen zu fliehen, wo die Liebe wartete. Die Geschichte ist kaum bekannt, da damals mit der West-Berliner Polizei Stillschweigen vereinbart worden war. Erst im Jahr 2016 meldeten sich die Tunnelbauer bei Autor und Journalist Bodo Müller. Sie baten ihn, ihre Geschichte aufzuschreiben. Jetzt lässt die Gedenktafel am Tunnelausstieg auch über diese Geschichte stolpern.

Seit 2009 errichtet der Berliner Unterwelten e.V. Gedenktafeln. „Damit möchten wir immer wieder den Wert der Freiheit bewusst machen. Und die tiefe Dankbarkeit für ein Leben in Freiheit vermitteln“, so Dietmar Arnold, Vorstandsvorsitzender des Vereins, der 1997 von elf Unterweltenfans rund um den Stadt- und Regionalplaner Dietmar Arnold gegründet wurde. Ihr Ziel – und der Vereinszweck – war und ist es, den Berliner Untergrund nicht nur zu erforschen und zu dokumentieren, sondern Ergebnisse und Orte genau da, wo die Geschichte passiert ist, der Öffentlichkeit zugänglich und sie für Generationen unvergessen zu machen.

Barbara Sommerer

 

Information
Gedenktafeln: Zimmerstraße, Nähe Ecke Jerusalemer Straße; Zimmerstraße 92/93, gegenüberliegende Straßenseite

Führungen:
www.berlinerunterwelten.de

Bücher:
Kein Licht am Ende des Tunnels, Dietmar Arnold / Rudolf Müller; Der Tunnel am Checkpoint Charlie, Bodo Müller / Siegrun Scheiter beide bei Edition Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag

 

76 – Herbst 2018
Stadt

Mammutprojekt Molkenmarkt

Zwischen Mühlendamm und Alexanderplatz verändert sich Berlin in den nächsten Jahren radikal. Die Grunerstraße verliert ihren mächtigen Stadtraum und führt, zweier Fahrspuren beraubt, in der Zukunft direkt hinterm Berliner Rathaus vorbei. Durch die Verschwenkung nach Norden entsteht neues Bauland, groß wie vier Fußballfelder. Auf ihnen errichtet die Stadt dreieinhalb Berliner Blöcke mit Wohnungen, Geschäften und Innenhöfen. Bauwerke, die an dieser Stelle zu DDR-Zeiten von den Verkehrsplanern abgerissen wurden. Ebenso der  Molkenmarkt, der für das Städtebauprojekt den Namen gibt.

Berlins ältester Marktplatz liegt unter Asphalt, irgendwo zwischen Rathaus, Nikolaiviertel, Alter Münze und Altem Stadthaus. Ursprünglich dreieckig, kommt er in halbrunder Form in den Stadtgrundriss zurück
 
Der Molkenmarkt ist eine Mammutaufgabe. Das zeigt schon der Umfang der Grabungen, die im Vorfeld stattfinden. Wir werden Zeugen des bislang größten Ausgrabungsprojekts im mittelalterlichen Stadtkern von Berlin-Cölln. Michael Malliaris, der es leitet, beziffert die Grabungsfläche mit 25 000 Quadratmetern. Sie sei damit größer als die am Schlossplatz, wo vor Jahren die Reste des alten Dominikanerklosters dokumentiert wurden. „Beim Molkenmarkt geht es jetzt vor allem um bürgerliches Wohnen und Arbeiten durch die Zeiten“, sagt Malliaris. Bei den Ausgrabungen an Rathaus und Petriplatz ging es in der Vergangenheit eher um Themen wie: repräsentative Bauten der Bürgerschaft und Sakralarchitektur. Um Kirchen, weiß der Archäologe aber, kommt er auch bei diesem Projekt nicht vorbei. Da warten die Spuren des Franziskanerklosters und der Französischen Klosterkirche schon. Malliaris plant mit Grabungen bis 2023. Vor dem Alten Stadthaus beginnen sie 2019, und am Mühlendamm entsteht eine Referenzfläche noch in diesem Jahr.

Mit dem Start der Ausgrabungen geht eine 15-jährige Planungsgeschichte zu Ende. 2003 aufgestellt, ruhte der Bebauungsplan 1-14 Molkenmarkt/Klosterviertel jahrelang, bis ihn das Abgeordnetenhaus im Mai 2016 endlich beschloss. Erste Workshops wurden mit Architekten schon zu Zeiten von Senatsbaudirektor Hans Stimmann gemacht. Es gab Konzepte, die durchzogen das Klosterviertel mit einem ausgeklügelten System von Höfen. Darunter auch der Französische Hof, wo die achteckige Kirche der Hugenotten stand. Dieses Oktogon hat als Form sogar Eingang in den B-Plan gefunden. „Nur weiß niemand: Was ist das eigentlich?“, sagt Landschaftsarchitektin Christina Kautz. Sie hat in einem Ausstellungsbeitrag für „Molkenmarkt und Klosterviertel – Ein lebenswerter Ort?“, die im Oktober in der Parochialkirche zu sehen war, die Geschichte des Ortes recherchiert. Das Achteck ist der Sockel der verschwundenen Französischen Klosterkirche. Kautz schlägt vor, aus dem nun neu entstehenden Hof eine Freiluftbibliothek zu machen. Holzpodeste mit Sitzhöhe könnten von außen bestückt werden, Bücher im offenen Austausch unter freiem Himmel die Leser wechseln. Die Aufgabe der Bildung, so Kautz, sei den Hugenotten ein ganz großes Anliegen gewesen. Und das Klosterviertel selbst bezeichnet sie als eine „Hochkultur innerhalb des Berliner Stadtkerns“. Möge die Berliner Planungs- und Baukultur dieser beim Molkenmarktprojekt in nichts nachstehen.

André Franke

 

76 – Herbst 2018
Stadt

„Wer das beste Bild bietet, soll bauen!“

Zum Auftakt der Grabungen und des Baubeginns hat der Verein Forum Stadtbild Berlin e. V. im Oktober in der Parochialkirche in einer Ausstellung die Geschichte und Planungsgeschichte des Projektgebietes gezeigt. Sie war der Auftakt für eine öffentliche Debatte um die Reurbanisierung der Berliner Mitte. Wir sprachen mit Hans-Karl Krüger aus dem Vereinsvorstand.

Herr Krüger, wie wünschen Sie sich die Zukunft am Molkenmarkt?

Man sollte versuchen, ein möglichst lebendiges Quartier hinzukriegen. Da soll was passieren. Da soll Leben ins Erdgeschoss reinkommen. Wir plädieren dafür, dass der Molkenmarkt als Platz in irgendeiner Form wieder in Erscheinung tritt. Und dass die Fußgänger sich von einem Quartier in das andere bewegen können und nicht das Gefühl haben, sie gingen über eine Autobahn.
Was ist die Aufgabe Ihres Vereins?

Wir kommen mit Bildern und zeigen Visionen von Stadt, wie sie sein könnte. Wer das beste Bild bietet, soll auch bauen. Wir wollen weg von den Kuben und hin zu städtischen Parzellierungen. Sie sollen ihr eigenes Gepräge haben.

Wann ist Architektur gelungen?

Wenn sie Unterschiedlichkeiten herausstellt. Uns geht es darum, dass man die Rasterarchitektur mal ein bisschen auflöst und fragt, was kann man denn sonst noch machen? Die Leute suchen nach einem Zuhause, von dem sie nicht nur sagen können: Ich verschwinde in einem Loch. Sie wollen sagen können: Das ist mein Eingang. Das ist mein Haus.

Was beurteilen Sie den Neubau des Motel One an der Grunerstraße?

Man kann Hotels anders gestalten. Man muss nur den Mut haben und sagen: Lieber Bauherr, mach mal! Das ist der Ansatz, den wir geben wollen. Wir haben mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften am Molkenmarkt Gesprächspartner, mit denen man vielleicht besser reden kann als mit einem privaten Investor. Bauträger sagen oft: Ich muss bloß sehen, was beim Verkauf zu erzielen ist und die Fassade muss nur zweckmäßig sein, aber nicht schön, mehr nicht.

Es gibt einen Bebauungsplan. Wie verhalten sich Ihre Stadtbilder dazu?

Wir konterkarieren die Planung nicht. Wir nehmen die Grundstruktur bewusst auf und wollen die Möglichkeiten aufzeigen. Wir wollen eine offene, öffentliche Diskussion anstoßen.

An welche Möglichkeiten denken Sie dabei?

Wir versuchen, dem Senat Steuerungsanregungen zu geben für einen qualitätvolleren Umgang mit dem, was man hier bauen will. Dazu gehört auch das Gewerbe, nicht bloß das Wohnen, nicht bloß die Fassade. Man muss auch über sozialverträgliche Gewerbemieten reden, über Gewerbe, das mehr auf Kultur ausgerichtet ist. In die Alte Münze zieht das House of Jazz.

Das Gespräch führte André Franke.

 

76 – Herbst 2018