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Ausstellung (64 - Herbst 2015)

Newton and Guests

In einer Dreierkonstellation mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zeigt die Helmut Newton Stiftung in ihrer neuesten Ausstellung neben Originalabzügen aus der Dauerleihgabe von Helmut Newton zwei
thematisch verwandte Monographien.

Wer annimmt, von Helmut Newton mittlerweile alle wichtigen Aufnahmen gesehen zu haben, wird überrascht sein. In der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ sind zirka siebzig Originalabzüge aus dem zweiten Teil der Dauerleihgabe von Helmut Newton zu sehen, von denen im „Museum für Fotografie“ die meisten noch nicht gezeigt worden sind. Es sind wiederum Mode- und Aktbilder, Porträts und Selbstporträts, überwiegend sogenannte Vintage Prints, also Abzüge, die Helmut Newton unmittelbar nach der Entstehung der Negative selbst hergestellt hat. 

Während in der einstigen Eröffnungsausstellung der Helmut Newton Stiftung „Sex and Landscapes“ vor allem das Inszenierungsgenie dieses Ausnahmefotografen deutlich wird, Akt, Mode, Stillleben und Landschaften miteinander zu verschmelzen, um letztlich eine bestimmte Erotik zu sublimieren, zeigt er sich in der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ auch als ein Porträtfotograf mit einer Art konzeptionellen Ansatz. Denn neben Bildnissen von Jeanne Moreau, Brigitte Nielsen und Karl Lagerfeld hat er in einer Farbbildserie aus den 1980er-Jahren berühmte Künstler in einem besonders intimen Privatbereich, dem Schlafzimmer, fotografiert. Zu sehen sind Künstler wie Charlotte Rampling, David Bowie oder David Hockney, auf der Bettkante sitzend sowie beim Öffnen einer Schublade des Nachttischschrankes. Prominente mit Einblick in deren Privatsphäre derart zu porträtieren, ist bislang einmalig, wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Sex and Landscapes“ und macht die Vielschichtigkeit im Gesamtwerk Helmut Newtons deutlich.

Dass er sich selbst aber durchaus neben und nicht über andere Fotografen stellte, kommt in seinem Vermächtnis anlässlich der Gründung seiner Stiftung zum Ausdruck. Danach sollten Monographien bedeutender Kollegen von Zeit zu Zeit im Ausstellungskonzept Berücksichtigung finden. Aktuell sind es Frank Horvat und Szymon Brodziak. Beide Mode- und Porträtfotografen, thematisch Helmut Newton verwandt, doch jeweils mit sehr eigenständiger Bildsprache.

Der Bedeutendere ist zweifellos der 1928 im italienischen Abbazia, heute kroatisch Opatija, geborene Frank Horvat. Er gehört zu der berühmten Photographen-Generation, die eine perfekte Bildkomposition anstrebten, wie der legendäre Henri Cartier-Bresson, und Menschen auf der Straße in Szene setzten. Bressons Rat war es im Jahr 1950 auch, als Photojournalist eine Reise durch Asien anzutreten. Horvats Aufnahmen aus dieser Zeit, aus Ländern wie Indien oder China, konnte er in verschiedenen Magazinen veröffentlichen. Mitte der 1950er-Jahre in Paris, begann dann seine Karriere als Modephotograph. 

Mit Modeshootings für das Magazin „Jardin des Modes“ und später Aufnahmen für „Elle“ in Paris, „Vogue“ in London und „Harper´s Bazaar“ in New York machte er sich einen Namen und beeinflusste, ähnlich wie Helmut Newton oder Richard Avedon, den Zeitgeist. Seine berühmtesten Modefotos „Givenchy Hat“ und „Shoe and Eiffel Tower“ stehen exemplarisch für seine ganz eigene Kunst der Bildkomposition. Zwischen 1958 und 1961 war er Mitglied der legendären, von Henri Cartier-Bresson mitbegründeten Mag-
num-Agentur, und wiederum reiste er, wie all seine Kollegen der Photographenkooperative, um die Welt. Es war die große Zeit der Bildreportagen aus aller Welt und Horvat einer ihrer Protagonisten. In der Ausstellung der Helmut Newton Stiftung sind auch einige dieser Aufnahmen Teil seines Photoprojekts „House with Fifteen Keys“, das in fünfzehn Kapiteln sein Gesamtwerk zeigt und Ausdruck seines Vermächtnisse ist: „Ein gutes Foto entsteht, wenn etwas Bleibendes festgehalten wird.“

Die Dreierkonstellation der Ausstellung vervollständigt mit dreißig großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der polnische Photograph Szymon Brodziak, Jahrgang 1976. Unverkennbar ist dessen thematische Nähe zum Werk Helmut Newtons, das für Brodziak wohl eine wichtige Inspirationsquelle ist. Seine Aktbilder folgen einer Inszenierung aus Übertreibung, subtiler Erotik und weiblicher Eleganz und entfalten so ihre emotionale Wirkung. Gleichzeitig will Brodziak aber auch die gängigen Klischees und Schönheitsideale hinterfragen. Die Aufnahmen sind Bestandteil seiner Monographie „One“. Es ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete er eine eigene Fotogalerie in Posen.

Information:

Newton. Horvat. Brodziak
Bis 15. November 2015,
Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Reinhard Wahren

 

 

64 - Herbst 2015

Ausbalancierte Schönheit

Wer an den niederländischen Avantgardisten (1982 – 1944) denkt, mag seine schwarzen Rasterlinien und Rechtecke in Rot, Gelb und Blau vor Augen haben und an ebenso flirrende wie radikal reduzierte Bilder der Großstadt denken. Etwa an „Victory Boogie Woogie“ von 1944, sein berühmtes, unvollendetes letztes Werk, das im New Yorker Exil am Hudson River entstand. Man mag fasziniert sein von der Werkfülle und Kompositionslust des Künstlers, die bis hinein ins Atelier wirkte und vor Fußboden, Wand und Möbeln nicht haltmachte. Im Gegenteil. Selbst der Stängel einer Rose wurde weiß bemalt. Aber erinnert man sich auch an die sich eng aneinanderschmiegenden Bauernhäuser, an die Gemälde, aus der die niederländische Landschaft aufscheint oder den „Tannenwald“, der mit schwarzer Kreide auf ein dunkelblaugrünes Blatt gezeichnet ist? Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau skizziert „modellhaft“, so der Kurator Hans Janssen, mit 50 Werken die Wandlung der künstlerischen Handschrift nach. Die Bilder für die thematische Schau kommen hauptsächlich aus dem Gemeentemuseum Den Haag und wurden mit Unterstützung der Niederländischen Botschaft nach Berlin entliehen. Es ist keine Retrospektive, lädt dafür aber mit Überraschungen und den Blick auf das Frühwerk des Künstlers ein.

Piet Mondrians gelbrotblaue Rechtecke gehören zum ikonischen Bildbesitz mehrerer Generationen und sie scheinen ja auch längst aus den Gemälden in die Stadt zurückgesprungen zu sein, ganz abgesehen davon, dass sie zigfach zitiert und beliebte Ausdrucksmittel von Designern wurden, sei es für Mode, Möbel oder Geschirr. Eine Intention, die ja der Künstler selbst initiierte. 

Und dennoch ist es die erste große Einzelausstellung in der Spreestadt seit 1968. Zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie wurde der niederländische Abstraktionist, er wurde in Amersfoort geboren und starb zweiundsiebzigjährig als Emigrant in New York, mit einer Werkschau dem Berliner Publikum (erneut) bekannt gemacht, nachdem die Nazis seine Werke als „Entartete Kunst“ diffamierten. Jetzt wird man also mit dem frühen Mondrian überrascht. Immer wieder mag man auf die flache Landschaft im Gemälde „Bäume am Geinn“ (1907) schauen, die in warmen Rottönen zerfließt. Hier sind allein durch die Reihung der Alleebäume und ihrer leicht verzerrten Spiegelung im Kanal schon die Horizontalen und Vertikalen harmonisch ausbalanciert, die später ganz für sich selbst und als reine Geometrie in der Fläche auskommen. Es genügt, in die großen dunklen Augen des „Selbstporträts“ von 1908 zu schauen, um etwas von der geistigen Versenkung und Wahrheitssuche des Künstlers zumindest zu erahnen. Wie etwa den Unterschied vom „Anschauen der Natur“ im Verhältnis zum „Wahrnehmen“, den er in theoretischen Schriften reflektiert. Sein weiterer Schaffensweg, der exemplarisch belegt ist, führt ihn nach Paris, zu Picasso und zur Auseinandersetzung mit dem Kubismus. Die „Zerlegung der Form“, so der Titel eines der Kabinette, wird an Skizzen und Gemälden, die noch Figürliches erkennbar lassen, gezeigt. Eine der Augenfreuden ist die kleine Vorstudie zum „Blauen Apfelbaum“ aus Privatbesitz. Bizarre Äste werden zu schwungvollen Pinselhieben, deren Gestus man fast noch spürt, bis auch diese in noch reduzierteren Linien gebändigt sind. Der Baum gehört zu Piet Mondrians Lieblingsmotiven und an ihm entfaltet und mit ihm erweitert er seine rhythmische Linearität bis zur nächsten Etappe – der Geburtsstunde der reinen Form. Die zeigt sich als Ei („Komposition in Oval mit Farbflächen 2“, 1914). Es umschließt pastellene Farbfelder, die der Künstler aus der Anschauung der Großstadt extrahiert und zu einem heiteren Gleichgewicht ausbalanciert hat. Die Abstraktion lag als Ausdrucksform einer neuen Epoche in der Luft und Kandinsky und Malewitsch („weißes Quadrat“) und Mondrian suchten je ihren eigenen Weg. Bei dem Niederländer heißen die zigfach durchdeklinierten Gemälde schließlich nur noch „Tableau“. Mit spiritueller Intensität malt er 1937 „Composition mit Linien und Farbe: III“. Es bekrönt mit seinem im Goldenen Schnitt verankerten Blau den Ausstellungsrundgang.

Die Linie hat es dem Avantgardisten angetan. Er ist, so zeigt es die Auswahl seines OEuvres, einen großen Schritt gegangen und hat alle Zufälligkeit und Gestik verbannt. Die sich kreuzenden schwarzen Balken sind zugleich ein Statement, um dessent- willen Piet Mondrian auch seine Mitgliedschaft in der De-Stijl-Gruppe aufkündigte, als sein Freund, der Maler van Doesburg begann, Diagonalen zu malen. Es schien dem streng erzogenen Kalvinisten damit „eine Frivolität einzuziehen“, die seinem Bedürfnis nach wesenhafter Grundordnung widerstrebte. 

Anita Wünschmann

Information:

Piet Mondrian. Die Linie
4. September bis 6. Dezember 2015
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

 

 

64 - Herbst 2015