%3 abonnieren

Kultur (64 - Herbst 2015)

Seismograf der Sinne

Er zählt zu den bekanntesten und begehrtesten Fotokalendern der Welt: The Cal, der Pirelli Kalender. Anfangs als originelles Geschenk für ausgesuchte Kunden und VIPs kreiert, entwickelte er sich schnell zum Kultobjekt. Die Idee war einfach: Die britische Tochter des italienischen Reifenherstellers Pirelli suchte nach einem Weg, sich von Konkurrenten abzusetzen und erfand den Kalender. 1964 wurde er erstmals an Kunden verteilt – umsonst.

Daran hat sich nichts geändert, der Kalender ist nicht käuflich und wird nach wie vor nur an ausgewählte Freunde des Unternehmens verschenkt. Inzwischen hat sich der Kalender zum begehrten Kultobjekt entwickelt, ist zum Inbegriff erotischer Fotografie geworden. Dabei scheiterte der erste Versuch der Produktion. Das Konzept des Fotografen Terence Donovan, Fotos von Models aus den zwölf Weltregionen, in die Pirelli exportierte, in einem Kalender 1963 erscheinen zu lassen, arrangiert mit den jeweils meistverkauften Produkten, wurde erst einmal nicht veröffentlicht. Denn die schönen Frauen wirkten ein wenig verloren vor den Gokarts, Rollern und Landmaschinen. Daher wurde der Mythos, wie wir ihn kennen, erst ein Jahr später geboren: Fotograf Robert Freeman verzichtete einfach auf jeglichen Produktbezug. Er setzte auf klassische Pin-up-Motive: Frau in weißem Bikini am Strand oder Frau mit treuherzigem Blick, eine Hand in der weit geöffneten Jeansbluse. 2014 feierte der Reifenhersteller ein rundes Jubiläum, inzwischen reflektiert The Cal den aktuellen Zeitgeist, die Mode und gesellschaftliche Strömungen seit 52 Jahren. Im Laufe seiner Geschichte präsentierte er die schönsten Models, darunter Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Laetitia Casta, Cindy Crawford, Penélope Cruz, Milla Jovovich, Heidi Klum, Angela Lindvall, Sophia Loren und Kate Moss. Zu verdanken ist der Erfolg aber nicht nur den gutaussehenden Models und den exotischen Orten, an denen sie fotografiert wurden. Die kluge Auswahl an Fotografen spielt eine weitere große Rolle. Der Taschen-Verlag hat nun einen 576 Seiten starken Bildband herausgebracht, der Nachdrucke sämtlicher Kalender von 1964 bis 2014 enthält, fotografiert u. a. von Robert Freeman, Helmut Newton, Richard Avedon, Peter Beard, Patrick Demarchelier, Nick Knight, Karl Lagerfeld, Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Sarah Moon, Terry Richardson, Herb Ritts, Mario Sorrenti, Bert Stern, Mario Testino und Bruce Weber.

Als Bonus bieten sich dem Leser nie zuvor gezeigte Bilder, die während der Fotosessions entstanden, der unveröffentlichte Kalender von 1963 sowie eine Auswahl zensierter Bilder, die den Redakteuren zur damaligen Zeit zu gewagt erschienen. Der Band „Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr“ wird so zu einer Zeitreise durch Epochen, Moden und Entwicklungen in der Fotografie. Und natürlich: Viele der Fotos sind so, wie man es sich vorstellt. Erotische Fotografie nach Schema F – Strand, mehr oder vorzugsweise weniger bekleidete Frauen. Dennoch ist diese Herausgabe ein Glücksfall. Denn einige Jahre bestechen durch Ästhetik oder kluge Konzepte.

Information:

Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr, Philippe Daverio, Hardcover, 30 x 30 cm, 576 Seiten, € 49,99, ISBN 978-3-8365-5175-5, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch 
Erhältlich ab September 2015 
www.taschen.com

64 - Herbst 2015

Der große Traum des Tankerkönigs

Spätestens an der 15. und 16. Bahn greift die viertausendjährige Geschichte dieser südgriechischen Region unmittelbar ins Spiel ein: Neben dem 15. Grün, und nach dem nächsten Abschlag sogar bis ins beginnende Fairway hineinreichend, sind mehrere etwa 20 Meter breite und bis zu 80 Meter lange blaue Planen gespannt, die man für die Abdeckungen einer Gemüseplantage halten könnte. Doch daneben warnen schlichte Holzschilder: „Archaeological Dig – no entry!“ Willkommen im Land der Antike!

Wo immer auf diesem von Historie durchtränkten Boden ein Spaten oder eine Baggerschaufel in die Erde stößt, wird man fündig. So auch auf dem Navarino Dunes Course, für dessen Design kein Geringerer als der deutsche Ausnahme-Golfer Bernhard Langer verantwortlich zeichnete. Beim Bau des ersten Signature Golfplatzes auf dem griechischen Festland wurden unter anderem Mauerreste und Tonwaren einer prähistorischen Siedlung aus der frühen Bronzezeit gefunden, die Reste eines Tempels, ein mykenisches Grab und zahlreiche Überbleibsel einer Wohnsiedlung aus der Zeit um 1000 bis 1200 vor Christus. Ein eigenes Museum ist schon in Planung, das die zahlreichen beim Bau des Golfplatzes zutage geförderten Schätze aus den unterschiedlichen Geschichts- epochen Messeniens demnächst präsentieren soll. Der Captain selbst hat dies noch verfügt.

Vassilis C. Konstantakopoulus, respekt- und huldvoll „Der Captain“ genannt. Ohne den im Februar 2011 im Alter von 76 Jahren gestorbenen Reeder gäbe es in dieser landschaftlich reizvollen, aber extrem abgelegenen Küstenregion ganz im Südwesten des gebirgigen Peloponnes weder ein Museum noch ein Luxushotel, weder Golfplätze noch mehr als tausend neue touristische Arbeitsplätze. Er war der Spiritus Rector und über Jahrzehnte die treibende Kraft hinter dem Projekt Costa Navarino, dem ersten und einzigen Luxus-Öko-Resort ganz Griechenlands. Und er war, zum Segen der Region, ein bekennender Lokalpatriot.

Aus einer armen Bauernfamilie im Dorf Diavolitsi in Messenien stammend,    wurde Vassilis durch klugen Geschäftssinn, viel Arbeit und Hartnäckigkeit einer der größten und reichsten Reeder Griechenlands. Mit 18 kaufte er auf Kredit sein erstes Boot, gründete wenige Jahre später seine Reederei Costamare und wurde damit einer der ganz Großen in der griechischen Handelsschifffahrt, quasi ein neuer Aristoteles Onassis. Und eines rechnen ihm die Leute bis heute hoch an: Anders als bei vielen anderen Reedereien fuhren die Schiffe des Captain alle unter griechischer Flagge. Sein Credo: „Nur wenigen ist es vergönnt, Träume nicht nur zu träumen, sondern auch zu verwirklichen. Diese wenigen Glücklichen sollten beides in den Dienst der Allgemeinheit stellen.“

Ebenso zielstrebig wie als Reeder war Vassilis auch bei der Verfolgung seiner wichtigsten Vision: Schon früh nahm er sich vor, seine von der Welt vergessene Heimat Messenien zu entwickeln und auf die touristische Landkarte zu setzen – und zwar als eine der luxuriösesten Destinationen am ganzen Mittelmeer. In zweieinhalb Jahrzehnten sammelte er von der Provinzhauptstadt Kalamata bis westlich von Pylos in einem Umkreis von 40 Kilometern, fleißig wie ein Eichhörnchen, kleine und kleinste Grundstücke zusammen, in vier großen zusammenhängenden Flächen, teils direkt am Ionischen Meer, teils hoch über der wild romantischen, völlig unverbauten Küste gelegen.

Was der Captain damit vorhatte, hätte sich denken können, wer die täglichen Gewohnheiten des Reeders in Athen kannte: Kaum ein Tag, an dem der Cos-
tamare-Chef, den sie in Piräus respektvoll den „Tankerkönig“ nannten, nicht morgens um sieben wenigstens ein paar Löcher auf dem einzigen, qualitativ ziemlich bescheidenen Golfplatz der griechischen Hauptstadt spielte.

Jetzt kommen viele gut betuchte Athener nach Messenien, und sei es nur für ein verlängertes Golf- und Wellness-Wochenende. Gut drei Stunden dauert die Autofahrt von der Hauptstadt zur Costa Navarino. Es könnte deutlich schneller gehen; doch der Bau der seit Langem geplanten Schnellstraße von Kalamata an die Südwestküste, die die zeitraubende, schmale und kurvenreiche Landstraße übers Gebirge dereinst ersetzen soll, kommt nur im Schneckentempo voran. In Griechenland wurde die Demokratie erfunden – aber die Bürokratie, das Missmanagement und die Korruption nicht minder.

Auch der Captain muss sich oft gefühlt haben wie bei einem schier unendlichen Hindernislauf. Mehr als 1 100 Einzel-Lizenzen und Baugenehmigungen musste er den unterschiedlichsten lokalen, regionalen und nationalen Behörden abhandeln, abtrotzen – oder abkaufen. Man redet besser nicht darüber. Fest steht: Nur einer wie Captain Vassilis mit klarem Ziel, viel Bauernschläue und – auch finanziell – extrem langem Atem konnte diesen harten, enervierenden Kampf durchstehen. In mehreren Phasen soll das Projekt Costa Navarino zur vollen Blüte gelangen, mit langfristig insgesamt elf Fünf-Sterne-Hotels und einem guten halben Dutzend Golfplätzen – ein Ferien- und Golfparadies, das in Griechenland nicht seinesgleichen hat, aber auch international Maßstäbe setzen soll. Eine sportliche Kampfansage in Richtung Belek in der benachbarten Türkei ausgerechnet aus der Bucht von Navarino? 

Nur wenige Kilometer oberhalb des Costa-Navarino-Resorts, auf einem Hügel mit herrlichem Panoramablick über die Küstenlandschaft, liegen die Reste des Palastes des legendären Königs Nestor. Der Held aus Homers Ilias und weise Ratgeber Agamemnons schickte, so die Überlieferung, eine Flotte von 90 Schiffen nach Osten, in den Krieg um Troja. Rund 3 000 Jahre danach, am 20. Oktober 1827, versenkte eine britisch-französisch-russische Armada in der Navarino-Bucht Dutzende türkischer Kriegsschiffe – eine mitentscheidende Schlacht im jahrelangen Kampf der Griechen um die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Weil von der mit untergegangenen Munition in den Wracks vermutlich immer noch Gefahr ausgeht, ist bis heute das Tauchen in der malerischen, weiten Bucht, die von der langgestreckten Felseninsel Sfaktiria nahezu vollständig vom offenen Meer abgeschirmt wird, streng untersagt. 

Costa Navarino soll – so das Vermächtnis von Captain Vassilis, das jetzt von seinem Sohn Achilles weitergeführt wird – für einen Griechenland-Tourismus stehen, wie er in dem Land, das keinen touristischen Masterplan kennt, bislang unbekannt ist: nachhaltig, umweltfreundlich und mit größtmöglichem Nutzwert für die einheimische Bevölkerung. Im Village-Stil, mit meist nur ein- bis dreistöckigen    Natursteingebäuden,  entstanden die  ersten beiden Hotels mit bioklimatischer Architektur: Das Fünf-Sterne-Haus The Westin Resort (445 Zimmer und Suiten) und das noch etwas edler eingerichtete The Romanos (321 Zimmer und Suiten – bis zu 192 Quadratmeter groß), das der Luxury Collection der amerikanischen Starwood-Kette angehört.

Dreiviertel der schon über 1 000 Resort-Angestellten stammen aus der Region Messini, wo Costa Navarino schon jetzt der größte Arbeitgeber ist. Zu dem Viertel Zugewanderter zählt Petros Tourgaidis. Der in Köln aufgewachsene „Deutsch-Grieche“, wie er sich selbst nennt, hat als Golfmanager von Costa Navarino eine der Schlüsselpositionen im Projekt inne. Die Golfplätze vor allem sollen künftig ganzjährig möglichst viele ausländische Gäste in den tiefen griechischen Süden locken, der dafür ein besonders geeignetes Mikroklima mit warmen Sommern und milden Wintern vorweisen kann.

Schnell kommt Petros auf das zu sprechen, auf das sie in Costa Navarino besonders stolz sind: auf die größte Olivenbaum-Verpflanzung, die es in Europa je gab. Exakt 6 492 zum Teil jahrhundertealte Olivenbäume wurden – mit fachkundiger Unterstützung durch Wissenschaftler, Baumexperten und Landschaftsarchitekten – vor dem Bau der beiden Hotels und des Dunes Courses mit großer Sorgfalt und all ihrem ausladenden Wurzelwerk aus der Erde geholt, auf einem großen Gelände beim Dorf Gialova zwischengelagert und dann auf dem Resortgelände wieder eingepflanzt. Ein riesiger Aufwand mit nahezu 100-prozentiger Erfolgsquote: ganze vier Olivenbäume starben bei der Mammutaktion.

Die anderen 6 488 schmücken das Resortgelände und den topgepflegten Langer-Golfplatz, als hätten sie nie woanders gestanden. Olivenbäume, wohin das Auge reicht, entlang der sanft wellig gestalteten, zum Meer hinabführenden Fairways der Bahnen 2 und 11 ebenso wie am Abschlag der 6, dem höchsten Punkt des Platzes mit einem fantastischen Fernblick über weite Teile der Golfanlage und bis zu der im Nordosten aufragenden bläulichen Bergkette. Schöner kann ein Resort-Golfplatz am Mittelmeer kaum sein, denkt der Gast – bis er den Navarino Bay Course gesehen und gespielt hat.

„Dies ist ein Golfkurs, den die Leute immer wieder und wieder werden spielen wollen“, hat Robert Trent Jones jr. über seine erste griechische Kreation gesagt – und damit keineswegs übertrieben. Der Bay-Course, knapp zehn Kilometer vom Dunes entfernt nahe der idyllischen kleinen Hafenstadt Pylos gelegen, zählt zweifelsohne zu jenen mediterranen „Traumplätzen“, auf denen der Urlaubsgolfer ein Utensil mindestens ebenso oft aus der Tasche zieht wie den Driver oder Putter: den Fotoapparat. Breite, dafür nicht übermäßig lange, von Olivenbäumen gesäumte, hügelan und hügelab verlaufende Fairways bieten fast pausenlos geradezu kitschig schöne Ausblicke auf die im Sonnenlicht blinkende Wasserfläche der Bucht von Navarino. 

Auch auf dem erst im Herbst 2011 eröffneten Bay Course wurden an die 5 000 Olivenbäume „transplantiert“. Für eine die Umgebung nicht belastende Bewässerung der Golfplätze sorgen zwei in nahen Schluchten angelegte riesige künstliche Reservoire, die das vor allem in den Wintermonaten aus den Bergen herabströmende Regenwasser auffangen. 

Captain Vassilis war es nur vergönnt, die Eröffnung seines ersten Hotels mitzuerleben und den Navarino Dunes Course noch selbst zu spielen. Als das Romanos und der traumhafte Bay Course eröffnet wurden, hatte er seinen Kampf gegen den verdammten Krebs schon verloren. „Der Bay Course ist aus der Erde und den Felsen des griechischen Bodens geschaffen, vergleichbar mit den Marmorskulpturen und Plastiken antiker Gottheiten“, hat sein Designer Robert Trent Jones jr. beim Grand Opening gesagt – und dem schönsten Golfplatz Griechenlands den Beinamen „Captain’s Course“ gegeben. Ehre, wem Ehre gebührt!

Wolfgang Weber

 

64 - Herbst 2015

10 Jahre Märchenhütte

Auf die Bühne gebracht werden in dieser Jubiläumssaison zumeist berühmte, aber auch weniger bekannte Märchen der Brüder Grimm, außerdem einige Märchen von Hans Christian Andersen, sowie Märchen des serbischen Autors Vuk Stefanovi Karadži. Neben klassischen Märchenfiguren wie dem tapferen Schneiderlein oder Rotkäppchen bevölkern zukünftig noch mehr Tiere und Fabelwesen die Bühne. Bei Glühwein werden die Zuschauer hoch über dem Monbijoupark, umlagert von Krähen und Füchsen, vis-à-vis der nächtlichen Museumsinsel, in eine Zeit entführt, in der das Wünschen noch geholfen hat. Inszeniert werden für die kommende Spielzeit unter anderem: Das tapfere Schneiderlein, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein, Hans im Glück, Die sieben Raben, Der Tannenbaum, Der gestiefelte Kater, Rumpelstilzchen, Das blaue Licht, Schneewittchen, Hase und Igel, Aschenbrödel und viele andere mehr. Nicht wenige davon zum Mitmachen. In diesem Jahr steht den Zuschauern nach neuer Bühnen- und Sitzplatzanordnung in beiden Märchenhütten deutlich mehr Platz zur Verfügung: Die Jacobhütte wird künftig zur Großmutterstube mit einem bullernden Ofen. Die Wilhelmhütte zeigt sich als geheimnisvolle Waldhütte. 

Neben den Märchenhütten spielt das Ensemble im November und Dezember auch auf Schloss Schwante sowie in einer Holzhütte im Kreuzberger Szenebiergarten Birgit & Bier.

64 - Herbst 2015
Kultur

Ausbalancierte Schönheit

Wer an den niederländischen Avantgardisten (1982 – 1944) denkt, mag seine schwarzen Rasterlinien und Rechtecke in Rot, Gelb und Blau vor Augen haben und an ebenso flirrende wie radikal reduzierte Bilder der Großstadt denken. Etwa an „Victory Boogie Woogie“ von 1944, sein berühmtes, unvollendetes letztes Werk, das im New Yorker Exil am Hudson River entstand. Man mag fasziniert sein von der Werkfülle und Kompositionslust des Künstlers, die bis hinein ins Atelier wirkte und vor Fußboden, Wand und Möbeln nicht haltmachte. Im Gegenteil. Selbst der Stängel einer Rose wurde weiß bemalt. Aber erinnert man sich auch an die sich eng aneinanderschmiegenden Bauernhäuser, an die Gemälde, aus der die niederländische Landschaft aufscheint oder den „Tannenwald“, der mit schwarzer Kreide auf ein dunkelblaugrünes Blatt gezeichnet ist? Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau skizziert „modellhaft“, so der Kurator Hans Janssen, mit 50 Werken die Wandlung der künstlerischen Handschrift nach. Die Bilder für die thematische Schau kommen hauptsächlich aus dem Gemeentemuseum Den Haag und wurden mit Unterstützung der Niederländischen Botschaft nach Berlin entliehen. Es ist keine Retrospektive, lädt dafür aber mit Überraschungen und den Blick auf das Frühwerk des Künstlers ein.

Piet Mondrians gelbrotblaue Rechtecke gehören zum ikonischen Bildbesitz mehrerer Generationen und sie scheinen ja auch längst aus den Gemälden in die Stadt zurückgesprungen zu sein, ganz abgesehen davon, dass sie zigfach zitiert und beliebte Ausdrucksmittel von Designern wurden, sei es für Mode, Möbel oder Geschirr. Eine Intention, die ja der Künstler selbst initiierte. 

Und dennoch ist es die erste große Einzelausstellung in der Spreestadt seit 1968. Zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie wurde der niederländische Abstraktionist, er wurde in Amersfoort geboren und starb zweiundsiebzigjährig als Emigrant in New York, mit einer Werkschau dem Berliner Publikum (erneut) bekannt gemacht, nachdem die Nazis seine Werke als „Entartete Kunst“ diffamierten. Jetzt wird man also mit dem frühen Mondrian überrascht. Immer wieder mag man auf die flache Landschaft im Gemälde „Bäume am Geinn“ (1907) schauen, die in warmen Rottönen zerfließt. Hier sind allein durch die Reihung der Alleebäume und ihrer leicht verzerrten Spiegelung im Kanal schon die Horizontalen und Vertikalen harmonisch ausbalanciert, die später ganz für sich selbst und als reine Geometrie in der Fläche auskommen. Es genügt, in die großen dunklen Augen des „Selbstporträts“ von 1908 zu schauen, um etwas von der geistigen Versenkung und Wahrheitssuche des Künstlers zumindest zu erahnen. Wie etwa den Unterschied vom „Anschauen der Natur“ im Verhältnis zum „Wahrnehmen“, den er in theoretischen Schriften reflektiert. Sein weiterer Schaffensweg, der exemplarisch belegt ist, führt ihn nach Paris, zu Picasso und zur Auseinandersetzung mit dem Kubismus. Die „Zerlegung der Form“, so der Titel eines der Kabinette, wird an Skizzen und Gemälden, die noch Figürliches erkennbar lassen, gezeigt. Eine der Augenfreuden ist die kleine Vorstudie zum „Blauen Apfelbaum“ aus Privatbesitz. Bizarre Äste werden zu schwungvollen Pinselhieben, deren Gestus man fast noch spürt, bis auch diese in noch reduzierteren Linien gebändigt sind. Der Baum gehört zu Piet Mondrians Lieblingsmotiven und an ihm entfaltet und mit ihm erweitert er seine rhythmische Linearität bis zur nächsten Etappe – der Geburtsstunde der reinen Form. Die zeigt sich als Ei („Komposition in Oval mit Farbflächen 2“, 1914). Es umschließt pastellene Farbfelder, die der Künstler aus der Anschauung der Großstadt extrahiert und zu einem heiteren Gleichgewicht ausbalanciert hat. Die Abstraktion lag als Ausdrucksform einer neuen Epoche in der Luft und Kandinsky und Malewitsch („weißes Quadrat“) und Mondrian suchten je ihren eigenen Weg. Bei dem Niederländer heißen die zigfach durchdeklinierten Gemälde schließlich nur noch „Tableau“. Mit spiritueller Intensität malt er 1937 „Composition mit Linien und Farbe: III“. Es bekrönt mit seinem im Goldenen Schnitt verankerten Blau den Ausstellungsrundgang.

Die Linie hat es dem Avantgardisten angetan. Er ist, so zeigt es die Auswahl seines OEuvres, einen großen Schritt gegangen und hat alle Zufälligkeit und Gestik verbannt. Die sich kreuzenden schwarzen Balken sind zugleich ein Statement, um dessent- willen Piet Mondrian auch seine Mitgliedschaft in der De-Stijl-Gruppe aufkündigte, als sein Freund, der Maler van Doesburg begann, Diagonalen zu malen. Es schien dem streng erzogenen Kalvinisten damit „eine Frivolität einzuziehen“, die seinem Bedürfnis nach wesenhafter Grundordnung widerstrebte. 

Anita Wünschmann

Information:

Piet Mondrian. Die Linie
4. September bis 6. Dezember 2015
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

 

 

64 - Herbst 2015

"Raus! Raus! Raus!"

Sie gingen barfuß durch die Lande, trugen lange Haare, Leinenkittel und Wanderstab. Verteilten kleine Traktate oder Gedichte. Gern luden sie auch am Lagerfeuer zu Kreistanz und Gesang. Gustav Gräser, Friedrich Muck-Lamberty und Gustav Nagel gehören zu den bekanntesten frühen Naturgurus, charismatischen Wanderpredigern und Lichtpropheten. Die Jahre von 1900 bis 1930 war ihre Zeit, die Zeit des Wandervogels und der freien Liebe. Es entstand ein Markt für Fleischersatzprodukte, weit geschnittene Reformkleider und Jesus-Sandalen. „Raus! Raus! Raus!“ So stand es auf dem grünen Wagen, mit dem Gusto Gräser um 1930 in Brandenburg unterwegs war. In Gang bleiben, das nahm Gräser als Lebensmotto durchaus wörtlich. Bei Waldsieversdorf in Grünhorst war er Mitglied einer alternativen sonnenhungrigen Künstlerkommune geworden. Feste Behausungen lehnte man ab, lebte in Höhlen oder Bretterverschlägen. Nicht auf Besitz, sondern auf seelischen Reichtum komme es an, davon waren die Siedler überzeugt. Gewaltfrei und natürlich wollte man leben, nahe am Urchristentum. So nimmt es nicht wunder, dass einige der Protagonisten auch in ihrer äußerlichen Erscheinung die Nähe zu Jesus von Nazareth suchten. Die öffentliche Aufmerksamkeit war ihnen so allemal sicher.

Wodurch bekamen solche Bestrebungen Auftrieb? Versetzen wir uns in die Zeit um 1900 in Berlin. Die Schornsteine qualmten. Die Gründerzeit hatte einen industriellen Boom mit sich gebracht. Der Moloch Stadt rückte immer weiter in die Außenbezirke vor. Auf den dunklen Hinterhöfen der Wohnhäuser herrschte Gedränge. Die Kaiserzeit strotzte nur so vor pompösem Militarismus und ästhetischem Plüsch. Vor diesem Hintergrund stellten sich immer mehr Menschen die Frage: Wie wollen wir leben? Die Sehnsucht nach einem unentfremdeten naturnahen Leben ergriff weite Teile der Jugend. Unter der Überschrift Lebensreform lassen sich diese vielfältigen Bemühungen zusammenfassen. Ganzheitliches Denken war dieser Bewegung von Anfang an immanent. So gehören Freikörperkultur, Gartenstadtbewegung, Naturheilkunde, Pazifismus und Biolandbau untrennbar zusammen. Protagonisten der einen Richtung unterstützten meist auch ihre gleichgesinnten Freunde. Die Potsdamer Ausstellung entwirft anhand seltener Originaldokumente und Exponate ein buntes Mosaik einer heute allzu oft in Vergessenheit geratenen Strömung.

Bei FKK denken die meisten zu allererst an die DDR-Zeit. Wer weiß schon, dass es in den 1920er-Jahren auf einer Sanddüne südlich von Berlin in Motzen eine überaus rege Freikörperkultur gab? Motto: „Wir sind nackt und nennen uns Du“. Hier lud man nicht nur zum Bade, sondern bildete sich auch weiter in Sachen Ernährung und Gesundheit. Wie gründlich man alle Scham abgeworfen hatte, zeigen die beeindruckend lebendigen Aktfotografien. Nacktheit wurde fotografisch auch in der Inselstadt Werder zelebriert, wo Karl Vanselow die Zeitschrift „Die Schönheit“ herausgab.

Zurück zur Natur, das bedeutete auch zurück zum Landleben. Siedlungen wurden gegründet. Grundlage waren verschiedene neue weltanschauliche Konzepte, darunter die Anthroposophie und der Vegetarismus. Erhard Bartsch, der Weggefährte Rudolf Steiners gründete 1928 bei Bad Saarow ein 100 Hektar großes bio-dynamisches Mustergut. Die „Marienhöhe“ gilt damit als ältester Demeter-Hof Deutschlands. Die Produkte wurden durch das seit 1900 bestehende Reformhaussystem vertrieben. 

Noch 35 Jahre älter als der Demeter-Hof bei Bad Saarow ist die Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg. Sie gilt als ein historisches Zentrum der vegetarischen Bewegung Deutschlands. 1893 beschlossen 18 reformbegeisterte Männer im vegetarischen Wirtshaus „Ceres“ in Berlin-Moabit, einen Garten Eden zu begründen. Man erwarb als ersten Schritt 160 Morgen Land, das man genossenschaftlich bewirtschaftete. Die drei Bäumchen im Wappen der Eden-Siedlung stehen für Lebensreform, Bodenreform und Wirtschaftsreform. 

Oft waren es auch Künstler, die sich an die Spitze dieser Bewegung stellten. Im Friedrichshagener Dichterkreis fand man sich „hinter der Weltstadt“ zusammen, um in der Kunst ein Gemeinschaftsgefühl zu leben. Dabei ging die enge Verbindung nach Berlin nie verloren. Einfach und naturnah, das bedeutete nicht rückwärtsgewandt und provinziell. Im Gegenteil, die Friedrichshagener pflegten immer auch den internationalen Austausch. So nimmt es auch nicht wunder, dass 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft, die Idee kam aus England, aus dem Umfeld des Dichterkreises heraus gegründet wurde. Zu den Gründern gehörten die Brüderpaare Bernhard und Paul Kampfmeyer, Heinrich und Julius Hart sowie Wilhelm Bölsche, allesamt „Friedrichshagener“. Zum Künstlerkreis gehörte auch Fidus, mit bürgerlichem Namen Hugo Höppener. Er war der Künstler der Lebensreformbe-wegung in Brandenburg. Sein „Licht-gebet“ wurde tausendfach gedruckt. Seit 1909 lebte Fidus in seinem neuerbauten Woltersdorfer Atelierhaus. Schnell wurde sein Haus Anziehungspunkt für Gleichgesinnte aus lebensreformerischen und esoterischen Kreisen. Fidus soll ein sehr geselliger Mensch gewesen sein. Noch dazu spielte er bekanntermaßen ausgezeichnet Klavier. Der von Fidus ins Leben gerufene St. Georgsbund hatte im Atelierhaus seinen Sitz. Von hier aus gingen Druckschriften und Grafik nach ganz Deutschland. 

Wie einige seiner Mitstreiter aus der Lebensreformbewegung war der Maler später anfällig für das Gedankengut der Nazis. Bis 1989 ist das Fidus-Haus durch glückliche Umstände nahezu unverändert erhalten geblieben. Was lag da näher, als an diesem authentischen Ort ein „Museum für Lebensreformbewegungen“ zu installieren. Darüber hinaus sollte selbstverständlich das Wirken des einstigen Hausherren gebührend gewürdigt werden. Ein Förderverein gründete sich, und von Bund und Land wurden finanzielle Mittel bereit gestellt. Sogar einen Eröffnungstermin hatte man schon: Dezember 2000. Finanzielle Unwägbarkeiten führten bald darauf jedoch zur Aufgabe des Projekts und zur Auflösung des Vereins. Falls es doch irgendwann anders kommen sollte und ein solches Museum wieder auf der Tagesordnung stünde, dann hätte die Potsdamer Ausstellung samt Begleitkatalog bestens vorgearbeitet.

Karen Schröder

64 - Herbst 2015
Kultur

Ein Dorf in der Millionenstadt

Kladow könnte eine Insel sein. Am Hafen kommen Urlaubsgefühle auf. An einer immerhin 45 Meter langen Seebrücke macht ein Schiff fest. Eine Promenade mit Restaurants und Biergärten erwartet den Besucher. Am charmantesten zu erreichen ist der südwestliche Berliner Vorort tatsächlich mit der Fähre von Wannsee. Die AB-Fahrkarte der BVG genügt. Aber auch der Landweg über Spandau ist möglich. Kladow ist ein Teil Berlins. Dabei hat es noch viel von einem märkischen Fischerdorf. Kleine geduckte Häuser und enge Gassen um die alte Dorfkirche herum. 

Kladow nennt aber auch ein Schloss sein Eigen, genauer gesagt ein Gutshaus. Seit sich eine Bürgerstiftung um das Anwesen kümmert, ist es zu neuem Leben erwacht. Es gibt Lesungen und Konzerte, ein Café lädt ein. Der Abstecher hierher lohnt sich allemal, auch wegen der Geschichte, die sich an diesem Ort ereignete. Im Jahre 1800 baute David Gilly das Gebäude im klassizistischen Stil. Königin Luises Paretz grüßt aus der Ferne. Ähnlichkeiten sind nicht zufällig. König Friedrich Wilhelm III. hatte das Paretzer Gelände seinem Kabinettsrat Anastasius Ludwig Mencken überlassen. Torhäuser bilden den Eingang zum Gut. Der Kabinettsrat hatte nicht lange Freude an dem neuen Haus. Er starb bald darauf. Seine Tochter Wilhelmine Luise Mencken wohnte hier noch bis 1806. Später heiratete sie in die Familie Bismarck ein. Als Mutter von Otto von Bismarck erinnert eine Gedenktafel an sie. Der Gutshof wechselte daraufhin mehrfach den Besitzer – bis die Rüdersdorfer Unternehmerfamilie Guthmann das heruntergewirtschaftete Anwesen übernahm. Unter Johannes Guthmann wurde das Gutshaus Kladow zum Musentempel. Der Maler Max Slevogt und der Bildhauer August Gaul hinterließen hier ihre künstlerischen Spuren. Gerhart Hauptmann und Max Reinhardt gingen ein und aus. „Neu-Cladow wurde der Inbegriff von ‚Sonntag‘ überhaupt“, so Guthmann über diese Zeit. „Cladow – die Perle des Osthavellandes“, warb man anderswo für den Ort. 1924 wehrten sich denn auch viele Bürger gegen die Eingemeindung in Groß-Berlin. Vergeblich. Schließlich strich man dem Dorf 1930 auch noch das „C“ im Namen. Jetzt hieß es offiziell „Kladow“.

Zurück in der Gegenwart folgen wir der Imchenallee (benannt nach der kleinen Wannsee-Insel) in Richtung Osten, mit dem Ziel Sacrow. Es geht immer am Wasser entlang. Vorbei an imposanten Villen, meist hoch über dem See gebaut. Viele von ihnen stammen noch aus der Gründungszeit der Villenkolonie um 1900. Über den Sacrower Kirchweg und den Lüdickeweg erreichen wir schließlich ein sehenswertes Kladower Gartendenkmal: den direkt am Wasser gelegenen Fränkelschen Landhausgarten. Die Pfaueninsel gegenüber immer im Blick. Die gartenhistorische Nachbarschaft setzte hier wohl Maßstäbe. Ende der 1920er- Jahre wurde der Privatgarten für den jüdischen Bankier Dr. Max Fränkel vom Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth angelegt. Bekannt ist Barth unter anderen für seine Freiraum-Planungen in Charlottenburg und Wedding, darunter der Savignyplatz, der Lietzenseepark und der Volkspark Rehberge. In Kladow gestaltete er eine mehrfach gegliederte, terrassierte Gartenanlage, mit Rosengarten, Staudenbeeten und Obst- und Gemüsegarten. Später kamen ein Wasserfall, Teiche und ein Teepavillon hinzu. Nach verschiedenen auch artfremden Nutzungen, während der innerdeutschen Teilung gab es hier zum Beispiel eine Zollstation, ist für den Garten heute das Naturschutz- und Grünflächenamt Spandau zuständig. Seit Anfang der 1990er-Jahre wird er mit Mitteln der Denkmalpflege aufwendig wiederhergestellt. Noch in diesem Jahr sollen die umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen werden. So lange auf dem Gelände gearbeitet wird, steht der Garten Besuchern offen.

Über die Sacrower Landstraße überqueren wir die Stadtgrenze und erreichen nach einem halbstündigen Fußweg Sacrow. Am Ortsausgang Kladow führt ein Weg hinunter zum See. Auf einem Waldweg geht es naturnah weiter. Das letzte Stück durch Sacrow, seit 1939 ein Ortsteil Potsdams, muss man jedoch auf der Straße laufen. Nach dem Schiffgraben ist es nicht mehr weit zum Schlosspark Sacrow. Dort gibt es ein kleines Schloss und am Port von Sacrow die Heilandskirche zu besichtigen. Diese 1844 nach Plänen Friedrich Wilhelm IV. von Persius im italienischen Stil gebaute Kirche ist ein wahres Kleinod inmitten der Potsdamer Schlösserlandschaft. Allein die Lage auf einer Landzunge an der Havel ist nur malerisch zu nennen.

Bevor wir den Rückweg nach Kladow antreten, ist eine Einkehr im traditionsreichen Restaurant Zum Sacrower See möglich. Am Kamin werden schnörkellose regionale Gerichte angeboten. Wer nicht den gleichen Weg zurückgehen möchte, dem empfiehlt sich die Route entlang des Sacrower Sees, durch den Königswald über den Mauerweg zurück nach Alt-Kladow. 15 Kilometer Wanderung sind am Ende zusammengekommen. Von Sacrow fährt aber auch ein Bus nach Potsdam.  

Karen Schröder 

 

64 - Herbst 2015

Newton and Guests

In einer Dreierkonstellation mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zeigt die Helmut Newton Stiftung in ihrer neuesten Ausstellung neben Originalabzügen aus der Dauerleihgabe von Helmut Newton zwei
thematisch verwandte Monographien.

Wer annimmt, von Helmut Newton mittlerweile alle wichtigen Aufnahmen gesehen zu haben, wird überrascht sein. In der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ sind zirka siebzig Originalabzüge aus dem zweiten Teil der Dauerleihgabe von Helmut Newton zu sehen, von denen im „Museum für Fotografie“ die meisten noch nicht gezeigt worden sind. Es sind wiederum Mode- und Aktbilder, Porträts und Selbstporträts, überwiegend sogenannte Vintage Prints, also Abzüge, die Helmut Newton unmittelbar nach der Entstehung der Negative selbst hergestellt hat. 

Während in der einstigen Eröffnungsausstellung der Helmut Newton Stiftung „Sex and Landscapes“ vor allem das Inszenierungsgenie dieses Ausnahmefotografen deutlich wird, Akt, Mode, Stillleben und Landschaften miteinander zu verschmelzen, um letztlich eine bestimmte Erotik zu sublimieren, zeigt er sich in der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ auch als ein Porträtfotograf mit einer Art konzeptionellen Ansatz. Denn neben Bildnissen von Jeanne Moreau, Brigitte Nielsen und Karl Lagerfeld hat er in einer Farbbildserie aus den 1980er-Jahren berühmte Künstler in einem besonders intimen Privatbereich, dem Schlafzimmer, fotografiert. Zu sehen sind Künstler wie Charlotte Rampling, David Bowie oder David Hockney, auf der Bettkante sitzend sowie beim Öffnen einer Schublade des Nachttischschrankes. Prominente mit Einblick in deren Privatsphäre derart zu porträtieren, ist bislang einmalig, wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Sex and Landscapes“ und macht die Vielschichtigkeit im Gesamtwerk Helmut Newtons deutlich.

Dass er sich selbst aber durchaus neben und nicht über andere Fotografen stellte, kommt in seinem Vermächtnis anlässlich der Gründung seiner Stiftung zum Ausdruck. Danach sollten Monographien bedeutender Kollegen von Zeit zu Zeit im Ausstellungskonzept Berücksichtigung finden. Aktuell sind es Frank Horvat und Szymon Brodziak. Beide Mode- und Porträtfotografen, thematisch Helmut Newton verwandt, doch jeweils mit sehr eigenständiger Bildsprache.

Der Bedeutendere ist zweifellos der 1928 im italienischen Abbazia, heute kroatisch Opatija, geborene Frank Horvat. Er gehört zu der berühmten Photographen-Generation, die eine perfekte Bildkomposition anstrebten, wie der legendäre Henri Cartier-Bresson, und Menschen auf der Straße in Szene setzten. Bressons Rat war es im Jahr 1950 auch, als Photojournalist eine Reise durch Asien anzutreten. Horvats Aufnahmen aus dieser Zeit, aus Ländern wie Indien oder China, konnte er in verschiedenen Magazinen veröffentlichen. Mitte der 1950er-Jahre in Paris, begann dann seine Karriere als Modephotograph. 

Mit Modeshootings für das Magazin „Jardin des Modes“ und später Aufnahmen für „Elle“ in Paris, „Vogue“ in London und „Harper´s Bazaar“ in New York machte er sich einen Namen und beeinflusste, ähnlich wie Helmut Newton oder Richard Avedon, den Zeitgeist. Seine berühmtesten Modefotos „Givenchy Hat“ und „Shoe and Eiffel Tower“ stehen exemplarisch für seine ganz eigene Kunst der Bildkomposition. Zwischen 1958 und 1961 war er Mitglied der legendären, von Henri Cartier-Bresson mitbegründeten Mag-
num-Agentur, und wiederum reiste er, wie all seine Kollegen der Photographenkooperative, um die Welt. Es war die große Zeit der Bildreportagen aus aller Welt und Horvat einer ihrer Protagonisten. In der Ausstellung der Helmut Newton Stiftung sind auch einige dieser Aufnahmen Teil seines Photoprojekts „House with Fifteen Keys“, das in fünfzehn Kapiteln sein Gesamtwerk zeigt und Ausdruck seines Vermächtnisse ist: „Ein gutes Foto entsteht, wenn etwas Bleibendes festgehalten wird.“

Die Dreierkonstellation der Ausstellung vervollständigt mit dreißig großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der polnische Photograph Szymon Brodziak, Jahrgang 1976. Unverkennbar ist dessen thematische Nähe zum Werk Helmut Newtons, das für Brodziak wohl eine wichtige Inspirationsquelle ist. Seine Aktbilder folgen einer Inszenierung aus Übertreibung, subtiler Erotik und weiblicher Eleganz und entfalten so ihre emotionale Wirkung. Gleichzeitig will Brodziak aber auch die gängigen Klischees und Schönheitsideale hinterfragen. Die Aufnahmen sind Bestandteil seiner Monographie „One“. Es ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete er eine eigene Fotogalerie in Posen.

Information:

Newton. Horvat. Brodziak
Bis 15. November 2015,
Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Reinhard Wahren

 

 

64 - Herbst 2015

Fabelhafter Festsaalschmuck

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hat die im Mai 2013 begonnene Restaurierung der Decke des Grottensaals im Neuen Palais abgeschlossen. Damit ist einer der beiden zentralen Festsäle des Hauses wieder in den Rundgang durch das Gästeschloss Friedrichs des Großen (1712–1786) integriert und für die Potsdamer und ihre Gäste zugänglich. Von der Decke winden sich Drachen und andere Fabelwesen zwischen Pflanzenmotiven nun wieder in alter Pracht. Muschelnester zieren Wandnischen und auf dem Deckengemälde vergnügen sich „Venus und Amor, die drei Grazien und Putten“ in leuchtend hellen Farben.

Möglich geworden sind die umfassenden Instandsetzungsarbeiten im Grotten- und im Marmorsaal durch das Sonderinvestitionsprogramm für die preußischen Schlösser und Gärten, das die Bundesregierung sowie die Länder Brandenburg und Berlin zur Rettung bedeutender Denkmäler der Berliner und Potsdamer Schlösserlandschaft aufgelegt haben. 

Die Gesamtkosten für die Sanierung von Grotten- und Marmorsaal sowie für die statische Ertüchtigung der dazwischen  liegenden Holzbalkendecke werden mit 4,9 Millionen Euro veranschlagt. 

Das Neue Palais ist der größte Schlossbau im Potsdamer Park Sanssouci und gehört seit 25 Jahren zum UNESCO-Welterbe der „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“. Mit der vollständig erhaltenen originalen Substanz und Ausstattung zählt es überdies zu den kunst- und kulturgeschichtlich wertvollsten Schlossanlagen der Welt. Es ist eines der umfassendsten und zugleich auch authentischsten Beispiele für die dekorative Raumkunst im Zeitalter Friedrichs des Großen. Das Neue Palais wurde nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges von 1763 bis 1769 errichtet und sollte von der neuen Größe Preußens künden. Konzipiert war es als Sommerresidenz, die Friedrich mit Appartements für Verwandte und Gäste sowie einer Wohnung für sich selbst ausstattete. Die weltweit einmalige Raumgestaltung präsentiert ca. 24 000 Minerale, Gesteine, Erze, Edelsteine, Fossilien, Naturalien, Muscheln, Schnecken und Hüttenschlacken. Diese Zier-elemente wurden von preußischen Königen und Prinzen gekauft, waren Geschenke oder Erinnerungsstücke. Auch deshalb bleibt die Erforschung der Wanddekorationen als Zeugnisse preußisch-europäischer Geschichte und der dynastischen Selbstdarstellung der Hohenzollern eine wichtige Aufgabe.

Information:

Neues Palais, Am Neuen Palais, 14469 Potsdam 
Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch–Sonntag: 10–17 Uhr, Dienstag: geschlossen
Weitere Informationen unter
www.spsg.de/schloesser-gaerten/neues-palais

64 - Herbst 2015

Hauch von Las Vegas - "Stars in Concert" wird 18

Seit September 1997 treten in der Show „Stars in Concert“ Doppelgänger von Musikidolen wie Madonna, Marilyn Monroe, Amy Winehouse, Elvis Presley, Michael Jackson, Robbie Williams und vielen weiteren Showgrößen auf. Das Angebot, „das einen Hauch von Las Vegas nach Berlin bringt“, kommt gut an: Allein in diesem Jahr sahen bisher über 300 000 Besucher eine Show, seit 1997 sind es mehr als fünf Millionen Zuschauer. Das Konzept ist einmalig in Deutschland: Bis ins letzte Detail authentisch bringen die „Stars in Concert“-Künstler ihre Idole auf die Bühne, sodass es selbst Denjenigen, die die Echten kennen, manchmal schwerfällt, Original und Kopie zu unterscheiden.

Passend zum 18. Geburtstag schenkt Produzent Bernhard Kurz seinem Publikum, seinen Künstlern, Musikern und Tänzern eine neue Showbühne. Eine imposante Showtreppe bildet nun das Zentrum der großen und eleganten Bühne; alle Stage-Elemente sind zukünftig rollbar und ermöglichen so ein noch flexibleres Bühnenbild. Seit Oktober erwartet die Zuschauer außerdem ein neuer Act: Erstmals steht mit Helene Fischer ein deutschsprachiger Star auf der Showbühne. Verkörpert wird die Pop-Schlager-Queen von der Australierin Bridie June Davies, die der echten Helene Fischer nicht nur unglaublich ähnlich sieht, sondern auch ihre Hits stimmgewaltig und mit einer mitreißenden Bühnenpräsenz präsentiert.   

Information:

„Stars in Concert“: 9. September bis 30. Dezember im Estrel Festival Center
Mi, Do, Fr und Sa 20.30 Uhr, So 17 Uhr
www.stars-in-concert.de

64 - Herbst 2015