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Im Gespräch (43 - Sommer 2010)

Generalplan Bildung

Ein Gespräch mit Ahmet Acet, dem Botschafter der Republik Türkei in Deutschland.

Istanbul befindet sich momentan in der Phase der Luft, welche die der Erde ablöste. Im Sommer übernimmt das Wasser die Hoheit, und zum Ende des Jahres wird das Feuer lodern. Istanbul ist europäische Kulturhauptstadt 2010, und der dabei tragende Gedanke stammt von drei berühmten Philosophen aus der antiken Stadt Milet in der Nähe von Selçuk: Thales, Anaximander und Anaximenes. Sie versuchten das Universum an Hand der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zu erklären. Sie bildeten den Grundstock für viele Theorien in Wissenschaft, Philosophie und Theologie von der Antike bis zur Renaissance. Und Istanbul ließ sich für 2010 erneut von den großen Denkern inspirieren und stellte all seine Veranstaltungen unter das Motto jeweils eines Elements. Eine philosophische Idee für eine sich gravierend wandelnde Metropole. „Istanbul hat sich in den vergangenen zehn Jahren komplett verändert, es hat sich zu einem internationalen Hot Spot entwickelt“, sagt Ahmet Acet, Botschafter der Türkei in Deutschland.
Seit zwei Jahren lebt Ahmet Acet in Berlin. Die vielen Kulturveranstaltungen und die Museen schätzt er hier besonders. Er kann Schätze aus seiner Heimat ansehen – den Pergamon-Altar und die Kopie des Schatzes des Priamos (das Original befindet sich in Russland) und vieles mehr. Das sagt er freilich nicht so – er ist schließlich Diplomat. Doch danach befragt, ist seine Haltung eindeutig: „In Gesprächen mit den deutschen Partnern werden diese Fragen immer wieder angesprochen, aber es besteht kein Konsens darüber, ob und welche Stücke in die Türkei zurückgeführt werden. „Nach unserer Auffassung sollten Kulturgüter – und das betrifft auch viele Stücke aus Griechenland und Ägypten – an ihrem Ursprungsort gezeigt werden.“
Warum die Türkei bei den Deutschen zu den beliebstesten Urlaubszielen zählt, liegt für den Botschafter auf der Hand: „Man sucht im Urlaub eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt, man sucht Qualität und schaut danach, wieviel Geld man dafür ausgibt. Und die Türkei ist in mehrfacher Hinsicht ein nahes Land für die Deutschen. Die rund drei Millionen Türken, die in Deutschland leben, vermitteln ein gewisses Bild. Man hat eine Vorstellung von Gastfreundschaft und Lebensweise.“ Und er fügt etwas schmunzelnd hinzu, dass die türkische Küche definitiv dem deutschen Geschmack entspricht. Döner sei Dank, obwohl er ja eine Berliner Erfindung ist. Diese Komponenten konnten natürlich nur zum Tragen kommen, weil sich die Türkei in den vergangenen zehn Jahren zu einem stabilen wirtschaftlichen und politischen Land entwickelt hat. Die Sicherheit ist auch ein Grund, warum 70 000 Deutsche, aber auch Niederländer und Engländer ihren Lebensabend in der Türkei verbringen. Sie werden mit offenen Armen empfangen, die niedrigen Grundstücks-preise beflügeln die Entscheidungen, sich dort niederzulassen. Mögen mehr Ausländer in seinem Land heimisch werden und mögen sie ihre Bratwurst und ihre Pommes mitbringen, das sei ein gutes Beispiel für internationales kulturelles Zusammenleben. Es sei sogar denkbar, dass ein Ort, in dem viele Deutsche leben, einen deutschstämmigen Bürgermeister hätte. Warum nicht? Es könnte ein Vorbild für perfekte offensive Integrationspolitik sein. Blickt man nach Deutschland und auf die drei Millionen Türken, die hier leben, packt man hierzulande die Probleme der Integration nur schleppend ernsthaft an. 2011 ist es 50 Jahre her, dass das Arbeitskräfteabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde. „Damals waren es vielleicht fünf- bis zehntausend Arbeiter, meist mit keiner oder schlechter Ausbildung, die kamen, um die deutsche Wirtschaft mit aufzubauen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und vielleicht die Familien zu Hause finanziell zu unterstützen“, blickt er zurück. Die Zahl der Gastarbeiter stieg bis in die 80er Jahre. Die befristeten Arbeitsverträge wurden verlängert, Familien kamen nach, es wurde geheiratet, und sie blieben in Deutschland. Es ist ein Land mit großer Stabilität und einem hohen Lebensstandard, warum sollten sie zurück in die Türkei gehen, wo die Lage instabil war und es wenig Arbeit gab? Die Mehrheit der ersten Generation blieb unter sich, die zweite, dritte, vierte Generation hat schon einen ganz anderen Lebensstandard, die Wahrnehmung hat sich verändert, sie ist liberaler. „Wir beschuldigen niemanden, aber es gab sowohl auf Seiten der türkischen als auch der deutschen Regierung diesbezügliche Fehler. Die deutsche Regierung hat mittlerweile akzeptiert, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Jetzt müssen wir gemeinsam die Probleme angehen“, sagt er. Schlechte Ausbildung, mangelhafte Sprachkenntnis, Arbeitslosigkeit, das gesamte soziale Umfeld ist Hintergrund für die Integrationsprobleme. Die türkische Regierung fühle sich verpflichtet, etwas zur Lösung beizutragen. Das Hauptaugenmerk, so der Botschafter, liege dabei auf der Bildung und Ausbildung. „Wir versuchen, in Zusammenarbeit mit den Generalkonsulaten und vielen Organisationen, den Eltern zu verdeutlichen, dass es ihre soziale Verpflichtung ist, ihren Kindern eine gute Bildung angedeihen zu lassen. Beispielsweise sollten Eltern ihre Jüngsten in Kindergärten schicken, auch damit sie die Sprache schnell erlernen“, führt er aus, „und der deutsche Staat müsste dann auch türkischen Kindern die Möglichkeit geben, weiter in der Schule voranzukommen.“ Da gibt es viele Methoden und Initiativen. „Wir möchten aber auch, und da ist dann deutsche Hilfestellung gefragt, dass die türkischen Kinder hier ihre Muttersprache erlernen können.“ Schließlich sei es wissenschaftlich erwiesen, dass es einfacher ist, eine Fremdsprache zu erlernen, wenn man seine Muttersprache beherrscht. Der Fokus liegt auf Verbesserung der Bildungsqualität. Seit vorigem Jahr werden die besten türkischstämmigen Abiturienten ausgezeichnet – Ehrungen motivieren. Natürlich ist der Botschafter stolz darauf, dass Aygül Özkan Ministerin geworden ist. Zweifelsohne gibt es viele Türken, die nicht so im Rampenlicht stehen, die sich ebenfalls bestens integriert haben und deren Arbeit, deren Gedanken und Ideen Deutschland bereichern. Diese Prämisse ist von der gegenwärtigen Politik gesetzt, aber Ahmet Acet ist auch tolerant. „Wir verfolgen keine Politik, die zwingend nur einen Weg vorschreibt, jeder soll den Weg gehen, der ihn glücklich macht. Meine Landsleute haben sich selbst ausgesucht, in Deutschland zu leben, und müssen selbst sehen, wie sie sich in die Gesellschaft integrieren können.“ Einen Integrationspunkt der deutschen Regierung kann der Botschafter nicht nachvollziehen, weil er inkonsequent ist: „Wer die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben will, der muss auf seine türkische verzichten. Bei anderen Nationalitäten ist hingegen eine doppelte Staatsbürgerschaft möglich. Wenn man sich in einem Land wohlfühlt und akzeptiert wird, dann stellt sich automatisch ein Selbstbewusstsein ein, und viele Schritte lassen sich leichter vollziehen“, meint er. „Und wenn Sie in zehn Jahren mit meinem Nachfolger ein Gespräch führen, dann wird Integration kein Thema mehr sein, vorausgesetzt, dass wir jetzt das Thema Ausbildung gemeinsam anpacken.“
Martina Krüger
 

43 - Sommer 2010