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Wirtschaft (76 – Herbst 2018)

Vom Fliesenhändler zur Factory

Atala handelt seit 45 Jahren mit Fliesen und Bädern. In den letzten Jahren profiliert sich das Berliner Unternehmen mit einer eigenen Kreativabteilung.

Als Weißensee sich anschickte, eine eigene Stadt zu werden, stand auf dem heutigen Gelände der Berliner Allee 270 ein Maschinen- und Kesselhaus. Das war 1912. Die große Fabrikanlage wechselte in den folgenden Jahrzehnten oft ihre Nutzer: Verzinkerei, Metallverarbeitung, Kaffeerösterei und sogar Knallkorken zur Abschreckung von Hunden und für Scheinwaffen wurden hergestellt. So besagen es die Pläne, die zum jeweiligen Umbau und Anbau der Fabrikanlagen bei den damaligen Verwaltungen eingereicht wurden. Ein Mitarbeiter der Firma Atala wühlt sich durch all die Akten, die den Standort dokumentieren. Atala handelt seit 45 Jahren mit Fliesen und Bädern und hat die alten und maroden Gebäude wieder ansehnlich gemacht. In den Hinterhöfen wird mit neuesten Technologien gearbeitet. In der „Factory Atala“ sind zwölf junge Designer, Archi­tekten, Grafiker aus Deutschland, Russland, Finnland, Italien, Frankreich und Spanien beschäftigt. Sie gestalten ganze Räume am Computer, in denen Fliesen eine dominierende Rolle spielen. „Wir sind das Start-up in der Traditionsfirma“, sagt Christine Engler, Büroleiterin und für Planung und Design zuständig.

Mit über 2 500 Quadratmetern Verkaufsfläche ist der Standort Weißensee das Herzstück und die größte Filiale des Unternehmens, das in Berlin dreimal vertreten ist.

In einem funktionalen zweistöckigen öffentlichen Gebäude an der Straßenfront der Berliner Allee gibt es eine große Ausstellung mit Einrichtungsbeispielen. Hier können Kunden sich orientieren und Anregungen holen, wenn sie die eigenen vier Wände planen und neu gestalten. Arrangiert wird der Showroom mit dem Know-how der „Factory“ im Hinterhof. Die Vielfalt an Design und Farbe ist riesig. Die vielen Grautöne erinnern an ein berühmtes Filmzitat von Loriot: 28 Grautöne in jeder Qualität: mausgrau, staubgrau … Nur, dass die Palette bei Atala dieses weit übertrifft. Farbe und Design in vielfältigen Varianten, dazu die entsprechenden Armaturen und Accessoires. Für den 427 Seiten starken Katalog ist zum Teil auch in den alten Fabrikhallen fotografiert worden. In der „Factory“ kann der Kunde sein neues Haus oder Bad am Computer simulieren lassen und es virtuell einrichten. Am Schluss steht eine 3D-Visualisierung. Listen von Material werden zusammengestellt, das Atala liefert. Auch die Handwerker und ein Baukoordinator werden aus dem Haus vermittelt. Darüber hinaus bietet die Factory Zuarbeit für die Architektur- und Immobilienbranche: Neben der 3D-Visualisierung werden bauvorhabenbezogen eigene Designlinien entwickelt und zu Verkaufsbroschüren gestaltet.

Um dies alles bieten zu können, hat sich das Unternehmen seit 2012 Schritt für Schritt neu orientiert, hat sich vom klassischen Fliesen-Händler zum Badplaner und Einrichter entwickelt. Und dabei kommt alles aus einer Hand: von der ersten Idee bis zum letzten Türgriff. Atala hat auch einen eigenen Onlineshop, in dem Werkzeuge und Maschinen für Heimwerker und Profis angeboten werden und vieles mehr rund ums Wohnen.

Auf dem Fabrikgelände in Weißensee ist nebenbei noch ein Ort für temporäre Kunst entstanden. So gab es kürzlich in den alten Fabrikräumen eine Street-Art-Ausstellung.

Martina Krüger

 

76 – Herbst 2018

Handwerk hat Zukunft

Der Abendbrottisch ist ein klassisches Gesprächsforum der Familie. Das war es auch immer bei den Frankensteins, die während vieler gemeinsamer Abendessen ihr Unternehmen auf den Weg gebracht haben.

Heizungstechnik für alle Energiearten und Sanitäranlagen sind die Geschäftsfelder von „mf Mercedöl“. Zwei Bereiche, die sich im Laufe der letzten Jahre vor allem aufgrund eines neuen Umweltbewusstseins und durch moderne Technologien rasant verändert haben. Alles begann 1962, als die Gründer der Firma, Karlheinz Frankenstein und seine Frau Karla, beide damals Anfang 20, am Abendbrottisch über ihre Zukunft nachdachten. Sie spezialisierten sich darauf, Öfen in Bäckereien, die mit Kohle beheizt wurden, auf sauberes Öl umzustellen. Damals wurden Ölbrenner der Marke Mercedes verbaut – daher der Name „Mercedöl“, und der Zusatz „mf“ steht für Matthias und Mark Frankenstein, Sohn und Enkel des Firmengründers. Beide stiegen in den späten 1980ern bzw. 2017 in die Firma ein. Auch Dorothee Frankenstein arbeitet mit im Betrieb und Brita Frankenstein hilft extern.

Sie berichtet, dass es stets eine Familienzusammenkunft war, bei der sich die Familie über Generationen mit den Problemen und Erfolgen der Firma befasste. So viele Familienmitglieder unter einem Dach könnten als ein sicheres Indiz für gutes Klima gedeutet werden. Auch sind schon viele Mitarbeiter in der in der zweiten und dritten Generation dabei. Der Nachwuchs liegt dem Unternehmen am Herzen: In fünf Berufen wird ausgebildet und 26 Lehrlinge gibt es derzeit. Allein der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist hochkomplex und vereinigt mehrere angestammte Berufe. Die Anforderungen werden immer anspruchsvoller. Und er zählt zu jenen Handwerksberufen, die dringend Nachwuchs benötigen, aber nicht eben ganz oben auf der Berufswunschliste stehen. Ein Heizungsmonteur muss rund um die Uhr verfügbar sein – für Schulabgänger ein weinig reizvoller Gedanke. Das Unternehmen Mercedöl steuert offensiv dagegen. Schon bei der Auswahl der Auszubildenden gelten andere Kriterien als üblich. Ein schlechtes Zeugnis – kein Grund zur Ablehnung des Bewerbers. Die Verantwortlichen verlassen sich auf „ihr Bauchgefühl“ bei der Auswahl, wenn sie „ein Feuer brennen“ sehen. Wer in der Ausbildung mehr Hilfe benötigt, bekommt sie auch. Anreize werden geschaffen, wie ein Azubi-Bonus. Und wer mit 1 besteht, dem spendiert der Chef eine Flugreise übers Wochenende.

Circa drei Viertel der Azubis bietet der Betrieb einen Arbeitsplatz im Unternehmen, die anderen Gesellen sind in der Branche hochbegehrt, weil der Betrieb einen sehr guten Ruf hat. 2006 erhielt Mercedöl die „Franz-von-Mendelssohn“-Medaille von der IHK und der Handwerkskammer für herausragendes gesellschaftliches Engagement.

Mit dem Preisgeld hat Firmenchef Matthias Frankenstein den „Eventus-Preis“ ins Leben gerufen. Er bietet damit den besten Azubis eines Abschlussjahrgangs im Beruf des Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnikers die Chance, ein komplettes Meisterstudium zu absolvieren. Die 8 000 Euro, die so eine Qualifizierung kostet, bringt er mit Hilfe von Partnern und Sponsoren auf.

Frankenstein ist fest davon überzeugt: Handwerk hat Zukunft. Und deshalb setzt er sich mit viel Engagement für junge Leute ein.
Denn Handwerk ist längst nicht mehr nur Hammer und Schraubenschlüssel. Der Handwerker heute hantiert mit Handy und Laptop, vielleicht manchmal auch noch mit dem Hammer, und ist gut vernetzt – auch mit der Heizung, die er einst eingebaut hat.

Heute sind die Techniker mit dem Mobilen Monteur vor Ort und erledigen die Aufträge papierlos. Die automatische Störaufschaltung erkennt das Problem der Heizung schon, bevor es sich bemerkbar macht. Man muss mit der Entwicklung Schritt halten können. Tauschte Mercedöl zu Anfang ihrer Existenz noch Kohle gegen Öl, bestimmten ab 2010, da die Energiewende energisch vorangetrieben wurde, Wind, Wasser und Sonne unsere Stromgewinnung und deren Weiterverarbeitung. Ging es vor einem halben Jahrhundert um ein Objekt, wird heute ein ganzes System bearbeitet. Ein Beispiel solch einer komplexen Lösung mittels regenerativer Energie: In Wohnhäusern wird mittels Sole-Wasser-Wärmepumpen Wärme über die Fußbodenheizung übertragen. Außerdem wird die Raumlüftung kontrolliert und auf dem Dach noch Photovoltaik installiert. Oder mittels Großflächenkollektoren wird die Heizung betrieben und das Trinkwasser erwärmt.

Anspruchsvolle und interessante Projekte, über die die Familie heute wie damals am Abendbrottisch diskutiert. Und bei aller technischen Entwicklung, sind die charmanten Konstanten ein wichtiger Teil der Unternehmenskultur.

Martina Krüger

 

76 – Herbst 2018