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Stadt (50 - Frühjahr 2012)

Tempelhof braucht keinen Bauchladen

Bürgerbeteiligung statt schnelle Übergangslösungen

Das Interesse der Berliner an der Stadtentwicklung ist so groß wie lange nicht. Volksentscheid, Demonstrationen gegen Bauvorhaben und Diskussionen um zukünftige Planungen sind Ausdruck eines starken Bürgerengagements für die Stadt. Nach zwei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung hat Berlin sich als Metropole mit städtebaulicher Neugestaltung entfaltet und will sich jetzt, mit der Eröffnung des Großflughafens, weiter in Richtung internationale Metropole entwickeln.

Die weitere städtebauliche Entwicklung ist auch das Kerngeschäft des neuen Senators für Stadtentwicklung und Umwelt, Michael Müller, der sich nach seiner Amtseinführung gegen­über Bauträgern, Architektenkammer, Presse und interessierter Öffentlichkeit diskussionsfreudig und visionär zeigt. Der ehemalige SPD-Fraktionschef sieht allerdings die Schwerpunkte unmissverständlich in Wohnungsbau und neuer Architektur. Ganz im Gegensatz zu nebulösen Verlautbarungen, die sich beispielsweise im vorläufigen Motto der zukünftigen Internationalen Bauausstellung (IBA)„Wohnen, Wissen, Wirtschaft“ wiederfinden. Stattdessen will Müller Entwürfe für die Stadt von morgen, mit neuen Wohnformen, Wohnungsbau ohne großen Flächenbedarf, Mehrgenerationenhäusern, Häusern jenseits der Berliner Traufhöhe, Wohnen unter ökologischen Kriterien und vor allem Visionen für die großen innerstädtischen Entwicklungsflächen, wie beispielsweise das Tempelhofer Feld, das zu den IBA-Planungen gehört. Tempelhof, wo Müller selbst wohnt, brauche keinen „Bauchladen“, wie er die derzeitige Rand­bebauung nennt, mit vielen unterschiedlichen Nutzungen, sondern er favorisiert eher zukunftsorientierte, der Metropole angemessene Lösungen. Die geplante Landeszentralbibliothek, verstanden als Bildungs- und Kommunikationszentrum, könne eine solche Investition sein. Dass derartige Entwicklungsvorhaben einen langen Atem brauchen, beweise der zwanzigjährige Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof. So sieht Müller auch für den Flughafen Tegel nach dessen Schließung kein schnell wachsendes Zentrum für Zukunftstechnologien. Eine Entwicklungsaufgabe solchen Ausmaßes, möglicherweise für einen Gewerbe- und Wohnpark, brauche Zeit und sehr sorgfältige Planung. Gleiches gelte für die Gestaltung exponierter Flächen, wie der historischen Mitte Berlins vor dem Roten Rathaus, zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum. Es gehe darum, der historischen und neuen Bedeutung für die Stadt gerecht zu werden. Dagegen sieht der Senator lediglich die Europacity nördlich des Hauptbahnhofs als Wohn- und Gewerbegebiet bereits auf einem schnelleren Weg.

Anders verhält es sich mit dem Weiterbau der A 100 bis nach Treptow sowie dem Erhalt des ICC. Dass der Ausbau nur Sinn hätte, wenn eine weitere Verlängerung nach Friedrichshain folgte, stehe wohl im Augenblick nicht zur Debatte. Zunächst sei der Teil bis nach Treptow beschlossene Sache. Das ICC abzureißen, für viele Berliner ein Wahrzeichen und im Übrigen nach wie vor ein leistungs­fähiges Kongresszentrum, könne sich Müller kaum vorstellen.

Der neue Senator zeigt sich aber genauso diskussionsfreudig und veränderungswillig bezüglich der aktuellen Wohnungspolitik. Ein Umdenken erfolge bereits mit dem Rückkauf privatisierten Wohnungsbestandes durch die städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Ebenso wehe ein anderer Wind bei der Liegenschaftspolitik. So will der Senat zukünftig nicht mehr nach Höchstpreis verkaufen, sondern im Sinne der Stadt, was immer darunter zu verstehen ist. Als skandalös bezeichnete Müller den Leerstand von achtzigtausend Wohnungen. Soziales Aufeinanderprallen verhindern und die Mietpreisentwicklung nach oben dämpfen, das sind die erklärten Ziele des neuen Stadtentwicklungssenators.

Reinhard Wahren

 

50 - Frühjahr 2012
Stadt

Der neue Mann

Friedrich W. Niemann ist Generaldirektor des Waldorf Astoria, das demnächst im neuen Zoofenster in der einstigen Schmuddelecke der Stadt ein neues Glanzlicht setzen soll. Im Interview spricht er über Disziplin und Leidenschaft.

Was für ein Jahr für Friedrich W. Niemann! Im Januar hat er seinen 50. Geburtstag gefeiert, und noch im Frühjahr wird er als neu berufener Generaldirektor das Luxushotel „Waldorf Astoria Berlin“ eröffnen.

Niemanns steile Karriere nahm im Bristol Kempinski in Berlin ihren Lauf. Danach leitete er das Dresdener Taschenberg-Palais und den Leipziger Fürstenhof. Anschließend wechselte er von der Kempinski-Gruppe zu Hilton, führte in Bulgarien das Hilton Sofia und fünf Jahre lang in Rumänien das Bukarest Hilton. Nun also Rückkehr in die deutsche Hauptstadt. Ist es eine Heimkehr? „Nein. Ich bin in Köln geboren, in Westfalen aufgewachsen, fand Berlin aber immer faszinierend“, sagt Niemann. Er sieht blendend aus und wirkt mit seinen zwei Metern wie der Prototyp eines preußischen Gardeoffiziers. Das lacht er weg, bekennt aber: „Wir sind schon eine sehr preußische Familie. Mein Vater war Offizier.“ Disziplin ist ihm sozusagen angeboren. Sehr hilfreich in seiner Position, die keine geregelten Arbeitszeiten kennt. Dieser Beruf kann einen Menschen auffressen. Niemann sieht das gelassen. Er sagt: „Man muss den Beruf lieben, und man muss seine Zeit entsprechend einteilen.“ Auf die Frage, ob er verheiratet sei, flachst er: „Nein. Keine Zeit, kein Geld! Ich bin meine eigene Familie. Es ist für mich keine Verpflichtung, ledig zu bleiben, doch es macht vieles leichter.“

Körperlich fit hält er sich im Sport-Studio, das er zwei- bis dreimaln wöchentlich besucht. Niemann spricht gerne Klartext und erläutert: „Im Studio sagt mir mein Fitness-Trainer, was richtig oder falsch ist. Nicht nur an den Geräten und bei der Ernährung, sondern auch in Bezug auf Getränke. Beim ‚Diensttrinken‘, wie ich das nenne, muss man ja nicht zwingend zum Alkoholiker werden. Man muss eben achtgeben. Im Urlaub fahre ich gerne in die Berge, laufe Ski und wandere. Als ich in Rumänien war, habe ich fast jeden Karpaten-Gipfel erklommen.“

An Rumänien hängt noch heute sein Herz. „Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und viele Freunde gefunden“, sagt er. „Aber ich habe dort auch erkannt, wie dringend das arme Land Hilfe braucht. Seit meiner Zeit in Bukarest unterstütze ich eine Organisation, die sich darum kümmert, dass jedes Kind eine Schulausbildung bekommt.“

Bei aller beruflichen Belastung sorgt er dafür, nicht zum „Fachidioten“ zu werden. „Ich habe mir vorgenommen, wenn ich am Wochenende in Berlin bin, auf alle Fälle eine der vielen kulturellen Einrichtungen zu nutzen, die sich hier bieten. Das kann ein Museum sein, ein Theater, eine Oper, eine Ausstellung oder einfach auch ein Kino. Außerdem lese ich viel und schreibe selbst auch gerne. Schon seit meiner Studienzeit verfasse ich Fachpublikationen und Reiseberichte. In Bukarest habe ich die Arbeit an zwei Büchern begonnen. Das eine ist ein Roman, das andere eine Art Reiseführer. Momentan befinde ich mich jedoch in einer kreativen Pause, weil mich ein anderes Projekt, die große Eröffnung des ‚Waldorf Astoria Berlin‘, total mit Beschlag belegt.“

Auf dem Karrieregipfel im Rampenlicht: Kommen da Hochgefühle auf? „Ich bin zufrieden, wie‘s ist“, antwortet er. Niemann legt großen Wert auf Bodenhaftung.

Gudrun Gloth

 

50 - Frühjahr 2012

Raumschiffe auf Bötzow

Eine unterirdische Einkaufswelt, eine gläserne Rollstuhl-Manufaktur und riesige Lofts: Die Pläne für die ehemalige Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg wirken auf den ersten Blick surreal. Doch der neue Eigentümer des Areals lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er seine Vision für das Industriedenkmal in die Realität umsetzen will.

Der Name New York fällt häufig, wenn Hans Georg Näder über seine Pläne für die einstige Bötzow-Brauerei an der Prenzlauer Allee spricht. Vom Chelsea Market in Manhattan hat er sich für das unterirdische Einkaufs-paradies inspirieren lassen; das Hotel Standard, ebenfalls in Manhattan, nennt er im Zusammenhang mit dem geplanten Boutique-Hotel; und für die gigantischen Lofts in den alten Brauereihallen hat er bereits Anfragen aus – jawohl – New York.

Dabei ist die ehemalige Bötzow-Brauerei eigentlich eine ur-berlinerische Institution. 1864 legte der junge Unternehmer Julius Bötzow auf dem Areal zwischen Prenzlauer Allee und Saarbrücker Straße die ersten Gewölbe­keller an, um das – damals noch an einem anderen Standort gebraute – untergärige Bier zu kühlen. 1884 kam ein Biergarten mit 6000 Plätzen hinzu, und 1885 begann Bötzow, auch an der Prenzlauer Allee Bier zu brauen. Damit trat die Bötzow-Brauerei in die Reihe anderer großer Brauereien am Prenzlauer Berg, der damals noch Windmühlenberg genannt wurde. Bedeutend waren zum Beispiel die Schultheiss-Brauerei, die jetzt die Kulturbrauerei beherbergt, die Königstadt-Brauerei, die heute von einer Genossenschaft als Gewerbeareal verwaltet wird, und die Brauerei Pfeffer, die jetzt als Pfefferberg vor allem kulturell genutzt wird.

In der Bötzow-Brauerei wird bereits seit 1949 kein Bier mehr gebraut. Zu DDR-Zeiten lagerten in den Kellern Zigaretten und Spirituosen, und in den letzten Jahren diente der Ort für Filmdrehs und als Schauplatz kultureller Veranstaltungen. Dass Kulturschaffende die Liegenschaft schätzen, ist kein Wunder: Neun Meter unter der Erdoberfläche erstreckt sich eine sakral anmutende Welt aus Gewölbekellern. Ein zurückgelassener Gabelstapler aus DDR-Produktion erinnert an die Vor-Wendezeit. Dass sich über zwanzig Jahre lang keine Nutzung für diesen Ort fand, erstaunt angesichts der Lage im begehrten Stadtteil Prenzlauer Berg. Immer wieder gab es Investoren mit Konzepten vom gigantischen Einkaufszentrum bis zu einer Wohn- und Gewerbestätte, die allesamt scheiterten. Somit konnte 2010 der Unternehmer Hans Georg Näder die Brauerei für 17 Millionen Euro erwerben.

Dafür, dass jetzt tatsächlich etwas passiert, spricht vor allem die Finanzkraft des neuen Eigentümers. Näder führt in dritter Generation die Geschäfte der Otto Bock Healthcare GmbH, des Weltmarktführers in technischer Orthopädie. Dass der wohlhabende Geschäftsmann in der Lage ist, auch spektakuläre Projekte zu realisieren, hat er bereits am Potsdamer Platz bewiesen: 2009 eröffnete er dort das auffällig gestaltete Science Center mit einer Ausstellung, die bisher weit über 300 000 Menschen besichtigt haben.

In die Entwicklung des Areals an der Prenzlauer Allee will Näder 80 Millionen Euro investieren – mit „Liebe, Zuneigung, Empathie und Engagement“, wie er sagt. Das Konzept für das jetzt Bötzow Berlin genannte
Projekt ist nach seinen Worten „Schritt für Schritt entstanden, befeuert von vielen Reisen und inspiriert vom Berlin-Feeling“. Es sieht eine Kombination von Büros, Einzelhandel, Restaurants, einem Hotel, Wohnungen und einem öffentlichen Skulpturenpark vor und soll vom Sommer dieses Jahres an umgesetzt werden.

Am meisten Aufsehen dürfte die Einkaufswelt in den Gewölbekellern erregen. Dabei schwebt Näder und seinen Beratern kein konventionelles Einkaufszentrum vor, sondern eine Marktatmosphäre mit ungewöhnlichen Geschäften und Bars. Um die Untergeschosse zu erschließen und zu belichten, wollen die Potsdamer Architekten Georg Marfels und Eric van Geisten gleichsam den Deckel über den Kellern abschneiden, so dass die Kunden die Läden und Res­taurants über eine barrierefreie Rampe erreichen können. Ob die Denkmalbehörden dieser Lösung zustimmen, muss sich allerdings noch zeigen.

Die erhalten gebliebenen Gebäudeteile an der Saarbrücker Straße wird das Unternehmen Otto Bock selbst nutzen – für eine Rollstuhl-Manufaktur und für die Marketingabteilung des Konzerns, die vom niedersächsischen Duderstadt in die Hauptstadt umziehen wird. Weitere Altbauteile gestaltet der Investor zu Lofts um. Auch hier verweigern sich Näder und seine Planer allen Konventionen: Weil die alten Hallen und Ställe nicht unterteilt werden, entstehen elf gigantische Lofts zwischen 280 und 1180 Quadratmetern Wohnfläche.

„Wir wollen Menschen aus der ganzen Welt animieren, hier ein Loft zu mieten“, sagt Näder. Eine „lebendige Community“ werde entstehen, wobei „die DNA der Bötzow-Brauerei“ erhalten bleibe. Die Sanierung wird deshalb die Spuren der Geschichte nicht übertünchen: „Den morbiden Charme“, so der Investor, „finde ich genial.“ Die geplanten Neubauten auf dem Geländeteil zur Prenzlauer Allee hin sollen nicht in Konkurrenz zu den Bestandsbauten treten: Angedacht ist, sie als amorphe, fast schwebende Baukörper zu konzipieren – gleichsam, so Näder, „als Raumschiffe, die auf Bötzow andocken“.

Als Investor oder Projektentwickler des üblichen Typs versteht sich Näder im Übrigen nicht: Er sei gekommen, um zu bleiben. Deshalb wird er auch selber eines der Lofts beziehen – und damit an die Tradition des Standorts anknüpfen: Schon der Brauereigründer Julius Bötzow ließ sich, statt im noblen Grunewald oder Dahlem zu residieren, auf dem Brauereigelände ein luxuriöses (im Zweiten Weltkrieg zerstörtes) Wohnhaus errichten.

Paul Munzinger

 


Informationen
www.boetzowberlin.de
 

50 - Frühjahr 2012

Alles neu

Die City West verändert sich und bekommt neue Konturen. Besonders dynamisch verläuft die Entwicklung zwischen Breitscheidplatz und Bahnhof Zoo: Das Zoofenster mit dem Hotel Waldorf Astoria nähert sich seiner Fertigstellung, der Umbau des Bikini-Hauses läuft auf Hochtouren, und das Neue Kranzler Eck gewinnt mit neuen Mietern an Profil.

Wann wird das Waldorf Astoria Hotel im Zoofenster eröffnet? Diese Frage bewegt die Hotelszene wie nur wenige andere. Zunächst hieß es, im Jahr 2011 würden die ersten Gäste in der Luxusherberge einchecken; dann war die Rede vom zweiten Quartal des Jahres 2012; doch auf der Website des Hotelkonzerns ist die Buchungsfunktion erst für September 2012 freigeschaltet.

350 Euro, so zeigt eine Stichprobe, kostet die günstigste Übernachtung an einem zufällig ausgewählten Septemberdatum. Wer lieber in der Suite im 30. Stock nächtigt, muss dafür 4.350 Euro hinlegen. Damit bewegt sich das Waldorf Astoria in Sphären, die für Berliner Verhältnisse ungewohnt hoch sind. Allerdings verspricht Hoteldirektor Friedrich W. Niemann, selbst höchsten Ansprüchen zu genügen: „Wir sind das einzige echte Luxushotel in der City West.“

232 Zimmer und Suiten wird das Waldorf Astoria haben. Hinzu kommen ein Spa-Bereich und ein hochwertiges gastronomisches Angebot. „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ heißt das Restaurant, für dessen Konzept der Sternekoch Pierre Gagnaire verantwortlich ist. Außerdem kündigen die Verantwortlichen die im Art-déco-Stil gehaltene Lang-Bar (benannt nach dem Filmregisseur Fritz Lang) und das Romanische Café an. Dieses soll an das legendäre Café gleichen Namens erinnern, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein berühmter Treffpunkt von Künstlern und Möchtegernkünstlern war. Allerdings befand sich das Original dort, wo heute das Europa-Center steht.

Das Waldorf Astoria ist Teil des Zoofensters, eines 118 Meter hohen Turms, den ein Investor aus dem arabischen Raum nach Plänen des Architekten Christoph Mäckler errichtet und der auch Einzelhandels- und Büroflächen umfasst. Dass der Turm jetzt so gut wie fertig ist, grenzt an ein Wunder: Ein anderer Investor hatte nämlich bereits 1999 einen symbolischen ersten Spatenstich gefeiert. In der Folge wechselten mehrfach die Eigentümer, und lange schien es, als ob das Projekt niemals realisiert werden würde.

Dass es jetzt doch Gestalt angenommen hat, zeugt vom Aufschwung der City West. Ebenso haben sich neue Kultlabels wie das amerikanisch anmutende Café FroYoCake oder die Münchener Salatbar dean & david mit Filialen am Ku‘damm niedergelassen. Zum Aufschwung trägt auch ein zweites Bauvorhaben bei, an dessen Verwirklichung viele Beobachter ebenfalls zweifelten: der Umbau des Bikini-Hauses. Dieser Komplex – auch Zoobogen oder Zentrum am Zoo genannt – erstreckt sich neben dem Bahnhof Zoo entlang der Budapester Straße. Bereits 2002 erwarb ihn die Bayerische Hausbau; doch erst Ende 2010 begann sie mit dem Umbau, dessen Kosten die Münchner Investoren auf einen dreistelligen Millionenbetrag beziffern.

Obwohl die Bauarbeiten erst 2013 abgeschlossen sein sollen, zeichnen sich die Konturen des Bikini Berlin, wie das Projekt jetzt genannt wird, bereits ab. Architektonisch akzentuiert der Umbau die ursprüngliche Gestalt des 1955-57 von Paul Schwebes und Hans Schoszberger errichteten Ensembles. Indem die Planer das 1978 geschlossene Luftgeschoss wieder transparent gestalten, machen sie deutlich, warum das Gebäude Bikini-Haus genannt wurde: Es erinnerte die Betrachter mit seiner zweigeteilten Fassade an einen Bikini. Neu hinzu kommt ein zum Zoo gelegener Anbau, der eine Dachlandschaft und den sogenannten Bikinipool – einen Marktplatz mit innovativen Läden – umfassen wird.

Insgesamt wird es auf einer Geschossfläche von 54 000 Quadratmetern Büros, Geschäfte, ein Kino und ein Hotel geben. Entstehen soll dabei nicht ein herkömmliches Einkaufszentrum, wie Jürgen Büllesbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bayerischen Hausbau, betont, sondern ein „urbaner Marktplatz“ mit einer Mischung aus etablierten Premiummarken und jungen Labels. Zu den Mietern zählt der Design-Anbieter Andreas Murkudis, der seine Accessoires, Kleidungsstücke und Designobjekte bis vor kurzem noch am Hackeschen Markt verkaufte, dem bevorzugten Standort trendbewusster Einzelhändler. Dass die City West dem Hackeschen Markt einmal Konkurrenz machen würde, war lange Zeit nicht zu erwarten.

Für den Anspruch des Bikini Berlin stehen zwei weitere Mieter: Im Kleinen Hochhaus am östlichen Ende des Ensembles wird die Kette 25hours im nächsten Jahr ein design-orientiertes Hotel mit 149 Zimmern eröffnen. Und der traditionsreiche Zoo-Palast, einst zentrale Spielstätte der Berlinale, kommt unter die Fittiche des Kinospezialisten Hans-Joachim Flebbe. Dieser betreibt am Kurfürstendamm bereits die Astor Film Lounge, die anspruchsvollen Kinogängern Annehmlichkeiten wie Garderobe, Bedienung am Platz und Valet-Park-Service bietet. Nur ein Gebäude will so gar nicht ins Bild des Aufschwungs passen: das Aschinger- oder Botag-Haus neben dem Bahnhof Zoo. In ihm befinden sich Sex-Shops, ein Pfandleihhaus und Billigimbisse – kein schöner Anblick für die anspruchsvollen Gäste des benachbarten Waldorf Astoria. Doch vielleicht wird sich auch hier in absehbarer Zeit etwas ändern: Gut informierte Kreise munkeln, ein Eigentümerwechsel und ein Abriss des Botag-Hauses seien nicht auszuschließen.

Emil Schweizer

 

50 - Frühjahr 2012

Kriminale Hauptstadt

Mit mehr Personal und Präsenz will die Berliner Polizei den zunehmenden Straftaten entgegenwirken. Mancherorts kann aber auch schon eine Videoüberwachung mit intelligenter Netzwerktechnik ohne größeren Aufwand für mehr Sicherheit sorgen.

In Berlin hat die Gesamtkriminalität im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Eine Serie von Autobrandstiftungen im August sowie die Überfälle und Gewaltstraftaten auf S-Bahnhöfen und im öffentlichen Nahverkehr legen dies auch subjektiv nahe. Nach Aussage der Polizeipräsidentin Margarete Koppers ist der Anstieg aber vor allem auf die hohe Zahl der Einbrüche und Diebstähle zurückzuführen. Von den rund 455 000 Straftaten 2011 insgesamt entfallen rund 9700 auf Einbruch und Diebstahl. Das sind rund 25 Prozent mehr als 2010. Allein die Autodiebstähle erhöhten sich um über sechs Prozent, die der Fahrraddiebstähle gar um fast dreißig Prozent. Dabei liegt die Dunkelziffer sicherlich noch höher, denn nicht alle gestohlenen Fahrraddiebstähle werden auch gemeldet.

Kein Wunder, dass die Polizeipräsidentin diesen Aufwärtstrend als „besorgniserregend“ bezeichnet. Es seien allerdings organisierte Tätergruppen aus Osteuropa, die schwer zu fassen sind. Von ihnen bevorzugt seien Altbauwohnungen, Villen, Keller und Läden. In kürzester Zeit schlagen die Täter zu und schaffen das Diebesgut auf schnellstem Wege außer Landes. Weil nur jeder vierte Einbruch von der Polizei aufgeklärt werden kann, appelliert Koppers an die Berliner, ihr Eigentum selbst besser zu schützen. Politiker führen die Zunahme der Kriminalität dagegen auf den Personalabbau der Polizei zurück. In den vergangenen Jahren sei die Präsenz in der Fläche, so Innen-senator Frank Henkel, vernachlässigt worden. Henkel und die Gewerkschaft der Polizei forderten deshalb bereits im vergangenen Jahr generell mehr Polizeipräsenz, um „wieder stärker präventiv und strafverfolgend tätig zu werden“. So sieht denn auch die neue Koalitionsvereinbarung vor, in den nächsten fünf Jahren 250 neue Stellen zu schaffen.

Ob mehr Personal die Zahl der Einbrüche einschränken wird, ist fraglich und bleibt freilich abzuwarten, zumal höchstens längerfristig mit Erfolgen zu rechnen ist. Das sehen auch zunehmend Geschädigte so, die nach einem Einbruch Maßnahmen ergreifen, um zukünftig ihr Eigentum besser zu schützen oder einem erneuten Einbruch vorzubeugen, so Peter Gräf, einer der Geschäftsführer der jungen Startup-Firma IT-Consulting & Management, die unter anderem moderne Konzepte für Videoüberwachungsanlagen entwickelt. Dabei geht es nicht unbedingt um aufwendige Sicherheitseinrichtungen, unter Einbeziehung einer kostspieligen Sicherheitsfirma. Im einfachsten Fall, etwa für ein kleineres Geschäft, genügt eine Überwachungskamera, die, gekoppelt mit einem Bewegungsmelder, im Moment des Einbruchs Bilder aufnimmt und an das eigene iPhone oder BlackBerry übermittelt. Eine entsprechende SMS ist das Zeichen, die Bilder abzurufen. Damit existieren Täteraufnahmen für die Polizei und die Versicherung, und zwar mit zwei bis drei Megapixel Auflösung in hoher Qualität. Für größere Überwachungsaufgaben können mehrere Netzwerk-Kameras installiert werden, die die Bilder in bestimmten Intervallen oder bei Erkennung einer Bewegung aufzeichnen. Ein Dateiserver vor Ort oder an einem externen Standort speichert die Videodaten für eine spätere Auswertung.

Derartige Videoüberwachungen seien kostengünstig zu installieren und mit einem vorhandenen Netzwerk unkompliziert zu verbinden, weiß Überwachungsexperte Peter Gräf. Von jedem beliebigen Ort aus per Handy auf das Überwachungsnetzwerk zugreifen zu können, befriedige das Sicherheitsbedürfnis mehr, als zusätzliche Schlösser einzubauen. Auch Banken und Versicherungen seien Netzwerküberwachungen gegenüber positiv gestimmt, so Gräf, allein schon wegen der Beweislast bei Einbrüchen, wo qualitativ hochwertige Beweise von großem Nutzen seien. Infolge von Brandstiftungen in Hausfluren inter-essierten sich in letzter Zeit sogar Wohnungsbaugesellschaften und Hauseigentümer für diese Technik.

Deren Programmierung und die Installation der Kameras sind grundsätzlich abhängig vom vorhandenen, bereits existierenden Netzwerk. Wer also über keine DSL-Leitung verfügt, sollte wenigstens die Worte der amtierenden Polizeipräsidentin beherzigen und beim Verlassen der Wohnung die Tür nicht einfach nur ins Schloss fallen lassen.

Reinhard Wahren
 

50 - Frühjahr 2012