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Wirtschaft (50 - Frühjahr 2012)

Kriminale Hauptstadt

Mit mehr Personal und Präsenz will die Berliner Polizei den zunehmenden Straftaten entgegenwirken. Mancherorts kann aber auch schon eine Videoüberwachung mit intelligenter Netzwerktechnik ohne größeren Aufwand für mehr Sicherheit sorgen.

In Berlin hat die Gesamtkriminalität im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Eine Serie von Autobrandstiftungen im August sowie die Überfälle und Gewaltstraftaten auf S-Bahnhöfen und im öffentlichen Nahverkehr legen dies auch subjektiv nahe. Nach Aussage der Polizeipräsidentin Margarete Koppers ist der Anstieg aber vor allem auf die hohe Zahl der Einbrüche und Diebstähle zurückzuführen. Von den rund 455 000 Straftaten 2011 insgesamt entfallen rund 9700 auf Einbruch und Diebstahl. Das sind rund 25 Prozent mehr als 2010. Allein die Autodiebstähle erhöhten sich um über sechs Prozent, die der Fahrraddiebstähle gar um fast dreißig Prozent. Dabei liegt die Dunkelziffer sicherlich noch höher, denn nicht alle gestohlenen Fahrraddiebstähle werden auch gemeldet.

Kein Wunder, dass die Polizeipräsidentin diesen Aufwärtstrend als „besorgniserregend“ bezeichnet. Es seien allerdings organisierte Tätergruppen aus Osteuropa, die schwer zu fassen sind. Von ihnen bevorzugt seien Altbauwohnungen, Villen, Keller und Läden. In kürzester Zeit schlagen die Täter zu und schaffen das Diebesgut auf schnellstem Wege außer Landes. Weil nur jeder vierte Einbruch von der Polizei aufgeklärt werden kann, appelliert Koppers an die Berliner, ihr Eigentum selbst besser zu schützen. Politiker führen die Zunahme der Kriminalität dagegen auf den Personalabbau der Polizei zurück. In den vergangenen Jahren sei die Präsenz in der Fläche, so Innen-senator Frank Henkel, vernachlässigt worden. Henkel und die Gewerkschaft der Polizei forderten deshalb bereits im vergangenen Jahr generell mehr Polizeipräsenz, um „wieder stärker präventiv und strafverfolgend tätig zu werden“. So sieht denn auch die neue Koalitionsvereinbarung vor, in den nächsten fünf Jahren 250 neue Stellen zu schaffen.

Ob mehr Personal die Zahl der Einbrüche einschränken wird, ist fraglich und bleibt freilich abzuwarten, zumal höchstens längerfristig mit Erfolgen zu rechnen ist. Das sehen auch zunehmend Geschädigte so, die nach einem Einbruch Maßnahmen ergreifen, um zukünftig ihr Eigentum besser zu schützen oder einem erneuten Einbruch vorzubeugen, so Peter Gräf, einer der Geschäftsführer der jungen Startup-Firma IT-Consulting & Management, die unter anderem moderne Konzepte für Videoüberwachungsanlagen entwickelt. Dabei geht es nicht unbedingt um aufwendige Sicherheitseinrichtungen, unter Einbeziehung einer kostspieligen Sicherheitsfirma. Im einfachsten Fall, etwa für ein kleineres Geschäft, genügt eine Überwachungskamera, die, gekoppelt mit einem Bewegungsmelder, im Moment des Einbruchs Bilder aufnimmt und an das eigene iPhone oder BlackBerry übermittelt. Eine entsprechende SMS ist das Zeichen, die Bilder abzurufen. Damit existieren Täteraufnahmen für die Polizei und die Versicherung, und zwar mit zwei bis drei Megapixel Auflösung in hoher Qualität. Für größere Überwachungsaufgaben können mehrere Netzwerk-Kameras installiert werden, die die Bilder in bestimmten Intervallen oder bei Erkennung einer Bewegung aufzeichnen. Ein Dateiserver vor Ort oder an einem externen Standort speichert die Videodaten für eine spätere Auswertung.

Derartige Videoüberwachungen seien kostengünstig zu installieren und mit einem vorhandenen Netzwerk unkompliziert zu verbinden, weiß Überwachungsexperte Peter Gräf. Von jedem beliebigen Ort aus per Handy auf das Überwachungsnetzwerk zugreifen zu können, befriedige das Sicherheitsbedürfnis mehr, als zusätzliche Schlösser einzubauen. Auch Banken und Versicherungen seien Netzwerküberwachungen gegenüber positiv gestimmt, so Gräf, allein schon wegen der Beweislast bei Einbrüchen, wo qualitativ hochwertige Beweise von großem Nutzen seien. Infolge von Brandstiftungen in Hausfluren inter-essierten sich in letzter Zeit sogar Wohnungsbaugesellschaften und Hauseigentümer für diese Technik.

Deren Programmierung und die Installation der Kameras sind grundsätzlich abhängig vom vorhandenen, bereits existierenden Netzwerk. Wer also über keine DSL-Leitung verfügt, sollte wenigstens die Worte der amtierenden Polizeipräsidentin beherzigen und beim Verlassen der Wohnung die Tür nicht einfach nur ins Schloss fallen lassen.

Reinhard Wahren
 

50 - Frühjahr 2012

„Ich war ein Kapitalist im Kommunismus“

Interview mit Konstantin Loskutnikov
Konstantin Loskutnikov gilt in der Branche als Wegbereiter des internationalen Zigarren-Business. Er unterhält Fertigungsstätten in der Dominikanischen Republik und Nicaragua, betreibt Raucher-Lounges in Deutschland, China und Russland und vertreibt zudem eigene Schokolade, Wein und Cognac.

Konstantin Loskutnikov kommt viel rum. Als russischer Zigarrenfabrikant mit Firmensitz in Berlin ist er oft wochenlang unterwegs in den großen Metropolen oder in seinen zahlreichen Fertigungsstätten. Dabei ist der Handel mit Rauchwaren nur eines von vielen Standbeinen. In China lässt er Baumaschinen produzieren. Ein lukratives Geschäft, wie er sagt. In Georgien baut er Wein an, weil das Land auf eine jahrtausendealte Weinanbaukultur zurückschauen kann. Loskutnikov ist ein Genussmensch, der ebensoviel Sinn hat für Traditionen und kulturelle Werte wie für Big Business. Als kleiner Junge kam er aus dem nordsibirischen Norilsk in das damalige Leningrad, wo er als Achtjähriger seine ersten lukrativen Geschäfte machte, indem er mit Touristen Lenin-Abzeichen gegen Kaugummis tauschte und diese mit erheblichem Profit weiterverkaufte. Als Jugendlicher handelte er mit selbst genähten Jeans, bis er schließlich in der Zeit der Perestroika 1989 eine eigene Fabrik mit mehreren hundert Arbeitern eröffnete. Später dann züchtete er Pferde in Finnland und organisierte Kunstversteigerungen.

Mit dem August-Putsch in Moskau 1991 und der Verschlechterung der sozialen und ökonomischen Lage in Russland beschloss der aus einer russisch-orthodoxen und jüdischen Familie stammende Konstantin Loskutnikov, mit Frau und Kindern nach Berlin umzusiedeln.

Mit Sinn und Leidenschaft für neue Geschäftsideen kam er schnell auf die Beine. Zunächst mit einer eigenen Schokoladen-Produktion, später kamen noch Gebäck und Kaffee dazu, und schließlich kreierte der russische Geschäftsmann eine Zigarrenmarke mit dem Namen Bossner, die mittlerweile in 20 Ländern vertrieben wird – einschließlich Russland und der Ukraine. Berlin vis-à-vis traf Konstantin Loskutnikov am Potsdamer Platz in seiner Zigarren-Lounge im Marriott Hotel.

Herr Loskutnikov, Sie sind in einem kommunistischen Land groß geworden und sind immer aus der Reihe getanzt. Was hat Sie angetrieben?
K.L.: Lassen Sie mich eine Anekdote erzählen: Treffen sich eines Tages Generäle und Geschäftsleute, um herauszufinden, wer gescheiter und erfolgreicher ist. Das Hauptargument, das die Generäle nannten, war folgendes: Wenn ihr so gescheit seid, warum marschiert ihr nicht mit uns mit? Und das ist auch die Antwort: Wahrscheinlich war ich nicht „gescheit“ genug, um mitzumarschieren, ich bin stets aus der Reihe gefallen. Ich war in jenen Zeiten, überspitzt gesagt, ein Kapitalist im Kommunismus.

Daher Ihr Lebensmotto: Ausprobieren und Fehler machen?
K.L.: Fehler... Das ist eine Sache für sich. Man kann einen Fehler einfach als Misserfolg betrachten und schwermütig werden. Andererseits kann man Misserfolge und Fehler als Erkenntnis und Erfahrung betrachten. Das macht sie für mich wertvoll.

Ihr Firmenname „Bossner“ geht auf Ihre Großmutter zurück, die Schauspielerin am Theater war. Welche Rolle hat sie in Ihrem Leben gespielt?
K.L.: Man nehme eine Handvoll Samen und werfe sie zum Teil in den Sand, zum Teil auf die Steine, zum Teil ins Wasser und den Rest in die fruchtbare Erde. Also, meine Großmutter war für mich wie diese fruchtbare Erde. Ich habe ihr alles zu verdanken, was ich heute bin. Bis zum heutigen Tage, mit meinen 56 Jahren, erinnere ich mich oft an sie, zitiere sie, frage sie mal nach einem Rat, ungeachtet der 30 Jahre, seit sie unsere Welt verlassen hat. Meine Großmutter gibt mir Ratschläge und hilft mir in schwierigen Situationen.

Wie sind Sie zu Ihrem Adelstitel „Baron“ gekommen?
K.L.: Es gibt drei Wege, einen Titel zu erlangen. Der erste Weg ist der leichteste, nämlich als Graf oder Baron geboren werden. Leider habe ich keinen Adelstitel geerbt. Der zweite Weg ist aufwendiger, man kann einen Titel kaufen. Und der dritte Weg heißt, den Adelstitel zu verdienen. Es zählt zu meinem Selbstverständnis für gesellschaftliche Verantwortung, karitative Hilfe zu leisten und soziale Einrichtungen zu unterstützen. Sowohl dies als auch Mäzenatentum für Kinoförderung in Russland veranlasste einen Nachkommen des polnischen Königs, mich während einer Abendgesellschaft in Moskau zu adeln und mir den Titel „Baron“ zu verleihen.

Sie leben mit Ihrer Familie in Berlin und reisen regelmäßig nach Russland, China und in die Dominikanische Republik. Haben Sie einen Lieblingsort?
K.L.: Natürlich gibt es so einen Ort! Jeder Mensch braucht ein Heim, wo er sich rundum wohlfühlt. Vielleicht wird Sie das nicht überraschen, meine Heimat ist in der Tat Berlin. Es gibt wohl keine andere Stadt auf der Welt – von Mexiko-City über Las Vegas, Shanghai bis Sydney oder New York –, wo ich mich wohler fühle als in Berlin. Sobald das Flugzeug landet, ergreift mich das Gefühl, dass ich endlich zu Hause bin, endlich kann ich mich erholen: schöne Straßen, keine Staus, bequeme Fußgängerzonen und unglaublich höfliche und korrekte Taxifahrer! In keinem anderen Land gibt es solche Taxis wie in Berlin: unglaublich niedrige Preise, unglaublich nette Fahrer! Ich bin mir sicher, so wie ein Theaterbesuch bei der Garderobenfrau anfängt, beginnt eine Stadt mit einer Taxifahrt. Überall auf der Welt bedeutet ein Taxi Stress, in Berlin nicht. Eine komfortable Stadt und sympathische Menschen.

Welche Berliner schätzen Sie besonders?
K.L.: Da fällt mir spontan Willy Weiland ein. Eine echte Persönlichkeit. Er hat das Hotel Intercontinental seit 1991 geleitet. Es zählte zur Spitze der Berliner Hotellandschaft. Willy Weiland ist nicht nur ein großartiger Mensch, sondern auch durch und durch ein Profi und ein wahrer Kenner der Branche. Er hat das System des Hotels perfekt aufgebaut, es funktionierte präzise wie eine Uhr, und alles stimmte – gut geschultes Personal und ein wunderbarer Service. Seit er die Stelle verlassen hat, ist eine große Lücke entstanden. Solange Weiland am Steuer stand, war das Hotel während der Berlinale immer Anziehungspunkt für Filmschaffende und Gäste. Die Berlinale ist weiterhin erfolgreich, aber das Hotel ist leer.

Werden Sie auch schon mal auf das kriminelle russische Milieu in Berlin angesprochen? Die Stadt gilt ja bekanntermaßen als Zentrum der Russen-Mafia.
K.L.: Ähm... ist das so? Als Reisender kann ich sagen: Es gibt keine große Stadt auf der Welt, die sich nicht als „Zentrum der Russen-Mafia“ bezeichnen würde. Wenn an meiner Stelle ein Chinese sitzen würde, wäre Berlin „Zentrum der Triaden“; bei einem Türken würde nach dem „Zentrum der türkischen Mafia“ gefragt werden. Ein völliger Unsinn. Außerdem bezeichnen manche Berlin als Zentrum der Russen-Mafia, andere sagen es zu Moskau, wieder andere finden, dass sich das Zentrum in New York befindet, oder in Shanghai, oder sogar in Guandgzhou.... Russen sind einfach sehr aktiv und fallen immer auf. Übrigens, das mögen auch die Türken, die Chinesen und die anderen Nationalitäten, d.h. Menschen, die auffallen, die mehr erreicht haben als Einheimische, werden oft als „Mafia“ bezeichnet, man versucht sie ins schwarze Register zu bringen. Absoluter Quatsch.

Sie engagieren sich für den Bau einer russisch-orthodoxen Kirche. Wie kommen Sie voran?
K.L.: Ich engagiere mich nicht nur für den Bau, ich bin einer der Initiatoren dieses Projekts. Doch wir kommen nicht besonders schnell voran. Ausgerechnet in meiner Lieblingsstadt sind unerwartete Probleme bei der Umsetzung des Projekts aufgetreten. Die Kirche ist dazu da, um die Menschen zu „erziehen“ – Russen ebenso wie auch Bulgaren, Tschechen u.a. Es gibt viel mehr Orthodoxe auf der Welt als nur Russen. Das Ziel ist, die Menschen entsprechend dem Gesetz Gottes zu erziehen. Übrigens, das russisch-orthodoxe Gesetz Gottes unterscheidet sich vom jüdischen oder sonstigen Gesetzen Gottes ganz wenig. Die Gebote sind in allen Religionen ähnlich: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Man könnte das als Gesetz des richtigen menschlichen Daseins bezeichnen. Auf diese Weise könnte die Kirche viele bedürftige Menschen unterstützen, die sich nicht selbst zu helfen wissen. Berlin würde ein architektonisches Schmuckstück erhalten. Es gibt bereits einen Entwurf von bekannten ukrainischen Architekten. Leider sind wir bisher erfolglos geblieben bei der Grundstückssuche und warten vergebens auf eine positive Resonanz von entsprechenden Stellen. Wir würden uns viel mehr Unterstützung von der Stadt wünschen. Aber noch geben wir die Hoffnung nicht auf.

Fühlen Sie sich mit den russischen Zuwanderern in Berlin verbunden?
K.L.: Ich fühle eine Verbundenheit zu allen Menschen auf der Welt. Was die Migranten aus Russland in Berlin betrifft, dann verbindet uns vor allem die Sprache. Es hat sich so ergeben, dass ich durch meine permanenten Reisen keine Zeit hatte, die deutsche Sprache zu lernen. Das erste gesagte Wort verrät meine Herkunft. Trotzdem habe ich enge freundschaftliche Beziehungen auch zu Deutschen, Türken u.a. Es gibt gute Menschen und schlechte Menschen, die Nationalität spielt dabei keine Rolle. Und ich bin sicher, dass es viel mehr gute als schlechte Menschen gibt, ... oder ich hatte einfach Glück.

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger

 

50 - Frühjahr 2012