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Stadt (43 - Sommer 2010)

Streitfall ICC

Trotz des Senatsbeschlusses von 2008, das ICC zu erhalten und 2010 mit der Sanierung des Gebäudekomplexes zu beginnen, gibt es politische Widerstände. Nun gerät der jahrelang währende Streit um das markante Berliner Bauwerk zum bizarren Vexierspiel.

Wenn unterschiedlich motivierte Inter­essengruppen an ein und derselben Sache beteiligt sind, steht am Ende meist und allenfalls ein Kompromiss. In aller Regel ein solcher, der die Kosten in die Höhe treibt, denn er soll ja alle Seiten zufrieden stellen. So im Falle der bevorstehenden Sanierung des ICC, ein West-Berliner Wahrzeichen, besonderes Bauwerk und eines der weltweit größten und erfolgreichsten Kongresszentren. Nach einem Beschluss des Berliner Senats aus dem Jahr 2008 sollte die Sanierung ursprünglich 182 Millionen Euro kosten, nach neuesten Planungen, die eher als Schätzungen zu bezeichnen sind, nun rund 260 Millionen Euro. Ob neue Asbestfunde im Gebäude oder neu veranschlagte Umbauten für die höheren Kosten verantwortlich sind, vermag niemand eindeutig zu sagen. Doch damit nicht genug. Weil eine Sanierung bei laufendem Betrieb technisch nicht möglich sei und auf die Einnahmen aus dem Kongressgeschäft nicht verzichtet werden könne, müsse ein Ersatzbau her, der mit etwa 100 Millionen Euro veranschlagt wird. Das Land Berlin müsste demnach rund 360 Millionen Euro aufbringen, um das ICC „absolut modern und zeitgemäß“, wie es 2008 hieß, zu sanieren.
Doch um die Sanierungskosten allein geht und ging es bei der Zukunftsplanung für das ICC nicht. Denn 2008 wurde mit dem Senatsbeschluss nicht etwa ein Schlusspunkt unter die Debatte um Abriss oder Sanierung gesetzt, sondern der Streit offenbar unterschiedlicher Interessengruppen erhitzt nach wie vor die Gemüter. Während die Architektin Ursulina Schüler-Witte, die gemeinsam mit ihrem Mann Ralf Schüler das ICC entworfen hat, eine „Rache für den Abriss des Palastes der Republik“ sieht und der Berliner Architekten- und Ingenieur-Verein (AIV) der Messegesellschaft unterstellt, die Instandhaltung des Gebäudes über Jahre vernachlässigt zu haben und den Beginn der ICC-Sanierung zu blockieren, schloss Finanzsenator Ulrich Nußbaum noch zu Beginn des Jahres plötzlich einen Abriss nicht mehr aus. Eine neue Senatsvorlage für den Ersatzbau bestätigte wiederum erst im Mai die Version der Sanierung, die ab 2013 innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein soll.
Warum das ICC zum Streitobjekt wurde, hat sicherlich nicht ausschließlich politische und auch nicht ausschließlich wirtschaftliche Gründe. Entscheidungen über wichtige und die Stadt prägende Bauwerke haben in Berlin stets hitzige Debatten her­aufbeschworen. Erinnert sei an den Palast der Republik, dessen Abriss nicht allein seiner Asbestbelastung geschuldet war.
Vergleichbar sind beide Gebäude dennoch nicht. Während der Palast der Republik hauptsächlich staatspolitische Bedeutung hatte, war das ICC vorwiegend der Funktion verpflichtet. 1979 fertiggestellt, ist die Betonung der technischen Elemente und die ­eigentümliche plastische Gestaltung dafür charakteristisch. Insofern sind Bezüge zum zwei Jahre zuvor eröffneten Centre Pompidou in Paris ­augenscheinlich, das immerhin als ein architektonischer Meilenstein in Richtung Postmoderne gilt. Insofern müsste auch dem in dieser Tradition stehenden ICC eine ganz besondere Bedeutung zukommen. Außerdem steht weder seine Funktion noch sein wirtschaftlicher Erfolg – auch in Verbindung mit der Messe Berlin – in Frage. Dass dennoch die Kontroverse um seine Zukunft nicht abreißt, ist nicht wirklich nachzuvollziehen, zumal ein Neubau nach Ansicht der Architekten mindestens das Dreifache einer Sanierung kosten würde.
Allenfalls wären da noch die Einnahmen aus dem Kongressgeschäft, auf die Berlin während einer Sanierung verzichten müsste, woraus sich die Forderung nach einem Ersatzbau für hundert Millionen Euro speist: ein nahezu sarkastisch anmutendes Verlangen angesichts klammer Haushaltskassen. Als hätte Berlin nicht andere ­attraktive Veranstaltungsorte, die für Kongresse und Tagungen zeitweilig genutzt werden könnten.
Reinhard Wahren

43 - Sommer 2010

Generalplan Bildung

Ein Gespräch mit Ahmet Acet, dem Botschafter der Republik Türkei in Deutschland.

Istanbul befindet sich momentan in der Phase der Luft, welche die der Erde ablöste. Im Sommer übernimmt das Wasser die Hoheit, und zum Ende des Jahres wird das Feuer lodern. Istanbul ist europäische Kulturhauptstadt 2010, und der dabei tragende Gedanke stammt von drei berühmten Philosophen aus der antiken Stadt Milet in der Nähe von Selçuk: Thales, Anaximander und Anaximenes. Sie versuchten das Universum an Hand der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zu erklären. Sie bildeten den Grundstock für viele Theorien in Wissenschaft, Philosophie und Theologie von der Antike bis zur Renaissance. Und Istanbul ließ sich für 2010 erneut von den großen Denkern inspirieren und stellte all seine Veranstaltungen unter das Motto jeweils eines Elements. Eine philosophische Idee für eine sich gravierend wandelnde Metropole. „Istanbul hat sich in den vergangenen zehn Jahren komplett verändert, es hat sich zu einem internationalen Hot Spot entwickelt“, sagt Ahmet Acet, Botschafter der Türkei in Deutschland.
Seit zwei Jahren lebt Ahmet Acet in Berlin. Die vielen Kulturveranstaltungen und die Museen schätzt er hier besonders. Er kann Schätze aus seiner Heimat ansehen – den Pergamon-Altar und die Kopie des Schatzes des Priamos (das Original befindet sich in Russland) und vieles mehr. Das sagt er freilich nicht so – er ist schließlich Diplomat. Doch danach befragt, ist seine Haltung eindeutig: „In Gesprächen mit den deutschen Partnern werden diese Fragen immer wieder angesprochen, aber es besteht kein Konsens darüber, ob und welche Stücke in die Türkei zurückgeführt werden. „Nach unserer Auffassung sollten Kulturgüter – und das betrifft auch viele Stücke aus Griechenland und Ägypten – an ihrem Ursprungsort gezeigt werden.“
Warum die Türkei bei den Deutschen zu den beliebstesten Urlaubszielen zählt, liegt für den Botschafter auf der Hand: „Man sucht im Urlaub eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt, man sucht Qualität und schaut danach, wieviel Geld man dafür ausgibt. Und die Türkei ist in mehrfacher Hinsicht ein nahes Land für die Deutschen. Die rund drei Millionen Türken, die in Deutschland leben, vermitteln ein gewisses Bild. Man hat eine Vorstellung von Gastfreundschaft und Lebensweise.“ Und er fügt etwas schmunzelnd hinzu, dass die türkische Küche definitiv dem deutschen Geschmack entspricht. Döner sei Dank, obwohl er ja eine Berliner Erfindung ist. Diese Komponenten konnten natürlich nur zum Tragen kommen, weil sich die Türkei in den vergangenen zehn Jahren zu einem stabilen wirtschaftlichen und politischen Land entwickelt hat. Die Sicherheit ist auch ein Grund, warum 70 000 Deutsche, aber auch Niederländer und Engländer ihren Lebensabend in der Türkei verbringen. Sie werden mit offenen Armen empfangen, die niedrigen Grundstücks-preise beflügeln die Entscheidungen, sich dort niederzulassen. Mögen mehr Ausländer in seinem Land heimisch werden und mögen sie ihre Bratwurst und ihre Pommes mitbringen, das sei ein gutes Beispiel für internationales kulturelles Zusammenleben. Es sei sogar denkbar, dass ein Ort, in dem viele Deutsche leben, einen deutschstämmigen Bürgermeister hätte. Warum nicht? Es könnte ein Vorbild für perfekte offensive Integrationspolitik sein. Blickt man nach Deutschland und auf die drei Millionen Türken, die hier leben, packt man hierzulande die Probleme der Integration nur schleppend ernsthaft an. 2011 ist es 50 Jahre her, dass das Arbeitskräfteabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde. „Damals waren es vielleicht fünf- bis zehntausend Arbeiter, meist mit keiner oder schlechter Ausbildung, die kamen, um die deutsche Wirtschaft mit aufzubauen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und vielleicht die Familien zu Hause finanziell zu unterstützen“, blickt er zurück. Die Zahl der Gastarbeiter stieg bis in die 80er Jahre. Die befristeten Arbeitsverträge wurden verlängert, Familien kamen nach, es wurde geheiratet, und sie blieben in Deutschland. Es ist ein Land mit großer Stabilität und einem hohen Lebensstandard, warum sollten sie zurück in die Türkei gehen, wo die Lage instabil war und es wenig Arbeit gab? Die Mehrheit der ersten Generation blieb unter sich, die zweite, dritte, vierte Generation hat schon einen ganz anderen Lebensstandard, die Wahrnehmung hat sich verändert, sie ist liberaler. „Wir beschuldigen niemanden, aber es gab sowohl auf Seiten der türkischen als auch der deutschen Regierung diesbezügliche Fehler. Die deutsche Regierung hat mittlerweile akzeptiert, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Jetzt müssen wir gemeinsam die Probleme angehen“, sagt er. Schlechte Ausbildung, mangelhafte Sprachkenntnis, Arbeitslosigkeit, das gesamte soziale Umfeld ist Hintergrund für die Integrationsprobleme. Die türkische Regierung fühle sich verpflichtet, etwas zur Lösung beizutragen. Das Hauptaugenmerk, so der Botschafter, liege dabei auf der Bildung und Ausbildung. „Wir versuchen, in Zusammenarbeit mit den Generalkonsulaten und vielen Organisationen, den Eltern zu verdeutlichen, dass es ihre soziale Verpflichtung ist, ihren Kindern eine gute Bildung angedeihen zu lassen. Beispielsweise sollten Eltern ihre Jüngsten in Kindergärten schicken, auch damit sie die Sprache schnell erlernen“, führt er aus, „und der deutsche Staat müsste dann auch türkischen Kindern die Möglichkeit geben, weiter in der Schule voranzukommen.“ Da gibt es viele Methoden und Initiativen. „Wir möchten aber auch, und da ist dann deutsche Hilfestellung gefragt, dass die türkischen Kinder hier ihre Muttersprache erlernen können.“ Schließlich sei es wissenschaftlich erwiesen, dass es einfacher ist, eine Fremdsprache zu erlernen, wenn man seine Muttersprache beherrscht. Der Fokus liegt auf Verbesserung der Bildungsqualität. Seit vorigem Jahr werden die besten türkischstämmigen Abiturienten ausgezeichnet – Ehrungen motivieren. Natürlich ist der Botschafter stolz darauf, dass Aygül Özkan Ministerin geworden ist. Zweifelsohne gibt es viele Türken, die nicht so im Rampenlicht stehen, die sich ebenfalls bestens integriert haben und deren Arbeit, deren Gedanken und Ideen Deutschland bereichern. Diese Prämisse ist von der gegenwärtigen Politik gesetzt, aber Ahmet Acet ist auch tolerant. „Wir verfolgen keine Politik, die zwingend nur einen Weg vorschreibt, jeder soll den Weg gehen, der ihn glücklich macht. Meine Landsleute haben sich selbst ausgesucht, in Deutschland zu leben, und müssen selbst sehen, wie sie sich in die Gesellschaft integrieren können.“ Einen Integrationspunkt der deutschen Regierung kann der Botschafter nicht nachvollziehen, weil er inkonsequent ist: „Wer die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben will, der muss auf seine türkische verzichten. Bei anderen Nationalitäten ist hingegen eine doppelte Staatsbürgerschaft möglich. Wenn man sich in einem Land wohlfühlt und akzeptiert wird, dann stellt sich automatisch ein Selbstbewusstsein ein, und viele Schritte lassen sich leichter vollziehen“, meint er. „Und wenn Sie in zehn Jahren mit meinem Nachfolger ein Gespräch führen, dann wird Integration kein Thema mehr sein, vorausgesetzt, dass wir jetzt das Thema Ausbildung gemeinsam anpacken.“
Martina Krüger
 

43 - Sommer 2010

Berlin von oben genießen

Besonders ans Herz gewachsen ist er Berlinern und Berlin-Liebhabern. Wer über die Avus in die Innenstadt fährt, blickt sofort auf seine markant filigrane Architektur und fühlt sich zu Hause. Der Funkturm, erbaut 1926 und dem Pariser Eiffelturm nachempfunden, zählt zu den wichtigsten Berliner Baudenkmälern und ist das Wahrzeichen der City West. Er ist 150 Meter hoch und bietet von seiner Aussichtsplattform, die sich in 125 Metern Höhe befindet, einen phantastischen Rundblick über weite Teile Berlins, wie den Grunewald, viele kleine Seen und sanierte Gründerzeitarchitektur. Bei Nacht erschließt sich dem Stadt-Betrachter ein imposantes Lichtermeer. Genießen lässt sich Berlin vor allem auch im Funkturm-Restaurant in 55 Metern Höhe mit Panoramafenstern. Das nach Original- plänen nachempfundene Jugendstil-Interieur lädt ein zu einer nostalgischen Reise in vergangene Zeiten und widerspiegelt einen Hauch vom Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger. Zu den prominentesten Gästen aus dieser Zeit gehörte Marlene Dietrich, die die schöne Aussicht und die Speisen über den Dächern der Stadt genoss.
Nach mehrfachen behutsamen Renovierungen im Laufe der Jahrzehnte ist das Restaurant ganz aktuell mit komplett neuer Bestuhlung ausgestattet worden. Ob Speisen à la carte, großes Buffet, für eine Privatfeier oder ein Geschäftsessen, das Funkturm-Restaurant ist eine außergewöhnliche Adresse und ein typischer Berliner Ort.

Informationen

  • Funkturm-Restaurant
    Hammarskjöldplatz an der
    Masurenallee / Ecke Messedamm
    Tel.: 30 38-29 00
    www.funkturmrestaurant.de
     
  • Öffnungszeiten:
    Mittwoch bis Sonntag von
    11.30 Uhr bis 23.00 Uhr,
    Dienstag ab 18.00 Uhr
43 - Sommer 2010

Lob der Mietskaserne

Die bauliche Entwicklung Berlins steht in vielen Punkten beispielhaft für das Werden der europäischen Stadt. Jetzt blickt der Stadtplaner und Architektursoziologe Harald Bodenschatz auf die Geschichte des Berliner Städtebaus zurück – und hält ein Plädoyer für die einst gescholtene Mietskasernenstadt.

Es hätte auch alles ganz anders kommen können. Dann zum Beispiel, wenn der von Hermann Jansen 1910 entworfene Plan umgesetzt worden wäre, auf dem Tempelhofer Feld – auf dem dann 13 Jahre später der Flughafen eröffnet werden sollte – mehrgeschossige Wohnhäuser zu bauen. Oder dann, wenn sich der Bauhaus-Exponent Ludwig Hilberseimer mit seinem 1928 vorgelegten Projekt zur Modernisierung des Stadtzentrums durchgesetzt hätte, das vorsah, die Blöcke beiderseits der Friedrichstraße dem Boden gleichzumachen und an ihrer Stelle langgestreckte, von Osten und Westen belichtete Zeilenbauten zu errichten. Oder, um ein bekannteres Beispiel zu nennen, wenn Albert Speers gigantomanische Pläne für die „Welthauptstadt Germania“ Wirklichkeit geworden wären.
Städtebau, das macht die Lektüre von Harald Bodenschatz' neuem Buch „Städtebau in Berlin“ deutlich, folgt keinen Naturgesetzen, sondern ist von Menschen gemacht. In geraffter Form schildert der an der Technischen Universität Berlin lehrende Architektursoziologe die wichtigsten Phasen der Berliner Stadtentwicklung: das starke Wachstum in der Gründerzeit, die Suche nach neuen städtebaulichen Formen und Wohnungstypen in der Zwischenkriegszeit, den Stein gewordenen Kampf der Ideologien im Kalten Krieg, schließlich den Umbruch der Nachwendezeit.
Dabei geht er vor allem einer Frage nach: nämlich der, ob der vom Architektursoziologen Werner Hegemann (1881-1936) und anderen Kritikern erhobene Vorwurf zutrifft, dass die Bauform der Mietskaserne schuld sei an den sozialen Problemen der Stadtbewohner. „Für viele Reformer war das städtische, mehrgeschossige Mietshaus an sich das Übel“, hält Bodenschatz fest. „Diese tendenziell anti-städtische Einstellung hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg nicht durchsetzen können, beherrschte aber nach dem Ersten Weltkrieg die weitere Entwicklung Berlins.“
Für Bodenschatz dagegen stellt das mehrgeschossige, in dichter Bebauung angeordnete Wohnhaus einen zukunftsträchtigen Bautypus dar. Er weist darauf hin, dass dieser Typus keineswegs nur in Form der berüchtigten Mietskasernen des 19. Jahrhunderts mit ihren engen, dunklen Hinterhöfen realisiert wurde. Vielmehr seien „unter dem weiten Mantel der Mietskasernenstadt ganz unterschiedliche städtebauliche Realitäten vorzufinden“ – und zwar auch solche für das wohlhabende Bürgertum. Der Kurfürstendamm, das Bayerische Viertel in Schöneberg und das Rheinische Viertel um den Rüdesheimer Platz gelten ihm als Beispiele dafür, wie es gelang, mit einer mehrgeschossigen Blockrandbebauung anspruchsvolle Wohnbedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig hochwertigen Städtebau zu schaffen. Dadurch bot sich den wohlhabenden Bevölkerungsschichten eine Alternative zu den Gartenstädten und Villenvierteln, wie sie natürlich auch in Berlin – etwa in Frohnau und Lichterfelde – entstanden.
Während diese „Urbanisierung des Bürgertums durch anspruchsvolle,
attraktive Stadterweiterungen“ in den neuen innerstädtischen Vierteln die volle Zustimmung von Bodenschatz findet, ist seine Kritik an den nach dem Zweiten Weltkrieg außerhalb des Stadtzentrums entstandenen Wohngebieten nicht zu überlesen. In West-Berliner Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel und den Ost-Berliner Plattenbausiedlungen erkennt er ein „erhebliches Potential an sozialen Konflikten“.
Dass in den siebziger Jahren engagierte Stadtbewohner den Widerstand gegen die Kahlschlagsanierung der gründerzeitlichen Wohnviertel aufnahmen und – besonders überzeugend am Kreuzberger Chamissoplatz – zeigten, welch hohe Qualität die angeblich so menschenunwürdigen Mietskasernen aufweisen, stellt für Bodenschatz eine entscheidende Zäsur in der Nachkriegsentwicklung dar. Dieser Widerstand, schreibt er, sei „der Einstieg in den Abschied vom modernen Städtebau in West-Berlin“ gewesen und darüber hinaus „der Beginn des Niedergangs der Unternehmen der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft“ – die waren nämlich für die großen Abrissmaßnahmen in Wedding und Kreuzberg verantwortlich. Wie eine Ironie der Geschichte mutet es an, dass gerade diese städtischen Wohnungsbaugesellschaften derzeit in der öffentlichen Wertschätzung eine Renaissance erfahren, da sie als Bollwerke gegen steigende Mieten und Verdrängung von Mietern gelten.
Was die jüngste Vergangenheit betrifft, so konstatiert Bodenschatz, dass die Phase der großen Nachwendeprojekte 1999 beendet und durch eine Phase der Stagnation abgelöst worden sei. Hier muss man kritisch nachfragen: Zwar sind in den letzten Jahren tatsächlich keine Großprojekte von der Dimension des Potsdamer Platzes oder der Regierungsbauten mehr fertiggestellt worden. Kaum weniger bedeutend sind aber die zahlreichen Bauvorhaben, die von der Wiedergewinnung der Innenstadt durch ihre Bürger zeugen: Projekte wie die Townhouses auf dem Friedrichswerder, die Prenzlauer Gärten neben dem Volkspark Friedrichshain, aber auch kleinere Neubauten auf Brachflächen und in Baulücken sind Beleg dafür, welche Anziehungskraft die historisch gewachsene Innenstadt gerade in einer von der Geschichte so gebeutelten Metropole wie Berlin noch immer ausübt.
Paul Munzinger
 

43 - Sommer 2010

Zeichen setzen

Im nächsten Jahr soll der Hauptstadt-Airport BBI eröffnen. Das Richtfest für das neue Terminal gab einen Vorgeschmack auf den künftigen Großflughafen.

Im Mai hatte die Flughafengesellschaft zum Richtfest für das Terminal des künftigen Hauptstadtflughafens BBI geladen, verbunden mit geführten Touren auf der Großbaustelle. Die Einladung geriet zur BesucherGroßveranstaltung, für die sich weit über hunderttausend Berliner und Brandenburger interessierten.
Wer etwas Geduld aufbrachte und den Infotower mittels Aufzug erklommen hatte, wurde schließlich belohnt: Ein Blick über das 1470 Hektar große Gelände lässt das Ausmaß des neuen Großflughafens erahnen. Das Terminal-Gebäude befindet sich zwischen zwei parallel angelegten Start- und Landebahnen, die unabhängig voneinander betrieben werden können, und hat sechs Geschossebenen. Augenscheinlich für die Besucher war auch die offenkundig gute öffentliche Verkehrsanbindung: Der BBI verfügt über einen sechsgleisigen Bahnhof mit drei Bahnsteigen direkt unter dem Terminal und über zwei Bahnsteige für den Regional- und Fernverkehr sowie einen S-Bahnsteig.
Zwischenzeitlich wurden im Terminal bereits 23 Flächen an die zukünftigen Gastronomen vermietet. Die Vermietung der Flächen für die Einzelhändler soll im Laufe des Sommers erfolgen. Derzeit ist man mit dem entsprechenden Innenausbau beschäftigt. Sechzehn Fluggastbrücken werden sich schließlich am Haupt-Pier befinden, neun am Süd-Pier. Am Nord-Pier sind dann die Flugzeuge über Walk-Boarding zu erreichen. Zum Innenausbau gehört natürlich auch die Ausführung des Shopping- und Gastronomiekonzepts. Die Passagiere erwartet ein breites kulinarisches Angebot, auch regional bestimmt, das von Fast Food bis zum Business-Essen in gehobenem Ambiente reichen soll.
In diesem Jahr sollen noch die Flugbetriebsflächen, der Rohbau des Piers Süd sowie die betriebsspezifischen Gebäude fertiggestellt werden. Damit sich die Berliner und Brandenburger weiter über den Fortgang der Großbaustelle informieren können, sind auch weitere Baustellenfeste geplant.
Mit dem Hauptstadt-Airport BBI, dem modernsten Flughafen Europas, wird erstmals eine umsteigefähige Luftinfrastruktur in Berlin geschaffen und zugleich ein neues Wahrzeichen für die Stadt. Der Flughafen wird über 85 Flugzeug-Abstellpositionen verfügen. Wenn voraussichtlich im nächsten Jahr der Flugbetrieb beginnt, werden bis zu 6500 Passagiere pro Stunde entweder abfliegen oder mit einer Maschine landen. Im ersten Jahr gehen die Prognosen von etwa 27 Millionen Passagieren aus.
R.W.

Informationen

  • Öffnungszeiten des Infotowers: täglich von 10 bis 18 Uhr
  • Baustellen-Bustouren über: www.berlin-airport.de
43 - Sommer 2010

Pankow pur

Die Gegend um die Florastraße im Bezirk Pankow ist bei weitem nicht so angesagt wie der Kollwitzplatz oder der Boxhagener Platz. Noch nicht, muss man wohl sagen – denn immer mehr Berliner mit und ohne Kinder entdecken dieses angenehme Wohngebiet.

Daniel Prusseit steht in der Alten Mälzerei, und seine Augen leuchten vor Begeisterung. Noch braucht es zwar viel Phantasie, um sich angesichts nackten Betons und großer Löcher im Fußboden die Wohnung vorzustellen, die der 30-jährige Software-Entwickler im Herbst dieses Jahres beziehen wird. Vor dem geistigen Auge Prusseits aber hat sein künftiges Zuhause längst Gestalt angenommen: hier die offene Küche und das Wohnzimmer, da das Gäste-WC; die Wendeltreppe, die zur Galerie der Maisonette-Wohnung führen wird; auf der oberen Ebene Arbeits- und Schlafzimmer – und das alles in einem beeindruckenden Industriedenkmal.
Die Alte Mälzerei, gelegen zwischen Mühlenstraße und Neuer Schönholzer Straße, steht beispielhaft für die Entwicklung, welche die Gegend um die Pankower Florastraße derzeit durchmacht. Seit der Wende stand der Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Komplex leer, in dem jahrzehntelang Malz hergestellt worden war. In den neunziger Jahren gab es Pläne, im Industriedenkmal ein Multiplexkino sowie Läden und Restaurants unterzubringen. Daraus wurde nichts – zum Glück, möchte man heute sagen. Denn 2007 erwarb das Nürnberger Unternehmen Terraplan die Immobilie und wandelte sie in Wohnraum um. Mit durchschlagendem Erfolg: Obwohl sich die Preise mit bis zu 3.500 Euro pro Quadratmeter auf einem für Berliner Verhältnisse hohen Niveau bewegen, waren die rund 140 Wohnungen binnen kurzer Zeit verkauft. Im Mai dieses Jahres sind die ersten Mieter und Eigentümer eingezogen; den zweiten Bauabschnitt will die Terraplan ebenfalls noch 2010 fertigstellen.
Für Prusseit ist der Standort ideal. „Man ist hier nah an der Innenstadt, aber gleichzeitig ist es grün, und die Panke ist ganz in der Nähe. Außerdem gefällt mir, dass alles ein bisschen ruhiger und familiärer ist als in Prenzlauer Berg.“ Tatsächlich ist man mit U- und S-Bahn schnell in der Innenstadt. Zugute kommt dem Kiez zudem, dass er um das Jahr 1900 als Wohnort für das gutsituierte Bürgertum konzipiert wurde. Repräsentative Fassaden und kleine Vorgärten vermitteln deshalb ein Gefühl der Gediegenheit. Besonders eindrucksvoll zu erleben ist dieses Ambiente in dem 1895 errichteten und heute zum Kommunalen Museumsverbund Pankow gehörenden Haus in der Heynstraße 8, wo die ehemalige Wohnung des Stuhlrohrfabrikanten Fritz Heyn im Originalzustand zu besichtigen ist (geöffnet dienstags, donnerstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr).
Nach der Wende war vom einstigen Glanz allerdings wenig geblieben. Angesichts einer vernachlässigten Bausubstanz und eines hohen Ladenleerstands erklärte der Senat die Gegend zwischen Wollankstraße, Florastraße und Berliner Straße 1995 zum Sanierungsgebiet. Der Erfolg ist nicht zu übersehen: Die meisten Häuser sind mittlerweile saniert, und in viele Geschäfte ist wieder Leben eingekehrt. Vor allem Familien scheinen sich hier wohlzufühlen – jedenfalls begegnet man auf der Straße auf Schritt und Tritt kleinen Kindern.

Links: Das Geschäft Cathé fleur bietet ein ausgesuchtes Sortiment an Tee, Kaffee, Schokolade, Likören und Senf (Florastraße) Rechts: Hofgebäude in der Florastraße

Kein Wunder, dass die Florastraße mittlerweile über eine kindgerechte Infrastruktur verfügt. Das Café Schönhausen (Florastraße 27) ist ebenso auf Kinder eingestellt wie die Buchhandlung Buchsegler (Florastraße 88/89) oder die zahlreichen Klamottenläden, die auf Namen wie Wunschkind oder Über Stock & Stein getauft wurden. Während sie alle erst in den letzten Jahren aufgemacht haben, gibt es einige wenige Institutionen, die schon frühzeitig das Potential des Kiezes erkannten: das Kleintheater Zimmer 16 (Florastraße 16) etwa oder das Cathé fleur (Florastraße 64), in dem Katharina Wahren seit elf Jahren ein liebevoll ausgesuchtes Sortiment an Tee und Kaffee, aber auch an Schokolade, Likören, Senf und anderen Köstlichkeiten anbietet.
„Viele interessante Leute wohnen in der Nähe – Politiker, Literaten, Künstler“, berichtet Katharina Wahren. Wie Daniel Prusseit schätzt auch sie es, dass es im Kiez entspannter zugeht als in Prenzlauer Berg. In Zukunft, da ist sich die Geschäftsinhaberin sicher, wird der Wohnort noch gefragter sein – dann nämlich, wenn nach der absehbaren Schließung des Flughafens Tegel keine Flugzeuge mehr über die Häuser donnern werden.
Schon jetzt haben sich Investoren attraktive Grundstücke gesichert. Darunter sind Baugruppen, die sich ihren Traum vom selbstbestimmten Wohnen erfüllen wollen, aber auch große Projektentwickler. So soll auf der Brachfläche an der Flora-/Ecke Gaillardstraße, wo bis in die neunziger Jahre ein Elektrokeramikwerk stand, unter dem Namen Floragärten eine Wohnanlage mit Townhouses und Etagenwohnungen entstehen. Bereits begonnen haben die Bauarbeiten in der ehemaligen Garbáty-Zigarettenfabrik zwischen Hadlich- und Berliner Straße, ganz in der Nähe des S- und U-Bahnhofs Pankow. Die Würzburger Hilpert-Gruppe will hier 160 Eigentumswohnungen schaffen und damit der 1906 vom jüdischen Unternehmer Josef Garbáty-Rosenthal errichteten Fabrik neues Leben einhauchen.
Garbáty war eine bedeutende Persönlichkeit; unter anderem unterstützte er das benachbarte Jüdische Waisenhaus finanziell. Dieses gehört mittlerweile einer Stiftung, die es saniert und darin die Stadtbibliothek Pankow untergebracht hat. Geschichtsinteressierte sollten außerdem in der Görschstraße einen Blick auf den imposanten Komplex des Ossietzky-Gymnasiums werfen, der – 1910 im Stil der Spätrenaissance errichtet – vom Gestaltungsanspruch des späten Kaiserreiches zeugt. Bescheidener ist die ganz in der Nähe gelegene Alte Bäckerei (Wollankstraße 130; geöffnet nur dienstags von 11 bis 17 Uhr), die dank der Initiative der Eigentümerin Ruthild Deus zu einem kleinen, hoch interessanten Museum geworden ist. Sogar der Holzofen wird wieder angefeuert: Dienstags und freitags von 15 bis 18 Uhr wird an Ort und Stelle gebackenes Holzofenbrot in Demeter-Qualität verkauft. Ein echtes, natürliches Produkt – eben wie der ganze Kiez um die Florastraße.
Text: Emil Schweizer
Fotos: Michael Haddenhorst

43 - Sommer 2010