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Stadt (72 - Herbst 2017)

Europacity

„Das spannendste Projekt seit der Entwicklung des Potsdamer Platzes vor 20 Jahren.“ Das Gebiet der Heidestraße war  jahrzehntelang Grenzland zwischen Ost und West und geprägt durch die Berliner Mauer, Containerbahnhof und Lagerhallen.  Später dann  wurde es zum zentralen Zukunftsgebiet der Stadt erklärt. Aufgrund seiner zentralen Lage, der besonderen Erreichbarkeit durch den Nah- und Fernverkehr sowie der interessanten Umgebung mit z. B. dem Hamburger Bahnhof als Kulturort, der Uferpromenade, die von Spaziergängern und Radfahrern gern genutzt wird, und viel Grün hat es die Chance, sich zu einem reizvollen innerstädtischen Raum zu entwickeln.

Der „Masterplan Berlin Heidestraße“ formuliert das städtebauliche Entwicklungskonzept für die schrittweise Gestaltung des Areals zwischen Nordhafen, Heidestraße und Humboldthafen. Das Quartier  ist Bestandteil der Europacity am Hauptbahnhof.  Mit 40 Hektar Fläche ist sie das größte innerstädtische Entwicklungsgebiet Berlins, vorgesehen für  Büros, Geschäfte und 860 Wohnungen. Seit September sind die architektonischen Entwürfe komplett. Im letzten von vier Wettbewerbsverfahren hat die Jury über die Planung der letzten  Gebäudekomplexe entschieden: Gewinner sind gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, Collignon Architektur und Design und Robertneun Architekten sowie die CKRS Architekten. Alle Büros sind aus Berlin.

Baubeginn war im Herbst 2017. In den nächsten zwei Jahren soll ein Ensemble von zehn Wohnhäusern mit insgesamt 231 Eigentumswohnungen, sieben Ladeneinheiten sowie zwei Gastronomieflächen entstehen. Zudem werden in einer gemeinsamen Tiefgarage 72 Pkw-Stellplätze geschaffen. Das Grundstück wird eingerahmt durch den Otto-Weidt-Platz, der als zentraler Platz des neuen Stadtquartiers geschaffen wird, sowie durch die Uferpromenade entlang dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Die Architektur des fünfgeschossigen Ensembles ist geprägt durch moderne Gradlinigkeit, Sichtbeton, Klinkerelemente und großflächige Fensteranlagen. Die Entwürfe stammen von den Büros Grüntuch Ernst Architekten und Rohdecan Architekten. Die Fassade entlang dem Wasser öffnet sich mit plastisch „gefalteten“, dreieckigen Loggien. Hier geben die Wohnungen den Blick frei auf den Schifffahrtskanal, das gegenüberliegende Ufer und, in den höheren Etagen, über Berlin hinweg bis zum Alexanderplatz. Alexander Happ vom Projektentwickler Buwog erklärt: „Das Entstehen der Berliner Europacity ist sicher das spannendste Projekt seit der Entwicklung des Potsdamer Platzes vor 20 Jahren.“

 

72 - Herbst 2017
Stadt

City West im Wandel

Eine Workshop-Reihe soll dazu beitragen, neue städtebauliche Anforderungen und Visionen für Lösungen zu bündeln. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und die AG City wollen sich gemeinsam um die Entwicklung im Quartier rund um den Kurfürstendamm kümmern. Im September 2017 startete dazu eine  Workshop-Reihe  unter dem Titel „Wachsende Stadt City West“. Als ein Schwerpunkt ist die notwendige Verdichtung im innerstädtischen Bereich genannt. Es sollen Lösungen gefunden werden für die Konflikte mit der Architektur der 50er, 60er Jahre und dem Städtebau der autogerechten Stadt.  „Neue Identitäten zu schaffen und bestehende Identitäten zu erhalten, das ist ein schwieriger Prozess, der mit der Stadtgesellschaft besprochen werden sollte“, so die Initiatoren. In der Gegend um den Kurfürstendamm gibt es u. a. einen großen Bedarf an Büros, Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten und Kultur, gefragt sind auch intelligente verkehrstechnische  Lösungen.  Ebenso gibt es ein breites Spektrum an Projekten, Visionen und Ideen, den Standort zeitgemäß zu entwickeln. Dem Gedanke dabei, die Berliner Mischung und bewährte städtebauliche Strukturen zu erhalten und behutsam mit dem Neuen zu verbinden,  soll nachgekommen werden. Es sollen aber auch Denkmalschutzbelange und neue Anforderungen an Nutzung von Architektur gegeneinander abgewogen werden. Konkrete Bauvorhaben zur Nachverdichtung wie auch Debatten um die Neugestaltung von Plätzen, konkret den Hardenbergplatz, sind in der Diskussion.  Beteiligt sind Anrainer, Investoren, Planer, Architekten und Interessenvertreter. So hat unter anderem der Architekt Helmut Jahn aus Chicago, in Berlin unter anderem bekannt für seine Entwürfe des Sony-Centers und des Kranzler Ecks, geraten, mutiger mit dem Thema Hochhäuser umzugehen. „Hochhäuser schaffen Freiräume“, so Jahn. Am Beispiel der Verdichtungspotentiale Ernst-Reuter-Platz und Breitscheidplatz, verbunden mit dem Europa-Center, hat er Ideen für neue Gebäude entwickelt und aufgezeigt, dass sie für die bestehenden, unter Denkmalschutz stehenden Häuser architektonisch, städtebaulich und ökonomisch von großem Vorteil sind.

In den kommenden Ausgaben berichten wir über neue Ideen und Pläne für die städtebauliche Entwicklung in der City West.

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Stein auf Stein

Backstein in Berlin? Da fällt spontan Befragten zunächst gar nichts ein. Berlin? „Ich denke da eher an Niedersachsen.“ „Backstein, das ist Hamburg oder London!“, lautet eine Antwort. Sie mag den Städtewettstreitberlinern deutlich missfallen, zumal wenn es um Innovationen in der Ziegelbauweise geht, wie sie in diesem Jahr am Erweiterungsbau der Tate Modern von Herzog & de Meuron zu bestaunen war.

Aus dem DAZ, dem Deutschen Architekturzentrum, kommt der Verweis auf die Konstantinbasilika in Trier, bei der Frage, welches Backsteingebäude das Herz höher schlagen lässt. Trier für die Geschichte und Amsterdam für die Gegenwart. Aber bitte, geht denn keiner an der Spree spazieren und schaut sich um?  Eine kleine Kulturgeschichte des Backsteinbaus lässt sich auf dem Gelände des Osthafens erleben. Hier versammeln sich Sanierung und Neubau; das „Eierkühlhaus“ (1929), Domizil von Universal Music, mit seinem fantastischen Klinkerrautenornament und das vom Architekten Sergei Tchoban 2012 gebaute nhow-Hotel. Einzelne Mauersteine und Backsteingruppen springen hervor und ergeben einen freien Rhythmus. Neben der markanten Fassade sorgt  das Kranhaus für Traditionsbezug und Wiedererkennung.  Neue Wohnhäuser, Hotels und Bürobauten schieben sich mit ihrer zeitgenössischen Backsteinoptik, violettdunkel und anthrazitfarben, hellbeige bis weißgrau mit akkurat verputzter steinbündiger, verschlämmter oder ausgekratzter Fuge als strukturstarke Nachbarn in Berliner Häuserzeilen, in denen – berlintypisch –  Putzfassaden, ergänzt von Glas, Stahl und Beton, vorherrschen. Die Baustile dabei höchst verschieden. Am Monbijoupark werden Backsteinmauerwerk und Rundbögen großzügig neuinterpretiert und so ein Kontrast zum ornamental gefassten Postfuhramt von Carl Schwatlo und der benachbarten Neuen Synagoge, beide historische Bauten stammen aus den 1880er Jahren, geschaffen. Ein paar Ecken weiter steht seit 2012 mit dem Zentrum für Archäologie von Joel Harris und Volker Kurrle ein Backsteinmonolith, dessen puristische Wirkung nicht zuletzt auf der Mauerwerkspräzision liegt, wogegen das Kupfergraben-10-Galeriehaus (2007) von David Chipperfield und Alexander Schwarz mit seinen Abrissziegeln in ockerfarbener Schlämmverfugung eine Weichzeichnung darstellt. Das seinerzeit viel diskutierte Eckgebäude vis-à-vis dem Neuen Museum mag man noch immer als erste Charmeoffensive für eine sinnliche Moderne in Berlin wahrnehmen.  Die Backsteintour  mäandert durch die Stadt mit einem Blick zurück: Das Rote Rathaus – eigentlich ein Tourstart! Prominent der  Bahnhof Hackescher Markt als besondere Schönheit oder die Oberbaumbrücke (1894–1896) mit ihren charakteristischen Türmen. Die über die Stadt verteilten, mitunter versteckten Kirchlein (hinter Plattenbau und Norma St. Mauritius in Lichtenberg) oder imposante Gotteshäuser ebenso wie die alten Brauereien erzählen Backsteingeschichte; die Bahnhöfe, Wassertürme, Gasometer ebenso wie die Gewerbebauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit Restaurants, Kultureinrichtungen oder Startups zieht neues Leben in die einstigen Häuser und Höfe. In der Walter-Friedländer-Straße entstehen auf historischem Gelände Steinlofts. Die Umnutzung ist auch hier Programm. Es geht um einen sensiblen und bewahrenden Umgang mit vorhandenen Flächen und Baumassen, um das Erschließen von Reserven für die Stadtverdichtung, dabei auch um die Originalität des Ortes. Ein Novum hinsichtlich der Komplexität ist das städtebauliche Projekt  eines kompletten Backstein-Wohnmischgebietes auf einem Ex-Gewerbegelände in Charlottenburg.   Backstein gehört zu Berlin – gestern wie heute. Seit etwa zehn Jahren gäbe es eine neue Entwicklung, sagt Kaye Geipel, Chefredakteur der Bauwelt. „Lange war Backstein historisierend konnotiert und verbunden mit traditionellen Bauweisen. Das hat sich deutlich gewandelt.“

Den ersten nennenswerten Backsteinschub erbrachte die Bautätigkeit unter Friedrich Wilhelm III. mit seiner Anlehnung an die Neogotik der Briten. Karl Friedrich Schinkel nahm sich der ästhetischen (und restaurativen) Sehnsucht nach alten Zeiten und ewiger Schönheit mit eigenen Interpretationen und seiner berühmten Klarheit an. In den Zeitgeist der Schinkelschule gehören nicht allein die von Schinkel selbst entworfene Friedrichswerdersche Kirche oder die im Wiedererrichtungsprozess verharrende  Bauakademie, sondern auch Friedrich August Stülers St.-Matthäus-Kirche (1845) im Tiergarten. Das von Schinkel geprägte Berlin ist ohne den gebrannten Bauwerkstoff nicht denkbar. Der Architekt und Oberbaumeister hat nach Aufenthalten in Norditalien und in England die uralte Bautradition für  das damalige Preußen wiederentdeckt und die rudimentären Handwerksfähigkeiten wieder zur Qualität geführt. Es ist also kein Wunder, dass neben touristischen Themenführungen zu den Preziosen in Ziegelbauweise auch eine Internetgemeinschaft existiert, die unter dem Titel „Backsteintour“ ihre Entdeckungen regelmäßig mitteilt.    Von den einstigen Schlachthöfen bis zum denkmalgeschützten Ensemble roter Backsteinbauten der Charité, die 1896 durch die Erweiterungsinitiative des preußischen Politikers Friedrich Althoff errichtet wurden, gibt es viel zu entdecken.  Das industrielle Berlin hat sich zweckrationale und zugleich ikonische Produktionshallen und Bürogebäude (Peter Behrens, Turbinenhalle in Moabit, 1909; Hans Poelzig, Haus des Rundfunks, 1929, Charlottenburg) errichtet. Beispielgebend sind auch die zahlreichen Umspannwerke von Hans Heinrich Müller wie das kathedralenmäßige Gebäude in der Kopenhagener Straße. Es sind imposante Klinkerbauten – gelb, violett-rot, mal pur, mal glasiert und mit Betonung der Vertikalen. Bevor Glas und Stahl und Beton den Siegeszug antraten, baute Mies van der Rohe 1933 das Landhaus Lemke mit einer rotbunten Ziegelfassade in Alt-Hohenschönhausen wie auch weitere Villen in Krefeld. Sein Faible für den traditionellen Baustoff im Kontext von klaren Fronten und Flachdach drückt der Bauhaus-Architekt mit folgendem Bonmot aus: „Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine aufeinandergesetzt werden.“ Mit Blick auf die vielen Verballhornungen aus den Neunzigern, vor allem am Stadtrand, darf man dem prominenten Architekten widersprechen. Das Haus am See gilt allerdings als ein Geheimtipp der Berliner Architekturlandschaft. Drei Backsteinphasen lassen sich in Berlin beschreiben – Schinkel, Gründerzeit, Expressionismus-Moderne. In den Neunzigern knüpfte vor allem Hans Kollhoff an die Tradition  einer neusachlichen Moderne an.  Backstein ist back! Allein der „Fritz-Höger-Preis für Backsteinarchitektur“, benannt nach dem Hamburger Architekten (1877–1949), dessen Chilehaus aus den Zwanzigern als ein imposantes Beispiel expressionistischer Großbauten zum Unesco-Kulturerbe gehört, verzeichnet Jahr für Jahr mehr Beteiligungen. 2017 waren es über 600 Einreichungen aus 32 Nationen. Nachdem es 2012 Gold für die Sanierung des Neuen Museums (Büro Chipperfield) gab, wurde in diesem Jahr Silber an das Berliner Büro Barkow Leibinger für die „Pyramide vom Prenzlauer Berg“ verliehen. Das preisgekrönte Hof-Wohnhaus wird von einem Fassadenmauerwerk aus 20 000 Ziegeln zusammengefasst. Es ist ein Gebäudekörper, der die Dreiteilung von Sockel, Geschoss und Dach ad absurdum und das Haus zu einer provozierenden, archaisch-zeichenhaften Ganzheit führt.

Anita Wünschmann

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Neues altes Zentrum

Auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei in Berlin-Moabit wird ein Quartier mit Läden, Büros und Gastronomie gebaut. Im September war Richtfest.

Lange gehörte Moabit zu den Problemvierteln Berlins. In den 90er Jahren  war das Gebiet um die Turmstraße Hauptumschlagplatz für Drogen in Berlin. Doch mit steigender Attraktivität der Hauptstadt hat sich auch der zu Mitte zählende Stadtteil zu einer immer stärker gefragten  Gegend entwickelt.

Moabit liegt wie eine Insel mitten in Berlin und kann über mehr als 20 Brücken erreicht werden. Durch seine direkte Lage am Regierungsviertel am südöstlichen Rand haben sich in den letzten Jahren auch Hotels und neue Büros angesiedelt. Projekte wie die Realisierung des Schultheiss Quartiers tragen mit dazu bei, ein vitales  Stadtteilzentrum zu werden.  Seit Herbst 2015 wird die ehemalige Brauerei, die 1980 stillgelegt wurde, zu einem Quartier mit einem Mix aus Shopping, Gastronomie, Entertainment und Hotel entwickelt. Die historischen, denkmalgeschützten Gebäudeteile der alten Brauerei auf dem Areal zwischen Turm-, Strom- und Perleberger Straße werden saniert und um Neubauten ergänzt. Mit der Fertigstellung des Rohbaus nach den Plänen des Architekturbüros Max Dudler im September dieses Jahres feierte das Quartier Richtfest.  Die Fassade soll eine Verbindung zwischen der typischen Industriebaukunst des 19. Jahrhunderts und neuer, vorherrschend geradliniger Architektur herstellen. Deutlich erkennbar ist die Orientierung am gelben Backstein der Bestandsbauten. Auf rund 30 000 Quadratmetern Verkaufsfläche soll es 150 Shops geben. Im Untergeschoss sind Parkplätze und ein Supermarkt geplant. Das Erdgeschoss ist für Läden, Dienstleistungen und Gastronomie vorgesehen. Im ersten Obergeschoss sollen neben einem Elektrofachmarkt weitere Modeläden, eine Drogerie, ein Buchladen sowie der Food-Court einziehen. Die zweite Etage soll ein Hotel beherbergen.

Zusätzlich entstehen auf dem Gelände 15 000 Quadratmeter Büroflächen, davon etwa die Hälfte im Altbau. Die Eröffnung ist für 2018 vorgesehen.

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Shoppen an der Spree

In prominenter Lage zwischen der Mercedes-Benz Arena und der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain entsteht ein neues Shoppingcenter. Das Einkaufszentrum „East Side Mall“ soll durch seine innerstädtische Lage und einen geplanten Branchenmix zum urbanen Marktplatz werden. Auf über 30 000 Quadratmetern und drei Ebenen werden rund 120 Läden einziehen, darunter Einzelhändler, Dienstleistungs-, Gastronomie- und Freizeitbetriebe. Zu den bereits bestätigten Mietern gehören die Modeketten Zara,  Rewe, Aldi und dm. Auch ein Food-Court mit klassischem Fast Food, asiatischer Küche und einem vegetarisch-veganen Angebot ist geplant.

Die Freo Group hatte das Areal im Herbst 2015 von der Anschutz Entertainment Group erworben. Im Rahmen eines Forward Deals hat die RFR Holding die East Side Mall Anfang 2017 übernommen. Für die Bauausführung zeichnet die Ed. Züblin AG verantwortlich, die in Berlin u.a. das Upper West errichtet hat. Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung, lobte anlässlich des Richtfestes die Entwicklung des Areals um die Mercedes-Benz Arena, das in den nächsten zwei Jahren ein ganz neues Gesicht erhalten würde. Mit dem Konzept der Mall sei es gelungen, an dem Standort einen besonderen Akzent zu setzen. Von ihrem Nutzungsmix am nördlichen Spreeufer können die Anrainer im Friedrichshainer Traditionskiez, die Angestellten im neuen Quartier um die Mercedes-Benz Arena und das Publikum der zahlreichen Freizeitstätten im direkten Umfeld profitieren. Entworfen hat die Mall der niederländische Architekt Ben van Berkel im Ufo-Stil. Die Baukosten betragen rund 200 Mio. Euro.

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Neues grünes Wohnquartier

Auf einem 4,7 Hektar großen Grundstück zwischen Grunewald und Kurfürstendamm entsteht das moderne, familienfreundliche Maximilians Quartier, das nach seiner Vollendung über 973 Eigentums- und Mietwohnungen verfügen wird. Hier treffen Vergangenheit und Zukunft der Berliner Wohnkultur aufeinander. Bei der Architektur standen die klassisch-eleganten Wohnhöfe der späten wilhelminischen Kaiserzeit Pate. Die Berliner Gasag Solution Plus wird das neue Wohngebiet künftig dezentral per Blockheizkraftwerke mit Wärme und Strom versorgen.

Zwischen Grunewald und Kurfürstendamm drehen sich bald die Baukräne – auf 4,7 Hektar im Ortsteil Schmargendorf soll ein neues Wohngebiet entstehen. Ruhe und Großstadtflair in einem verspricht der Bauherr, die Groth Gruppe mit Sitz in Berlin.  Kurze Wege in die City und zum Grunewald.  Vier Architekturbüros sind an der Planung beteiligt, um Vielfalt und Abwechslung in vier Wohnblöcke zu bringen. 973 Wohnungen zwischen 43 und 190 Quadratmeter sind geplant. Ebenfalls soll eine Kita für 80  Kinder gebaut werden.

Bis die ersten Bewohner einziehen können, vergeht noch etwas Zeit. Ende 2021 soll das Wohngebiet,  Maximilians Quartier genannt, endgültig fertig sein. Der Name lehnt sich an Maximilian von Forckenbeck an, ehemaliger liberaler Reichstagspräsident, und zwischen 1878 und 1892 Berliner Oberbürgermeister. Die Forckenbeckstraße grenzt unmittelbar an das neue Quartier. Forckenbeck kümmerte sich besonders um den Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, reformierte das Bildungswesen und sorgte für öffentliches Grün.  Es war die Zeit, als die Bevölkerung Berlins schnell wuchs und die städtische Gasanstalt über 1,5 Millionen Privatflammen, wie es hieß, zu versorgen hatte. Im Jahr 1892 wurde in der Forckenbeckstraße das Gaswerk V gebaut. Zu dem Zeitpunkt existierte die Gasag schon 45 Jahre und war der größte Gasversorger Westeuropas. Dieses Jahr feiert das  Energieunternehmen 170. Geburtstag und so gehört dies zu den Geschichten, die anlässlich einer solchen Feierlichkeit gern erzählt werden. Vor allem, weil die Gasag nun wieder Berührungspunkte in der Forckenbeckstraße hat – im besagten Maximilians Quartier. Das Unternehmen hat sich im Laufe der Zeit  zu einem Energieunternehmen für komplexe Lösungen entwickelt und wendet diese für ganze Areale an. Hierzu hat es das Tochterunternehmen Gasag Solution Plus gegründet. Im Maximilians Quartier bietet es eine dezentrale Variante für die Wärme- und Stromversorgung an. Frank Mattat, Geschäftsführer der Gasag Solution Plus erläutert, dass für die Häuser Blockheizkraftwerke eingesetzt werden. Mittels Verbrennung von Erdgas wird Wärme und gleichzeitig Strom produziert. Heizung, Warmwasser und Strom kommen somit aus dem eigenen Keller. Überschüssiger Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Und umgekehrt: Wird mehr Strom benötigt, steht das öffentliche Netz zur Verfügung. Der wirtschaftliche und ökologische Vorteil der Blockheizkraftwerke besteht unter anderem darin, dass Wärme und Strom sehr viel effektiver produziert werden. Dies wirkt sich  nicht zuletzt günstig auf den Geldbeutel der Verbraucher aus. Gesetzliche Abgaben wie Stromsteuer und Netznutzungsentgelte entfallen. Es ergibt sich ein Preisvorteil von circa 15 Prozent gegenüber dem Grundversorgungstarif. Der sogenannte „Mieterstrom“ wird preiswert.

Die Gasag Solution Plus  denkt dabei noch einen Schritt weiter voraus – in die Kategorie Mobilität, welche bislang nicht direkt zum Geschäftsfeld des Energiedienstleisters gehörte. Den Bewohnern des Quartiers stehen an die 520 Parkplätze in den Tiefgaragen zur Verfügung. Derzeit wird auch noch über eine ortsgebundene Carsharing-Flotte von sechs bis zehn Fahrzeugen nachgedacht. Ein oder mehrere Familienautos könnten so ergänzt oder ersetzt werden. Ein Carsharing-Fahrzeug könne bis zu acht Autos ersetzen, vermuten die Projektentwickler des Quartiers.

Allerdings ist in Berlin, so gibt der Bundesverband CarSharing in einer Statistik an, das Auto-Teilen noch nicht sonderlich verbreitet. Die Gasag als umweltbewusstes Unternehmen vertraut darauf,  dass viele Menschen im Maximilians Quartier auf Elektroautos umsteigen – und daher wird es auf  den Stellflächen in der Tiefgarage Ladestationen geben. Und die Entwicklung schreitet voran. Bis 2025 wird, der Branche zufolge, eine deutlich höhere Batterieleistung erwartet, was auch eine größere Reichweite für die Autos bedeuten würde. Also müsste der überschüssige Strom, der mittels Blockheizkraftwerk im Keller erzeugt wird, nicht ins Netz eingespeist werden, sondern kann vor Ort sinnvoll in Batterien gespeichert und schließlich für ein umweltschonendes Fahren verwendet werden. Denn es ist geplant, auch  Carsharing-Fahrzeuge nach und nach in den Elektromodus zu überführen.

Das Maximilians Quartier will sich somit auch als umweltfreundliches und energieeffizientes Wohngebiet profilieren.

Martina Krüger

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Neuer alter Westen

Die Potsdamer Straße findet allmählich zu alter Bedeutung zurück und bleibt ein Stück typisches Berlin. Die Straße ist wie diese Stadt, stellenweise noch etwas schäbig, aber zunehmend schick und immer noch verheißungsvoll. Welten treffen aufeinander. Ende des 19. Jahrhunderts galt das Areal als „feinste Wohngegend in Berlin“, geschätzt von Bessergestellten und Kunstliebhabern. Theodor Fontane wohnte in der Potsdamer Straße wie auch Marlene Dietrich, als sie ein Kind war. Im Volksmund auch „Potse“ genannt, wurde die Straße einst als Achse zwischen den königlichen Residenzen angelegt. Sie ist insgesamt knapp zweieinhalb Kilometer lang, und mit täglich 30 000 Fahrzeugen gehört sie zu den verkehrsreichsten Straßen Berlins. Anderthalb Straßenkilometer erstrecken sich im Stadtteil Tiergarten, das kürzere Ende gehört zu Schöneberg.

Auf ihrer gesamten Länge sind sämtliche Eigenschaften einer Großstadt verteilt. Vom Kleistpark in Richtung Potsdamer Platz beginnt es mit der typischen Berliner Mischung aus Fahrradläden, Wettbüros, Drogeriefilialen und Supermärkten. Das sogenannte Pallasseum, früher auch Sozialpalast genannt, ist eine riesige Wohnanlage aus den 1970er Jahren. An der Ecke Potsdamer-/Pallasstraße hatte einst der Berliner Sportpalast gestanden, berühmtberüchtigt durch die Rede des Reichspropagandaminis­ters Goebbels vom „Totalen Krieg“ im Februar 1943. Anfang der 1970er Jahre war er abgerissen worden. Viele Mieter des Wohnkomplexes leben von Transferleistungen. Der Anteil migrantischer Bewohnerinnen und Bewohner ist groß, wenngleich die immer noch günstigen Wohnungen auch bei der angestammten Bevölkerung immer beliebter geworden sind. Unlängst wurde die Schöneberger Wohnmaschine unter Denkmalschutz gestellt.

Vis-à-vis tritt das neue Berlin auf den Plan. Nach einem Entwurf des Architekten Max Dudler baut die HGHI Holding, einer der großen Projektentwickler der Stadt, auf einem 1 700 Quadratmeter großen Grundstück ein neues Wohn- und Geschäftshaus. 2019 soll es fertig sein.

Die Ecke Potsdamer-/Kurfürstenstraße hatte in der Vergangenheit immer wieder durch den ansässigen Straßenstrich unrühmliche Bekanntheit erlangt. Anwohner beklagten sich. Der Bau eines Großbordells konnte vor einigen Jahren verhindert werden. Aktuelle Bauprojekte verdrängen das Rotlicht-Milieu zunehmend in die Seitenstraßen. Im Straßenabschnitt jenseits der Kurfürstenstraße ist die Gentrifizierung der Potsdamer Straße weit fortgeschritten. Spitzenköche haben diesen Teil der Straße für sich entdeckt. Puschel’s Pub und die alteingesessene Joseph-Roth-Diele sind bodenständige Ausnahmen. Und wenn die Köche kommen, ist der Imagewandel endgültig vollzogen. Die Künstler und die Galeristen waren noch vor ihnen da. Zusätzliche Ausstellungsmöglichkeiten eröffnete ihnen in den letzten Jahren das leer stehende Tagesspiegel-Gebäude. So haben sich die Mercator-Höfe zu einem viel beachteten Galerienstandort entwickelt. Zwischen Pohlstraße und Lützowstraße, wo auch das legendäre Varieté-Theater Wintergarten ansässig ist, ist die Dichte an Kunst und Küchen mittlerweile am größten. Gerade die frisch restaurierten Höfe zeugen von dem neu erwachten Selbstbewusstsein. Restaurants wie das Panama, die Brasserie Lumières und das Golvet haben sich bewusst für die Potsdamer Straße entschieden. Zuvor hatten einige der Gastromen in Mitte ihre Meriten verdient. Und wo Kunst und Küche ansässig sind, ist die Mode nicht weit. Kürzlich haben Labels wie Odeeh und Acne an der Potsdamer Straße eröffnet. Eine Mischung aus Büros, Kunst, Mode und Gastronomie verfolgt auch die ANH Hausbesitz mit ihrem preisgekrönten Gebäudekomplex „Neue West“. Der Name will als bewusste Anspielung an den „Alten Westen“ verstanden werden. Das denkmalgeschützte Ensemble befindet sich auf einem 1500 Quadratmeter großen Grundstück in der Potsdamer Straße 91. Es steht par excellence für die neue Potsdamer Straße. Die Leiterin der Berliner ANH-Niederlassung Isabel Mattmüller wundert sich eigentlich nur darüber, dass der Knoten in der Potsdamer Straße so spät geplatzt ist: „Das ist ja eine absolute Innenstadtlage, so zentral gelegen – und ich hatte immer damit gerechnet, dass die Straße viel, viel früher beginnt, sich zu verändern. Seit gut drei Jahren passiert das ja jetzt auch. Eine neue Klientel ist angekommen.“ Wichtig ist jedoch auch ihr die Mischung, denn das mache die Attraktivität der Potsdamer Straße aus.

Karen Schröder

 

72 - Herbst 2017
Stadt

Auf der Höhe der Zeit

Mit 150 Metern ist das Hotel Park Inn am Alexan­derplatz das höchste Gebäude der Stadt. Es hat 1 012 Zimmer auf 37 Etagen. Zu DDR-Zeiten als Interhotel Stadt Berlin bekannt, war es schon damals ein Highlight der Stadt. General Manager Jürgen Gangl hat das Haus erstmals im Jahr 2005 übernommen.

Himmel und Wolken spiegeln sich imposant in der Fensterfront. Die 15 000 Quadratmeter große Fassade des Park Inn wurde 2005 komplett erneuert und glänzt auf dem Berliner Alexanderplatz. Zwei Jahre zuvor wurde bereits die Grundstruktur der Zimmer neu festgelegt und aktuell wurde der gesamte Bestand des Hoteltowers bei laufendem Betrieb für sechs Millionen Euro komplett einem neuen Design unterzogen. Geboren in Trier und aufgewachsen in München, ist Jürgen Gangl im Jahr 2000 in Berlin angekommen und hat seither so manche Baustelle bei laufendem Hotelbetrieb mit betreut. Sicherlich keine leichte Aufgabe. Aber Jürgen Gangl bleibt gelassen: „Wenn man in München leben will, braucht man Geld, in Hamburg Kontakte und in Berlin – Charakter“, sagt er. Über das tägliche Hotelbusiness hinaus hat Gangl Gestaltungsideen gesammelt.Die jüngste Sanierung wurde Stockwerk für Stockwerk durchgeführt. Für jede einzelne Etage waren ca. zehn Tage Zeit. Sechs verschiedene Gewerke mit 35 Mann haben gleichzeitig gearbeitet. Allein in den vergangenen acht Monaten wurden ca. 680 Zimmer komplett erneuert.

Die Zimmer vermitteln dem Gast Zeitgeist, Klarheit und Offenheit. Erreicht wurde dies durch eine geschickte wie pragmatische Raumaufteilung, sehr viel Licht, hochwertige Materialien und originelles Design. Damit will das Vier-Sterne-Superior-Hotel schon heute das bieten, was der zukünftige Hotelmarkt verlangt. Und darüber hinaus. Ab Januar nächsten Jahres wird mit dem Bau der höchst gelegenen Suiten der Stadt begonnen. Dann wird die 37. Etage, die jetzt als Event­etage fungiert und früher ein Casino beherbergte, komplett umgebaut. Die 16 geplanten Suiten in unterschiedlicher Größe von 40 bis 65 Quadratmetern werden dann nicht nur mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt trumpfen, sondern mit einigen Raffinessen, wie den 3,20 Meter bodenhohen Fenstern, einem exklusiven eigenen Frühstücksbereich und dem privaten Check-in und -out auf der gleichen Etage.

Schon 2006 hat Gangl einen Coup gelandet. Denn erst durch den Bau von neun innenliegenden Zimmern, Colour-Suiten genannt, alle ohne Fenster, wurde das Haus zum zweitgrößten Hotel Deutschlands. Ohne Fenster? Kaum vorstellbar. Für Direktor Gangl nicht. Im Gegenteil, jede der Suiten ist im Design eines Fünf-Sterne-Hotels ausgestattet worden. Sie zeichnen sich durch einen großzügigen Badbereich aus und sind mit al­lergikerfreundlichem Fußbodenbelag ausgestattet. Teilweise verfügen sie über Wasserbett und Whirlpool. Die Colour-Suiten bieten damit eine einzigartige Übernachtungsmöglichkeit in Berlin und sind fast immer ausgebucht. „70 Prozent des Gesamtumsatzes des Hotels kommen aus dem Verkauf der Zimmer, unserem Kerngeschäft.“

Einzigartig ist auch die Lage des Hotels. Mitten in der Stadt, direkt gegenüber dem Fernsehturm und mit einem riesigen Parkhaus. Allein 8 000 Menschen nutzen täglich die Durchgangspassage des Hotels. Zu den Problemen des Alexanderplatzes, die Medien und Politik beschäftigen, haben er und die Gäste des Hauses eine andere Sichtweise, die meis­ten schätzen den Ort. „Wenn der Flughafen in Schönefeld eröffnet wird, wird es in Berlin nur noch ein Zentrum geben, und das wird hier sein, auch wenn das so manch einer nicht gern hören mag. Das liegt einerseits an der Verkehrslage und der Anbindung zum Flughafen, aber auch daran, dass fast alle Attraktionen der Stadt wie die Museumsinsel, das Humboldt Forum, der Fernsehturm, das Brandenburger Tor oder der Gendarmenmarkt fußläufig oder schnell von hier zu erreichen sind“, sagt Gangl.

Die acht Lifte zu den Etagen gehören zu den schnellsten Europas. Die Treppen des Hotels sind aber mindestens genauso berühmt wegen des jährlich stattfindenden Firefighter Stairrun. Allein in diesem Jahr sind 772 Feuerwehrleute angetreten, um die 770 Stufen des Park Inn Hotels in voller Montur inklusive Atemschutzgerät in Zweierteams hinaufzulaufen. Weitere Sonderveranstaltungen sind der run up berlin, der im Herbst stattfindet, oder das jährliche Charity Golf Turnier. Auch diese Veranstaltungen sind sehr beliebt und spiegeln die soziale Unternehmensverantwortung wider.

Auch für die kommenden Jahre sind weitere Umbaumaßnahmen geplant. Jetzt ist aber erst einmal die 37. Etage dran, dann die Erweiterung der Dachterrasse im 40. Stock auf rund 250 Quadratmeter Fläche. Einzigartig in Europa ist die wahrscheinlich schnellste Personenabseilwinde der Welt – die Base Flying Station von Jochen Schweizer, von der aus man aus 125 Metern vom Dach des Hotels in die Tiefe fliegen kann. Natürlich weiß Gangl, dass das alles ohne ein stabiles Team nicht zu schaffen wäre. Schon der laufende Betrieb allein ist eine logistische Herausforderung. Die Gesamtfläche des Hotels beträgt knapp 65 000 Quadratmeter, also mehr als neun Fußballfelder. Das Hotel kann momentan 1 966 Gäste beherbergen. Das verlangt Hochleistungen von jedem einzelnen Mitarbeiter. Bei der Personalfrage setzt Gangl ebenfalls auf die Kombination neuer Ideen und auf Erfahrungen und die richtige Mischung von beiden. Die Generation 50+ ist willkommen bzw. wird gehalten und 42 Azubis machen gerade ihre Ausbildung im Haus.

Jürgen W. Gangls liebster Ort ist die öffentlich zugängliche Dachterrasse des Hotels. Das heißt, nicht nur die Gäste des Hauses können diese nutzen, auch die Gäste der Stadt und die Berliner selbst.

Barbara Sommerer

 

72 - Herbst 2017
Stadt